Kunst und Inspiration

Einblicke Regisseur Tarik Saleh und Hauptdarsteller Fares Fares sprechen in zwei Interviews ausführlich über die Entstehungsgeschichte und die Hintergründe von "Die Nile Hilton Affäre"
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Foto: Port au Prince Pictures

Interview mit dem Regisseur Tarik Saleh

Wie sind Sie auf das Thema gekommen? Was hat sie zu diesem Film inspiriert?

Ich bin 2009 auf die Geschichte aufmerksam geworden. Es gab 2008 in Dubai einen Mordfall: Die berühmte Sängerin Suzan Tamim wurde in einem Hotelzimmer tot aufgefunden. Kurz darauf hat man einen ägyptischen Polizisten verhaftet. Dieser Polizist behauptete, dass er Aufnahmen habe, die den sehr einflussreichen ägyptischen Geschäftsmann Talaat Mostafa belasten würden. Man muss sich Talaat Mostafa als das ägyptische Äquivalent zu Donald Trump vorstellen. Ein Mann mit einem enormen Ego. Er hatte eine Beziehung zu der Sängerin, aber sie verließ ihn. Er wurde wütend und beauftragte dann den Mord durch einen ägyptischen Polizisten.

Es gibt in Ägypten häufig solche Arrangements: Bedeutende Geschäftsmänner oder Politiker haben neben ihrer Ehe Beziehungen zu Tänzer- oder Sängerinnen. Aber dieser Fall lag anders. Talaat Mostafa war ein enger Freund der Präsidentenfamilien und genoss sogar Immunität. Als die ägyptischen Medien begannen über den Fall zu spekulieren, wurde sein Name erst nicht erwähnt. Mostafa versteckte sich zu diesem Zeitpunkt bereits in der Schweiz. Plötzlich aber trat der ägyptische Geheimdienst an die Öffentlichkeit und forderte ihn über das nationale Fernsehen auf, nach Ägypten zurückzukommen, um sich ihren Fragen zu stellen. Die Bevölkerung war überrascht. Was war hier gerade passiert? Mostafa war gezwungen zurückzukehren. Sein ganzes Leben, seine Geschäftsbeziehungen, seine Familie waren in Ägypten. Die Immunität wurde aufgehoben. 2009 fanden dann die Verhandlungen statt und die glichen beinahe den O.J. Simpson-Verhandlungen – jeder im Land verfolgte sie.

Ich dachte darüber nach und überlegte, was wäre, wenn ein ägyptischer Polizist mit solch einem Mordfall betraut würde? Was würde er tun? Allein das Stellen von Fragen wäre schon gefährlich. Dann schrieb ich 2010 das Drehbuch und entschied, es mit einer Revolution enden zu lassen. Damals dachte ich, das sei nicht realistisch. In Ägypten wird es niemals eine Revolution geben. Ich legte das Drehbuch erst einmal beiseite und realisierte einen anderen Film. Dann gab es 2011 tatsächlich die Revolution und ich erkannte, dass ich ein Drehbuch geschrieben hatte, das genau diese Situation vorhersagte. Ich überarbeitete es und zeigte es meiner Produzentin. Sie sagte: Tarik, wir müssen diesen Film machen!

Warum fiel die Wahl auf Fares Fares als Hauptdarsteller und wie war die Zusammenarbeit?

Ich hatte Fares Fares bereits im Kopf, als ich die Rolle schrieb. Es war eine große Motivation für mich: Ich wollte einen Film machen, mit ihm in der Hauptrolle. Es war aber keineswegs ein Typ-Casting. Fares unterscheidet sich sehr von dem Charakter, den er im Film spielt. Ich kann mich wirklich glücklich schätzen, einen Schauspieler seines Kalibers für mich und meine Idee gewonnen zu haben. Er ist ein guter Freund von mir, und gleichzeitig sehe ich ihn aktuell als einen der besten Schauspieler.

Erzählen Sie uns bitte etwas über den besonderen Look des Films.

Ich habe einen Hintergrund als Graffiti-Künstler. Daher hatte ich schon immer eine Liebe für die urbane Schönheit einer großen Stadt. Außerdem war mein Produktionsdesigner Roger Rosenberg von Anfang an involviert, schon als ich das Drehbuch schrieb. Meinen Kameramann Pierre Aïm brauche ich wahrscheinlich nicht mehr vorstellen. Er ist für mich derzeit einer der besten Kameramänner der Welt.

