Grundlegendes

Einblicke "Jonathan" verhandelt die existenziellen Ängste und Träume eines jungen Mannes, der sich mit dem unvermeidlich mit dem Leben verbundenen Thema Tod auseinandersetzen muss
Grundlegendes
Foto: Jeremy Rouse

Director’s Note

„In einem sehr realen Sinne ist alles Leben verbunden. Alle Menschen gehören unvermeidlich einem Netzwerk an, dessen Elemente allesamt zueinander in einer Wechselbeziehung stehen und in einem einzigen Gewand des Schicksals verknüpft sind. Was auch immer einen Menschen direkt betrifft, betrifft indirekt auch alle seine Mitmenschen. Ich kann niemals das sein, was ich sein sollte, bis du das bist, was du sein solltest, und du kannst niemals sein, was du sein solltest, bis ich bin, was ich sein sollte. Das ist das Charakteristikum der Realität.“

REV. MARTIN LUTHER KING, JR.

JONATHAN ist eine Geschichte, die polarisiert. Ich bin immer wieder überrascht, wie stark verschiedene Menschen darauf reagieren. Doch die unglaublichsten Geschichten schreibt tatsächlich das wahre Leben – so wie auch diese. Denn JONATHAN basiert auf einer wahren Begebenheit. Als ich diese Geschichte von einer Freundin hörte, war ich davon stark ergriffen. Mir war sofort klar, dass ich sie einfach erzählen muss. Ich frage mich dabei immer wieder, wie es möglich ist, dass heute in Deutschland bestimmte Themen weiterhin so stark tabuisiert oder verschwiegen werden. Und das nicht aus Respekt, oft stehen Angst und geringe Toleranzgrenzen dahinter. So hat auch der reale Burghardt sehr wenig Verständnis von seiner eigenen Familie erfahren, ähnlich wie „mein“ Burghardt im Film. Psychisch und körperlich ist er dadurch völlig aus dem Gleichgewicht geraten und schließlich daran zerbrochen. Die Last des Lügengebäudes, das er selbst aufbaute, war einfach zu groß. Manchmal gibt es aber keine einfachen Lösungen.

Als Jurymitglied des Thomas Strittmatter Preises nannte Volker Schlöndorff JONATHAN „...ein riskantes Buch, das eine talentierte Regie erfordert. Gerade aber weil es unversöhnlich ist, weil es Wahrheiten zum Tod und Sex ausspricht, die gerne verschwiegen werden, weil es sich nicht an übliche dramaturgische Rezepte hält... , weil es ganz aus den Personen heraus lebt, hat das Buch eine Dringlichkeit, die den meisten anderen fehlt.“ Schlöndorffs Worte bedeuten mir enorm viel. Paradoxerweise polarisiert das Thema Tod genauso stark wie das der Sexualität. Keine leichte Kost. Das ist mir klar.

JONATHAN zielt aufs Gefühl, gibt sich aber keinen Illusionen hin. Ich will tiefgreifend von Familie und Freundschaft erzählen, geprägt von kleinen Gesten und liebevoll skizzierten Figuren. Der Film soll die existenziellen Ängste und Träume eines jungen Mannes vermitteln, der sich mit dem unvermeidlich mit dem Leben verbundenen Thema Tod auseinandersetzen muss.

Trotz der dramatischen Grundstimmung kommt bei JONATHAN der Humor nicht zu kurz. So wie im wahren Leben Tragik und Humor sehr oft miteinander verknüpft sind und sich keinesfalls ausschließen, finde ich es essenziell, neben den dramatischsten Situationen immer wieder auch humorvolle Elemente einfließen zu lassen. Mir kommt dieser Stil sehr entgegen, kann ich so auch auf meine Erfahrung mit humoristischen Kurzfilmen, der Spielfilm-Komödie „Die Aufschneider“, oder die mit dem Deutschen Fernsehpreis 2013 ausgezeichnete ZDFkultur-Serie „Götter wie wir“ zurückgreifen, bei denen ich Regie bzw. Co-Regie geführt habe.

