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Einblicke Im Jahre 1996 fanden Regisseur Ken Loach und Autor Paul Laverty erstmals für den Film "Carla's Song" zusammen – zwölf weitere gemeinsame Produktionen sollten bis heute folgen
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Foto: Prokino Filmverleih

„IM KEN’SCHEN SINNE“ – AUS DEM FILMISCHEN KOSMOS DES KEN LOACH

Es muss als großer Glücksfall des internationalen Kinos angesehen werden, dass sich Ken Loach und Paul Laverty vor genau 20 Jahren für den Film CARLA’S SONG erstmals fanden. Denn trotz des großen Altersunterschieds von mehr als 20 Jahren hatten sich zwei Brüder im Geiste gefunden. Hier der studierte Jurist und „alte Hase“ Loach, der bereits 1967 mit POOR COW seinen ersten Kinofilm inszeniert hatte (da war Laverty zehn Jahre alt), dort der studierte Philosoph Laverty, der mit Loach und CARLA’S SONG sein allererstes Drehbuch realisierte. Zwölf weitere gemeinsame Filme sollten bis heute folgen, mit Preisen überhäuft, weltweit anerkannt – und doch immer der Sache verpflichtet.

Denn ob es sich um illegale Einwanderung (BREAD AND ROSES, 2000), den irischen Freiheitskampf in den 1920er-Jahren (THE WIND THAT SHAKES THE BARLEY, 2006) oder einen fanatischen Fußballfan von Manchester United (LOOKING FOR ERIC, 2009) handelt, stets geht es in den Filmen von Loach und Laverty um den so genannten „kleinen Mann“ und seine Bedürfnisse, um den ewigen Kampf gegen die Ungerechtigkeit der Mächtigen, um Solidarität, Liebe und Freundschaft. Und um Humor. Wenn es nach Rebecca O’Brien geht, der langjährigen Produzentin Loachs, darf das gerne so weitergehen. „Es ist für Ken und Paul fantastisch, mit ICH, DANIEL BLAKE wieder etwas so aktuell Politisches und auch Wichtiges gedreht zu haben. Diese Gegenwärtigkeit erzeugt eine ungemeine Vitalität, an der nicht nur Ken und Paul teilhaben, sondern auch der Film selbst. Es ist wunderbar, Ken so voller Energie zu sehen. Manchmal denke ich: Ach Gott, hoffentlich können wir ewig so weitermachen.“ Rebecca O’Brien schätzt auch den explizit politischen Ansatz von Loachs Filmen und berichtet, dass der 80-Jährige gerade über die sozialen Medien viele junge Fans hat. „Das hat sicherlich damit zu tun, dass es nicht sehr viele Menschen gibt, die ihren Kopf über das Geländer halten und unverhohlen politisch agieren. Älter zu sein hilft einem dabei: Man hat nichts zu verlieren und kann sagen, was man denkt.“

Alle Beteiligten, meist langjährige Mitarbeiter von Loach, freuen sich vor den Dreharbeiten auf das, was Kameramann Robbie Ryan als „Ken-Stil“ bezeichnet: eine moderne Variante des italienischen Neorealismus, die auch schon als „sozialer Realismus“ tituliert wurde. Das heißt: Alles ordnet sich absolut dem Prinzip der jeweiligen Realität einer Geschichte unter. Robbie Ryan erzählt, dass er ein Skript normalerweise auch nach technischen Aspekten durchforstet. Nicht so bei Paul Laverty und ICH, DANIEL BLAKE: „Ich versuche herauszulesen, wie Ken den Film umsetzen wird und nicht, wie ich ihn umsetzen würde.“ Aber schränkt das nicht die eigene Kreativität ein? Ryan verneint und ergänzt: „Ich liebe Naturalismus im Film. Ich liebe es, Dinge vor der Kamera zu sehen, die sich natürlich und ehrlich anfühlen. In Kens Filmen geht es viel stärker um Gesichter und Menschen als um Orte. Es geht also um das Leben der Menschen in einer bestimmten Umgebung, die Kreativität dreht sich darum, etwas möglichst echt im Ken’schen Sinne zu gestalten.“

