Wunder der Natur

Einblicke Regisseur Robert Budinas Gedanken und Intentionen zur Entstehung seines Films „Ein Licht zwischen den Wolken“. Einem Film, entstanden im Norden seines Heimatlands Albanien, wo in der Bergeinsamkeit eine wundersam natürliche Schönheit liegt
Wunder der Natur
Fühlt sich Gott in der imposanten Bergwelt nahe: Der Hirte Besnik (Arben Bajraktaraj) lebt in den Albanischen Alpen

Foto: Neue Visionen Filmverleih

Geschichte

In seiner Jugend verliebte sich Besnik in ein junges Mädchen aus einer Familie, die von der Diktatur verfolgt wurde. Fadil, als überzeugter Kommunist, erlaubte seinem Sohn nicht, seine große Liebe zu heiraten. Besniks anhaltendes Trauma über diesen Verlust konnte auch von der Zeit nicht geheilt werden. Fadil, der sich des Schadens, den er seinem Sohn zugefügt hatte, bewusst war, versucht, diesen mit seinem letzten Willen wieder gut zu machen. Das Testament des Vaters erschwert es Besnik aber, seine Familie zusammenzuhalten, und droht, das empfindliche religiöse Gleichgewicht in der Dorfgemeinschaft zu zerstören. Letztendlich muss Besnik eine sehr wichtige Lebensentscheidung treffen.

Stil

Der Film konzentriert sich auf den Charakter von Besnik, seine innere Welt, seine Gefühle in Bezug auf seine Gemeinschaft, Familie, Religion, Liebe, Gott und die Natur. Von Anfang an wollte ich, dass Besnik viel mehr ist als nur ein guter, frommer Gläubiger, der den Lehren seiner Religion folgt. Es war mein Wunsch, dass er viel nachdenkt und versucht, die innere und äußere geistige Natur aller Dinge zu verstehen. Während ich recherchierte, um den Charakter von Besnik und sein Trauma zu verstehen, arbeitete ich eng mit einem Psychologen zusammen. Im Laufe der Zeit wurde mir klar, dass jeder von uns ein Leben lang in Krisenzeiten Besniks Gefühle durchlebt. Man muss kein Hirte sein, um sich mit Besnik zu identifizieren oder seine eigene Beziehung zur Gesellschaft, seiner Familie oder zu seinem Glauben an Gott zu verstehen. Ich wollte einen intimen, persönlichen Film schaffen, der von Elementen des magischen Realismus geprägt ist, der wie ein Märchen erzählt wird, in dem die Zeit stehen geblieben ist und wir uns fragen, ob die Geschichte so passiert sein könnte, bereits passiert ist oder passieren wird. Ich wollte die Gefühle dieses Charakters durch Bilder, Poesie und den Klang der Natur, in Verbindung mit Musik, vermitteln, nicht durch Konflikt oder Dialog. Ich wollte, dass das Publikum in Besniks natürliche Welt eintritt, seinen Schmerz miterlebt und das Gefühl hat, dass sie diesen Charakter irgendwie schon vor dem Anschauen des Films gekannt haben. Im ersten Teil der Geschichte betreten wir die Innenwelt von Besnik. Wir erleben die Realität durch seine subjektiven Gefühle. Die innere Welt, die Gefühle und Wünsche von Besnik sind so dominant, dass wir noch nicht einmal ganz sicher sein können, ob die katholischen Gläubigen am Ende wirklich ihre Messe in der Moschee abhalten oder nicht. Die Metarmophose, die Besnik durchmacht, wollte ich in einer subjektiven Form darstellen. Diese Form ist notwendig, um zu verstehen, wie Besnik die Welt sieht und das Gleichgewicht setzt in Bezug auf seine Gemeinschaft, Religion, Liebe, Gott und die Natur.

