Sichtweisen

Synopsis Die meisten Filme über psychische Erkrankungen versuchen, die Thematik aus Sicht der Betroffenen zu schildern. "Hirngespinster" hingegen nimmt sich des Blickwinkels der Angehörigen an
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Auf den ersten Blick wirkt die Familie des 22-jährigen Simon Dallinger (JONAS NAY) wie eine ganz normale Mittelstands-Familie: Vater Hans (TOBIAS MORETTI) tüftelt in seinem Arbeitszimmer leidenschaftlich an komplizierten Konstruktionsplänen für einen Museumsbau. Mutter Elli (STEPHANIE JAPP) arbeitet bei einer Versicherung und das 8-jährige Nesthäkchen Maja (ELLA FREY) ist begeisterte Tischtennisspielerin. Doch hinter der Fassade des architektonisch herausstechenden Einfamilienhauses sieht es anders aus. Simons Vater verhält sich ziemlich sonderbar: er fühlt sich beobachtet, führt Selbstgespräche und hat Ärger mit der Polizei, nachdem er in einer Nacht-und-Nebel-Aktion die Satellitenanlage der Nachbarn zerstört hat, um nicht mehr „ausspioniert“ zu werden.

Simon ist derjenige, der bei all dem Chaos den Haushalt der Familie schmeißt und sich liebevoll um seine kleine Schwester kümmert. Denn Hans hat seit längerem keinen Auftrag mehr nach Hause gebracht und Elli arbeitet als Alleinversorgerin oft bis spät in die Nacht, um die Familie durchzubringen. Simon scheint sich ganz gut mit diesem Leben arrangiert zu haben. Die Frage, warum er nichts aus seinem großen Talent fürs Zeichnen macht, schiebt er auf. Ansonsten fährt er tagsüber als Busfahrer Schulkinder durch die Gegend und hängt – sobald es die Situation zu Hause zulässt – in der Bar seines Kumpels Guido (MICHAEL KRANZ) oder in einem der wenigen Clubs der Kleinstadt herum.

Dort lernt er eines Abends die schlagfertige und attraktive Verena (HANNA PLAß) kennen und verliebt sich Hals über Kopf in sie. Doch Verena wird nicht lange in der Stadt bleiben. Sie absolviert zur Vorbereitung ihres Medizinstudiums nur ein Praktikum im örtlichen Krankenhaus. Verwirrt geht Simon an diesem Abend nach Hause. Hans„ Zustand verschlechtert sich indes. Als Handwerker eine neue Satellitenschüssel auf dem Nachbardach installieren, verliert er die Kontrolle. Mit einer Axt geht er auf die Männer los und demoliert deren Auto. Simon wird verständigt – ausgerechnet in dem Moment, als er sein erstes Date mit Verena hat. Ohne ihr etwas zu erklären, rast er davon und lässt eine ratlose Verena zurück. Als Simon zu Hause ankommt, ist der Polizeieinsatz in vollem Gange, und Hans wird in die Psychiatrie eingewiesen, dieses Mal in die geschlossene Abteilung. Der behandelnde Arzt, Dr. Steinhauer (JOHANNES SILBERSCHNEIDER), diagnostiziert einen neuen psychotischen Schub. Hans soll mit starken Psychopharmaka behandelt werden, die ihm allerdings zwangsverabreicht werden müssen, denn er verweigert jegliche Therapie.

Verzweifelt befragt Simon den Arzt nach seinem eigenen Schicksal: Denn es ist wahrscheinlich, dass zwei von zehn Kindern an Schizophrenie erkranken, wenn ein Elternteil daran leidet. Und was ist mit ihm? Doch der Arzt kann ihm nicht weiterhelfen: bisher gibt es keine eindeutige Möglichkeit, eine erbliche Vorbelastung festzustellen, und so muss Simon weiter mit der Angst leben, selbst einmal wahnsinnig zu werden. Traurig und geschockt vom Zustand seines Vaters hält Simon sich erst einmal fern von Verena. Wie sollte er ihr all das auch erklären? Als Hans nach einiger Zeit aus der Psychiatrie entlassen wird, sind alle Familienmitglieder um Normalität bemüht. Aber Hans verweigert weiterhin die Medikamente. Simon und seine Mutter ringen um einen Weg, damit umzugehen. Elli will ihren immer noch geliebten Mann nicht ganz an die Krankheit verlieren und mischt in ihrer Verzweiflung schließlich die Pillen heimlich unters Essen.

Hans hatte immer große Angst, seine Kreativität zu verlieren, doch genau dies macht sich bei ihm als eine der Nebenwirkungen der Psychopharmaka nun bemerkbar. Und trotzdem, Hans wird ruhiger und zugänglicher. Die teuer erkaufte Normalität mit Hans als funktionierendem Vater und Ehemann währt nicht lange, denn Hans entgeht der Verrat durch seine Ehefrau letztlich nicht. In dem dadurch neu ausgelösten Verfolgungswahn stellt er seine Ernährung auf Konservendosen um und beginnt die gesamte Wohnung als „Abhörschutz“ gegen die Satelliten mit Goldfolie auszukleiden. Schließlich droht Hans mit Scheidung. Er vermutet, dass seine Familie und sein Ex-Kompagnon Jochen Benrath (STEFAN HUNSTEIN) unter einer Decke stecken und es auf seine Entwurfsideen für den Architekturwettbewerb abgesehen haben. Benrath hatte Hans vor einigen Jahren aus der gemeinsamen Firma gedrängt, weil dessen Verhalten damals nicht mehr tragbar war.

In Gedanken ist Simon ständig bei Verena und er will nichts lieber, als mit ihr zusammen zu sein. Aber seine Familie nimmt ihn in Beschlag. Verena spürt, dass Simon sich nicht wirklich auf sie einlassen kann oder will. Dennoch taucht sie eines Abends überraschend bei ihm zu Hause auf. Von der in Goldfolie gepackten Welt der Dallingers nicht sonderlich beeindruckt, versucht Verena Simon aus der Reserve zu locken. Sie eröffnet ihm, dass sie in ein paar Tagen die Kleinstadt verlassen wird, um ihr Medizinstudium in Hamburg zu beginnen. Doch in diesem Moment kann Simon nichts anderes tun, als sie ziehen zu lassen. In seiner wachsenden Zerrissenheit versucht Simon mit allen Mitteln, seinen Vater zu der Einsicht zu bewegen, dass er krank ist und dringend Hilfe benötigt – aber vergeblich.

Selbst als er ihn bis aufs Äußerste provoziert, dringt er nicht zu seinem Vater durch. Hans hingegen fühlt sich immer mehr bedroht. Er packt seine Architekturentwürfe zusammen, flüchtet und verbringt die Nacht in seinem Auto unter einer Autobahnbrücke. Als er am nächsten Morgen von einer Polizeistreife kontrolliert wird, flieht er in seinem Wahn. Simon, der seinen Vater überall gesucht hat, weiß schließlich, wo er ihn finden kann. Die Situation eskaliert und es kommt zu einem folgenschweren Unfall. Simon erkennt, dass er das Leben seines Vaters nicht ändern kann, sondern nur sein eigenes.

19:19 09.10.2014

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