Eine Initiationsgeschichte

Interview Der Regisseur Eric Barbier spricht über seine Beweggründe den Roman "Frühes Erwachen" zu verfilmen, die Dreharbeiten, Charlotte Gainsbourg in der Rolle der Übermutter und die Entscheidung Pierre Niney als Romain Gary zu besetzen
Eine Initiationsgeschichte
Romain (Pierre Niney) als Kind mit Mutter (Charlotte Gainsbourg)

Camino Filmverleih

Warum wollten Sie diesen Schlüsselroman von Romain Gary verfilmen?

Eric Barbier: Der Produzent Eric Jehelmann wollte Frühes Versprechen von Romain Gary schon lange für das Kino adaptieren. Davon erzählte er mir sofort, als die Rechte wieder verfügbar waren. Ich kannte das Gesamtwerk von Romain Gary nicht, hatte aber seine wichtigsten Bücher gelesen. Für mich ist Gary eine Romanfigur, geheimnisvoll, der Ehemann von Jean Seberg und der Strippenzieher bei dieser grandiosen, literarischen „Affäre“ um Émile Ajar. Er verfügt über eine doppelte, dreifache, multiple Persönlichkeit, ist Botschafter, Filmemacher, Romanautor und versteckt sich hinter diversen Pseudonymen. Er ist Pole, Russe, Franzose und Jude. Aber seine Mutter bezeichnet sich als „orientalisch“ (aber bloß nicht „tartarisch!“) und rennt bei jeder Kleinigkeit zu einem Priester. Frühes Versprechen las ich erstmalig auf dem Gymnasium. Es ist ein großartiger Roman, der erhellende Einsichten in diese Persönlichkeit liefert, die sich nie einordnen lässt. Mich interessierte das Projekt sofort, und ich stürzte mich in die Arbeit.

Worin bestanden Ihre größten Ängste bei dieser Leinwandadaption?

Frühes Versprechen ist ein Schelmen- und Abenteuerroman und dabei eine Initiationsgeschichte, die 20 Jahre aus dem Leben von Romain Gary und seiner Mutter umspannt. Sie werden von Ereignis zu Ereignis und von Land zu Land getrieben, und ihr Leben besteht aus ebenso genutzten wie verpassten Möglichkeiten. Das ist oft „bigger than life“, und dafür musste man eine Drehbuch- und Szenenstruktur finden, die dem Roman in seiner Essenz treu bleibt, obwohl man ihn um zwei Drittel kürzt. So unterteilte ich den Roman für mich selbst in 876 kleine Einheiten. Dann musste ich kürzen und zusammenfassen. Ich stellte mir dabei immer die Frage, wie viel „Verrat“ dabei akzeptabel bleibt, denn dem Geist des Buches wollte ich unbedingt treu blieben.

Im Buch springt der Erzähler von einer Epoche zur anderen und von Ort zu Ort. Das haben Sie verändert. Warum?

Romain Gary hat sein Buch in drei große Akte unterteilet: die Kindheit in Osteuropa, die Jugend in Frankreich, das Erwachsenwerden im Krieg. Aber auch dabei kommt es immer wieder zu Rückblenden, Analysen und Reflexionen über die Vergangenheit. In der Literatur funktioniert das gut, aber im Kino kann man sich das nicht erlauben. So habe ich eine klassische Struktur gewählt, der die Themen des Buches chronologischer erzählt. Das war auch notwendig, weil der Zuschauer der Geschichte so besser folgen kann. Ein Buch für das Kino zu adaptieren ist immer eine ganz besondere Frage in punkto Werktreue, aber bei Romain Gary wird es noch kniffliger...

Wieso?

Weil sich in Frühes Versprechen Wahres und Falsches, Reales und Imaginiertes permanent verwischen. Es ist eine autobiografische Erzählung, die aus sublimierten und rekonstruierten Erinnerungen besteht. Einige Ereig- nisse, die ich für unwahr hielt, haben wirklich so stattgefunden, andere sehr einschneidende Erfahrungen werden nicht einmal erwähnt. So hat man seit 2014 Zugang zu den Archiven in Wilna. Romain Gary hat bei- spielsweise seinen älteren (Halb-)Bruder Joseph aus der ersten Ehe seiner Mutter nie erwähnt. Beide verbrachten mindestens ein Jahr zusammen in Wilna, bevor Joseph nach Wiesbaden zog und dort mit Mitte, Ende Zwanzig an einer schweren Krankheit verstarb.