Der Film behandelt Themen wie Korruption, Macht, Verrat und politische Überlegenheit. Gab es schon während der Recherchearbeit Hindernisse zu überwinden?

Ich war anfangs schon sehr nervös, als wir begannen den Film zu drehen. Ich wusste, dass trotz der Revolution, immer noch die gleichen Menschen an der Macht waren. Die Staatssicherheit existierte ja noch. Ich wusste, es würde sehr schwierig werden. Es gab aber nach der Revolution dieses kleine Fenster der Freiheit in Ägypten und auch noch ein halbes Jahr nach dem Präsidentenwechsel. Ich wurde von einem ägyptischen Produzenten überzeugt, dass es möglich sei, in Ägypten zu drehen und so haben wir den Film vorbereitet. Nur wenige Tage vor den Dreharbeiten hat die Staatssicherheit dann die Genehmigung verweigert und wir mussten das Land verlassen. Deshalb haben wir letztendlich in Casablanca gedreht.

Sie sind ägyptischer Abstammung, aber in Schweden geboren. Wie tief und welcher Form ist ihre Bindung zu Ägypten?

Sehr eng. Ich liebe Ägypten, aber ich bin kein Nationalist. Ich lehne Nationalstolz ab. Es ist besser stolz darauf zu sein, welchen Beitrag man leistet.

Wie empfanden Sie die Revolution in Ägypten, auch in Bezug auf das Filmemachen?

Ich war sehr bewegt. Allerdings muss ich klarstellen, es war nicht meine Revolution. Ich bin ein schwedisch-ägyptischer Filmemacher. Wäre ich ein ägyptischer Filmemacher, dann wäre ich jetzt wahrscheinlich ein Flüchtling. Ich habe das Privileg in Schweden geboren zu sein. Schon vor den Dreharbeiten habe ich mir die Frage gestellt, ob ich überhaupt das Recht habe, diesen Film zu machen. Aber nach der Revolution wusste ich, dass ich die Chance habe, es so zu erzählen, wie es war.

Was bedeutet Korruption in Ägypten?

Ich hatte nie vor, einen politischen Film zu drehen. Im Gegenteil, ich wollte eher einen persönlichen Film machen. Es geht darum, dass man nicht nur ein wenig korrupt sein kann. Das funktioniert nicht. Entweder man ist es oder nicht.

Korruption in Ägypten ist nicht das Gleiche, wie Korruption in Europa. In Ägypten entstand die Korruption, weil es für die Menschen keinen anderen Weg gab, um zu überleben. Es gab immer ausländische Machthaber. So entstand ein System neben dem System, um mit den Römern, den Griechen, den Türken, den Engländern oder den Franzosen, wer auch immer gerade die Macht hatte, zu kommunizieren. Man brauchte ständig jemanden, der in seinem Namen sprach. Dieses System war sehr stabil, es bestand seit tausenden von Jahren. Nach der nationalen Revolution durch die die ausländischen Machthaber verdrängt wurden, entstand nicht sofort ein komplett neues System. Deshalb wird Korruption in Ägypten nicht so wahrgenommen wie woanders. Das Wort Korruption selbst zum Beispiel: Es gibt in Ägypten, also auf Arabisch das Wort „wasta“ und das bedeutet „Gefallen“ oder „wen man kennt“. Jeder in Ägypten braucht „wasta“, egal wer. Sogar der Präsident. Deshalb ist es ist kein negativ, sondern ein positiv belegtes Wort.

Wieviel Veränderung spüren Sie tatsächlich seit dem Arabischen Frühling 2011 in Ägypten?

