Der Kampf Mensch zu sein

Interview Als Geschichtenerzähler, der auch Poet sein will, hat der Regisseur Benedikt Erlingsson mit "Gegen den Strom" ein modernes Märchen verfilmt. Eine Heldengeschichte, die wie ein spannendes Abenteuer daherkommt. Ernsthaft, aber mit einem Lächeln erzählt
Der Kampf Mensch zu sein

Pandora Film Verleih

In Deinen beiden Filmen „Von Menschen und Pferden” und "Gegen den Strom"scheitern die Menschen beim Versuch, die Natur zu zähmen oder zu dominieren. Was macht diesen Konflikt und unser totales Versagen oder unsere Dummheit zu so einer tollen Quelle für Geschichten und Komödien für Dich?

Benedikt Erlingsson: Ich habe erst kürzlich über den Zusammenhang zwischen meinen beiden Filmen „Von Menschen und Pferden” (2013) und "Gegen den Strom" nachgedacht. Er wurde mir erst bewusst, nachdem ich den neuen Film beendet hatte. Für mich ist vollkommen klar, dass die ‘Rechte der Natur’ in gleichem Maße beachtet werden sollten wie die ‘Menschenrechte’ – und diese Idee spiegelt sich in beiden Filmen wieder. Für mich ist es selbstverständlich, dass die ‚Rechte der Natur‘ Bestandteil jeder Verfassung sein sollten und national wie international per Gesetz verteidigt werden müssten. Wir müssen begreifen, dass die unberührte Natur ein Recht hat zu existieren und wir dieses durchsetzen sollten, ungeachtet unserer menschlichen Bedürfnisse oder unserer ökonomischen Systeme. Ich kann mir zum Beispiel ein vernünftigeres System vorstellen, bei dem ‘wir Menschen’, wenn wir unberührte Natur für unsere eigenen Zwecke nutzen oder verschandeln wollen, einen Prozess durchlaufen müssen, ähnlich einer Gerichtsverhandlung, um die Genehmigung dafür zu erhalten. Es geht dabei wirklich um das Gemeinwohl und die langfristigen Interessen im Sinne unserer menschlichen Existenz. Genau wie die Fähigkeit, jemand die Freiheit zu nehmen und ihn lebenslang ins Gefängnis zu sperren. Deshalb denke ich, dass jetzt der richtige Zeitpunkt ist, um sich mit dieser Herangehensweise zu beschäftigen. Hinzu kommt noch in einigen unserer Gesellschaften das seltsame Paradoxon, das sich „Staat” nennt und in demokratischen Ländern ein Instrument ist, das von den Menschen für die Menschen erschaffen wurde, und das so leicht von Interessensgruppen entgegengesetzt zum vermeintlichen Wohl der Gemeinschaft manipuliert wird. Der Umweltschutz ist eines der besten Beispiele dafür. Wenn wir uns die großen, existenziellen Herausforderungen ansehen, denen wir angesichts der Zerstörung unserer Umwelt gegenüberstehen, wird dies glasklar. Und ja, aus dem Thema kann auch eine gute Komödie werden, wie man an meinem kleinen Land und dem Film sehen kann. Aber in den meisten anderen Ländern ist es wirklich eine Tragödie. Ich möchte in diesem Zusammenhang meine beiden Heldinnen erwähnen. Zwei reale, sehr kämpferische Frauen: Berta Cáceres aus Honduras und Yolanda Maturana aus Kolumbien. Beide waren Umweltaktivistinnen von „Life itself”, die von dunklen Hintermännern einer starken Lobby mit eigenen Interessen ermordet wurden. Aber am schlimmsten ist, dass die Regierungen die Frauen in keiner Weise beschützt haben. Bisweilen wirkt es sogar so, als würden einige Regierungen aktiv für die andere Seite arbeiten. Bis zum Punkt, dass Umweltaktivisten zu Staatsfeinden erklärt werden.

"Gegen den Strom"ist verglichen mit „Von Menschen und Pferden” ein eher ‚klassisch’ erzählter Film mit einem klaren Handlungsbogen für die Hauptfigur.Warum hast du Dich bei Deinem neuen Projekt für diese Erzählweise entschieden?

Vielleicht hat mich Eitelkeit dazu gebracht. Im Zuge des Erfolgs von „Von Menschen und Pferden” gab es auch enttäuschte Kommentare und Reaktionen in Island. Vielen meinten, dass ich einen tollen „Festivalfilm” gedreht hätte, aber dass dies kein Film für das tatsächliche Kinopublikum wäre. Und obwohl „Von Menschen und Pferden” sich in bestimmten Ländern auch als Publikumserfolg erwiesen hat, glaube ich, dass mir diese Kritik nachhing. Und sie spielte wahrscheinlich auch eine Rolle bei meiner Entscheidung, meinen nächsten Film als „Mainstream-Blockbuster-Geschichte für Jedermann” zu erzählen. Warum war es wichtig, dass Halla eine Frau ist? Ich habe tatsächlich nicht darüber nachgedacht, die Entscheidung unter dem Aspekt der Geschlechterfrage oder einer „politically correctness” zu treffen. Offen gestanden irritiert mich oft, wie „politisch korrekt” heutzutage alles immer sein muss... Aber genau das ändert sich vielleicht morgen schon wieder. Jedenfalls entwickelte sich die Figur der Halla aus der Geschichte heraus und nach dem, was die dramaturgische Umsetzung dieser Geschichte verlangte.