Ich finde die Geschichte von JONATHAN überaus aktuell. Sie erzählt vom Hier und Jetzt, von Träumen, von Liebe, Hass, Toleranz und Akzeptanz. Viele Aspekte sind sehr eng mit meinem Leben und meinen eigenen Erfahrungen verknüpft und für mich daher sehr wichtig zu erzählen. Nicht zuletzt durch meine Kindheit, die ich zu einem großen Teil auf einem Biohof verbracht habe, und die dortige Nähe zur Natur. Für mich ist es am wichtigsten, die Verletzlichkeit und Zerbrechlichkeit der Figuren zu zeigen, ihren Alltag in diesem naturnahen Umfeld präzise nachzuzeichnen, aber auch ihren absoluten Lebenswillen und die Fantasie, mit der sie jeden Tag aufs Neue durchhalten, um ihre Träume nicht aus den Augen zu verlieren.

Ich danke unseren vielen wunderbaren Partnern aus ganz Deutschland, die uns bei der Realisierung meines Debütfilms in Hessen und Baden-Württemberg unterstützt haben, wo ich viele Jahre gelebt und studiert habe.

Piotr J. Lewandowski

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Fragen an Piotr J. Lewandowski

Sie haben bei JONATHAN nicht nur Regie geführt, sondern auch das Drehbuch geschrieben und wurden dafür auch mehrfach ausgezeichnet. Wie sind Sie auf die Idee zum Film gekommen?

Die unglaublichsten Geschichten schreibt tatsächlich das wahre Leben – so wie auch diese. Denn JONATHAN basiert auf einer wahren Begebenheit. Als ich diese Geschichte hörte, war ich davon außergewöhnlich stark ergriffen und zu Tränen gerührt. Mir war sofort klar, dass ich sie einfach erzählen muss.

Dabei stelle ich mir immer wieder dieselbe Frage: Wie ist es möglich, dass heute in Deutschland bestimmte Themen weiterhin so stark tabuisiert oder verschwiegen werden? Und das nicht nur aus Respekt. Leider stecken oft Angst und geringe Toleranzgrenzen dahinter. So hat auch der reale „Burghardt“ sehr wenig Verständnis von seiner eigenen Familie erfahren, ähnlich wie „mein“ Burghardt. Psychisch und körperlich ist er dadurch völlig aus dem Gleichgewicht geraten und schließlich daran zerbrochen. Die Last des Lügengebäudes, das er selbst aufbaute, war einfach zu groß. Je tiefer ich bei meinen Recherchen in die Geschichte eingetaucht bin, desto schmerzhafter wurde es auch für mich. Ich verstehe bis heute nicht, wie manche Menschen ein solches Doppelleben führen können. Manchmal gibt es aber keine einfachen Lösungen.

Paradoxerweise polarisiert das Thema Tod genauso stark wie das Thema Sexualität. Keine leichte Kost, vor allem für mich persönlich war es nicht einfach: Während des Schreibens, aber auch am Set. Zum Glück hatte ich ein unglaublich kreatives und leidenschaftliches Team, das mich auf dem Weg unterstützt hat. Denn auch ich habe Menschen verloren, die für mich ALLES bedeutet haben. JONATHAN zielt aufs Gefühl, gibt sich aber keinen Illusionen hin. Mein Ziel ist es, tiefgreifend von Familie und Freundschaft zu erzählen, geprägt von kleinen Gesten und liebevoll skizzierten Figuren. Die Geschichte soll die existenziellen Ängste und Träume eines jungen Mannes, eine moderne Familienkonstellation und das Thema Tod authentisch bespielen.

