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Biographien Politisch, parteiisch und persönlich sind die Arbeiten von Ken Loach, und immer hat sich der renommierte Filmemacher als Chronist und Ankläger sozialer und politischer Missstände bewiesen
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Foto: Prokino Filmverleih

KEN LOACH (REGIE)

Kenneth Loach wurde am 17. Juni 1936 in Nuneaton in der englischen Grafschaft Warwickshire geboren. Er besuchte in seiner Schulzeit die King Edward VI. Grammar School und studierte später Jura in St. Peter‘s Hall in Oxford. Er verließ aber den eingeschlagenen Weg wieder und ging eine Zeit lang als Schauspieler mit einem Tourneetheater auf Reisen. 1963 begann Ken Loachs Regiekarriere bei der BBC. Gemeinsam mit Produzent Tony Garrett entwickelte er für die Reihe „Wednesday Play“ zahlreiche Fernsehfilme, die durch ihren dunklen, erbarmungslosen Realismus auffielen (insbesondere „Up the Junction“ und „Cathy Come Home“). Sein Doku-Drama „Cathy Come Home“ provozierte 1966 eine vehemente Diskussion, und schließlich änderte die britische Regierung sogar ihre Obdachlosen-Gesetze. Sein Kinodebüt POOR COW war noch in einem ähnlichen, unbarmherzigen semi-dokumentarischen Stil gedreht, den er bei seinem 1969 inszenierten KES etwas lockerte. Die Verfilmung des Bestsellers über einen Jungen und den von ihm trainierten Falken ist ein britischer Kultklassiker. In den 70er-Jahren arbeitete Loach wieder vor allem fürs Fernsehen, bevor er in den 80ern zum Kino zurückfand. In den 90ern wurde Loachs RIFF RAFF genauso mit dem Felix als Bester europäischer Film ausgezeichnet wie sein LAND AND FREEDOM.

RAINING STONES gewann 1993 den Jury-Preis in Cannes, BREAD AND ROSES lief dort 2000 im Wettbewerb, und mit THE WIND THAT SHAKES THE BARLEY gewann er 2006 die Goldene Palme. Seine größten Kino-Erfolge waren LAND AND FREEDOM, BREAD AND ROSES, THE NAVIGATORS und vor allem AE FOND KISS. Für MY NAME IS JOE gewann er den British Independent Film Award, und sein Film IT'S A FREE WORLD (2007) wurde bei den 64. Filmfestspielen von Venedig mit der Goldenen Osella für das Beste Drehbuch, dem EIUC- und SIGNIS- Award ausgezeichnet. LOOKING FOR ERIC wurde 2009 ebenfalls auf dem Filmfest in Cannes vorgestellt. Es folgten 2012 die vergnügliche Whiskey-Komödie THE ANGELS’ SHARE, 2013 der Dokumentarfilm THE SPIRIT OF ’45 über das Zusammenwachen der britischen Gesellschaft während des II. Weltkriegs und 2014 das historische Drama JIMMY’S HALL.

In seiner bemerkenswerten und langen Karriere ist Ken Loach sich selbst und seinen Idealen immer treu geblieben. Seine Filme sind mal warmherzige, mal bittere Geschichten, die meist vom Leben selbst geschrieben wurden. Politisch, parteiisch und persönlich sind Loachs Arbeiten, und immer hat sich der renommierte Filmemacher als Chronist und Ankläger sozialer und politischer Missstände und als eindringlicher Erzähler bewiesen.

Ken Loach arbeitete zudem mit zahlreichen Stars des internationalen Kinos zusammen und hat ein untrügliches Gespür für schauspielerisches Talent – so entdeckte er beispielsweise heutige Größen wie Adrien Brody, Robert Carlyle oder Cillian Murphy. Seit CARLA’S SONG (1996) arbeitet Ken Loach eng mit dem Drehbuchautoren Paul Laverty zusammen. So auch für ICH, DANIEL BLAKE, mit dem Loach 2016 zum zweiten Mal die begehrte Goldenen Palme von Cannes gewann.

PAUL LAVERTY (DREHBUCH)

Seit genau 20 Jahren ist Paul Laverty der Drehbuchautor an Ken Loachs Seite und seitdem an fast allen Projekten Loachs beteiligt. Laverty kam 1957 als Sohn einer Irin und eines Schotten in Kalkutta zur Welt. Vor seiner Karriere als Drehbuchautor studierte er zunächst Philosophie in Rom und anschließend Jura in Glasgow. Laverty blieb dort zunächst als Anwalt, und war danach für eine Menschenrechtsorganisation in Lateinamerika tätig. In CARLA’S SONG flossen viele seiner Erlebnisse und Beobachtungen ein. 1998 wurde Laverty bei den British Independent Awards mit dem Preis für das Beste Drehbuch (MY NAME IS JOE) ausgezeichnet, 2002 bekam er die Auszeichnung für das Beste Drehbuch in Cannes für SWEET SIXTEEN, und 2004 wurde sein Drehbuch für JUST A KISS für den Europäischen Filmpreis nominiert. 2012 erhielt sein Drehbuch zu THE ANGEL’S SHARE den BAFTA Award in Schottland. Für seine Lebensgefährtin, der spanischen Regisseurin Icíar Bollaín, erarbeitete er bislang zwei Drehbücher: zu TAMBIÉN LA LLUVIA – UND DANN DER REGEN (2010) und jüngst zu EL OLIVO – DER OLIVENBAUM. Bei Bollaíns KATMANDU fungierte er 2011 als Koautor. ICH, Daniel BLAKE ist die 14. gemeinsame Arbeit mit Ken Loach.

