Im Ring

Zum Film Das Langfilm-Debüt von Thomas Stuber verbindet Realismus und persönliches Drama stimmig mit Versatzstücken des Genres und vermeidet dabei stilsicher die üblichen Klischees
Im Ring
Foto: Verleih

Herbert

Zuerst ist es nur ein Zittern, beinahe unmerklich. Dann verlässt die tätowierte rechte Hand die Kraft, kurz darauf gibt das Bein nach. Herbert (Peter Kurth) – Geldeintreiber, Türsteher, Boxtrainer, Ex-Knacki, Ex-Boxer, „Der Stolz von Leipzig“ – liegt zuckend auf dem Boden der Dusche. Sein Körper lässt ihn im Stich. Zuerst ignoriert Herbert die Ausfallerscheinungen, aber sie weiten sich aus. Während Specht (Reiner Schöne) seinen Freund tätowiert und Herbert ihn davon überzeugen will, endlich ihren langgehegten Traum zu verwirklichen – mit einer Harley auf die Route 66 zu gehen – erleidet er einen Muskelkrampf im gesamten Körper. Dennoch klammert sich Herbert an eine Welt, in der körperliche Kraft alles ist, denn ohne seine Fäuste weiß er sich nicht gut zu helfen.

Seine Freundin Marlene (Lina Wendel) hält er rüde auf Abstand, den Kontakt zu seiner Tochter (Lena Lauzemis) hat er vor Jahrzehnten abgebrochen, nach seiner Verhaftung. Nur zu seinem Schützling Eddy (Edin Hasanovic), den er auf einen wichtigen Meisterschaftskampf im Boxen vorbereitet, hat er eine beinahe väterliche Beziehung – und zu den Skalaren in seinem Aquarium.

Die Diagnose ALS erschüttert Herberts Welt, seine Existenz. ALS, erfährt er, ist eine degenerative Erkrankung des motorischen Nervensystems mit tödlichem Verlauf. Herbert fällt aus seiner Welt, kollabiert auf der Toilette eines Clubs, in dem er als Ordner arbeitet. Am Krückstock ist er weder als Geldeintreiber noch als Türsteher oder Boxtrainer zu gebrauchen. Er sieht sich am Ende, schließt sich in seiner Wohnung ein, säuft, schaut alte Boxkämpfe und schlägt auf den Sandsack ein, bis er zusammenbricht.

Als Herbert seiner Körperkraft immer weniger trauen kann, erkennt er schließlich doch noch, dass es wichtigere Dinge im Leben gibt als körperliche Stärke. Herbert versucht, Gefühle zuzulassen und die Trümmer seiner Vergangenheit aufzulesen. So lädt er seine Freundin Marlene zum Tanzen ein und lernt auf dem Spielplatz seine Enkeltochter Ronja (Lola Liefers) kennen, von deren Existenz er nichts wusste. In diesen Momenten erlebt er sein persönliches kleines Glück.

Nachdem Herbert von Ex-Schuldnern auf der Straße zusammengeschlagen wird und sich – sichtlich geschwächt von der Krankheit – nicht wehren kann – beschließt Marlene, seine Freundin, zu ihm in seine Junggesellenbude zu ziehen. Erstmalig lässt Herbert ihre Nähe zu.

Aber seine Tochter Sandra kann ihm zunächst nicht verzeihen. Sie weist seine ungeschickten Annäherungsversuche ebenso von sich wie das Geld, das er für seine USA-Reise gespart hat. Herbert, der Zeit seines Lebens nicht viele Worte gemacht hat, bleibt nichts anderes mehr als zu reden. Aber Sandra will nichts hören und unterbindet den Kontakt zu seiner Enkelin. Zu tief sind die Verletzungen der Kindheit. Als seine Stimme immer schwächer wird, bespricht Herbert schließlich eine alte Musikkassette, tastet nach den Worten, die er im bisherigen Leben nie finden konnte.

Die Krankheit schreitet weiter fort und als Herbert zum Pflegefall wird, zwingt er Marlene zu gehen.

Kurz vor dem Ende wird für Herbert der verhasste Rollstuhl zum Harley-Ersatz, und die Straßen Leipzigs zur Route 66. Und er sieht Eddy im Boxring siegen. Aber als Sandra zusammen mit Ronja den fremden und lange abwesenden Vater doch noch besuchen möchte, ist das Bett abgezogen und Herberts Sachen sind in Kartons verpackt.

