Unvergleichbar mutig

Interview Geiger und Farokhmanesh im Gespräch über Wünsche und Wirklichkeit hinsichtlich der Umsetzung ihres Films, der Gespräche, die sie mit Rechtspopulisten geführt haben, sowie der Entscheidung, mit dokumentarischen und animierten Sequenzen zu arbeiten
Unvergleichbar mutig
Filmstill aus „Kleine Germanen" von Frank Geiger und Mohammad Farokhmanesh

Foto: Little Dream Entertainment

Zunächst einmal möchte ich Ihnen meinen Respekt zollen für den unglaublichen Mut, dieses Projekt auf die Beine gestellt zu haben. Wie kamen Sie auf die Idee zu „Kleine Germanen"?

Frank Geiger (FG) : Wir hatten von einem Gerichtsfall in Niedersachsen mitbekommen. Dort stand ein Ehepaar vor Gericht, dessen Tochter im Alter von drei Jahren gestorben ist. Das Kind hatte Diabetes, die Eltern waren aber Anhänger der neuen germanischen Medizin. Das heißt: Sie lehnen die Schulmedizin im Prinzip ab, nach dem Motto: Wer stirbt, der ist nicht stark genug für diese Welt.

Das erinnert ein wenig an die aus Peter Weirs „Der einzige Zeuge“ bekannten Amish People...

Mohammad Farokhmanesh (MF): Genau, nur handeln diese Menschen aus einer anderen Überzeugung heraus. Bei den ganz Rechten stammt das eher von diesem sozialdarwinistischen Weltbild. Und die Schulmedizin wird von ihnen als etwas „Jüdisches“, etwas Feiges erachtet, die immer versucht, das Schwache am Leben zu erhalten.

Sind es nur Rechte, die dieser neuen germanischen Medizin anhängen?

Nein, es gibt auch welche, die aus der Bio-Ecke oder Ähnlichem kommen. In diesem Fall steckte jedoch richtig alter Nazi-Adel dahinter. Diese Eltern haben dem Kind das Insulin schlichtweg verweigert. Sie sind sogar mehrfach umgezogen, um dem Jugendamt zu entgehen, das natürlich versucht hat, sie zu zwingen, ihre Tochter behandeln zu lassen. Und dann ist dieses Kind einfach an Vernachlässigung gestorben, übrigens am Weihnachtsabend, weil es kein Insulin gab.

Und wie ging es in diesem Fall dann weiter?

MF: Es gab zwar eine Gerichtsverhandlung, aber die Eltern konnten nicht wirklich verurteilt werden. Soweit ich mich erinnern kann, kamen sie mit einer Bewährungsstrafe davon. Daraufhin haben wir uns gefragt, ob es nicht noch andere Familien gibt, die dieser Philosophie nachhängen, Eltern, die Kinder großziehen, die jetzt nicht unbedingt das Pech haben, unter Diabetes zu leiden. Bei unseren ersten Recherchen haben wir dann festgestellt, dass es noch nichts zu diesem Thema gibt, weder ein Buch noch eine wissenschaftliche Untersuchung. Und so entstand bei uns der Wunsch, daraus einen Film zu machen.

Aber zwischen Wunsch und Wirklichkeit lag vermutlich ein großer Schritt?

FG: Richtig. Dann folgten erst die Hürden. Es gab zum Beispiel einen Onkel aus der Familie mit dem Kind, das gestorben ist. Der hatte sich mit seinem Schwager, also dem Vater der Tochter, überworfen. Deshalb dachten wir, dass wir über ihn an Informationen herankommen könnten. Doch dieser Onkel wollte nicht vor die Kamera und am Ende gar nicht mitmachen. Bei unserer Recherche sind wir dann noch auf verschiedene Schicksale von Kindern, die in solchen Kreisen aufgewachsen sind, gestoßen. Die Schwierigkeit war aber stets, dass keiner vor die Kamera wollte.

Wie haben Sie dieses Problem letztlich gelöst?

MF: Wir haben das Mittel der Animation gewählt, das wir auch schon früher in anderen Filmen wie „Teheran Tabu“ angewendet haben. Denn darüber lässt sich eine Geschichte emotional erzählen. Wir haben dann auch eine Protagonistin ausgewählt, auf deren Schicksal wir uns in „Kleine Germanen"konzentriert haben. Sie hat uns ihre Geschichte anvertraut.