„Im Ken’schen Sinne“ – so arbeitet zum Beispiel auch die Casting-Chefin Kahleen Crawford. Und das bedeutet in den meisten Filmen von Ken Loach: keine bekannten Gesichter auszuwählen, sondern Schauspieler oder gar Laien, die wie von der Straße wirken. Im Fall von ICH, DANIEL BLAKE sollte die Titelfigur auf jeden Fall von jemandem gespielt werden, der den Newcastler Dialekt „Geordie“ spricht. „Es gab einige passende und auch sehr gute Schauspieler“, erzählt sie, „aber die waren dann etwas zu bekannt. Ken wollte jemanden, dem der Zuschauer einfach zusehen kann, ohne dabei eine vorgefasste Meinung wegen eines zu bekannten Gesichtes zu haben. Dan sollte also von jemandem aus der Gegend um Newcastle gespielt werden, der geerdet ist und den richtigen Akzent hat. Es gibt so viele Variationen von ,Geordie‘. Dave Johns befindet sich da in etwa in der Mitte, ist aber eindeutig als Newcastler zu erkennen. Und er macht zudem den Eindruck wie jemand, der Sachen bauen kann, Möbel zum Beispiel.“ Und natürlich war es auch wichtig, wie gut Dave Johns mit seinem weiblichen Gegenüber Hayley Squires als Katie harmoniert. Kahleen Crawford: „Das war wirklich etwas Besonderes: Sie haben das jeweils Beste aus dem anderen herausgekitzelt. Es gab eine schöne natürliche Energie zwischen ihnen.“

„Im Ken’schen Sinne“ – das bedeutet für die Produktionsdesignerin Linda Wilson, sich ziemlich zurückhalten zu müssen; keine leichte Aufgabe für eine Frau, die zuvor bei der aufwändigen historischen Serie „Downton Abbey“ gewirbelt hat. „Ken mag es, wenn alles angenehm angestaubt wirkt und alles gewöhnlich und normal aussieht. Das ist oft keine einfache Sache für das Art Department. Aber es macht einfach Spaß, unter gespendeten Gegenständen einen Stuhl zu suchen, der zu dieser Figur passt – und ihn dann auch zu finden!“ Schwer war es auch, die fast leere Wohnung von Katie zu gestalten. „Doch als Hayley Squires mit den beiden jungen Schauspielern vorbeikam und der kleine Dylan McKiernan sagte: ,Oh, hier möchte ich nicht leben!‘ – da wussten wir, dass wir richtigliegen.“

Toningenieur Ray Beckett hat 2010 einen Oscar für die Tonmischung bei „Tödliches Kommando – The Hurt Locker“ gewonnen. Doch immer wieder kehrt er gerne von Hollywood nach England zum Set eines Ken-Loach-Films zurück, zum 14. Mal für ICH, DANIEL BLAKE. Und auch Beckett ordnet sich dem „Ken’schen Sinn“ unter. „In Hollywood wird bevorzugt in Studios gedreht, aber wenn die Szene in einem Haus spielt, dann will Ken tatsächlich in einem echten Haus drehen. Und so finde ich mich regelmäßig hinter einem Kühlschrank eingeklemmt wieder. Aber das ist ja gerade der Grund, warum ich es liebe, mit Ken zu arbeiten: die technischen Herausforderungen, vor die er uns jeden Tag stellt.“ Beckett erzählt, wie die Warteschleifenmusik im Telefonnetz des Arbeitsamtes entstanden ist: „Zuerst musste der Anwalt checken, ob es legal ist, sich beim DWP (Department for Work and Pensions – Amt für Arbeit und Renten) einzuwählen und alles aufzunehmen, was zu hören ist. Beim ersten Mal war ich so früh dran, dass ich beinahe durchgekommen wäre. Aber als dann später mehr los war, landete ich in dieser endlosen Vivaldi-Hölle! Ich habe ein ganzes Band nur mit „Drücken Sie Taste 1 ... Drücken Sie Taste 4 ... aufgenommen. Das Absurdeste daran: Die Leute müssen dafür bezahlen! Die verdienen Geld mit obdachlosen Menschen in der Warteschleife! Und die Musik von Vivaldi kommt vom Synthesizer, es ist noch nicht mal ein Orchester!“

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INTERVIEW MIT KEN LOACH

Herr Loach, es gab Gerüchte, dass JIMMY’S HALL ihr letzter Film sein sollte. Falls das so war – was hat sie letztlich überzeugt, ICH, DANIEL BLAKE zu machen?