Symbole

Während ich an der Vorbereitung des Films arbeitete, hat mir ein Mullah, der in der Nähe der Gegend lebte, in der wir gedreht haben, etwas sehr Interessantes erzählt. Er sagte mir, dass die Gläubigen während des Gebets dicht beieinander stehen, Seite an Seite, im Glauben, so den Teufel abzuwehren. Aber sobald sie sich außerhalb der Moschee befinden, kehren die Gläubigen zum gewohnten Verhalten zurück und sprechen nicht miteinander wegen der persönlichen Konflikte zwischen ihnen. Ich war immer davon überzeugt, dass, wenn alle Anhänger von Religionen auf der Welt, egal welchen Glaubens, im Leben die Lektionen ihres jeweiligen Gottes praktizieren würden, die Welt ein besserer Ort wäre. Im Film ist die Gemeinschaft in der Lage, sich um die Einheit von Kirche und Moschee zu vereinen. Aber paradoxerweise ist das Zuhause von Besnik durch Trennwände geteilt, was auf die unterschiedlichen Interessen der einzelnen Familienmitglieder zurückzuführen ist. Der Vater Fadil ist ein ehemaliger Kommunist mit tief verwurzelten Überzeugungen, die so weit gehen, dass er noch immer alte Plakate von Marx, Engels, Lenin und Stalin sowie ein Porträt des ehemaligen albanischen kommunistischen Diktators Enver Hoxha aufbewahrt. Ironischerweise ist Fadil der Vater einer Familie, in der jedes seiner Kinder unterschiedliche religiöse Überzeugungen hat. Die Schönheit der Natur, in der die Ereignisse sich abspielen, steht im krassen Gegensatz zu der Armut in Besniks Haus. So wird das Paradox zwischen der „Harmonie“ zwischen den verschiedenen Religionsgemeinschaften und den kleinlichen Interessen der Mitglieder von Besniks Gemeinde betont. Ich glaube, dass die Religion nicht selbst die Quelle von Konflikten in der heutigen Welt ist, sondern das Ergebnis verschiedener Interessen, die die Religion benutzen, um Zwietracht zwischen Menschen mit unterschiedlichem Glauben zu erzeugen. Besnik hat eine direkte Beziehung zu den Tieren, über die er wacht, zu seiner Familie, zur Natur und zu Gott. Er ist auch ein talentierter Holzschnitzer. Seine Skulpturen haben eine erhabene, edle Qualität, die Besnik hilft, aus sich herauszutreten und sich zu distanzieren von all den Leiden, die er in seinem Leben erlebt hat. Diese Kraft, die ihm von der Natur und Gott gegeben wird, ist eine Kraft, die Besnik in seiner Beziehung zur Dorfgemeinschaft und seiner Familie zu nutzen versucht. Aber trotzdem wird Besnik allein auf die hohen Berggipfel gehen, die das Dorf umgeben. Dies geschieht in dem klaren Glauben, dass er dort Gott näher sein wird, von dem er glaubt, dass er mit ihm in einem Dialog steht, der tiefer geht als das Gebet.

Natur

Diese Geschichte kann nur im Hochgebirge stattfinden, wo echte Natur und Menschlichkeit zusammen mit Elementen von Schönheit, Reinheit und Ruhe existieren; der Ursprung von uns allen und der Ort, an dem Besniks Geschichte geboren wurde. Aber dies schien mir auch der perfekte Ort zu sein, um auf die rasante Entwicklung von Mensch und Technik aufmerksam zu machen. Als Ergebnis dieser Entwicklung haben wir ein dringendes Bedürfnis, zur Natur zurückzukehren, aus der wir alle stammen, um zu verstehen, was uns in ihrer Abwesenheit fehlt. Mein aufrichtiger Wunsch war es, einen Film zu schaffen, der einen Einblick in das Naturwunder meines Landes gibt, ein Wunder, das eng mit unserer langen Geschichte verbunden ist. Als ich mit Marius Panduru, dem rumänischen Kameramann, zum ersten Mal die Drehorte in Nordalbanien besuchte, äußerte er die Sorge, dass diese Natur für unseren Film vielleicht zu malerisch sei. Aber nachdem Marius und ich das ganze Gebiet bereist hatten und die wahren Geschichten der Bewohner über ihre verschiedenen religiösen Überzeugungen gehört hatten, erkannte er, dass dies der perfekte Raum für diese Geschichte war. Er sagte schließlich: „Robert, selbst wenn man die Kamera in die Luft wirft, wo auch immer sie hinfällt, kann sie das Wunder der Natur hier nicht verbergen.“ Nur dort, in der wundersamen natürlichen Schönheit dieser Bergeinsamkeit, kann man die Seele und den Geist von Besnik verstehen. An keinem anderen Ort konnte er die entscheidende Kraft finden, die er in dieser Geschichte vermittelt.

17:08 17.09.2019

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