Vermutlich wollte auch sie nicht vor die Kamera treten?

FG: Genau. Hierbei handelt es sich um eine Person, die mittlerweile anonym an einem anderen Ort, in einer neuen Umgebung lebt. Dabei geht es nicht nur um den Schutz vor den Rechten, die sie verfolgen könnten, sondern vor allem um die neuen Nachbarn, die natürlich nicht wissen sollen, welche Vergangenheit sie hat.

Herr Farokhmanesh, Sie stammen aus dem Iran, wie war Ihre Sichtweise auf dieses Thema?

MF: Für jemanden wie mich, der ursprünglich aus einem Land kommt, in dem es nicht gerade demokratisch zugeht, war es eine interessante Beobachtung, Menschen kennenzulernen, die in so einer Gesellschaft, die sehr offen ist und in der man sich in die unterschiedlichsten Richtungen entwickeln kann, nicht die Möglichkeit bekommen, demokratisch zu denken und zu fühlen. Und: Woher kommt es eigentlich, dass nicht nur ältere, sondern auch jüngere Menschen immer noch so denken?

Im Vorspann heißt es: „Der folgende Film basiert auf wahren Begebenheiten“. Davon geht man doch bei einer Dokumentation aus?

FG: Hier ging es in gewisser Weise darum, uns rechtlich abzusichern. Die Kinder, die im Film zu sehen sind, stammen ja nicht aus der rechten Szene. Sie sind von uns ausgesucht und gecastet worden. Denn eine Genehmigung, die momentanlebenden Kinder der rechten Szene filmen zu dürfen, hätten wir natürlich niemalsbekommen.

Wie haben Sie es geschafft, Menschen aus dem rechten Umfeld vor die Kamera zu bekommen?

MF: Die Rechten haben ja in der gegenwärtigen Situation großes Selbstvertrauen. Vor ein paar Jahren hätte man vermutlich noch größere Schwierigkeiten gehabt, überhaupt jemanden vor die Kamera zu kriegen. Aber heute gehen sie wohl nach dem Motto vor: Lieber schlechte Publicity als gar keine Publicity. Und sie haben natürlich auch gelernt, was sie sagen dürfen und was sie nicht sagen dürfen. Nur ein Beispiel: Der Herr Kubitschek hatte noch vor ein paar Jahren einen Gartenzwerg mit einem Hakenkreuz auf dem Regal stehen.

Gerade bei Herrn Kubitschek hat man ja anfangs das Gefühl, er sei ein ganz rechtschaffener, ehrenwerter Mensch, und keinesfalls ein Rechter.

FG: Ja, man empfindet eine gewisse Sympathie. Diese Menschen kommen janicht aus dem Nichts, sondern – wie Herr Kubitschek so schön sagt – aus der Mitte unserer Gesellschaft. Das sind Leute, die irgendwann einmal falsch abgebogen sind. Und diese Gruppe, die ist nicht klein. Wir wollten mit unserem Film natürlich erreichen, dass das der Betrachter eine Entwicklung durchmacht.Man sieht diese Leute und findet sie vielleicht ganz sympathisch, aber dannkippt die Sache, man merkt, dass da was nicht stimmt. Und das macht auch gewissermaßen den Reiz von „Kleine Germanen" aus.

Haben Sie Elsa, Ihre Protagonistin aus der Animationsgeschichte, jemals kennengelernt?

MF: Wir haben sie bis zum heutigen Tag nicht gesehen, kennen ihr Gesicht nicht. Wir haben allerdings mit ihr gesprochen. Aber da man den Menschen ja auch an seiner Stimme erkennt, wurde uns aus juristischen und aus Sicherheitsgründen empfohlen, davon abzusehen. Daraufhin haben wir eine andere Voice Over verwendet.

Ihre Animationssequenzen erinnern von Technik und Stil her ein wenig an Richard Linklaters „Waking Life“. Gibt es da Parallelen?

FG: Vom Budget her nicht unbedingt (lacht). Aber sicher gibt es da technische Parallelen. Da hat uns auch unser Know-How, das wir uns über die letzten Jahre angeeignet haben, sehr geholfen. Im Prinzip handelt es sich hier um eine 3D-Animation. Wir haben mit Motion Capturing gearbeitet. Das heißt: Schauspieler, die spezielle Anzüge trugen, haben die Bewegungen gespielt, und das wurde dann aufgezeichnet. Das erleichtert die Animationsarbeit und verringertdie Kosten dahingehend, dass man so ein Projekt auch für ein Dokumentarfilmbudget hinbekommt.

