Gemeinsamer Weg

Einblicke Die Geschichte der beiden Nachbarländer Frankreich und Deutschland ist zumeist von Konflikten und Rivalität geprägt. Erst nach dem 2. Weltkrieg fand eine neue Annäherung statt
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Foto: X Verleih

Deutschland und Frankreich: Zwischen Waffenstillstand und Annäherung – Ein Überblick

KRIEGSENDE

Das Jahr 1918 war das letzte und entscheidende Kriegsjahr. Nachdem man Lenin und seinen Bolschewiki noch im März einen Separatfrieden in Brest-Litowsk abhandeln konnte, der für die Deutschen sehr vorteilhaft war, glaubte die deutsche Bevölkerung lange Zeit noch an einen Sieg an der Westfront in Frankreich.

Dort sah die Situation jedoch nach vier Jahren Krieg verheerend aus. Auf französischem Boden standen sich die Truppen der Alliierten (Frankreich und Großbritannien) und Deutschlands jahrelang in Schützengräben gegenüber. Nennenswerte Gebietsgewinne gab es kaum, nur von der jeweiligen Heeresleitung angeordnete, sinnlose Sturmangriffe. Allein in Verdun starben 300.000 Soldaten auf beiden Seiten. Die Moral war schlecht und als die Briten erstmals ab Ende 1917 Tanks (Panzer) einsetzten und auch Angriffe aus der Luft effektiver wurden, wendete sich das Kriegsgeschehen. Außerdem waren die Alliierten Soldaten den Deutschen zahlenmäßig überlegen. Im Sommer 1918 war der deutschen Heeresleitung unter Ludendorff und Hindenburg klar, dass der Krieg verloren war. Sie selbst drückten sich jedoch vor der Verantwortung und ließen zivile Politiker den Waffenstillstand von Compiègne am 11. November 1918 unterzeichnen.

CHAOS IN DEUTSCHLAND

In Deutschland wusste man wenig von den fürchterlichen Zerstörungen in Nordfrankreich und Belgien. Da sich die Kämpfe nicht auf deutschem Boden abspielten und die Zivilbevölkerung nur die wirtschaftlichen Folgen des Krieges zu spüren bekam, traf der Waffenstillstand große Teile der deutschen Bevölkerung völlig unvorbereitet. Militärs wie Hindenburg und rechtsnationale Kräfte verbreiteten später die „Dolchstoßlegende“, womit sie die Politiker für die Niederlage Deutschlands verantwortlich machen wollten.

Vor allem in den Großstädten war die Lage jedoch dramatisch und explosiv. Die Bevölkerung hungerte. Die Wirtschaft war schwer angeschlagen. Bevor der Kaiser am 9. November 1918 zunächst nach Spa und später nach Holland floh, versuchten katholische und bürgerliche Parteien mit konservativen SPD Politikern um Friedrich Ebert in Deutschland eine parlamentarische Monarchie einzuführen. Aber der Kaiser und die Monarchie ließen sich nicht mehr retten. Erstmals wurde in Deutschland die Republik ausgerufen.

Seit dem Kieler Matrosenaufstand vom 4. November 1918 bildeten sich in einigen deutschen Städten Arbeiter- und Soldatenräte. In Berlin bricht am 9. November 1918 die Revolution aus. Dennoch setzen sich später eher gemäßigte SPD Politiker gegen die Spartakisten um Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht durch, die am 1. Januar 1919 die KPD gründen. Vier Tage später kommt es in der Hauptstadt zum Spartakusaufstand. Dieser Arbeiteraufstand wird blutig niedergeschlagen. Rechtsgerichtete Freikorps Soldaten ermorden Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg am 15. Januar 1919.

In diesem politisch instabilen Klima finden dann bereits am 19. Januar 1919 Wahlen zur Nationalversammlung statt, bei denen Frauen erstmalig wählen dürfen.

Dort wird Anfang Februar die Weimarer Republik gegründet und Friedrich Ebert Reichspräsident. Aber die politischen Kämpfe zwischen radikalen Linken und der nationalistischen Rechten führen immer wieder zu Gewalt. Am 21. Februar 1919 wird der sozialistische, bayerische Ministerpräsident Kurt Eisner bei einem Attentat getötet. Im April 1919 rufen Revolutionäre in München eine Räterepublik aus. SPD Politiker bitten Reichstruppen um Hilfe, um den linken Aufstand niederzuschlagen.

Der 1. Mai 1919 wird erstmalig Feiertag. Einen Tag später besetzen Reichswehrtruppen München und besiegen Kommunisten und Anarchisten.

