Last und Zeit

Zum Film In gewisser Weise beschäftigt sich das neue Werk von Pedro Almodóvar mit den Themen Erinnerung und Schuld – und auf welche Weise diese ein Leben bestimmen können
Last und Zeit
Foto: Tobis Film

Die junge Witwe Julieta (Adriana Ugarte) lebt mit ihrer Tochter Antía in Madrid. Beide leiden im Stillen über den Verlust von Julietas Mann Xoan (Daniel Grao), Antías Vater. Doch manchmal bringt Trauer Menschen nicht näher zusammen, sondern treibt sie auseinander. Als Antía sie kurz nach ihrem 18. Geburtstag ohne ein Wort der Erklärung verlässt, bricht für Julieta eine Welt zusammen. Die verzweifelte Mutter lässt nichts unversucht, Antía aufzuspüren, aber was sie herausfindet ist nur, wie wenig sie über ihre Tochter weiß.

Viele Jahre später trifft Julieta (Emma Suárez) auf der Straße zufällig eine Jugendfreundin ihrer Tochter, die Antía erst kürzlich getroffen hat. Julieta schöpft wieder neue Hoffnung und beginnt ihre Erinnerungen aufzuschreiben, die schönen wie die schmerzhaften.

JULIETA erzählt davon, wie eine Mutter gegen die Ungewissheit ankämpft und sie zu überwinden versucht. Der Film erzählt auch von Schicksalsschlägen und Schuldkomplexen, von Liebe, Trauer und Einsamkeit und von dem unergründlichen Geheimnis, das uns dazu bringt, Menschen, die wir lieben, zu verlassen und aus unserem Leben zu streichen, so als hätten sie uns nichts bedeutet, als hätten sie nie existiert...

Nach preisgekrönten Meisterwerken wie ALLES ÜBER MEINE MUTTER, SPRICH MIT IHR und dem internationalen Publikumsliebling VOLVER – ZURÜCKKEHREN knüpft der spanische Ausnahmeregisseur Pedro Almodóvar mit seinem 20. abendfüllenden Spielfilm JULIETA wieder an gewohnte Stärken an und zeigt sich von seiner bislang reifsten Seite. Sein neuer Film ist auch eine Rückkehr in die Welt der Frauen, von denen niemand so feinfühlig zu erzählen vermag wie Almodóvar selbst. Auf dem Höhepunkt seiner Kunst kommt er bei seiner bewegenden Geschichte über die Suche einer Mutter nach ihrer verschwundenen Tochter sogar ganz ohne grelle Zwischentöne oder überhöhte Charaktere aus. Vielmehr ist das lose von drei Erzählungen der kanadischen Nobelpreisträgerin Alice Munro inspirierte und raffiniert komponierte Drama die sensible und feinnervige Auseinandersetzung um familiäre Geheimnisse und das Schweigen über Vergangenes und uneingestandene Schuld, die einer Aussöhnung entgegenstehen.

Bei der Darstellerriege setzt Pedro Almodóvar bis auf wenige Ausnahmen auf neue Gesichter, allen voran in der doppelten Hauptrolle Emma Suárez als vom Schicksal gezeichnete Julieta und Adriana Ugarte als titelgebende Protagonistin in jungen Jahren. An ihrer Seite spielen Daniel Grao als Julietas Mann Xoan und Inma Cuesta als Ava, eine befreundete bildende Künstlerin überaus sinnlicher Skulpturen. Almodóvars Muse Rossy de Palma (KIKA, FRAUEN AM RANDE DES NERVENZUSAMMENBRUCHS) ergänzt als herbe Haushälterin Marian das vielschichtige Frauenensemble. Auch wieder mit von der Partie ist der aus SPRICH MIT IHR bekannte Darío Grandinetti, der hier als Lorenzo, Julietas Liebhaber in späteren Jahren, zu sehen ist.

Die grandiosen Bilder fängt der französische Kameramann Jean-Pierre Larrieu ein und erweist sich mit seiner eleganten Bildästhetik bei seiner ersten Zusammenarbeit mit dem Regisseur gleich als perfekte Ergänzung des visuellen Almodóvar-Universums. Der langjährige Wegbegleiter und vielfach ausgezeichnete Filmkomponist Alberto Iglesias liefert zugleich mit der subtil-stimmungsvollen Musik einen der besten Soundtracks seiner Karriere.

14:59 20.07.2016

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