"Was bedeutet das, Freiheit?"

Im Gespräch Wie frei ist man in unserer Gesellschaft? Und was passiert, wenn man seine eigene Individualität gegen die Allgemeinheit stellt? Ein Gespräch mit dem Regisseur Jan Speckenbach über Verantwortung, Zwänge und dem Wunsch nach Freiheit
"Was bedeutet das, Freiheit?"

Foto: Presse

Fangen wir beim Titel an, „Freiheit“. Wie kam es dazu?

Jan Speckenbach: Der Titel stellte sich irgendwann beim Schreiben ein. Plötzlich dachte ich: Freiheit, das ist es doch eigentlich. Der erste Impuls hatte eine sarkastische Note. Sarkastisch deshalb, weil Nora die Freiheit vermutlich nicht finden wird. Aber mittlerweile ist das Sarkastische daran für mich in den Hintergrund getreten. Der Film stellt tatsächlich die fast provokant allgemeine Frage nach Freiheit. Uns allen ist der Begriff so geläufig - es gehört zum Mythos der westlichen Welt, das Bewusstsein in Freiheit zu leben -, dass wir ihn nicht mehr in Frage stellen. Aber wenn man länger darüber nachdenkt, dann zerbröselt er plötzlich in seine Einzelteile und wirkt fast sinnentleert. Freiheit allgemein, das ist so wie die Frage nach Gott. Gibt es sie oder nicht? Willst du sie eigentlich oder nicht? Bist du es, frei, oder nicht? Alles gar nicht so einfache Überlegungen. Natürlich muss man fragen: Freiheit wovon? Die Freiheit, die ein Flüchtling aus den nahöstlichen Krisengebieten ersehnt, gleicht sicher nicht der Freiheit, die Nora sucht. Fast scheint es geschmacklos, das gegeneinander zu stellen. Sie hat doch alles: Geld, Mann, Kinder, Arbeit, was will sie mehr ? Und doch sucht sie etwas anderes, ganz augenscheinlich, was darüber hinaus geht. Hat sie das Recht dazu? Da wird es kompliziert. Wenn man nein sagt, spricht man ihr einen Teil ihrer Freiheit ab. Sagt man aber ja, dann begibt man sich auf ihren Weg, moralisch mehr als fragwürdig. Ethisch aber durchaus begründbar. Die Freiheit, die Nora praktiziert, kann man am einfachsten damit beschreiben, dass sie den kategorischen Imperativ unterläuft. „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“ Nora stellt ja gerade ihre Individualität gegen die Allgemeinheit, gegen den Anspruch des Verallgemeinerbaren. «Bist du frei?» Mit dieser Frage habe ich alle meine Castinggespräche beendet. Mit jedem Bewerber habe ich Gespräche in seiner oder ihrer entsprechenden Rolle geführt. Das war sehr faszinierend, denn Freiheit wurde oft an materiellen Werten fest gemacht: Frei ist, wer reich ist. Daraus resultiert, dass die wenigsten sich als frei ansehen würden. Können wir wirklich alles nur noch über das Geld definieren? Darum bleiben meine Sympathien bei Nora. Denn sie wagt immerhin den Weg zur Freiheit, auch wenn sie sie nicht finden mag.

Du pendelst zwischen zwei Perspektiven hin und her, der auf Nora, die geht, und der auf Philip, der bleibt. Jeder Teil birgt das Potential für einen eigenen Film.

Ja, das stimmt. Das war die Schwierigkeit. Ich wollte unbedingt beide Standpunkte erzählen, ohne den einen oder anderen zu denunzieren. Es wäre leichter gewesen, bei einer Figur zu bleiben. Aber das hat sich für mich von Anfang an ausgeschlossen. Ich wollte die Dialektik. Ich wollte auch diese paradoxe Verbundenheit beider Charaktere. Beide müssen sich verändern, wenn sie bestehen wollen, beide müssen sie vergessen, beide müssten sie aus dem Fluss Lethe trinken, um weiter zu leben. Ich mochte die Idee, dass Nora durch ihren Weggang aus Philip einen Mann macht, den sie vielleicht gar nicht verlassen hätte. Die Metamorphose war daher für mich so wichtig, alle sollten sich verwandeln, die Eltern und die Kinder, weil das Leben eine ständige Verwandlung ist, die wir nur meist nicht so mitkriegen. Anhand der Kinder, die fast zwei Jahre gealtert sind während unserer Produktionszeit, wird klar, dass sich die Zeit nicht zurückdrehen lässt. Eine andere Frage war: kann man sich eigentlich neu erfinden? Denn, sollte es möglich sein, dann ist man ja jemand anders, also nicht mehr man selbst, nicht mehr „ich“. So gesehen wäre die Neuerfindung ja eigentlich gescheitert... Wenn man bei Nora sieht, wie schwer es ist, dies zu tun, sich neu zu erfinden, dann würde man wiederum bei Philip das starke Bedürfnis haben, ihn genau dazu zu drängen. Aber das ist ja die Last der Unwissenheit: Philip kann keinen Schlussstrich ziehen. Die Freiheit, die Nora sich nimmt, nimmt sie Philip. Indem sie ihre Fesseln zerreißt, bindet sie ihn. Nun müsste er in ihre Fußstapfen treten. Beide Stränge waren so für mich ineinander verwoben, dass ich nie darüber nachgedacht habe, einen zu opfern.