Sie bemühen sich, dokumentarischer und realistischer zu sein als Romain Gary, und doch ist Ihr Film weit vom reinen Realismus entfernt. Sind das auch Traumbilder, wie diese erste Szene in Wilna mitten im Schnee?

Ich sehe da keinen Widerspruch zwischen meinem Wunsch, mir diese Vergangenheit so genau und realistisch wie möglich vorzustellen und meiner Absicht, dem Geist des Romans treu zu bleiben. Man musste nur immer genau wissen, wo der Platz des Schriftstellers Romain Gary ist. Ich musste mir eine Realität von Wilna erarbeiten, um zu verstehen, welchen Weg er als Romanautor zurückgelegt hat. Die erste Szene aus Wilna im Schnee sollte beispielsweise abstrakt wirken: eine große Straße, der Nebel, die Leere, und dann taucht die Mutter auf wie ein Monster. Es ist die erste Szene zwischen Mutter und Sohn, und Nina gibt gleich die Richtung vor und sagt zu ihrem Sohn: „Du wirst Botschafter, Du bist der Schönste und Größte.“ Das sollte auch wie eine Traumsequenz wirken.

Warum haben Sie sich für eine Off-Stimme entschieden?

In seinem Buch kommentiert und analysiert Romain Gary ja ständig die Ereignisse und denkt über seinen Werdegang nach. So wusste ich von Beginn an, dass diese Off-Stimme sehr präsent sein wird. Dieser Text von Gary wirkt wie ein Leitfaden und erlaubte es mir auch, einen Kontrapunkt zu setzen, der oft komisch und abgehoben erscheint. Im Off werden ja tragische Dinge auch mit viel Leichtigkeit erzählt. Diese Ironie aus dem Off verhindert das Melodramatische oder etwas Gefälliges.

Im Vergleich zum Buch haben Sie auch den Anfang geändert. Warum?

Auf den Buchseiten geht es um die Dämmerung im Big Sur in Kalifornien. Das ist berührend und melancholisch, aber so konnte man den Film nicht mit dem Roman verbinden. Ich wollte, dass der Zuschauer sofort versteht, dass die Off-Stimme ihn zwei Stunden lang begleiten wird und den Roman zitiert. Lesley Blanch, die erste Ehefrau Garys, beschreibt in einem Buch, wie sie beide in Mexiko ankommen und Romain Gary sich dort in einem Hotel einschließt, um zu arbeiten. Dort beginnt er mit "Frühes Verprechen". Weil er sich jedoch in einer Krise befindet und meint, todkrank zu sein, fahren seine Frau und er in einem Auto zum Arzt. Dort liest Lesley Blanch die ersten Seiten. Diese Episode half mir, sofort die Off-Stimme zu etablieren. Der Zuschauer versteht sofort, dass "Frühes Versprechen" die Geschichte eines Schriftstellers ist, der Einiges aus seinem Leben erzählt.

"Frühes Versprechen" ist eine teure Großproduktion. Gab es da nicht auch die Überlegung, auf Englisch zu drehen?

Es stimmt, dass sich diese Frage bei Produktionen mit einem hohen Budget immer wieder stellt. Aber "Frühes Versprechen" auf Englisch zu drehen, wäre Ketzerei gewesen, und das wussten die Produzenten auch.

Weil Frankreich selbst ein Thema des Films ist?

