Luftraum La Mancha

Synopsis In einem überdrehten Kammerspiel oberhalb der Wolken verhandelt Almodóvar auf seine ganz eigene, etwas andere Art die großen Themen der Menschheit. Klingt komisch? Das soll es auch
Luftraum La Mancha

Eine bunte Reisetruppe befindet sich in einer äußerst prekären Situation in einem Flugzeug auf dem Weg nach Mexiko-City. Aufgrund eines technischen Defekts, der durch eine menschliche Unachtsamkeit verursacht wurde, kann eine problemlose Landung nicht garantiert werden. Die Passagiere und die Besatzung des Fluges 2549 schweben in Lebensgefahr. Fieberhaft bemühen sich die beiden Piloten, erfahrene Profis, gemeinsam mit ihren Kollegen von der Flugsicherung um eine Lösung des Problems. Die Flugbegleiter und der Chefsteward sind geradezu selbstlose Charaktere, die im Angesicht der drohenden Katastrophe ihre persönlichen Probleme vergessen, und mit Leib und Seele alles daransetzen, den besorgten Passagieren ihren Flug so angenehm und kurzweilig wie irgend möglich zu gestalten. Das Leben hoch über den Wolken stellt sich allerdings nicht weniger schwierig dar als unten auf dem Boden. Und die Gründe dafür sind auch immer dieselben, vereinfacht gesagt: Liebe, Sex und Tod.

In der Business-Class sitzen ein frisch vermähltes Paar auf dem Weg in die Flitterwochen, ein korrupter Finanzstratege, dessen Skrupellosigkeit im Widerspruch zu seiner Betrübnis über die Entfremdung von seiner Tochter steht, ein Schauspieler und Don Juan mit schlechtem Gewissen, weil er seiner Geliebten gerade den Laufpass gegeben hat, eine psychisch labile, jungfräuliche Hellseherin, die dominante Chefin eines stadtbekannten Escortservices und ein Mexikaner, der ein blühendes Geheimnis bewahrt. Und genau genommen hat nicht nur der Mexikaner ein Geheimnis, sondern sie alle tragen eines mit sich herum.

Ihre Hilflosigkeit gegenüber der drohenden Gefahr ruft sowohl unter den Passagieren als auch bei der Besatzung ein aberwitziges, innerliches Großreinemachen hervor, das sich als eine wirksame Ablenkung gegen die auf sie einstürmenden Gedanken an ein möglicherweise dramatisches Ende dieser Flugreise erweist.

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Aus den Produktionsnotizen von Pedro Almodóvar

Wachend in La Mancha

In den frühen Nachmittagsstunden hebt eine Maschine vom Madrider Flughafen Barajas in Richtung Mexiko ab. Nachdem ein technischer Defekt an der Maschine festgestellt wird, werden vorsorglich die Passagiere der Economy Class mit Schlafmittel betäubt. Die Business Class hingegen bleibt hellwach. Und so entsteht die Situation, dass manche Passagiere schlafen und andere wach bleiben und die Träume und Alpträume der Schlafenden repräsentieren. Gelegentlich findet ein Wechsel zwischen denen statt, die schlafen, und denen, die wach sind (da dringt eine Frau in den Traum einer dornröschenhaft schlummernden Schönheit – in diesem Fall eines schlafenden Adonis – ein, und umgekehrt, vollzieht eine junge, gerade erst frisch verheiratete Schlafwandlerin ihre Hochzeitsnacht, ohne dabei aufzuwachen, mit ihrem wachen Ehemann auf dem Nachbarsitz). Der Flug endet mit einer Notlandung auf einer Art Geisterflughafen inmitten der kargen Ebene von La Mancha, zur Verwunderung der Kaninchen, die sich auf den dortigen Start- und Landebahnen tummeln.

Warteschleife und Labyrinth

Der Film spielt in einem abstrakten Raum, der zwar in ständiger Veränderung begriffen ist, aber doch stets identisch bleibt: in einem kreisenden Flugzeug im Luftraum über Toledo. In solch eine Warteschleife werden Flugzeuge geschickt, die – wie unser Flug PE 2549 – notlanden müssen und darauf warten, auf einem nahegelegenen Flughafen eine Landebahn zugewiesen zu bekommen. Normalerweise dauert eine Warteschleife ein bis zwei Stunden, aber in ungünstigen Fällen kurven Maschinen auch schon mal einige Stunden länger über ein und demselben Fleck. Unsere FLIEGENDEn LIEBENDEn haben das Pech, in einer nahezu unendlich erscheinenden Ellipse gefangen zu sein. Denn der Luftraum über dem Startflughafen Barajas ist inzwischen gesperrt, da in Madrid zur Stunde ein Sicherheitsgipfel der UN stattfindet. In Valencia wird gerade das Ende der Formel-Eins-Saison gefeiert, und Sevilla steht ganz im Zeichen der dort ausgetragenen Motorradweltmeisterschaft. Das Land mag zwar gerade eine schlimme ökonomische Krise (ein Ausdruck der im Film ganz bewusst niemals ausgesprochen wird) durchmachen, doch alle spanischen Flughäfen sind durch diverse Events, sportliche Großveranstaltungen oder Konferenzen zur internationalen Sicherheitslage lahmgelegt. Mit anderen Worten: Keine einzige rettende Landebahn ist in Sicht.

Oder vielleicht doch? Es gibt noch einen anderen Flughafen, der ein Produkt politischen Größenwahns und skrupelloser Finanz- spekulationen darstellt und dessen total überdimensionierte Gebäude vollkommen ungenutzt in der Gegend herumstehen. Über diese Umstände verliert der Film ebenfalls kein Wort, obwohl sich einer der Passagiere, der Finanzjongleur Senior Más, gerade nach einem riesigen Unterschlagungsskandal ins Ausland absetzen will, den er als Präsident einer Bank maßgeblich zu verantworten hat. Der Film hat, um es einmal so auszudrücken, kein soziales Bewusstsein. FLIEGENDE LIEBENDE ist weder eine realistische noch eine surrealistische oder neorealistische Komödie. Hinsichtlich des Realitätsbezugs ist er vielmehr als eine metaphorische Komödie zu bezeichnen, deren Handlung sich größtenteils in einem hypnotischen oder labyrinthischen Raum abspielt: im Himmel über Toledo.

Die Passagiere im Film und unsere Produktionscrew hatten das Glück, die größte jemals in Spanien gebaute und gleichzeitig absolut verwaiste Flugzeuglandebahn zu finden. Für den Dreh stand uns nicht nur diese Piste, sondern der ganze, komplett fertiggestellte Flughafen zur Verfügung. Es handelt sich dabei um den "Ciudad Real Flughafen", der im Film "La Mancha Flughafen" heißt. Die riesigen und zugleich gespenstisch leeren Räumlichkeiten des "Ciudad Real" bilden eine perfekte Metapher für unseren Geisterflug, einen ziellosen Flug ins Nirgendwo, der nach vielen Schwierigkeiten schließlich in der Gegenwart der Charaktere landet, einer unausweichlichen Gegenwart.

Die Evakuierung des Flugzeugs verläuft über eine große weiße Schaumwolke, die eine dunstige, heiligenscheinartig erleuchtete, symbolische Übergangszone schafft, eine Verbindung zwischen Himmel und Erde, Diesseits und Jenseits, Wahrheit und Lüge sowie Furcht und mentaler Stärke.

10:56 18.06.2013

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