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DAVE JOHNS (DANIEL BLAKE)

Dave Johns wurde 1957 in Wallsend im Nordosten Englands geboren und ist ein gefeierter Stand-up Comedian, Schauspieler und Autor. Neben Theaterrollen in „Einer flog übers Kuckucksnest“, „Die zwölf Geschworenen“ und „Die Verurteilten“ tritt er regelmäßig in englischen Comedysendungen im Fernsehen oder in Londoner Improvisations-Shows auf; zudem geht er regelmäßig mit Soloprogrammen auf Tour in der ganzen Welt. ICH, DANIEL BLAKE ist das Kinodebüt von Dave Johns. Seine Homepage: www.davejohns.net.

HAYLEY SQUIRES (KATIE)

Hayley Squires, 28, wurde im Süden Londons geboren, sie ist Film- und Theaterschauspielerin und Autorin. Das von ihr verfasste Stück, die schwarzhumorige Komödie „Vera, Vera, Vera“, wurde 2012 im Londoner Royal Court Theatre aufgeführt. Ihr Kinodebüt feierte sie 2014 mit dem Drama BLOOD CELLS. Es folgte 2015 die auch in Deutschland gelaufene historische Komödie A ROYAL NIGHT – EIN KÖNIGLICHES VERGNÜGEN. 2016 drehte Katie Squires neben ICH, DANIEL BLAKE das Drama AWAY.

DAVE JOHNS UND HAYLEY SQUIRES ÜBER DAN UND KATIE

Herr Johns, wer ist Dan?

Dan ist Ende 50 und ein Typ, der sein ganzes Leben als Zimmermann gearbeitet hat. Er ist stolz auf seine Arbeit und schnitzt diese kleinen Holzfische in seiner Freizeit. Er ist ein ehrlicher Kerl, immer geradeaus, und er hat Sinn für Humor. Ein würdevoller Mann, der immer auch das tut, was er sagt. Er hat sich aufopferungsvoll um seine psychisch kranke Frau gekümmert, doch seitdem sie tot ist, fühlt er sich ein wenig verloren. Dann bekommt er diesen Herzinfarkt, und der Arzt verbietet ihm zu arbeiten. Plötzlich muss er sich mit Autoritäten, diesen Paragraphenreitern herumärgern, die sich nicht umstimmen lassen. Das lässt ihm die Nackenhaare zu Berge stehen, aber er versucht, auf seine Art damit umzugehen: aufrichtig, würdevoll und mit Humor. Doch das wird für ihn immer schwieriger, denn sie haben alle Trumpfkarten in der Hand.

Das System reibt ihn allmählich auf. Dann begegnet er Katie, die mit ihren beiden Kindern aus London hergezogen ist, und sie werden Freunde. Sie steckt in der Klemme, und womöglich sieht er die Schuld zuerst bei ihr. Er will ihr helfen, obwohl er zunächst gar nicht begreift, dass es ihm selbst auch dreckig geht.

Frau Squires, wer ist Katie?

Katie ist eine 27-jährige Frau aus dem Süden Londons, die eine zehnjährige Tochter und einen siebenjährigen Sohn hat. Sie ist ein helles Köpfchen und will lernen, doch zwei Jahre vor ihrem Umzug nach Newcastle wurde sie in London zwangsgeräumt. Sie hatte von privat ein Haus gemietet, sich darüber beschwert, dass der Boiler nicht funktioniert, und wurde vom Vermieter hinausgeworfen – solche Vorkommnisse sind in London gerade weit verbreitet. Sie musste also ihr Haus verlassen und wurde von der Kommune in ein Obdachlosenasyl gesteckt. Zwei Jahre hat sie dort zugebracht, bevor sich die Kommune meldete und sagte: „Wir haben eine Bleibe für Sie, aber die ist in Newcastle.“ Sie hatte keine Wahl und musste dort hinziehen. Aber sie ist noch nie in Newcastle gewesen. Ihre Mutter ist in London, es geht ihr nicht gut, Katie hat also niemanden da oben.

Das erste Mal begegnen wir Katie, als sie im Jobcenter einen Termin wegen des Umzugs hat, um die neue Adresse anzugeben und die Arbeitslosenpapiere durchzusehen. Doch leider kommt sie eine halbe Stunde zu spät, weil sie sich mit den Kindern in der fremden Stadt verlaufen hat. Und dann wird ihr gesagt, dass sie sanktioniert wird. Das bedeutet, dass sie einen Monat lang überhaupt kein Geld haben wird.

10:03 24.11.2016

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