Ja, genau. "Frühes Versprechen" ist die Geschichte einer Mutter, die von einem idealen Frankreich träumt. Sie hat blumige Vorstellungen über das französische Essen, die Eleganz, den Chic und die Verführungskraft der Franzosen. „Frankreich ist das Schönste auf der Welt“, sagt sie im Buch mit einem naiven Lächeln zu ihrem Sohn. Und die Romanfigur versucht, diesem Ideal zu entsprechen. Das ist ein zentrales Thema und führt zu sehr symbolischen Szenen. So verschweigt der Sohn seiner Mutter den wahren Grund, warum er als Einziger nicht Offizier wurde. Als Jude, der erst seit kurzem die französische Staatsbürgerschaft besitzt, hat man ihm diesen Karriereschritt verweigert. Um aber die Mutter nicht zu betrüben, erfindet er, dass er die Frau seines Vorgesetzten verführt habe und man ihn dafür bestrafe. Diese Lüge macht seine Mutter stolz, weil ihr Sohn als Verführer damit ein echter Franzose ist. Diese Liebe zu Frankreich leitet das Schicksal der beiden Hauptfiguren. Romain Gary schreibt dann sogar: „Kein einziger Tropfen französischen Bluts fließt in seinen Adern, aber Frankreich fließt in ihm.“ Es wäre also ein Irrsinn gewesen, den Film auf Englisch zu drehen. Der Romanautor schrieb dieses Buch, als er in Los Angeles lebte und gleichzeitig sein Buch Lady L auf Englisch redigierte. Auch für den Sohn Diego Gary war es wichtig, den Film auf Französisch zu drehen.

Warum bezeichnen Sie Mutter und Sohn als Paar?

Frühes Versprechen ist ja die Geschichte eines sehr symbiotischen Paares. Im Buch gibt es viele Abschweifungen über das Leben von Romain Gary, aber ich wollte mich auf das Mutter-Sohn-Paar konzentrieren. Das ist für mich das zentrale Thema, weil mir auffiel, dass beide im Buch keine Freunde haben. Alle anderen Protagonisten bleiben Nebenfiguren, die sofort wieder verschwinden. Das sind Menschen, die sie lieben, die beiden helfen, aber sie sind nicht Teil dieses Mutter-Sohn-Projekts. Romain Gary wollte seine Mutter mit diesem Buch aufleben lassen, sie berühmt machen. Darum hat er den Roman geschrieben, und das ist auch mein Leitmotiv.

Wie würden Sie dieses Leitmotiv beschreiben?

Es ist ein doppeltes Versprechen. Nina verspricht ihrem Sohn, ihn bedingungslos zu lieben und zu unterstützen. Romain verspricht im Gegenzug, erfolgreich und berühmt zu werden. Der Film erzählt die Geschichte eines Sohnes, der darum kämpft, dass sich der Traum seiner Mutter erfüllt. Dabei geht es auch um Gerechtigkeit und eine Revanche. Gary will seine Mutter rächen, der viel Ungerechtigkeit widerfahren ist. Das ist bei Kindern ein Grundbedürfnis. Wenn man zusehen muss, wie die Eltern verletzt und beleidigt werden, kann das zu einer großen Wut und Kraft führen. Dafür steht beispielhaft die Szene vom Beginn des Films, wenn die Polizei die Mutter demütigt und der kleine Junge sich unter dem Tisch versteckt. Daher schreibt Romain Gary dieses Buch über seine Mutter. Lesley Blanch sagt dann am Ende des Films zu Romain Gary: „Diesen Roman zu schreiben, war das Einzige, was Du für sie tun konntest.“ Aber es führt auch zu einer tiefen Melancholie beim Autor, weil die Mutter zu früh gestorben ist, um den Erfolg des Sohnes wirklich mitzuerleben. Er hat alles erreicht, was sie wollte: Er ist einer der wichtigsten französischen Autoren des 20. Jahrhunderts, Konsul in Los Angeles, verfügt über viel Geld und ist der Liebhaber vieler Frauen. Damit erfüllt er die Fantasien der Mutter, wird zu dieser Persönlichkeit, die sie sich ausgedacht hat.

Im Buch wird der Vater kaum erwähnt. Haben Sie ihn deshalb im Film außen vor gelassen?

Schon im Buch bleibt Romain Gary sehr vage, flirtet mit der Idee, der Vater wäre der berühmte russische Schauspieler Iwan Mosjukin. Er sagt nie die ganze Wahrheit, verschweigt, dass der Vater Pelzhändler ist. Nur ein einziges Mal, spricht er wirklich über den Vater, wenn er in einem Brief erfährt, dass sein Vater in Auschwitz ums Leben gekommen ist. Ich hatte eine Szene zwischen Lesley Blanch und Romain gedreht, in der sie ihn mit dem Vater konfrontiert. Im Schnitt nahm ich diese Szene dann wieder aus dem Film, weil es nicht passte. Der abwesende Vater erlaubte mir, Nina als Mutter und Vater zu zeigen. Sie ist beides, und da gibt es keinen Platz für irgendjemanden zwischen ihr und ihrem Sohn.