Das habe ich wohl etwas überstürzt geäußert. Denn es gibt noch so viele Geschichten zu erzählen, so viele Figuren zu präsentieren.

Was ist die Wurzel der Geschichte?

Am Anfang stand die universelle Geschichte von Menschen, die ums Überleben kämpfen. Aber dann mussten die Charaktere und die jeweilige Situation eine lebensechte Grundlage bekommen. Wenn wir genau hinsehen, dann erkennen wir, dass die staatliche Fürsorge für verzweifelten Menschen in Notlagen als politisches Instrument genutzt wird. Die grausame Waffe ist die Bürokratie, die absichtliche Ineffizienz der Bürokratie: „So wird es dir ergehen, wenn du nicht arbeitest. Wenn du nicht arbeitest, wirst du leiden!“ Die Wut über diese Zustände war das Motiv für diesen Film.

Wo haben Sie mit der Recherche begonnen?

Ich wollte schon immer etwas in meiner Heimatstadt Nuneaton mitten in den Midlands machen, also haben Paul Laverty und ich dort mit Leuten gesprochen. Ich arbeite ein wenig bei einer Wohlfahrtseinrichtung mit dem Namen „Doorway“ mit, die von meiner Freundin Carol Gallagher geleitet wird. Sie stellte Paul und mich einigen Leuten vor, die keine Arbeit finden können, aus unterschiedlichen Gründen – der offensichtlichste: zu wenige Jobs. Einige von ihnen arbeiten ohne gesichertes Einkommen für Zeitarbeitsfirmen und haben keine eigene Wohnung. Einer von ihnen, ein sehr netter Typ, hat uns sein spartanisches Zimmer in einem Wohnheim gezeigt. Außer einer Matratze auf dem Boden und einem Kühlschrank gab es da praktisch nichts. Paul fragte ihn, ob es unhöflich sei, mal einen Blick in seinen Kühlschrank zu werfen. Er sagt „Nein“ und öffnet die Tür: Da war nichts, keine Milch, keine Kekse, nichts. Wir fragten ihn, wann er das letzte Mal nichts zu essen hatte, und er sagte, in der vergangenen Woche sei er vier Tage ohne Essen gewesen. Er hatte einfach Hunger und war verzweifelt. Er erzählte uns wiederum von einem Freund, dem die Agentur um 5 Uhr morgens mitteilte, er möge sich bis um 6 Uhr in einem Lagerhaus einfinden. Er hatte keine Mitfahrmöglichkeit, kam aber irgendwie hin und wartete. Um Viertel nach 6 Uhr wurde ihm gesagt: „Tja, für dich gibt es hier heute keine Arbeit.“ Er wurde zurückgeschickt und bekam kein Geld. Auf diese andauernde Erniedrigung und Unsicherheit beziehen wir uns im Film.

Wie ist es Ihnen beiden gelungen, sich aus all dem recherchierten Material und den vielen Gesprächen auf eine Geschichte zu einigen?

Das waren wahrscheinlich die härtesten Entscheidungen, die wir treffen mussten, denn es gibt so viele Geschichten. Wir hatten das Gefühl, das wir in Filmen wie SWEET SIXTEEN schon oft von jungen Leuten erzählt haben. Außerdem wird die Zwangslage von älteren Menschen oft nicht wahrgenommen. Es gibt eine Generation, die zu Handwerkern ausgebildet wurde und nun das Ende ihres Arbeitslebens erreicht. Diese Leute haben oft gesundheitliche Probleme und werden nicht wieder arbeiten, weil ihnen die Flexibilität der modernen Arbeitswelt fehlt – hier ein bisschen, dort ein wenig. Sie sind an traditionelle Arbeitsstrukturen gewöhnt und fühlen sich verloren, auch weil sie mit der modernen Technologie nicht umgehen können. Und dann werden sie mit Gutachten bezüglich der Arbeitslosen- und Sozialhilfe konfrontiert, die sie als arbeitsfähig beurteilen, obwohl sie es nicht sind. Die ganze undurchschaubare, bürokratische Struktur macht die Leute fertig – darüber haben wir so viele Geschichten gehört. Also entwickelte Paul die Figur des Daniel Blake – und das Projekt kam in Gang.