Gab es auch einmal die Überlegung, das komplette Projekt als Animations-Spielfilm zu realisieren?

MF: Diese Überlegung gab es durchaus. Aber wir wollten dem Zuschauer das Gefühl geben, dass es sich eben nicht um eine rein erfundene Geschichte handelt. Ganz im Gegensatz zu dem thematisch ähnlich gelagerten„Die Kriegerin“, der ja als Spielfilm konzipiert ist. Uns war das Authentische sehr wichtig, und mit einem reinenSpielfilm ist dies ungleich schwieriger zu erreichen.

Wie, glauben Sie, wird die Reaktion der Rechten auf Ihren Film ausfallen?

FG: Es kommt natürlich darauf an, wie viel Publicity „Kleine Germanen" bekommen wird. Bei diesem Thema sind die Rechten sehr empfindlich. Denn ihre Kinder sind ihnen in gewisser Weise heilig. Der Nachwuchs, das ist die Zukunft. Davon soll es möglichst viele geben, und die Kinder sollen natürlich möglichst unbehelligt bleiben. Menschen, die in diesem Milieu aufgewachsen sind, schaffen es selten, auszusteigen. Wenn Leute erst in der Pubertät da reinschlittern, haben sie gute Chancen, es kurze Zeit später wieder raus zu schaffen. Spätestens, wenn sie die erste Freundin haben. Aber diejenigen, die dort wirklich aufgewachsen sind, kriegen die Kurve nur äußerst selten, weil sie emotional extrem anhängig sind. Schließlich kann man nicht plötzlich mit allem brechen, was man hat.

Neben Personen aus der rechten Szene kommen auch Experten zu Wort...

MF: Bei den Fachleuten verhielt es sich ebenso, dass einige einfach nicht vor die Kamera wollten. Wenn wir nun den einen gezeigt hätten und den anderen nicht, wäre die Verwirrung beim Betrachter komplett gewesen. Also haben wir uns dafür entschieden, konsequent niemanden zu zeigen.

Haben Sie den Film Ihren Interviewpartnern aus der rechten Szene gezeigt und wie fiel deren Reaktion aus?

FG: Natürlich haben wir den Film allen vorgeführt. Die haben aber gar nicht geantwortet, da gab es keinerlei Reaktion. Sie sind ja Kritik gewohnt, manchmal glaube ich, sie freuen sich sogar, wenn sie jemand anscheißt. Vermutlich hat sie unser Film irritiert, weil es im Gegensatz zu den üblichen, schwarz-weiß malenden TV-Reportagen hier keine Reporterstimme gibt, die uns die Welt erklärt. Damit konnten sie vielleicht nicht umgehen.

Eine andere Interviewpartnerin, Sigrid Schüßler, legt bei ihren O-Tönen ja beste Laune an den Tag.

MF: Sie war wirklich sehr gut drauf. Solche Menschen haben aber auch immer eine gewisse Lust an der Provokation. Ihr Vater war auch schon so ein Kaliber. Vermutlich hat sie da über Generationen hinweg nicht viel verändert. InFrau Schüßlers Wohnung findet sich ja dieser kleine Altar, den wir auch gefilmthaben. Normalerweise würde dort wohl ein spezielles Kreuz stehen. Jetzt sieht man dort alle möglichen Symbole, die nicht verboten sind. Und wenn die verboten werden, dann muss man sich eben etwas Neues einfallen lassen.

Bei Frau Schüßler und einigen anderen Gesprächspartnern aus der
rechten Szene hat man beinahe das Gefühl, dass sie so rüberkommen wollen, als wären sie wie wir...

FG: Das ist auch so. Ich habe mich mit Frau Schüßler auch gut verstanden. Sie war ja Schauspielerin, auch sogar einigermaßen erfolgreich. Dann hat sie als Hexe auf Kindergeburtstagen gearbeitet, bis die Eltern dahintergekommen ist, dass sie Vorsitzende der Frauenorganisation der NPD war. Daraufhin hat sie natürlich diesen Job verloren, und das hat sie noch mehr verbittert. Jetzt behauptet sie, das System wolle sie unterdrücken, obwohl sie doch nur ihre Meinung sagen würde.

Im Film werden auch aus der Ferne diese berüchtigten Jugendlager gefilmt. War das nicht gefährlich?