ZWANGSFRIEDEN

Frankreich wollte Deutschland nach dem Krieg schwächen und dem Land einen harten Frieden auferlegen, damit es nicht mehr zur Gefahr werden konnte. Deutschland selbst wurde bei den Verhandlungen zum Versailler Vertrag (1919) nicht mit eingebunden. Am 28. Juni 1919, sieben Monate nach Kriegsende, unterschreibt die deutsche Delegation unter Protest den Friedensvertrag von Versailles. Deutschland muss u.a. alle Kolonien in Afrika aufgeben, Elsass-Lothringen an Frankreich abtreten und im Osten Teile an Polen wie Oberschlesien und die Provinz Posen. Das Rheinland wird zunächst unter alliierte Besatzung gestellt und das Saarland gehört bis zu einer Volksabstimmung 1935 wirtschaftlich zu Frankreich.

DAS DEUTSCH-FRANZÖSISCHE VERHÄLTNIS IN DEN FOLGEJAHREN

Als die Deutschen ihren Reparationsleistungen nicht nachkamen, besetzten belgische und französische Truppen zwischen 1923 und 1925 Teile des Ruhrgebietes. Mit dem Rückzug der Truppen entspannte sich das deutsch-französische Verhältnis unter Außenminister Gustav Stresemann und seinem französischen Amtskollegen Aristide Briand deutlich. Beide erhielten für ihre Bemühungen zur freundschaftlichen Annäherung 1926 den Friedensnobelpreis.

Der Tod Stresemanns im Oktober 1929, das Scheitern der Europa-Initiative Aristide Briands, die Weltwirtschaftskrise und die Machtübernahme Hitlers verschlechterten die deutsch-französischen Beziehungen dramatisch. Die jüngsten positiven Entwicklungen zwischen beiden Ländern wurden auf eine harte Belastungsprobe gestellt. Das Miteinander zwischen den deutschen und französischen Veteranenverbänden blieb nach wie vor bestehen. Erst im Mai 1939 erkannten die französischen Veteranen, dass sie von der neugegründeten NSKOV (Nationalsozialistischen Kriegsopferversorgung) manipuliert und instrumentalisiert wurden und brachen ihre Beziehungen ab. Nachdem Hitler 1939 den Zweiten Weltkrieg begonnen hatte und einen Blitzkrieg gegen Polen führte, konnte er mit derselben Strategie im Westfeldzug (10. Mai bis 22. Juni 1940) einen schnellen, rigorosen Sieg über Frankreich erringen. Frankreich und Deutschland waren wieder verfeindet.

Im Mai 1945 kapitulierte das Deutsche Reich und wurde in vier Besatzungszonen aufgeteilt: Entsprechend der Berliner Erklärung vom 5. Juni 1945 übernahmen die Franzosen Gebiete von den britischen und amerikanischen Alliierten (Französische Besatzungszone). Eine lange Zeit der Annäherung zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Frankreich begann erneut. Bundeskanzler Konrad Adenauer forcierte die Westintegration und bemühte sich um eine Annäherung an Frankreich. Erst 1956 wurde wieder eine deutsche Delegation zu Gedenkfeierlichkeiten nach Frankreich eingeladen. Weitere vertrauensbildende Maßnahmen, die Adenauer gemeinsam mit dem französischen Ministerpräsidenten Charles de Gaulle schuf, wie die Gründung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS) und der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG), folgten. Die Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich verbesserten sich stetig und führten schlussendlich zum Élysée-Vertrag vom 22. Januar 1963, der die guten Beziehungen und die „Freundschaft“ zwischen den beiden Ländern institutionalisierte.

In den Folgejahren unter den deutschen Kanzlern Erhard, Kiesinger sowie Brandt waren die deutsch- französischen Beziehungen eher von Zurückhaltung geprägt. Erst mit Helmut Schmidt und Valéry Giscard d’Estaing wurde das Miteinander wieder intensiviert und herzlicher. Unter ihnen entstand u.a. die Bildung eines Europäischen Währungssystems.

Mit Helmut Kohl und François Mitterrand fand die deutsch-französische Freundschaft und Versöhnung 1984 ihren bisherigen Höhepunkt in einem bis heute symbolträchtigen Foto: Beide standen Hand in Hand in Verdun, das lange als Mahnmal für den Konflikt beider Länder stand, und gedachten der Gefallenen des Ersten Weltkrieges.

14:33 29.09.2016

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