Sie behaupten, dass die Undurchschaubarkeit der bürokratischen Strukturen Absicht ist.

Genau. Bei den örtlichen Arbeitsämtern geht es heutzutage nicht mehr darum, den Menschen zu helfen, sondern ihnen Steine in den Weg zu legen. Es gibt einen sogenannten Arbeitsvermittler, dem es nun im Gegensatz zu früher nicht mehr erlaubt ist, den Menschen verfügbare Arbeitsstellen anzubieten beziehungsweise bei der Arbeitssuche zu helfen. Es wird von oben eine gewisse Anzahl von Sanktionen gegen Arbeitssuchende erwartet. Und wenn die Sachbearbeiter nicht genügend Menschen sanktionieren, geraten sie selbst ins Fadenkreuz. Das hat schon Orwellsche Ausmaße, nicht wahr? Das alles wurde von Mitarbeitern aus dem DWP (Department for Work and Pensions, Britisches Ministerium für Arbeit und Renten) erarbeitet, die selbst in Arbeitsämtern, beim Qualitätsmanagement oder in der Gewerkschaft gearbeitet haben – es gibt Beweise in Hülle und Fülle. Die gängige Praxis der Zwangsmittel hat zur Folge, dass die Menschen von dem erhaltenen Geld nicht leben können, und so kam es zur Gründung von Essensverteilungs-Tafeln. Übrigens findet das die Regierung ganz in Ordnung – es soll ruhig Tafeln geben. Nun wird sogar schon darüber gesprochen, Arbeitsvermittler in die Tafeln zu setzen. Damit würden die Essenverteilungen in den Mechanismus absorbiert werden, wie man heutzutage mit Armut umgeht. Was für eine Welt haben wir da geschaffen?

Finden Sie, dass es in Ihrer Geschichte hauptsächlich um das Hier und Jetzt geht?

Nein, die Auswirkungen gehen tiefer. Das Ganze geht zurück auf das Armengesetz, die Ideologie der verdienstvollen Armen hier und der unwürdigen Armen da. Die Arbeiterklasse wird aus Angst vor Armut zum Arbeiten gebracht. Die Reichen müssen durch noch höhere Belohnungen bestochen werden. Das politische Establishment hat Hunger und Armut immer dazu benutzt, dass die Leute aus Verzweiflung die niedrigsten Löhne und die unsichersten Jobs akzeptieren. Die Armen werden für ihre Armut selbst verantwortlich gemacht, das sehen wir überall in Europa und darüber hinaus.

Wie war es, in echten Tafeln zu drehen?

Paul und ich haben einige Tafeln zusammen angesehen, und er alleine noch einige mehr. Die Geschichte, die wir im Film aus der Essensverteilung erzählen, beruht auf einem Vorfall, der Paul so beschrieben wurde. Ach, Tafeln sind furchtbar, man sieht verzweifelte Menschen. Als wir in einer in Glasgow waren, kam ein Mann an die Tür. Er schaute herein, schwankte und ging wieder weg. Eine dort beschäftigte Frau eilte ihm hinterher, weil er ganz offensichtlich Hilfe brauchte. Aber er konnte die Demütigung nicht ertragen, reinzukommen und nach Essen zu fragen. Ich denke, so etwas passiert andauernd.

Warum haben Sie sich für den Schauplatz Newcastle entschieden?

Wir waren an verschiedenen Orten: Nuneaton, Nottingham, Stoke und Newcastle. Nordwestliche Städte wie Manchester oder Liverpool kennen wir gut, weil wir dort schon gedreht haben. Und in London wollten wir die Geschichte nicht erzählen, dort gibt es zwar auch große Probleme, aber die sind anders geartet. Außerdem ist es gut, mal über die Hauptstadt hinauszublicken. Newcastle besitzt einen großen kulturellen Reichtum, genau wie Liverpool oder Glasgow – große Küstenstädte. Sie haben wunderbar kinotaugliche Orte, die Kultur ist sehr ausdrucksstark und die Sprache intensiv. Außerdem gibt es in diesen Städten ein großes Gespür für Widerstand, Generationen von Kämpfen haben ein starkes politisches Bewusstsein entwickeln lassen.

Bitte beschreiben Sie den Charakter von Daniel Blake – wer ist er und was ist seine Zwangslage?