Alles ändert sich. Die Revolution ist ja immer noch im Gange. Am wichtigsten ist aber, dass sich die Menschen ändern. Menschen in der westlichen Welt, aber auch im Nahen Osten, sprechen davon, dass die Revolution fehlgeschlagen sei. Das ist für mich ein Witz. Eine Revolution überdauert oft eine ganze Generation. Ein wichtiger Punkt, den man sich klarmachen muss, ist: Es gab dreißig Jahre lang Faschismus. Dreißig Jahre, in denen an jedem Tag über die Medien Lügen verbreitet wurden. Man hat im Fernsehen erzählt, die Wirtschaft wäre großartig, alles sei fantastisch und dass man die größte Nation der Welt wäre. Und jeder im Land wusste, dass es Lügen waren. Dann kam plötzlich die Revolution, und an einem Tag zerfällt die bekannte Welt. Wie in Deutschland: Die Mauer fällt plötzlich und man fragt sich, was ist dahinter? Man braucht Zeit zu realisieren, was dahinter steckt. Man braucht Zeit zu verstehen, was gut im Westen und was gut im Osten ist.

Nebensächliche Vorgänge, die nichts mit dem Kriminalfall zu tun haben – z.B. die sich wiederholenden Probleme mit dem TV-Gerät – vermitteln ein ganz eigenes authentisches Gefühl. Ägypten ist so. Da gibt es immer etwas. Es gibt nie eine gerade Linie. In Deutschland und in Schweden ist meist alles korrekt und pünktlich. Wir sind sozusagen die Könige der industriellen Revolution. Ägypten ist das Gegenteil davon. Es ist eine Anarchie und ein Ort, wo man sie nicht sicher sein kann, was passieren wird. Und ich wollte zeigen, dass Noredin auch ein Opfer der Korruption ist. Er muss seinen eigenen Hauswart bestechen, um etwas erledigt zu bekommen.

Sind Sie der Meinung, dass die Geschichte und Thematik des Films auch in anderen Ländern spielen könnte und nicht nur in Ägypten bzw. dem Nahen Osten?

Oh ja, z.B. in Brasilien, Mexiko, Nigeria, Ungarn, Polen oder in den USA. Und wenn wir nicht aufpassen, wen wir als unseren nächsten Repräsentanten in Europa wählen, können wir bald auch an einen Punkt geraten, an dem man denkt, Kapitalismus sei das gleiche wie Demokratie.

Warum ist dieser Film in Ihren Augen so wichtig?

Es war meine Absicht eine spezifische Zeit für die Nachwelt festzuhalten. Es ist das erste Mal, dass der Zuschauer die Möglichkeit hat, einen korrupten ägyptischen Polizisten zu begleiten und die dunkle Seite Kairos zu erleben. Eine Reise, die man hoffentlich nicht vergisst.

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Interview mit dem Hauptdarsteller Fares Fares

Wie kamen Sie zu dieser bemerkenswerten Rolle?

Tarik und ich sind schon länger gute Freunde und er sprach schon vor einer ganzen Weile mit mir über die Idee zu diesem Film. Zunächst wollte er aber noch ein anderes Filmprojekt umsetzen. Ich las bereits den ersten Drehbuchentwurf und sagte ihm, dass er fantastisch sei. Er musste diesen Film drehen.

Bitte stellen Sie uns Ihre Figur kurz vor. Was für ein Polizist und was für ein Mensch ist Noredin?

Noredin ist ein komplizierter Charakter und kein einfacher Mensch. Als Polizist entspricht er der Norm, wie man als Polizist in Ägypten sein muss. Ich bin kein Ägypter, aber wir waren da, um die Dreharbeiten vorzubereiten. Wir wollten ja ursprünglich dort drehen. Da konnte ich die Cops miterleben und wie sie mit den Menschen umgingen. Ich denke, als Polizist nimmt man eine gewisse Rolle ein. Das ist weltweit so. Aber in einigen Teilen der arabischen Welt ist es spezifischer. Ich erkannte, dass man als Polizist in Ägypten, es durchaus akzeptiert, die eigene Macht auch auszunutzen.

Mein größtes Problem mit der Rolle des Noredin war, seine menschlichen Züge aufzuzeigen. Egal was er tut und wie er sich zunächst verhält, nach einer Weile wächst ihm der Fall über den Kopf und die Dinge werden größer als er. Er möchte etwas dagegen tun und merkt, wie ihm das System zusetzt. Dann wird er menschlicher. Da ist diese feine Balance, über die Tarik und ich sehr viel diskutiert haben.

Anfangs lässt sich Noredin ohne Probleme bestechen. Später besticht er selbst, um die Wahrheit zu erfahren. Wie sehen Sie diesen Wandel?