Ich finde die Geschichte von JONATHAN überaus aktuell. Sie erzählt vom Hier und Jetzt, von Träumen, von Liebe, Hass, Toleranz und Akzeptanz. Viele Aspekte sind sehr eng mit meinem Leben und meinen eigenen Erfahrungen verknüpft und für mich daher sehr wichtig zu erzählen. Nicht zuletzt durch meine Kindheit, die ich zu einem großen Teil auf einem Biohof verbracht habe und die dortige Nähe zur Natur. Für mich ist es am wichtigsten, die Verletzlichkeit und Zerbrechlichkeit der Figuren zu zeigen, ihren Alltag in diesem naturnahen Umfeld präzise nachzuzeichnen, aber auch ihren absoluten Lebenswillen und die Fantasie, mit der sie jeden Tag aufs Neue durchhalten, um ihre Träume nicht aus den Augen zu verlieren.

Wie haben Sie sich auf den Dreh vorbereitet? Haben viele Vorgespräche stattgefunden?

Ich probe tatsächlich gerne und viel, eine Reminiszenz aus der Zeit, die ich am Theater verbracht habe. Es ist wichtig, ein gegenseitiges Vertrauensverhältnis aufbauen zu können. Das geschieht natürlich nur dann, wenn auch die Anderen Zeit investieren können... Zum Glück waren alle Schauspieler bereit dazu, jeden freien Moment zu nutzen. Doch die Proben allein sind nur ein Teil des Ganzen. Es war die besondere Konstellation des Ensembles, die dazu geführt hat, dass sich, trotz des schwierigen Themas, alle nicht nur körperlich, sondern vor allem emotional geöffnet, geradezu entblößt haben. Das war nur möglich, weil es sich beim gesamten Ensemble um fantastische, großartige Schauspieler handelt. Das Vertrauen, das sie mir geschenkt haben, war unbezahlbar. Dadurch konnten wir offen, intensiv und ehrlich miteinander arbeiten. Für dieses Vertrauen werde ich allen für immer dankbar sein. Besonders jetzt, durch internationale Erfolge, merkt man, wie außergewöhnlich dieses Ensemble ist und dass deutsche Schauspielkunst auch international geschätzt wird. Man muss nur den Mut haben, gute, persönliche und ehrliche Drehbücher zu schreiben und noch mehr Mut haben, sie zu produzieren.

Obwohl der Film ein hartes Thema behandelt, zeichnet er sich durch eine gewisse Leichtigkeit aus. Diese Entscheidung haben Sie sicher bewusst getroffen. Wie haben Sie es geschafft, bei einem solch ernsten Thema diese besondere Stimmung zu kreieren?

Trotz der dramatischen Grundstimmung bei JONATHAN sollte der Humor nicht zu kurz kommen. Das Kreieren von wahrhaftigen Figuren und von erfrischenden, natürlichen, auch bissigen Dialogen und bitter-süßen Situationen ist mir genauso wichtig wie die Zuschauer zum Lachen zu bringen. So wie im wahren Leben Tragik und Humor sehr oft miteinander verknüpft sind und sich keinesfalls ausschließen, finde ich es essenziell, neben den dramatischsten Situationen immer wieder auch humorvolle Elemente einfließen zu lassen. Das sollte ein unverzichtbarer Bestandteil des Films sein!

Natürlich muss man mit dem Thema Humor bei einer solchen Geschichte sehr sensibel umgehen, in der richtigen Dosierung führt es aber dazu, der Geschichte weitere Facetten zu geben, ihr letztlich auch mehr Tiefe zu verleihen. Was hier möglich ist, konnte ich auch sehr gut mit den Schauspielern ausloten, basierend auf ihren Erfahrungen, Erlebnissen und ihrer Fantasie. Wie befreiend und inspirierend die Zusammenarbeit hier sein kann, weiß ich – wenn man zulässt und fördert, was an Impulsen von den Darstellern beim Dreh entsteht.

Eine Besonderheit des Films sind die Naturaufnahmen, die immer wieder zu sehen sind. Wie kamen Sie auf diese Idee und weshalb haben Sie sich für diese Bilder entschieden?

Dieser Mikrokosmos, die Naturaufnahmen, stehen für mich auf emotionaler, oder besser gesagt auf metaphysischer Ebene für den Kreis des Lebens. Sie spiegeln die Bestandteile des Lebens wider und gehören zu den drei Säulen, den drei Themen des Films einfach dazu: Erwachsen werden, lieben lernen und sterben.