Dan ist ein Mann, der sehr lange als Schreiner gearbeitet hat, ein ausgebildeter Handwerker. Er hat auf großen und kleinen Baustellen gearbeitet sowie als Tischler; in seiner Freizeit arbeitet er immer noch gerne mit Holz. Aber seine Frau ist gestorben, und er hatte einen Herzinfarkt, bei dem er beinahe von einem Gerüst gefallen wäre. Er befindet sich in der Rehabilitation und darf noch nicht arbeiten, hat also von daher Anspruch auf Arbeitslosen- und Sozialhilfe. Der Film erzählt nun, wie er versucht zu überleben, weil er in seiner körperlichen Verfassung für arbeitstauglich befunden wird. Ein robuster, humorvoller Mann, der es gewohnt ist, seine Privatsphäre zu schützen.

Und wer ist Katie?

Katie ist eine alleinerziehende Mutter mit zwei kleinen Kindern. Sie hat in einem Obdachlosenasyl in London gelebt, bis die lokalen Autoritäten ihr eine Wohnung im Norden verschafft haben. Dafür erhält sie Wohngeld, das heißt, dass die örtlichen Behörden nichts bezahlen müssen. Die Wohnung ist gut, wenn auch renovierungsbedürftig. Doch dann kippt sie aus dem Wohlfahrtssystem und gerät sofort in Schwierigkeiten – ohne Familie, ohne Unterstützung, ohne Geld. Katie ist eine Realistin. Sie beginnt zu verstehen, dass es ihre eigene Verantwortung ist, irgendwie zu überleben.

Im Film geht es hauptsächlich um eine erstickende Bürokratie. Wie setzt man so etwas in Szene?

Dieses Prinzip ist uns fast allen bekannt, ich hoffe, dass das die Geschichte trägt. Es geht um den Frust und den schwarzen Humor, wenn man versucht, mit einer Bürokratie umzugehen, die so offenkundig dumm und nur dafür da ist, dich in den Wahnsinn zu treiben. Ich denke, wenn man das wahrhaftig erzählt und zugleich zwischen den Zeilen liest, welche Art von Beziehung zwischen den Menschen über einen Schreibtisch hinweg oder durchs Telefon entsteht – das Alles sollte das Komische daran aufdecken, das Grausame – und am Schluss auch das Tragische. „Die Armen sind an ihrer Armut selbst schuld“ – dieser Satz zementiert die Macht der Regierenden.

Als Sie Dave Johns und Hayley Squires gecastet haben – was von Ihrem Dan und Ihrer Katie haben Sie in Ihnen gesucht?

Also, bei Dan suchten wir nach dem Normalbürger mit gesundem Menschenverstand. Er ist jeden Tag zur Arbeit gegangen, seine Kollegen waren Kumpels, mit ihnen und ihren Witzen kam er durch den Tag. Das war sein Leben, bis seine Frau Unterstützung benötigte und er krank wurde. Neben dem Humor wollten wir also auch jemanden Sensiblen und Differenzierten.

Auch Katie ist jemand, der durch die Umstände geprägt ist. Sie ist realistisch und hat Potenzial; sie hat versucht zu studieren, ist aber in der Schule gescheitert und probiert es nun an einer Offenen Universität. Wir haben also jemand Sensiblen gesucht, der trotzdem Mumm und Courage hat. Und, in Verbindung mit Dan, absolut authentisch ist.

Dave Johns ist Stand-up Comedian und Schauspieler. Warum haben Sie ihn als Dan besetzt?

Der traditionelle Stand-up Comedian hat seine Wurzeln in der Arbeiterklasse, und das Komödiantische resultiert aus dieser Erfahrung. Der Humor kommt oft aus dem Elend, man macht Witze über den Kampf ums Überleben. Außerdem besitzen Komiker ein exzellentes Timing, über ihr Timing definieren sie sich. Zudem haben sie eine gut entwickelte Stimme und eine starke Persönlichkeit, genau danach haben wir gesucht. Dave hat das alles. Er stammt aus Byker, wo wir einige Szenen gedreht haben, er ist ein „Geordie“, spricht den Newcastler Dialekt. Und er ist im richtigen Alter – ein Mann aus der Arbeiterklasse, der uns zum Lächeln bringt.

Wie sind Sie auf Hayley Squires als Katie gekommen?