Der Fluss Lethe spielt eine große Rolle, nicht zuletzt durch den einführenden Satz: „Bevor die Seelen der Verstorbenen wiedergeboren werden, müssen sie aus dem Fluss Lethe trinken, um ihre Vergangenheit zu vergessen.“, aber auch durch die Anwesenheit der Donau, an der die Städte Wien und Bratislava liegen.

Berlin hat da nur die Spree, ein im Vergleich doch recht kärgliches Bächlein... Ja, Lethe. Mich fasziniert das sehr, die Rolle der Erinnerung, die uns als Menschen eigentlich erst ausmacht, und aber eben auch die des Vergessens, das eine Notwendigkeit darstellt, um weiterzuleben. Die Menschen, die nichts vergessen können, werden wahnsinnig. Wir haben heute ein sehr legeres Verhältnis im Umgang mit der Erinnerung, weil wir glauben, alles speichern zu können. Wir fotografieren täglich, aber kaum einer hat diese Bilder noch nach zehn, zwanzig Jahren. Wir haben das Erinnern nach außen verlagert, und damit haben wir es abgegeben. Wie eine kulturelle Amnesie. Ich übertreibe natürlich. Aber in der Übertreibung wird doch etwas deutlich. Das Vergessen ist auch eine der Zivilisationskrankheiten unserer Zeit, die Demenz. Bei Dementen gibt es die Weglauftendenz, ein Riesenproblem in der Pflege, man ist gezwungen, die Betroffenen einzusperren. Die Parallelen sind da. Warum rennen die weg, die ihre eigene Persönlichkeit verlieren oder eben vergessen?

Deine Hauptfigur teilt ihren Vornamen mit der Titel gebenden Rolle aus Ibsens berühmten Drama. Nora und Philip sind ebenfalls Juristen, wie der Mann dort, Nora verlässt, wie bei Ibsen, kompromisslos Mann und Kinder. - Würdest du deinen Film als eine Art Weiterdichtung des Dramas empfinden?

Oh nein, auf keinen Fall. Ich habe das Stück auch vergleichsweise spät im Schreibprozess erst gelesen. Aber der Grundimpuls ist der gleiche, und er hat an Sprengkraft kaum eingebüßt. Das ist Ibsen wirklich gelungen. Und die Namensgleichheit ist natürlich eine Verneigung vor ihm. Woher weiß man das eigentlich so genau, wer man ist? Bei Nora, wenn man sie von Ibsen her denkt, liegt ja genau hier der Ursprung ihrer Suche. Bei ihm heißt es: „So wie ich jetzt bin, kann ich ihnen (den Kindern) nichts sein.“ und als ihr Mann dagegen hält: „Doch später einmal, Nora, – später?“, sagt sie: „Wie kann ich das wissen? Ich weiß ja gar nicht, was aus mir wird.“ Das ist noch heute provozierend. Die Notwendigkeit, sich selbst erst einmal zu finden, ist entscheidender, als die Verantwortung gegenüber den anderen, auch den Kindern.