Am Anfang ist Bestechung für ihn ganz normal. So wird das eben gemacht. Dann wird das Ganze aber größer und er wird emotional involviert. Es geht um Kontrollverlust. Plötzlich hat er die Dinge nicht mehr unter Kontrolle. Geld ist auf einmal nicht mehr wichtig, sondern die Aufklärung des Falls wird zu einem persönlichen Ziel, etwas, was er unbedingt tun möchte.

Was bringt Noredin dazu, diesen Fall so ernst zu nehmen?

Ich denke, spätestens als er die Sängerin Gina kennenlernt, beeinflusst ihn das. Es erinnert ihn daran, dass immer echte Menschen hinter den Fällen stehen. Auf einmal beginnt er zu verstehen und gleichzeitig verliert er die Kontrolle über die Situation. Man kann am Anfang sehen, dass er das ganze Bestechungsgeld eigentlich gar nicht braucht. Es gehört nur eben dazu und ist sein Lifestyle. Die Bestechungen auf den Straßen hatte er im Griff und dann wird alles anders. Aber es macht ihn neugierig.

Am Ende steht Noredin allein gegen alle, eine klassische Situation für einen einsamen, melancholischen Helden.

Ja, das stimmt. Eigentlich hatten wir noch ein anderes Ende geplant und wir waren uns nicht sicher, welches wir letztendlich nehmen. Wir haben uns dafür entschieden, Noredin so zu zeigen, dass er nicht als Opfer gesehen wird. Dies geschah auch aus Respekt vor den vielen Menschen, die sich der Revolution anschlossen. Noredin steht inmitten der Revolution und eigentlich geht seine Geschichte jetzt erst los.

Was für ein Regisseur ist Tarik Saleh?

Er ist ein sehr intellektueller, ausgeglichener, aber auch forschender und offener Regisseur. Ich habe eine extrem enge Arbeitsbeziehung zu ihm. Ich denke, das sollte man mit allen Regisseuren haben. Es gab einen sehr guten und offenen Meinungsaustausch zwischen uns. Ein guter Regisseur sollte immer auch zuhören können. Man dreht einen Film zusammen und hat auch gemeinsame Ideen. Das funktioniert für alle am besten.

Sagen Sie bitte ein paar Worte über Ihre Schauspiel-Partner.

Es war großartig mit den ägyptischen Schauspielern zusammenzuarbeiten. Es war mein erstes Mal. Ich wuchs im Libanon auf. Meine Familie zog nach Schweden als ich vierzehn Jahre alt war. Das ägyptische Kino ist das Hollywood der arabischen Welt. Ich bin also damit aufgewachsen. Und plötzlich diesen Film gemeinsam zu drehen, war sehr interessant für mich. Alle sind herausragende Schauspieler. So viele Leute, mit so unterschiedlicher Herkunft, lassen ihre eigene Energie einfließen. Das war wundervoll. Ich liebe auch den Kameramann. Es war nicht immer einfach, aber immer großartig.

Der Film ist weit mehr, als ein üblicher Krimi. Sehen Sie das auch so?

Absolut. Es gibt natürlich zusätzlich den politischen Aspekt und der ist sehr wichtig. Wir waren uns einig, dass wir uns auch darauf konzentrieren sollten. Weil es eben auf wahren Ereignissen beruht und auch einen politischen Hintergrund einschließt, der die arabische Welt verändert hat. Der Arabische Frühling war und ist, angefangen in Tunesien, über ein so großes Land wie Ägypten und dann Syrien, ein einschneidendes Ereignis. Und einen Film zu machen, der auch nur die Oberfläche dessen berührt, ist sehr wichtig.

"Die Nile Hilton Affäre" ist eine europäische Produktion. Wie authentisch ist die Geschichte?

Es ist sehr weit entfernt von meiner eigenen Welt, aber die Authentizität des Films ist sehr genau. Es war zum Beispiel wichtig für uns, dass – ausgenommen von mir – alle Darsteller, die Ägypter spielen auch aus Ägypten stammen. Sie waren auch Teil der Revolution oder haben sie miterlebt. Wir waren außerdem in Kairo und versuchten, dort so viele Informationen zu sammeln und Vorbereitungen zu treffen, wie wir konnten.

12:36 05.10.2017

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