Man fragt sich natürlich immer: Ist Nina nun eine gute oder schlechte Mutter?

Das ist ein Dauerthema des Films. Romain wächst mit dieser unendlichen Liebe auf, aber oft ist ihm diese Mutterliebe auch peinlich. Seine Mutter erspart ihm nichts und kann sehr hart sein. Das habe ich versucht, mit Charlotte Gainsbourg herauszuarbeiten: diese ebenso wilde wie bedingungslose Liebe einer Mutter. Der Sohn hat nicht mehr die Wahl, seine Mutter hat über sein Schicksal ent- schieden. Das macht ihn unfrei, denn sie sagt ihm immer, wie alles abzulaufen hat. Das verleiht ihr etwas Größenwahnsinniges und damit Komisches. Zum Beispiel, wenn sie meint, ihr Sohn müsse unbedingt nach Berlin, um Hitler zu töten. Darin liegt eine Stärke von Romain Gary, eine Mutter zu beschreiben, die bei aller Liebe auch etwas Angsteinflößendes verkörpert. Manchmal wirkt sie sogar wie ein Monster. Nun hat nicht jeder von uns eine solche ungewöhnliche Mutter, die ihren eigenen Größenwahn auf ihr Kind projiziert, aber dieses Gefühl kennt man ja, wenn die Eltern gewisse Wünsche haben, die einem oft auch peinlich sind. Im Film ergibt das meist komische Szenen.

Meinen Sie beispielsweise diese schon burleske Szene, wenn Nina ihren Sohn beim ersten Sex erwischt?

Frühes Versprechen ist ein hochintensiver, dramatischer Roman, der immer wieder ironische und abgehobene, sogar komische Situationen schildert. Im Buch ist diese Szene mit dem sinnlichen Hausmädchen Mariette ja auch grotesk. Gary beschreibt ihren „sensationellen Hintern“, den er immer im Gesicht seines Mathematiklehrers zu sehen glaubt. Das führt dazu, dass er den Lehrer zwar immer anschaut, aber ihm nie zuhört, weil er in Gedanken ganz woanders ist. Das ist nur ein Beispiel für die burlesken Aspekte des Buches, die ich leider nicht alle einbringen konnte.

Nun bleiben ja einige Wünsche der Mutter absurd. Warum nimmt Romain die Mutter dennoch immer ernst?

Wenn Nina ihren Sohn bittet, Hitler zu töten, dann macht sie keine Witze. Sie ist überzeugt davon, Romain müsse Frankreich retten. Die Komik entsteht durch ihre feste Überzeu- gung. Schön ist, dass sich Romain Gary nie über die Mutter lustig macht. Er respektiert ihre Wünsche der Mutter. Das gehört zu ihren Regeln. Die Mutter hat immer Recht, was auch immer sie verlangt. Und der Sohn muss sie verteidigen. Das schweißt beide zusammen.

Hatten Sie beim Schreiben des Drehbuchs schon Schauspieler im Kopf?