Wie hast Du Deine Hauptdarstellerin Halldóra Geirharðsdóttir gefunden?

Die Rolle der Halla zu besetzen, war ein langwieriger und schwieriger Prozess. Dabei hatte ich, wie so häufig, die richtige Antwort direkt vor meiner Nase. Halldóra ist eine Freundin aus Kindertagen und eine Kollegin, wir sind fast wie Geschwister aufgewachsen, wobei sie die große Schwester war. Als wir 10 oder 11 Jahre alt waren, traten wir gemeinsam zum ersten Mal auf der großen Bühne des Nationaltheaters auf. Am Anfang der Entwicklung von "Gegen den Strom" hatte ich auch ganz kurz die Idee, dass Halldóra Halla spielt. Aber dann habe ich die Idee verworfen und begann über andere Schauspieler nachzudenken, die ich ebenfalls sehr schätze. Außerdem musste ich für das Drehbuch an dem Konzept für die Zwillinge arbeiten, damit es absolut natürlich wirkte. Aber das Schicksal brachte Halldóra zurück zu mir und mir wurde klar, dass sie nicht nur die offensichtliche, sondern auch die richtige Wahl für die Rolle ist. Als Schauspielerin ist sie eine Naturgewalt und am isländischen Theater ist sie DIE Schauspielerin unserer Generation. Ihre schauspielerische Bandbreite ist so groß, dass ich das Gefühl habe, ihr unglaubliches Talent zu schmälern und das ganze Spektrum ihrer Möglichkeiten nicht richtig zu beschreiben, wenn ich Halldóra einfach nur eine Schauspielerin nenne. Neben ihrer Arbeit
für den Film ist sie außerdem die bekannteste Clownin und Komödiantin am Theater von Reykjavík und die gefragteste Schauspielerin für ernsthafte Rollen an den großen Repertoiretheatern Islands, an denen sie jede Spielzeit Hauptrollen übernimmt. Sie hat mit Bravour Männerrollen gespielt, wie den Vladimir in „Warten auf Godot” und selbst den Ritter in „Don Quijote” – eine Rolle, die möglicherweise in gewisser Beziehung zu der steht, die sie nun im Film spielt. Und das ist nur der Anfang. Sie wurde außerdem berühmt, weil sie sich ein Alter Ego erschaffen hat, einen chauvinistischen Kerl namens „Smári” aus dem Duo „Hannes und Smári”. Sie
und ihre männlichen Figuren sind mittlerweile am isländischen Theater absoluter Kult geworden. Ich glaube, man könnte Halldóra die Sarah Bernhardt von Island nennen – wenn Sarah Bernhardt es schaffen würde, dem Vergleich standzuhalten!

War es Zufall, dass sie den gleichen Namen trägt wie die Heldin des Films?

Halla ist ein weitverbreiteter Name in Island und noch dazu einer, der eine ganze Menge historische und kulturelle Verweise in sich trägt. Halla und Eyvindur sind Legenden in der isländischen Geschichte. Sie waren die letzten Gesetzlosen, die es im 17. Jahrhundert schafften, auf der Flucht 20 Jahre im Hochland zu überleben. Sie waren echte Bergbewohner, Schafdiebe und Rebellen, und es gibt viele Geschichten über ihre Abenteuer und Kämpfe. Ungefähr vor einem Jahrhundert schrieb der isländische Dichter und Bühnenautor Jóhann Sigurjónsson das Stück „Eyvindur of the Mountains” über sie, das es auf internationale Bühnen schaffte und erfolgreich durch mehrere Länder tourte. Und vor genau 100 Jahren, 1918, drehte der schwedische Filmemacher Victor Sjöström einen Film über die Legende mit dem Titel „Berg-Ejvind und seine Frau”, in dem er selbst die Hauptrolle übernahm. So kommt es, dass der Name „Halla” zumindest für das isländische Publikum mit guten Erinnerungen verbunden ist.

Man könnte den Film als Drama, als Öko-Thriller oder als Komödie bezeichnen oder einfach als alles drei zusammen. Hast Du über Genres während der Arbeit am Film nachgedacht?