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Produktionsnotizen

DAS TEAM

HERBERT wurde im Frühjahr 2014 in Leipzig und Halle gedreht. Regie führte Thomas Stuber, Gewinner des Studenten-Oscars® und des Deutschen Drehbuchpreises, der in Zusammenarbeit mit dem vielfach prämierten Schriftsteller Clemens Meyer auch das Drehbuch schrieb. Produziert wurde der Film von Undine Filter und Thomas Král (DEPARTURES Film) in Koproduktion mit Anatol Nitschke (deutschfilm). Stuber, Filter und Král sind ein bewährtes Team und haben schon beim hochprämierten Kurzfilm VON HUNDEN UND PFERDEN zusammengearbeitet, bei dem Stuber eine Kurzgeschichte von Clemens Meyer adaptierte, der in dem Film eine Gastrolle übernahm. Auch in HERBERT ist Meyer wieder in einer kleinen Rolle auf der Leinwand zu sehen. „Noch während seines Studiums in Ludwigsburg kam Thomas mit dem Drehbuch für seinen Abschlussfilm VON HUNDEN UND PFERDEN zu uns“, sagt Undine Filter. Im Stoff wie im Regisseur sahen die Produzenten viel Potential. Schon vor dem großen Erfolg des Kurzfilms fiel ihnen daher die Entscheidung leicht, dem Regisseur die Verantwortung für einen Kinofilm zu übertragen. „Thomas Stuber gelingt grandios, das kleine Glück von Außenseitern filmisch ganz groß zu erzählen“, so die Produzentin begeistert. „Dies ist ihm mit HERBERT erneut bravourös gelungen. Thomas Stuber vermag einen Sog zu erzeugen, der das Publikum so in die Welt der Figuren hineinzieht, dass echtes Verständnis entsteht“.

DIE VORBEREITUNG

Weil dem Team Authentizität immens wichtig war, waren für HERBERT umfangreiche Vorarbeiten notwendig. Peter Kurth mutete seinem Körper für die Rolle viel zu, bereits ein halbes Jahr vor den Dreharbeiten begann er mit dem Boxtraining und nahm 14 Kilogramm Körpergewicht zu. Und von vornherein war klar, dass dieses Gewicht mit einer strengen Diät kurz nach Drehbeginn wieder abtrainiert werden musste. Peter Kurth wusste, was das bedeutete. „Darum hat er einige Wochen mit sich gerungen, bis er mir zusagte“, erzählt Regisseur Stuber. Gemeinsam recherchierten sie auch die physischen Symptome der Krankheit und verbrachten Zeit mit einem ALS-Patienten, damit Kurth Sprachausfälle und Bewegungsmuster authentisch spielen konnte. Auch Regisseur Stuber bereitete sich akribisch vor. Dies zahlte sich u.a. einmal ungeplant beim Dreh einer Boxkampfszene aus, als kurzfristig der Boxprofi ausfiel. Der Regisseur stieg einfach selbst in den Ring, damit der Drehtag mit 150 Komparsen weitergehen konnte. Auch auf deren Auswahl und vor allem die der Originalschauplätze wurde viel Zeit und Sorgfalt verwandt. Aufwendig war z.B. die Suche nach dem zentralen Motiv von Herberts Wohnung: Der Wohnungsleerstand nimmt in Leipzig seit Jahren ab, so dass gerade teil- oder unsanierte Wohnungen nur noch schwer zu finden sind. Außerdem musste das Motiv nicht nur den künstlerisch-visuellen Ansprüchen genügen, sondern auch die Logistik sollte stimmen. Authentizität macht Arbeit.

CHARAKTER- UND MILIEUSTUDIE

HERBERT, sagen Produzenten und Regisseur, sei eher eine Charakter- und Milieustudie, kein Boxfilm. „Dass Herbert boxt, beschreibt in erster Linie seinen Charakter“, meint Filter. „Wir erzählen die Geschichte eines Mannes, der sich selbst immer über seine physische Kraft, seine Muskeln und seine Erscheinung definiert hat und der sich durch seine Krankheit nun umorientieren muss. Seine Kraft schwindet, sein Körper lässt ihn im Stich, seine bisherigen Strategien funktionieren nicht mehr, er muss sich neu definieren und eine andere Stärke finden.“ Ein Kampf, der Herbert mehr fordert als jeder Ringkampf. „Herbert ist in gewisser Weise aus der Zeit gefallen und in der heutigen Gesellschaft ist er nicht wirklich angekommen“, sagt Stuber. „Er bewegt sich in einer Nische, einem Milieu am Rande der Legalität. Dort hat er seine Rolle gefunden und diese Rolle verliert er im Laufe des Films wieder.“

