Revolte und Aufbruch

Synopsis Der Geschichte von Revolte und Aufbruch liegen ebenso biographische Aspekte aus dem Leben Olivier Assayas wie auch das Anliegen, die allgemeine Stimmung einer Zeit einzufangen, zugrunde
Revolte und Aufbruch
Gilles und seine Freundin Christine

Paris in den frühen 1970er Jahren. Gilles (Clément Métayer), ein junger Student, lässt sich von der politisch aufgeladenen und kreativen Aufbruchstimmung seiner Zeit mitreißen und engagiert sich mit seinen Freunden für eine neue Gesellschaftsordnung. Dabei lernt er Christine (Lola Créton) kennen, die für die gleiche Sache kämpft wie er, und verliebt sich in sie. Neben der Liebe entdeckt er die Welt der Kunst und sein Interesse für Malerei und Film. Selbst sehr talentiert erkennt Gilles, dass die Zeit gekommen ist, seinem Leben eine Richtung zu geben – und sucht, hin und her gerissen zwischen der Liebe zu Christine, seinen Freunden, seinen politischen Überzeugungen und seinen ganz persönlichen Träumen seinen eigenen Weg. Es sind bewegte Zeiten, und er muss klare Entscheidungen treffen, um den richtigen Platz im Leben zu finden.

Nach Carlos - Der Schakal, seinem gefeierten letzten Film, bleibt Olivier Assayas mit DIE WILDE ZEIT den ereignisreichen 1970er Jahren treu, erzählt diesmal aber eine autobiografisch angelehnte und damit auch sehr persönliche Geschichte. Sehnsuchtsvoll, leidenschaftlich und in träumerisch stimmungsvollen Bildern blickt er in seinem Film zurück auf eine Zeit, in der alles möglich zu sein scheint, in der sich alles verändert, sich manche Träume erfüllen und andere als Illusionen erweisen, und in der Entscheidungen für ein ganzes Leben getroffen werden.

Der Regisseur selbst sagt zur Entstehung des Filmes:

"Ich habe oft den Eindruck, dass sich meine Filme mir von ganz alleine aufdrängen. Ganz besonders DIE WILDE ZEIT. Lange hatte ich den Drang eine Verlängerung – keine Fortsetzung – von L’ eau froide (1994) zu wagen. Dieser Film war mein zweiter Debütfilm und ermöglichte mir die Art zu überdenken, wie ich bis dahin Filme machte. Und dieser Film hat mich überrascht. Erst jetzt, im Nachhinein, habe ich verstanden, dass mir L’eau froide eine Tür öffnete – die Tür zum autobiografischen Film. Ich erinnere mich an das Erstaunen, das ich empfand, als ich das Filmmaterial von der nächtlichen Party-Szene sichtete. Diese Szene war im Drehbuch nur wenige Seiten lang, macht aber fast ein Drittel des fertigen Films aus: das Feuer, die Teenager, die Joints. Ich hatte damals für einen kurzen Moment das Gefühl, den Sinn für die Poesie jener Tage – der frühen 1970er Jahre – eingefangen zu haben. Und dies hat auch zu dem Gefühl beigetragen, dass das auch der Rahmen für einen größeren Film über diese unbekannte und faszinierende Zeit sein könnte. Eine Zeit, der sich L’eau froide so unglaublich vorsichtig gegenüber zeigte – so weit, dass er ihr nur mit Ironie begegnen konnte. Wenn man glaubt, dass die kollektive Geschichte falsch wiedergegeben wird, beschleicht einen das Gefühl, dass es an einem selbst sein könnte, das Falsche richtig zu stellen. Dass man selbst ein Stück dieser kollektiven Geschichte in der Hand hält. Was mir an L’eau froide gefehlt hat war das Politische, die Anziehungskraft des Ostens, die Musik, die ich in dieser Zeit gehört habe (in L’eau froide bezieht sie sich auf das Kollektive, in DIE WILDE ZEIT ist sie persönlicher), und im weiteren Sinne die gesamte Untergrundbewegung der 1970er, die die Quelle meiner ästhetischen und geistigen Bildung war. Noch vor Beginn der Arbeiten zu Carlos – Der Schakal (2010) hatte ich angefangen, mir Notizen zu DIE WILDE ZEIT zu machen. Instinktiv griff ich wieder auf die beiden Namen der Charaktere aus L’eau froide zurück, Gilles und Christine. Übrigens bleibt eine Kontinuität zwischen den beiden bestehen, auch in physischer Hinsicht. Nachdem Carlos – Der Schakal abgeschlossen war, wollte ich in eine andere Richtung gehen, in eine Richtung, die ich ohne Zweifel auch wieder einschlagen werde. Als ich damals aber meine Notizbücher öffnete, stolperte ich über meine Gedanken zu DIE WILDE ZEIT. Sofort spürte ich den Drang weiter daran zu arbeiten. Und es war der richtige Zeitpunkt, zweifellos auch wegen Carlos – Der Schakal, der ja auch in den 1970ern spielt. Ich hatte die Mittel und Wege gefunden, dies Zeit auf eine Art wieder aufleben zu lassen, die mir wahrhaftig erschien. Dieses Momentum musste genutzt werden."

(...)

"Jeder hat versucht, sich dieser vagen und widersprüchlichen Bewegung anzunähern, die der Mai `68 darstellt, eine Bewegung, die Schnittstelle so vieler unterschiedlicher gesellschaftlicher Klassen und Vorstellungen war. Sie ist schwer zu greifen, noch viel mehr auf der Kinoleinwand. Es sei denn man bedient sich einer autobiografischen Form, in diesem Fall einer zurückhaltenden autobiografischen Sicht auf diese Zeit, wie ich sagen würde. In Bruchstücken und mit dem Anspruch einer einzigartigen Originalität. Allerdings glaube ich nur bedingt an die filmische Autobiografie. In gewisser Weise ist alles autobiografisch und auch wieder nicht. In dem Moment, in dem man einen Film macht, wird der autobiografische Vertrag in Stücke zerrissen. In der Literatur kann man versuchen, so ehrlich und genau wie möglich zu sein, und die Zeit durch Erinnerungen wieder lebendig werden zu lassen, auch wenn sie dadurch immer auch romantisiert wird. Im Film wird dies mit der Quadratwurzel multipliziert. Ich vertraue fiktionale Situationen – sicherlich, vom realen Leben inspiriert – Schauspielern an, die nicht ich sind, die ihre Jugend im Jetzt erleben. Ich bringe sie an andere Orte und Zeiten, die eher der Fiktion als dem wirklichen Leben zuzu- ordnen sind. Eigentlich habe ich mit DIE WILDE ZEIT die Umrisse eines kollektiven Porträts skizziert. Diesen Ansatz finde ich wahrhaftiger, als wenn ich mich strikt auf die Reminiszenz meiner eigenen Jugend beschränkt hätte."

15:39 29.05.2013

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