Nein, ich wollte mich beim Schreiben noch nicht festlegen. Außerdem gab es ein großes Problem. Um Romain Gary über eine Zeitspanne von 30 Jahren darzustellen, brauchte ich drei verschiedene Interpreten. Für ihn als Kind suchte ich einen jungen Darsteller, der zweisprachig ist und perfekt Französisch und Polnisch spricht. Wir casteten in Frankreich, Belgien und Polen und sahen 580 Kinder. Pawel war dann anders als die meisten. Sei- ne Eltern kamen vor einigen Jahren von Polen nach Belgien. Zu Beginn der Dreharbeiten war er neun Jahre alt. Ich mochte seine Konzentrationsfähigkeit. Zwischen ihm und Charlotte Gainsbourg entstand eine große Nähe, bei- de konnten auch wunderbar miteinander improvisieren. Für den 15-jährigen Romain dachte ich sofort an Nemo Schiffman, den ich in "Madame empfiehlt sich" mit Catherine Deneuve gesehen hatte, als er etwa zehn Jahre alt war. Dort spielte er im Film seiner Mutter Emmanuelle Bercot mit. Ich rechnete mir also aus, Nemo müsse jetzt um die 15 sein und rief ihn an. Nach Probeaufnahmen mit ihm wusste ich sofort, dass er die Rolle spielen kann. Die Sexszenen zwischen Nemo Schiffman und Lou Chauvain, die Mariette spielt, machten mir Sorgen. Aber die beiden Darsteller nahmen es mit Humor. So suchten wir nach den unwahrscheinlichsten Positionen. Das war sehr komisch. Mich als 15-jährigen, jungen Mann hätte so etwas zutiefst verängstigt, Nemo aber nicht. Dann musste ich also nur noch den erwachsenen Romain Gary finden, der die Figur im Alter von 18 bis 44 Jahren spielen kann.

Dachten Sie sofort an Pierre Niney?

In meinen Augen war er der Einzige, der über das Talent und das Aussehen verfügt, um Romain Gary über diesen langen Zeitraum zu spielen. Außerdem liebt Pierre Niney diesen Schriftsteller und seine Werke und las vieles von Gary noch einmal. Er brachte auch während der Dreharbeiten und der Postproduktion viele Ideen ein. So war es seine Idee, diesen berühmten Satz, der im Buch ziemlich am Anfang steht, an das Ende im Film zu setzen: „Mit der Mutterliebe macht einem das Leben ein frühes Versprechen, das es nicht halten wird“. Und Pierre hatte natürlich Recht, weil die ganze Melancholie von Romain Gary in diesem Satz zum Ausdruck kommt. Pierre Niney hat sich wirklich sehr eingebracht. Als er die Szenen mit Pawel als neunjährigem Romain sah, die ich in Ungarn gedreht habe, studierte er sie sehr genau, um sich Verhaltensweisen des Kindes anzusehen, die er dann für seine Darstellung wieder verwendete. Pierre ist noch jung, verfügt aber über eine erstaunliche Reife.

War es schwierig, die Rolle der Nina zu besetzen?

Ich hatte Charlotte Gainsbourg ein paar Mal getroffen und wollte schon lange mit ihr zusammen arbeiten. Dann traf ich sie in New York, wo sie seit einiger Zeit lebt. Wir redeten viel über den Roman und das Drehbuch. Charlotte stellte Fragen zu den Szenen über das Wie und das Warum der Figuren. Es ging auch viel um den his- torischen Kontext, die Geschichten um Wilna und Romain Garys Familie. Charlotte zeigte mir die Fotos ihrer eigenen Familie, der russischen Großmutter, die wie Nina nach Frankreich kam. Ich bemerkte, wie sehr sie diese Figur verstand, wie genau sie sich bereits ausmalte, wie Nina sich bewegt, welche Fragen sie sich stellt. Nach diesem Treffen war für mich klar: Charlotte Gainsbourg muss die Mutter spielen.

Wie haben Sie mit Charlotte Gainsbourg gearbeitet?

Sie sagte mir von Anfang an, sie könne die Rolle so nicht spielen, weil Nina viel geerdeter, körperlich viel schwerer sei. Sie musste sich also körperlich verändern, denn Nina ist eine Kämpferin, die jeden Tag unterwegs ist, um zu überleben. Sie ist bei Regen und Schnee auf der Straße, raucht wie ein Schlot. Charlotte meinte also zu mir, sie brauche breitere Hüften, mehr Busen, andere Haare. Wir haben also Perücken und Prothesen anfertigen lassen. Um diese Figur noch glaubwürdiger zu spielen, dachte sich Charlotte so einen leichten, entenhaften Gang aus. So wurde Charlotte zu Nina, dieser Übermutter, die zum Monster werden kann. Es gibt keine einzige Einstellung, in der sie keine Perücken oder Prothesen trägt. Sie fing auch wieder mit dem Rauchen an, um diese hektische Nervosität beim Zigarettenrauchen von Nina perfekt zu verkörpern. Dann sprach mich Charlotte Gainsbourg auf den Akzent an. Ich war dagegen und befürchtete eine Karikatur. Die Frage nach dem Akzent hatte ich mir nicht wirklich gestellt. Für mich war klar: Schon in Wilna spricht die Mutter mit ihrem Sohn Französisch. Charlotte erzählte mir dann vom Akzent ihrer Großmutter und bat mich, daran zu arbeiten. Schon am ersten Drehtag spielte sie mit einem Akzent, der eben- so leicht wie prononciert wirkte und einfach richtig klang. Es passte zur Figur, sie hatte die richtige Dosierung ge- funden. Charlotte Gainsbourg ist eine Schauspielerin, die enorm hart arbeitet, sich dabei aber eine Leichtigkeit und Offenheit bewahrt. Man hat das Gefühl, mit einem Kind zu drehen, das jeden Moment neu entdeckt. Dabei ist diese Natürlichkeit total von ihr erarbeitet.