MF: Diese Sequenzen stammen nicht von uns. Das ist Archivmaterial, das eine Kollegin von uns erstellt hat. Sie betreibt das wirklich akkurat und bekommtimmer heraus, wann und wo das nächste Lager stattfindet. Allerdings wird es immer schwieriger, weil viele inzwischen im Ausland stattfinden und die Termine streng geheim gehalten werden. Außerdem ist man bei diesen Drehs tatsächlich großen Anfeindungen ausgesetzt.

Was kann der Einzelne tun, um zu verhindern, dass Kinder auf diese Weise erzogen werden?

FG: Das fragen sich die Experten auch: Welche Handhabe hat der Staat? Bei unseren Gesprächen hat sich oft herausgestellt, dass es viele gibt, an deren Schulen es auch ,so ein Mädchen‘ oder ,so einen Jungen‘ gab. Aber darüber wurde weiter nicht geredet. Die Lehrerin, der Lehrer trauen sich auch nicht. Und das Jugendamt kann sowieso fast nichts machen. Was man tun kann: Die Dinge sehen, sie thematisieren und man muss die Leute damit konfrontieren. Das ist ganz wichtig. Man muss ihnen Stress machen. Sie dürfen nicht das Gefühl haben, dass sie damit so einfach durchkommen.

Oft scheinen die Lehrer auch gar nicht auf diese Situationen vorbereitet zu sein.

MF: Es gibt mittlerweile ein paar Institutionen, einige Experten, die beratend tätig sind. Wenn Kindergärtner oder Lehrer etwas bemerken, können sie sich dort Hilfe holen. Denn wenn man das nicht ignoriert, dann haben die nicht so leichtes Spiel mit uns. So wie in der Politik. In den Talk-Shows kommt es mittlerweile oft vor, dass der AfD-Mensch irgendeinen Mist erzählen kann, ohne dass jemand eingreift. Wenn man aber gewissermaßen tolerant gegen die Intoleranz wird, dann greifen diese Personen zu, sowohl im Kindergarten als auch in der Politik oder sonst wo. Erst nehmen sie den kleinen Finger, dann die ganze Hand und irgendwann werden wir dumm aus der Wäsche gucken.

„Kleine Germanen" erinnert ein wenig an „Waltz with Bashir“, der damals ja auch Neuland betreten hat.

FG: Ja, dieser Film war für alle nachfolgenden dieser Art ein Wegbereiter. Wirhatten im vorletzten Jahr einen Animationsfilm, der bereits erwähnte ,TeheranTabu‘, am Start, der es tatsächlich nach Cannes geschafft hat. Dazu war aller- dings eine Menge Lobby-Arbeit nötig. Man muss ja auch immer Leute kennen, die Leute kennen. Aber wir sind uns nicht sicher, ob unser aktueller Film für Cannes ein Thema ist, ob die Franzosen diese Situation nachvollziehen können, die wir hier in Deutschland haben.

Ein anderer großer Filmemacher kommt einem beim Sichten von „Kleine Germanen" in den Sinn. Marcel Ophüls, der in „Hotel Terminus – Leben und Zeit des Klaus Barbie“ seinen Interviewpartnern viel Selbstentlarvendes entlocken konnte.

MF: Unser Ziel war es tatsächlich, die Leute reden zu lassen und darauf zu hoffen, dass sie früher oder später Dinge von sich geben, die sich in ihrem Innern aufgestaut haben. Denn auf direkte Fragen reagieren diese Menschen sowieso nicht. Darüber hinaus wissen sie auch ganz genau, was sie tun dürfen und was nicht. Wenn wman gewisse Dinge behauptet oder leugnet, dann landet man schnell hinter Gittern.

Eine letzte Frage: Wie gestaltete sich eigentlich das Verhältnis Filmemacher/Interviewpartner?

FG: Wir waren schon die Lügenpresse. Bereits bei der Begrüßung sind wir schon mal mit diesem Ausdruck empfangen worden. Wir haben dem nicht widersprochen. Aber wir haben ihnen auch klar gemacht, dass wir das Heft in der Hand haben, dass wir die Fragen stellen. Und das lief immer nach demselben Schema ab. Zum Beispiel wurde zunächst jeder nach seiner Kindheit befragt, was nun auch im Film als wiederkehrendes Element auftaucht.

08:13 09.05.2019

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