Ich denke niemals während des Schreibens oder der Entwicklung eines Films über Genres nach, absolut nicht. Was auch immer geschieht, über das Genre kann man spekulieren, wenn das Kind sozusagen zur Welt gekommen ist. Man denkt doch auch nicht darüber nach, was für ein Mensch ein Kind wird, während man es zeugt. Zumindest ich tue das nicht. Mein Co-Autor Ólafur Egill Egillsson und ich haben zu keinem Zeitpunkt ernsthaft über das Genre des Films diskutiert. Am nächsten kamen wir dem noch, als wir mit Begriffen spielten... „Märchen” zum Beispiel. Das ist ein sexy Wort. Und eines, das für uns sehr hilfreich war, als wir die Geschichte entwickelten. Mir geht es immer mehr um die Handlung, die Aufgabe, den Schmerz, um die abstrakte Idee, die mich bei einem Projekt fasziniert und die Geschichte, die erzählt werden muss. Und die Dramaturgie interessiert uns beide sehr, die Essenz aller guten Geschichten. Ich finde nicht, dass dieser Film eine Komödie ist… Ich mache keine Komödien, oder zumindest ist es nicht mein Ziel. Wenn etwas in den Geschichten, die ich erzähle, komisch ist, ist es ein Zusatz oder ein Nebeneffekt. Es gehört zu meiner Arbeitsweise, als erstes den Schmerz zu suchen... Ich entscheide mich immer erst einmal für den Schmerz… Ich betrachte den Schmerz des Autors oder der Hauptfiguren und was dieser Schmerz bedeutet. Gleichzeitig mag ich aber keine Filme, bei denen es nur darum geht „den Schmerz zu fühlen”. Für mich beginnt damit alles, weil ich dadurch die Geschichte wirklich verstehe und ich danach verschiedene Richtungen ausprobieren kann. Als ich zum Beispiel mit meinem Kameramann Bergsteinn Björgúlfsson begann, das Konzept zu entwickeln, hat uns die Geschichte dazu gebracht, mit der Vorstellung von einem ‚Actionfilm’ zu spielen.

An welchem Punkt kam die Musik ins Spiel?

Die Musik gab es schon in meiner allerersten Vision, die mich veranlasst hat, diesen Film zu drehen. Während ich davon träumte und mir vorstellte, was ich in meinem nächsten Film sehen will, stellte ich mir eine Frau vor, die durch eine leere Straße läuft. Sie rannte durch den Regen auf mich zu und stoppte direkt neben mir, vollkommen durchnässt. Nachdem ich sie genauer sehen konnte, erkannte ich eine dreiköpfige Band, die direkt hinter ihr spielte. Sie spielten nur für sie und ganz und gar nicht für mich. Ich hörte genauer hin, bis ich schließlich erkannte, was die Band spielte – es war der Soundtrack für das Leben der Frau.

Wie bist Du ganz praktisch die Zusammenarbeit mit den Musikern und Sängern angegangen und war es eine tiefergehende Zusammenarbeit als gewöhnlich?

Wir entwickelten die Musik ganz früh und mussten auch herausfinden, für welches Element der Geschichte die Band genau stehen sollte. Auf dem Weg dorthin tauchte immer wieder diese andere Musik auf und versuchte, sich in der Geschichte breitzumachen. Daraus wurden die drei ukrainischen Stimmen, die Hallas Chor bilden. Bei der Musik wollte ich absolut auf Nummer sicher gehen und „Gürtel und Hosenträger” tragen, wie wir in Island sagen, um sicherzustellen, dass wir flexibel bleiben und nicht blockiert werden, wenn es ans Schneiden geht. Um das zu erreichen, haben wir Probeaufnahmen von allen Musikszenen gemacht und das nachdem wir bereits komplette Demo-Versionen von jedem Musikstück produziert hatten. Unser Ziel war es, so viel Musik wie möglich live am Set aufzunehmen. Das war für alle eine Herausforderung, nicht nur für die Musiker, sondern auch für den Art- Direktor und den Kameramann und die ganze Tonabteilung. Dadurch haben wir sichergestellt, dass wir jede Menge Stücke hatten, um damit herumzuspielen: Wir hatten die Studio-Aufnahmen, die Live-Aufnahmen vom Set und noch weitere Außenaufnahmen außerhalb des Sets, sodass wir am Ende von allen etwas verwenden konnten. Davíð Þór Jónsson, der Filmkomponist, hat hauptsächlich am Theater mit mir zusammengearbeitet und er hat auch die Filmmusik zu „Von Menschen und Pferden” komponiert. Zwei der Bandmitglieder, Ómar und Magnús, sind alte Freunde von Davíð, der in einer Band mit Ómars Bruder Óskar spielt. Die Band nennt sich ADHD und sie machen ganz andere Musik als die Band im Film.

Wie beeinflusst Deine Arbeit als Schauspieler und Entertainer Deine Herangehensweise an die Regie bei einem Film?

Ich gewöhne mich immer noch an meine neue Rolle als Filmemacher und tatsächlich, zumindest auf eine gewisse Art, helfen mir meine früheren Erfahrungen. Aber gleichzeitig empfinde ich sie auch als Handicap. Aber mir gefällt die Frage, weil sie zeigt, wie weit wir seit den Anfängen des Filmemachens gekommen sind. Wie hätte Charlie Chaplin sie beantwortet? Oder Orson Welles? Hätte man ihnen diese Frage überhaupt gestellt? Ich sehe mich als Geschichtenerzähler, der auch ein Poet sein will, weshalb ich irgendwo zwischen diesen beiden Ansätzen gefangen bin, was so ähnlich ist, wie zwei Pferde gleichzeitig reiten zu wollen. Was übrigens möglich ist. Man braucht nur das richtige Training und ein Talent dafür, so wie alle guten Zirkusartisten.

22:03 12.12.2018

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