Wir haben sehr viele Frauen getroffen, die alle auf die eine oder andere Weise interessant waren, aber auch hier war uns wichtig, dass Hayley eine Frau aus der Arbeiterklasse ist, und sie war schlicht brillant. Egal, was wir ausprobierten, sie lag immer genau richtig. Sie verbirgt nicht, wer sie ist und nimmt kein Blatt vor den Mund, sie ist einfach eine ehrliche Haut, durch und durch.

Wir waren die Dreharbeiten?

Hier ist wichtig zu wissen, dass Pauls Bücher immer sehr präzise sind, und voller Leben. Das heißt, wir drehen selten Material, das wir dann nicht benutzen. Das Schwierige am Drehen ist die Planung. Die genaue Vorbereitung, alles zu organisieren, die Besetzung und die Drehorte klar zu machen vor dem Dreh. Um das zu bewerkstelligen, braucht man eine Gruppe von Menschen, die das Projekt genau versteht und sich ihm kreativ hingibt. Und genau das gab es bei uns: unglaublichen Einsatz von jedem und sehr viel Humor. Das hält dich am Laufen, denn du weißt, dass all deine Anstrengungen produktiv sind. Mit guten Freunden zu arbeiten ist ein Genuss, und ganz entscheidend: Eine kleine Kaffeemaschine hat uns überallhin begleitet: Ein guter Espresso brachte uns alle durch den Tag.

Sie haben ihre Methode des Schnitts für diesen Film verändert. Warum und wie?

Wir haben viele Jahre auf Filmmaterial geschnitten, hatten aber den Eindruck, dass die Infrastruktur langsam ausstirbt, um auf Film zu schneiden. Das Hauptproblem waren die Kosten, um die Sound- und Filmmuster zu drucken. Die waren höher als ich verantworten konnte, also haben wir widerwillig mit Avid geschnitten. Das hat Vorteile, aber ich hatte den Eindruck, das der herkömmliche Filmschnitt die humanere Arbeitsmethode ist: Am Ende des Tages sieht man, was man geschafft hat. Mit Avid scheint es schneller zu gehen, aber ich denke, insgesamt spart man keine Zeit. Ich finde einfach die fühlbare Qualität bei Film interessanter.

Hoffen Sie mit Ihren Filmen etwas zu verändern, und wenn ja, was bedeutet das im Fall von ICH, DANIEL BLAKE?

Tja, es gibt doch diesen alten Spruch: „Agitiere, erziehe, organisiere“ („Agitate, Educate, Organize“). Mit einem Film kann man zwar agitieren, erziehen eher weniger, aber man kann Fragen stellen. Organisieren kann man gar nicht, aber eben agitieren. Und genau das ist das Ziel, denn sich mit Dingen zufrieden zu geben, die nicht zu tolerieren sind, ist keine Option. Figuren, die in Situationen gefangen sind, in denen sie der implizierte Konflikt fertigmacht – das ist die Essenz des Dramas. Und wenn man das Dramatische in Situationen findet, die nicht nur universell sind, sondern auch einen direkten Bezug zur realen Welt haben – umso besser. Ich glaube, Wut kann sehr produktiv sein, wenn man sie zu nutzen weiß. Eine Wut, die das Publikum mit etwas Ungelöstem, Herausforderndem zurücklässt, mit dem Anreiz etwas zu unternehmen.

Wir feiern dieses Jahr das 50. Jubiläum Ihres Films CATHY COME HOME. Welche Parallelen sehen Sie zwischen diesem Film und ICH, DANIEL BLAKE?

Es sind beides Geschichten über Menschen, die ernsthaft unter der ökonomischen Situation leiden, in der sie sich befinden. Auf dieses Motiv sind wir wieder und wieder zurückgekommen, aber selten so direkt wie in ICH, DANIEL BLAKE. Die Art des Filmemachens im Vergleich zu CATHY COME HOME ist natürlich eine völlig andere. Bei CATHY sind wir mit einer Handkamera herumgerannt, haben eine Szene entwickelt und gedreht – das war’s. Der Film wurde in drei Wochen gedreht.

