Frühlings Erwachen

Zum Film Franz verlässt sein Heimatdorf am Attersee, um beim Wiener Trafikanten Otto Trsnjek in die Lehre zu gehen. Zu den Stammkunden des kleinen Tabakladens zählt auch der Psychoanalytiker Sigmund Freud, von dem Franz auf Anhieb fasziniert ist
Frühlings Erwachen
Der junge Franz Huchel (Simon Morzé) auf der Suche nach Antworten, bei einem der sie kennen sollte, Sigmund Freud (Bruno Ganz)

Foto: Tobis Presseservice

Der 17-jährige Franz wird von seiner lebensklugen Mutter, Margarete Huchel (Regina Fritsch), nach Wien geschickt, um bei einem ihrer abgelegten Liebhaber in der Trafik in die Lehre zu gehen. Die wichtigste Aufgabe des Trafikanten ist das Zeitunglesen. Das bekommt Franz vom kriegsversehrten Lehrherrn Otto Trsnjek als Erstes beigebracht.

Franz lebt sich schnell ein. Er hat eine Kammer in der Trafik, dort schläft er, die restliche Zeit verbringt er im Laden. Er lernt die Zeitungen, die Zigarren sowie die Kunden und ihre Besonderheiten kennen. Ein Kunde fällt ihm sofort auf: Prof. Dr. Freud, der »Deppendoktor«, wie er liebevoll genannt wird.

Als dieser einmal seine Zigarren auf dem Ladentisch liegen lässt, rennt Franz ihm nach, begleitet ihn in die Berggasse, wo der 82-jährige Dr. Freud wohnt. Sie kommen miteinander ins Gespräch und Franz befolgt umgehend seinen Rat, sich ein Mädchen zu suchen. Auf dem Rummel verliebt sich Franz Hals über Kopf in die um einige Jahre ältere Böhmin Anezka (Emma Drogunova), die dem amourös unerfahrenen Jungen aber gleich wieder davonläuft. Zwei Monate lang leidet Franz unter seiner unglücklichen Liebe zu der Unbekannten. Die quälenden körperlichen Symptome des Verliebtseins verwirren ihn ebenso wie die politischen Entwicklungen in Deutschland und Österreich. Wieder sucht Franz Rat bei Sigmund Freud: Niemand verstehe die Liebe wirklich, aber es sei auf jeden Fall besser etwas zu unternehmen, als sich bloß dem Herzschmerz zu ergeben.

Also macht sich Franz auf die Suche nach Anezka, der er an einem verschneiten Winterabend 1938 begegnet. In dieser Nacht verführt sie ihn, bevor sie sich erneut davonmacht. Franz versteht die Welt nicht mehr. Er wird von wilden Träumen geplagt, die er auf Freuds Anraten aufschreibt. Doch auch das kann sein Leid nicht mildern. Er muss Anezka unbedingt wiedersehen und findet sie ausgerechnet in einem Vorstadt-Varieté, wo sie als indianische Tänzerin wildfremden Männern ihre blanken Brüste präsentiert.

Indes mehren sich die Zeichen, dass Hitler nach Österreich greift. Franz entgeht nicht, wie sich die braune Ideologie im Alltag breitmacht. Auch am Attersee nimmt der Einfluss der Nationalsozialisten zu, weiß die Mutter, die stets in schriftlichen Kontakt mit Franz steht, zu berichten. Nach dem Anschluss muss Franz mitansehen, wie der Rote Egon (Michael Fitz), ein stadtbekannter Sozialist, vom Dach eines Hauses in den Tod springt. Kurz darauf wird Otto Trsnjek, stets ein tapferer Demokrat, vom Fleischer nebenan denunziert und unter dem Vorwand der Verbreitung unzüchtiger Druckerzeugnisse verhaftet. Nun ist Franz der Trafikant. Seine Versuche, sich im Nazi-Hauptquartier nach Otto Trsnjeks Befinden zu erkundigen, enden mit einem ausgeschlagenen Zahn.

Kurze Zeit später erhält er ein Päckchen mit den »persönlichen Gegenständen« Trsnjeks: Schlüsselbund, Geldbörse, Hose. Er sei »einem Herzleiden« erlegen. Ein letztes Mal besucht Franz Sigmund Freud und schenkt ihm zum Abschied ein paar von den kubanischen Zigarren. Dem berühmten Psychoanalytiker bleibt angesichts der politischen Lage keine andere Wahl, als nach England zu emigrieren. Franz kann es kaum ertragen, Freud in den Zug steigen zu sehen. Um seinem Unmut Luft zu machen, trifft Franz eine folgenschwere Entscheidung...

18:13 31.10.2018

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