Was war die schwierigste Szene beim Dreh?

Da könnte ich Ihnen jetzt von der Wüste in Marokko erzählen, von Verfolgungsjagden per Flugzeug, von Massenszenen mit Statisten, vom Winter, vom Schnee... Aber die schwierigste Szene für mich war, als Romain sich als Kind sich unter der Nähmaschine versteckt, während die Gendarmen die Wohnung auf den Kopf stellen und seine Mutter erniedrigen. Pawel musste in dieser Szene weinen. Es nahm mich ziemlich mit, genau die passenden Emotionen einzufangen, wenn der Junge so leidet.

Wie aufwendig waren die Kriegsszenen?

Das Originalflugzeug, in dem Romain Gary damals saß, war eine Boston. Davon gibt es heute nur noch zwei bei Sammlern in den USA. In diesem Flugzeug saßen drei Männer: ein Pilot, ein Soldat, der die Bomben abwarf, und hinten ein Maschinengewehrschütze. Keiner konnte den anderen ersetzen. Das ist deshalb wichtig, weil Romain Gary ja nach einem Treffer der Deutschen seinen Piloten und Maschinengewehrschützen rettet. Mein Ausstat- ter Pierre Renson überzeugte mich mit vier zeitgenössischen Bombern, Flamants, zu drehen, die den Bostons ähneln. Dabei musste der hintere Teil des Bombers mit dem Maschinengewehr und dem Schützen digital einge- fügt werden. Ich hatte aber völlig unterschätzt, wie anstrengend es ist, solche zehn Tonnen schweren, 20 Meter langen Flugzeuge zu bewegen. Allein die Starts und die Landungen zu drehen, dauerte ewig. Die Nahaufnahmen drehten wir dann auch im Studio.

Was macht die Aktualität des Romans und der Verfilmung aus?

Es herrscht eine Art tragische Freude. Trotz der Melancholie wird es nie bitter oder zynisch. Buch und Film sind mehr ein Loblied auf die Hoffnung, den Willen, die Toleranz und ein gewisses Heldentum. Romain Gary moralisiert nicht. Mit seinem überbordenden Humor schafft er eine Vision, die das Beste in uns erweckt, uns antreibt, Träume Wirklichkeit werden zu lassen. Es ist eine Initiationsgeschichte, daher kann man sich mit der Hauptfigur von "Frühes Versprechen" identifizieren.

In Frankreich stellt man sich seit Beginn der Flüchtlings- krise immer mehr die Frage nach der „Identität Frankreichs“. Was kann dieser Film zu dieser Diskussion beitragen?

Romain Gary und seine Mutter waren polnische Juden und Einwanderer. Nina liebt Frankreich bereits abgöttisch, bevor sie dort hinzieht. Sie idealisiert das Frankreich der Freiheit-Gleichheit-Brüderlichkeit-Ideale und stellt sich vor, dass man überall Champagner trinkt und Victor Hugo Präsident war. Sie ist französischer als alle Französinnen. Ihr Sohn, ein polnischer Jude, wird später französischer Konsul in den USA und ein großer französischer Literat. Allein damit zeigt man allen eine lange Nase, die heute nach Protektionismus oder Kommunitarismus schreien.

10:33 08.02.2019

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