In ICH, DANIEL BLAKE sind die Charaktere viel genauer erforscht. Katie und Dan befinden sich beide in Not. Zum Ende hin reichen ihre natürliche Fröhlichkeit und Widerstandsfähigkeit nicht aus. Politisch gesehen ist deren Welt noch grausamer als die von Cathy. Die Marktwirtschaft hat uns erbarmungslos in dieses Desaster geführt – sie konnte gar nicht anders. Sie erzeugt eine verwundbare Arbeiterklasse, die leicht auszubeuten ist. Diejenigen, die ums Überleben kämpfen, werden mit Armut konfrontiert. Es ist entweder ein Fehler des Systems oder ein Fehler der Betroffenen. Doch die Verantwortlichen wollen das System nicht ändern, also müssen sie sagen, dass die Betroffenen schuld sind. Im Rückblick sollten wir nicht sehr überrascht sein, wie sich alles entwickelt hat. Die Frage ist: Was können wir dagegen tun?

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PAUL LAVERTY ÜBER DIE ENTSTEHUNG VON ICH, DANIEL BLAKE

Die Produzentin Rebecca O’Brien und ich hatten uns schon gedacht, dass es nicht lange dauern würde, bis sich Ken Loach nach JIMMY‘S HALL wieder in einen neuen Stoff verbeißen würde, trotz der Gerüchte, er würde aufhören. Wir hatten Recht. Es war ein gehaltvoller Cocktail, der sich dann zu dem zusammenbraute, was schließlich ICH, DANIEL BLAKE wurde.

Die ununterbrochene und systematische Kampagne der rechten Presse gegen jeden, der auf staatliche Unterstützung angewiesen ist, fiel uns ins Auge – unterstützt von einem ganzen Haufen giftiger TV-Sendungen, die auf diesen Zug aufsprangen. Das meiste davon war krude Propaganda, die die Not von meist armseligen Figuren genüsslich und lüstern ausbreitete. Und noch besser war es, wenn es sich dabei um Alkoholiker handelte, denn dann konnte man sich ja sicher sein, dass hier Steuergelder verschleudert wurden. Kein Wunder, dass das alles zu einer unglaublich verzerrten Sicht führte. Studien besagten, dass der Normalbürger der Ansicht ist, dass hinter rund 30 Prozent der staatlichen Unterstützung betrügerische Absichten stecken. In Wahrheit sind es nur 0,7 Prozent. Es hat uns nicht überrascht zu erfahren, dass viele Bezieher von staatlicher Unterstützung gedemütigt und beschimpft wurden, zudem war eine beträchtliche Anzahl physischer Gewalt ausgesetzt.

Diese manipulierte Verzerrung stimmte perfekt mit der strengen Handhabung der Regierung überein, Sparmaßnahmen im sozialen Bereich wurden ein bevorzugtes Ziel. (...) Nur 3 Prozent des Sozialhaushalts gehen an Arbeitslose, während die Älteren, bevorzugt Tory-Wähler, 42 Prozent des Budgets als Renten einfahren.

Aber der unmittelbare Funke für diese Geschichte sprang über, als Ken anrief und mich bat, ihn bei einer Reise nach Nuneaton, den Ort seiner Kindheit, zu begleiten. Dort steht er in enger Verbindung mit einer Wohltätigkeitsorganisation, die sich um Obdachlose kümmert. Wir trafen leidenschaftliche Mitarbeiter, die uns einige der jungen Leute vorstellten, mit denen sie arbeiten. Ein Typ erzählte uns seine ganze Lebensgeschichte. Seine beiläufige Erwähnung von Hunger und die aufkommende Übelkeit und der Schwindel, als er versuchte zu arbeiten – wie üblich mit einem „Null-Stunden-Vertrag“ für eine riskante Arbeit auf Abruf –, haute uns echt um.