Meine Nora ist auf eine Art nochmal radikalisiert, weil sie sich nicht rechtfertigt oder äußert, sie handelt lediglich. Sie begründet sich weder vor ihrer Familie noch vor dem Zuschauer. Aber ich wollte ihr keine Gründe reinschreiben, weil ich das verlogen fand: eine unheilbare Krankheit, Schulden, ein verlorenes Kind, ein betrügerischer Mann, was immer man sich hätte einfallen lassen können, das alles würde doch gar nichts erklären, denn wie viele Menschen sind unheilbar krank, verschuldet, werden betrogen – und verschwinden nicht? Warum sie das tut, dieser ungeheure Schritt, wird immer offen bleiben, und weshalb? Weil sie es vermutlich selber nicht weiß und auch nicht wissen kann! Denn nur ihr Weg selbst wird ihr vielleicht erklären, warum sie ihn gegangen ist. So wie wir alle leben und hoffen, später einmal, wenigstens im Nachhinein, etwas schlauer über unsere Beweggründe und unser Schicksal zu sein als im Moment selbst. Darum hat mich mehr interessiert, was nach der Entscheidung kommt, nicht so sehr, was dahin geführt hat.

Lass uns kurz den Gedanken aufgreifen, es hätte ein Mann diesen Schritt getan.

Das haben Männer all die Jahrhunderte hindurch getan. Ein Mann hätte weniger Kritik auszustehen. Dass man es Frauen nicht zubilligt, immer noch nicht, ist eine der Ungerechtigkeiten des Patriarchats. Eine Redakteurin, bevor sie mich mit dem Projekt zur Hölle geschickt hat, hat gesagt: Eine Mutter würde so nicht handeln. Deine Figur ist entweder verrückt oder ein Arschloch. Also, das sitzt doch sehr tief. Im Übrigen geht es mir gar nicht darum, Nora reinzuwaschen. Aber die Faszination für das Verschwinden, den Neustart, den teile ich schon mit ihr. Vor Kurzem habe ich mir „Wanda“ angeschaut von Barbara Loden. Da sagt die Frau fast wortgleich mit Nora bei Ibsen über ihre Kinder: „They are better of with him“. Dass die Frauen eine Verantwortung abtreten, die sie Jahrhunderte lang innegehabt haben, das liegt in der Konsequenz der Emanzipation, nicht mehr nur reklamieren zu können, sondern auch auf Teile verzichten zu müssen - und zu können.

Philip sucht immer wieder einen Afrikaner im Krankenhaus auf, den ein Klient von ihm ins Koma geprügelt hat.

Er geht da hin wie zur Beichte, er findet in ihm, der ja anwesend abwesend ist, so etwas wie seinen einzigen Freund... Einen Freund, der nicht antwortet, und dem man daher sein Herz ausschütten kann. In diesem Mann, der im status quo gefangen ist ohne Aussicht auf Veränderung, findet Philip einen Seelenverwandten. Es ist ein Bild für seine unendliche Einsamkeit, die weder seine Kinder noch seine Freundin Monika ihm nehmen können. Es ist aber auch ein Ausdruck für das Fremde: Philip weiß kaum etwas über diesen Mann, das macht ihn so anziehend. Würde er aufwachen, hätte die Freundschaft sicher keine Zukunft.

Ist das auch etwas sarkastisch?

Ja, zugegeben. Ich habe generell oft eine etwas sarkastische Einstellung zu meinen Figuren, aber ich liebe sie auch. Ich liebe sie für ihre Paradoxien und für ihre Widersprüche. Ich liebe sie sehr. Und gerade Philip im Krankenhaus, da wächst er mir ans Herz, auch wenn ich ihn gleichzeitig schütteln könnte.

Ganz am Ende des Filmes schwimmt Nora in die Donau hinein auf die gegenüberliegende Seite zu, wo ein riesiges, halb zerfallenes aber dennoch bewohntes Gebäude steht. Es erinnert an den Turm von Babel, vor dem Nora zu Beginn des Filmes im Wiener Kunsthistorischen Museum stehen geblieben war.

Ja, sie schwimmt auf die Zukunft zu. Die Zukunft müssen wir uns doch in Teilen ruinenhaft und dennoch bewohnt vorstellen, oder nicht? Sie ist etwas, wo wir alle hinwollen, in dem Wissen, dass es nicht so sein wird, wie wir es uns erhoffen... Der Turm zu Babel, diese gescheiterte Utopie, die aber immer noch eine solche Strahlkraft hat, diese Mischung aus Fortschrittsglauben und Hybris, die Verheißung der grenzenlosen Verständigung und die Androhung der ewigen Grenzen, das Word Trade Center und der Trump-Tower: Die Utopie ist ungebrochen - und ihr Scheitern ebenso. Der Turm, als Symbol des über- die Grenzen-Hinauswachsens führt zurück zum Filmtitel und zu der Frage: Was bedeutet das eigentlich, Freiheit? Eine gute Frage, um aus dem Film zu gehen, findest du nicht?

16:50 05.02.2018

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