Damals und heute

Zum Film Auf der Beerdigung von Emmas Mann Frederik taucht plötzlich Gerard auf, Emmas erste große Liebe und Frederiks bester Freund – bis dieser Emma heiratet. Seitdem haben sich die drei nie mehr wiedergesehen
Damals und heute
Foto: Pandora Film Verleih

Für Emma (Chris Lomme) ist „nichts schöner, als das Prasseln von Regen auf dem Dach“ zu hören. Doch seit ihr Mann Frederik (Karel Vingerhoets) gestorben ist, fällt es ihr ziemlich schwer, im Leben weiter zu machen wie bisher. Frederik war ein anerkannter Akademiker und erfolgreicher Unternehmer, und so kommen viele Menschen zu seiner Beerdigung. Als sein Geschäftspartner Werner (Lucas Van den Eynde) während der Trauerrede an Frederiks Lebensmaxime erinnert: Man sollte immer alles so tun, als sei es das erste Mal – muss Emma lächeln. Während sich die Trauergäste am Sarg verabschieden, legt jemand einen roten Dartpfeil auf den Sarg. Es ist Gerard (Jo De Meyere), Emmas erste große Liebe und Frederiks bester Freund – bis dieser Emma heiratet. Seitdem haben sich die drei nie mehr wiedergesehen. Das ist 53 Jahre, 3 Monate und 6 Tage her.

Emma ist inzwischen eine attraktive und moderne Frau der 60+ Generation, für die ein Englisch-Kurs, Sport oder die sozialen Medien durchaus zum Alltag gehören. Ihre Freude und Neugierde aufs Leben prägen ihre liebevolle und offene Beziehung zu ihrer 20-jährigen Enkelin Evelien (Charlotte De Bruyne). Es scheint, als gäbe es nichts, was sich die beiden nicht erzählen würden – vor allem, wenn es um die Liebe geht. Während Evelien gerade die ersten Konflikte mit ihrem Freund Björn durchlebt, ist Emmas Tochter Jacky (Katelijne Verbeke) in einer unglücklichen Beziehung mit dem verheirateten Werner gefangen. In der Hoffnung, ihrer eigenen Einsamkeit zu entkommen, erklärt Jacky nach dem Tod des Vaters Emma zu ihrem „persönlichen Pflegefall“.

Doch Emma ist zu erfahren, um als Lückenbüßerin für das unerfüllte Leben ihrer Tochter zu dienen. Trickreich und mit Humor versucht sie, der dominanten Fürsorge Jackys und deren Auffassung, wie Emmas Leben als Witwe zu verlaufen hat, zu entfliehen. So erzählt sie zwar Evelien aber nicht Jacky davon, dass Gerard nach der Beerdigung über Facebook mit ihr Kontakt aufgenommen hat. Evelien ermutigt Emma, sich mit Gerard zu treffen, um über alte Zeiten zu sprechen. Aber Emma kneift und versetzt Gerard. Doch der bleibt hartnäckig.

Als sich Emma und Gerard bei einem zweiten Versuch tref- fen, sind beide unbeholfen und wissen nicht, wie sie nach all den Jahren miteinander umgehen sollen. Und so bleibt es nicht aus, dass es zu einem Missverständnis kommt. Emma geht und lässt sich in ihre Trauer fallen. Zu viele Ehejahre, zu viele Erinnerungen an ihr Leben mit Frederik, als wüsste sie nicht, „wer sie ohne ihn ist“.

Eines Abends steht Gerard mit einem Strauß Blumen vor Emmas Tür. Dieses Mal nehmen sie sich Zeit, um über ihr Leben und ihre gemeinsamen Erinnerungen zu sprechen. Gerard ist Schriftsteller. Er kümmert sich um seinen Bruder Karel (Hugo Van Den Berghe), der – einst begnadeter Konzertpianist – jetzt in einem Pflegeheim lebt. Gerard war zweimal verheiratet und hat einen Sohn aus jeder Ehe. „Du hast eben nie die Richtige gefunden“, versucht ihn Emma zu trösten. „Doch, ein Mal“, erwidert er.

Es ist ganz offensichtlich: Gerard wirbt um Emma – genauso wie vor mehr als 50 Jahren. Für ihn ist sie immer noch das junge Mädchen aus der Vergangenheit. Und dann kommen sie wieder, wie damals – diese einzigartigen, romantischen Liebesbriefe von Gerard, jene Briefe, denen Emma nicht widerstehen kann, weil sie „direkt in ihr Herz gehen“. Ungläubig stehen Emma und Gerard vor der Tatsache: Sie sind ineinander verliebt.

Wohin das nach all den Jahren führen wird, wissen beide nicht. Aber sie erkennen, dass Verliebtsein kein Alter kennt. Genauso wie die körperliche Anziehungskraft und der Wunsch nach Sexualität. Und so wagen sie es und geben sich ihrer Liebe hin. Zunächst. Denn eine Affäre in diesem Alter muss sich dem „Reality-Check“ gesellschaftlicher Konventionen und vor allem der Familie stellen. Emma zweifelt. „Es fühlt sich nicht richtig an“, so kurz nach Frederiks Beerdigung. Sie vertraut sich ihrer Enkelin an. Mit ihr kann Emma auch über Sex sprechen. „Es ist unglaublich, wie wir uns erkunden.“ Eveline findet das seltsam, steht aber Emmas Beziehung offen gegenüber.

Jacky hingegen reagiert entsetzt, als sie Gerard eines Morgens im Haus ihrer Mutter antrifft. Sie fühlt sich von Emma hintergangen. Es kommt zu einem Eklat zwischen Mutter und Tochter. Emmas Zweifel werden größer, und sie zieht sich zurück. Auch aus ihrer Beziehung zu Gerard. Der hat lange genug gewartet. Er stellt Emma ein Ultimatum – sie soll sich entscheiden, zwischen einem Leben mit den Erinnerungen an ihren verstorbenen Mann Frederik oder einem Leben mit ihm. Denn seine Liebe ist immer noch so stark, dass er Emmas Zurückweisung ein zweites Mal nicht ertragen würde. Emma zögert. Aus dem Zögern wird Liebeskum- mer und aus dem Liebeskummer wird die Gewissheit, dass sie immer noch in der Lage ist, jemanden „einfach so“ und „ganz und gar“ zu lieben. Es wird Zeit, die Dinge ein für alle Mal zu regeln. Und so schreibt Emma ihren ersten Liebesbrief an Gerard. Sie bittet ihn, sich mit ihr an jenem Ort zu treffen, den Gerard in seinem ersten Buch beschrieben hat, und an dem im August 1966 Emmas Entscheidung für Frederik gefallen ist. Wenn er nicht kommt, wisse sie, dass alles vorbei sei und ihre Liebe keine Zukunft hätte.

Gemeinsam mit Evelien fährt Emma an den französischen Küstenstreifen Côte d’Opale. Doch Gerard scheint nicht zu kommen. Emma ist enttäuscht. „Du dachtest, ich komme nicht“, sagt eine Stimme hinter ihr. Es ist Gerard. „Ich bin auf dem Weg nach Süden“, fügt er lächelnd hinzu. „Es ist noch Platz im Auto. Falls du mitkommen willst.“

15:53 19.10.2016

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