LEIPZIG ALS ERZÄHLORT

Der Schauplatz Leipzig, der auch das Zuhause von Stuber, Meyer und den Produzenten ist, wurde bewusst gewählt. „Es gibt im Kino so viele Berlin-Geschichten, aber über Mitteldeutschland nur sehr wenige“, sagt Undine Filter. „Wir wollen solche Geschichten auf die Leinwand bringen“. „HERBERT könnte auch in New York spielen“, betont Stuber, aber „Leipzig ist das, wofür Clemens und ich stehen. Ich glaube, es ist wichtig, dass alles einen persönlichen Geruch hat. Leipzig ist ein tolles Pflaster für große Geschichten, Außenseitergeschichten, die groß werden können, weil es eben nicht die ganz große Metropole ist.“

Ebenso wichtig war Produzenten und Regisseur darzustellen, wie der Zusammenbruch der DDR auch heute noch die Menschen in ihrem Leben beeinflusst. „Wir wollen Geschichten erzählen, die in der Region und im Erleben der Menschen vor Ort verankert sind“, so Stuber.

CHRONOLOGISCHER DREH

HERBERT wurde, anders als meist beim Film üblich, chronologisch gedreht. Für Stuber und die Produzenten war diese Entscheidung alternativlos, weil sonst die Intensität, die HERBERT auszeichnet, nicht möglich gewesen wäre. „Sicher, so etwas macht ein Produzent nicht gerne, weil Kosten und Aufwand deutlich steigen, aber uns war klar, dass nur so der Hauptdarsteller und der Regisseur in die Figur und die Geschichte hineinwachsen können. Dazu kam natürlich, dass Peter Kurth im Laufe des Films mehr als zehn Kilo abnimmt und deutlich an Muskelmasse verliert, auch das hätte bei nicht chronologischen Dreharbeiten Probleme bereitet.“, erklärt Undine Filter.

HERBERT ALS EHEMALIGER HÄFTLING

Auf Herberts tätowiertem Rücken thront der Schriftzug „Torgau“. „Darüber haben wir vorab diskutiert“, sagt Undine Filter. Torgau ist in der Öffentlichkeit ja vor allem als DDR-Gefängnis für politische Häftlinge bekannt, gleichzeitig war es aber auch eine Haftanstalt für Kriminelle. „Wir wollten nicht, dass Herbert als politischer Gefangener wahrgenommen wird, er ist kein politischer Mensch“, beschreibt Produzentin Filter die Diskussion. „Aber jeder, der in Leipzig verhaftet wurde, egal aufgrund welchen Vergehens, kam nach Torgau. So auch Herbert. Die Zeit im Knast war für Herbert eine prägende Erfahrung und die hat er groß auf seinem Rücken verewigt. So entschied man sich für die Tätowierung – für die historische Authentizität und für die der Figur.“

DAS ENDE

Die Versöhnung mit seiner Tochter bleibt Herbert verwehrt. Für den Regisseur und die Produzenten war aber kein versöhnlicheres Ende vorstellbar, erklärt Stuber. „Wir erzählen kein Märchen, es gibt keine Erlösung!“ Die Produzentin Filter ergänzt: „Für mich liegt gerade hier die große Stärke des Drehbuchs – jede Figur tut, was sie tun muss und gerade daraus erwächst große Tragik: Herbert bedroht Marlene, weil sie sich sonst aufopfern würde. Marlene geht, obwohl sie ihn liebt. Bodo feuert seinen Kumpel Herbert, weil er als Geldeintreiber nicht mehr zu gebrauchen ist. Und sein Freund Specht besäuft sich lieber mit ihm, statt ihm zu sagen, dass er seine Medikamente nehmen sollte.“ Der Regisseur betont aber auch: „Der Film wird leichter zum Ende hin.“ Der Zuschauer kann es ertragen, weil sich Herbert mit seinem Schicksal abgefunden hat und hin und wieder sogar lachen kann.

17:19 17.03.2016

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