Die Musik trägt einen wesentlichen Teil zur besonderen Wirkung des Films bei. Sie stammt aus der Feder von Lenny Mockridge. Wie sind Sie auf ihn aufmerksam geworden und wie verlief die Zusammenarbeit? Sind die Musikstücke extra für JONATHAN entstanden, oder haben Sie aus einem vorhandenen Musik-Repertoire von Lenny Mockridge zurückgegriffen?

Das ist eine besonders schöne Geschichte. Jannis ist ein Freund der Familie Mockridge, schon seit Kindertagen. Und diese unheimlich kreativen, verrückten und sympathischen Menschen sind in der Tat mehr als besonders, durchgeknallt, einzigartig – jeder einzelne von ihnen, so auch Lenny. Jannis und Lenny sind extrem gute Freunde. Während der Dreharbeiten hat Jannis uns vorgestellt. Da ich unter enormem Zeitdruck stand, haben wir uns zuerst nur telefonisch unterhalten. Wir sprachen lange und intensiv über das Thema, die Farben und die Dynamik des Films. Er begann direkt ein erstes Stück zu komponieren, noch bevor er überhaupt eine Aufnahme des Films gesehen hatte. Dieses Stück ging mir sofort unter die Haut und hat mich so bewegt, dass ich unbedingt mit ihm weiter arbeiten musste. Die ersten drei Musikbeispiele sind am Ende auch die musikalischen Hauptthemen des Films geblieben. Danke Jannis – das kann ich nicht oft genug sagen!

Jede einzelne Rolle scheint perfekt besetzt – war es besonders schwierig den Cast zu finden?

Bei der Besetzung habe ich intensiv mit Nina Haun zusammen gearbeitet. Sie konnte viel von ihrer Erfahrung einbringen und meine Vorstellungen immer sehr präzise in konkrete Vorschläge und Ideen umsetzen. Gemeinsam haben wir ein sehr starkes Team gebildet. Jannis Niewöhner war meine Traumbesetzung, ebenso wie André M. Hennicke. Jannis verkörpert Jonathan wirklich großartig, war extrem engagiert und brachte eine tolle Energie mit in das Projekt. Jannis Niewöhner hat dabei Ninas und mein Herz im Sturm erobert. Und André Hennicke war mein Burghardt, wie ich ihn mir nicht besser hätte wünschen können.

Für mich waren „Jonathan“ und „Burghardt“ die wichtigsten Figuren und deren Konstellation musste einfach perfekt passen. Die anderen Schauspieler wie Max Mauff, Julia Koschitz, Barbara Auer und Thomas Sarbacher haben wir mit Blick auf diese zentrale Konstellation gecastet. Und man muss sie einfach alle lieben. Sie sind wirklich außergewöhnlich und ich bin froh, dass sie mir die Chance gegeben haben mit ihnen arbeiten zu können.

Warum sollte man sich JONATHAN unbedingt anschauen?

JONATHAN nimmt den Zuschauer mit auf eine Reise, man kann lachen, weinen, in wunderschönen Bildern schwelgen, sich mit Jonathan verlieben und tief in seine Seele blicken. Ich möchte den Zuschauer nach dieser emotionalen Achterbahnfahrt aber mit einem guten Gefühl aus dem Film entlassen, Hoffnung geben, auch bei einem schweren Thema, mit dem wir früher oder später alle konfrontiert werden.

Dass dies gelingt, zeigen mir die großartigen Zuschauerreaktionen auf Festivals und bei anderen Aufführungen. Besonders freut mich in diesem Zusammenhang, dass JONATHAN neben einigen anderen Preisen und Auszeichnungen beim „Festival des deutschen Films“ in Ludwigshafen den Publikumspreis gewinnen konnte. Für mich eine besondere Ehre und Bestätigung.

16:55 05.10.2016

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