Bei unseren Reisen durch das Land führte ein Kontakt zum nächsten und man erzählte uns viele Erlebnisse. Essensvergabe-Tafeln entwickelten sich zu einer reichen Quelle für Informationen. Schon bei den Recherchen zu MY NAME IS JOE oder SWEET SIXTEEN und sogar schon bei Kens früheren Filmen hat uns die Not fertig gemacht. Einer der großen Unterschiede war jetzt die neue Welt der Tafeln. Uns wurde klar, dass sich immer mehr Menschen mittlerweile zwischen Essen und Wärme entscheiden müssen. In Schottland trafen wir einen bemerkenswerten Mann, prinzipientreu und wortgewandt, der sich strikt weigerte, nutzlose Sozialarbeiten zu verrichten. Er wurde vom Sozialamt ununterbrochen sanktioniert. Er schaltete nie seine Heizung ein, überlebte mit den billigsten Dosen von Lidl und wäre im Februar 2015 beinahe erfroren. Wir hörten von Zwangsräumungen bei Mietern, die es gewagt hatten, sich über Mängel zu beschweren. Man erzählte uns von Fällen, in denen Armen aus London Bleiben außerhalb der Hauptstadt angeboten wurden – eine spezielle Methode der sozialen Säuberung. Und es war uns unmöglich, dieses Echo von CATHY COME HOME zu ignorieren, den Ken und seine Kollegen vor 50 Jahren gedreht hatten, obwohl Ken und ich nie darüber gesprochen hatten. (...)

Bei den Recherchen trafen wir auf Menschen, die ihren Job riskiert haben, weil sie uns halfen. Angestellte von Ämtern, die uns anonym mitteilten, wie angeekelt sie sind, weil sie gezwungen werden, Sanktionen durchzuführen. Der Mitarbeiter eines Arbeitsamtes zeigte mir einen Ausdruck, der auflistete, wie viele Sanktionen er und seine Kollegen verfügt hatten – zusammen mit einem Schreiben seines Vorgesetzten, der sich darüber beklagte, dass nur drei „Arbeitsvermittler“ im vergangenen Monat genügend Sperren verfügt hätten. Wenn sie nicht mehr Sanktionen umsetzen würden, drohte man ihnen mit dem nach George Orwell klingenden „Personal Improvement Plan“. Fürs Protokoll: Lassen Sie mich jene Verantwortlichen der Sozialämter und deren politischen Vorgesetzten ansprechen, die vor dem englischen und schottischen Parlament belegt haben, dass es keine Zielvorgaben für Sanktionen gibt: „Sie sind schamlose Lügner, die sich hinter Juristenvokabular verstecken, und Ihre Mitarbeiter wissen das!“ Vielleicht hat es keine ganz genauen Vorgaben gegeben, aber klare Anforderungen und „Erwartungen“, man wurde gezwungen, die Sanktionszahlen zu erhöhen.

Essen, Wärme, Zuhause – die Grundbedürfnisse seit Menschengedenken. Vom Bauch her wussten wir: Dieser Film muss ungemütlich werden, urwüchsig.

(...) Die Figuren Daniel Blake und Katie Morgan basieren nicht auf einer realen Person, die wir getroffen haben. Drehbücher können nicht einfach von der Essensvergabe oder der Spendenschlange kopiert werden. Dan und Katie sind fiktional, aber in ihnen steckt all das bisher Erzählte und mehr. Sie sind von den hunderten anständigen Frauen, Männern und deren Kinder inspiriert, die ihre privaten Geschichten mit uns geteilt haben. Mir fallen die Gesichter von wortgewandten intelligenten Leuten ein, eingeschüchterte Menschen, ältere Leute, gequält durch die Komplexität des Systems und die neuen Technologien – viele Mitarbeiter in Arbeitsämtern sagten uns, sie hätten gerne mehr geholfen, wurden aber von Vorgesetzten davon abgehalten, damit die „Kundenfrequenz“ nicht zu leiden hatte. Da sind junge Menschen, die viel zu früh die Hoffnung verloren haben. (...). Sie alle versuchen ihre Würde zu bewahren während sie in etwas gefangen sind, das man irrtümlicherweise als Fürsorge bezeichnet, das aber eher dem Fegefeuer ähnelt.

Es hat in unserer Gesellschaft schon immer boshafte Tendenzen des Staatsterrors im Umgang mit den Schutzlosen gegeben. Man denke nur an die Arbeitshäuser des 19. Jahrhunderts, als man Mütter und Väter von ihren Kindern trennte, nur um sicher zu gehen, dass die Mehlsuppe mit genügend Grausamkeit gewürzt war.

Reverend Joseph Townsend, ein Vikar aus dem 18. Jahrhundert, hat es folgendermaßen zusammengefasst: „Hunger zähmt auch die wildesten Tiere. Er lehrt uns Anstand und Höflichkeit, Gehorsam und Unterwerfung. Nur der Hunger kann die Armen zur Arbeit anspornen.“

10:03 24.11.2016

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