Niemals alt

Zum Film Shakespeares Stück ist wohl unter anderem so beliebt, weil es gleichermaßen etwas über die jeweilige Gegenwart wie auch die Zeitlosigkeit menschlichen Machthungers zu erzählen vermag
Niemals alt
Foto: StudioCanal

Seit ihrer ersten gesicherten Aufführung im Jahre 1611 hat William Shakespeares Macbeth nicht nur unzählige Aufführungen erahren, sondern wurde auch mehrfach verfilmt. Das Spektrum der filmischen Umsetzungen reicht dabei von werktreuen, sich stark an der Vorlage orientierenden Verfilmungen, wie den Filmen von Orson Welles (1948) und Roman Polanski (1971), bis hin zu Adaptionen, die den Stoff frei und zum Teil äußerst kreativ umsetzen, wie z.B. Mark Brozels Macbeth (2006) aus der BBC-Reihe Shakespeare Retold, der die Handlung in ein Restaurant im heutigen London verlegt. Justin Kurzel, dessen Macbeth 2015 bei den Filmfestspielen in Cannes Premiere feierte, legt eine erneute filmische Umsetzung der Shakespeare’schen Tragödie vor, die insgesamt als werknah eingestuft werden kann. Das meiste ist aus der Vorlage übernommen, auch wenn sich diverse Kürzungen und Veränderungen konstatieren lassen, wie z.B. die Reduktion der Schauplätze, die Streichung einiger Szenen usw., die jedoch unproblematisch sind. Einige Aspekte des Macbeth bieten allerdings zahlreiche Umsetzungsmöglichkeiten und damit ein hohes interpretatorisches Potential.

Shakespeares Stück folgt einer zirkulären Struktur, bei der am Anfang und am Ende der Kampf eines rechtmäßigen Herrschers (Duncan bzw. Malcolm) gegen Rebellen (Macdonwald und Cawdor bzw. Macbeth) steht. Interessant wird dies vor allem dadurch, dass Macbeth im Verlauf der Handlung die Seiten wechselt und vom treuen General Duncans zum rebellischen Usurpator wird. Die zyklische Struktur wird in Justin Kurzels Verfilmung sehr pointiert umgesetzt. Zwar eröffnet der Film mit einer Szene, die für die psychologische Tiefe der Figuren von großer Bedeutung ist – der Beerdigung des Kindes von Macbeth und Lady Macbeth –, doch es folgen blutige Schlachtszenen. Während bei Shakespeare die Zuschauer von der ersten Schlacht durch einen Botenbericht erfahren (Akt 1, Szene 2), zeigt Kurzel dies dem Publikum detailliert. Der Kampf zwischen Macbeth und Macduff am Ende des Films ist ein visuelles Echo dieser ersten Schlacht, der sich jedoch in der Farbgebung deutlich unterscheidet: Ist der Anfang in naturalistischen Farben gefilmt, erscheint der Hintergrund beim Ende rot, so dass in symbolischer Verdichtung das Höllische des Kriegs evoziert wird und auch visuell auf Macbeths blutiges Ende hingewiesen wird. Des Weiteren hat Kurzel durch die Hexen, die Macbeth sowohl am Anfang als auch am Ende auf dem Feld sieht, einen weiteren Ver- weis auf die Kreisstruktur der Tragödie eingebaut.

Auch bei der Darstellung der Hauptfigur bleibt Kurzel dicht an der Vorlage und zeichnet Macbeth als gewaltbereiten Despoten. Mitunter geht er über Shakespeare hinaus, wenn er Macbeths Mord an Duncan in beinahe qualvoller Länge zeigt oder ihn bei der Ermordung Lady Macduffs, die hier einer öffentlichen Hinrichtung ähnelt, selbst Hand anlegen lässt. Zwar weisen beide Szenen deutlich auf die gewaltbereite Seite Macbeths hin, doch bietet Kurzel eine Erklärung dafür, indem er ihn als schwer gezeichneten Mann darstellt, der um sein totes Kind trauert und durch den Krieg traumatisiert ist. Die Zeitlupensequenz währende der ersten Schlacht suggeriert zum einen Macbeths subjektive Wahrnehmung des Kampfs, verdeutlicht zum anderen aber auch die Brutalität des Krieges; Tod und Gewalt sind die steten Begleiter Macbeths. Doch auch Macbeths innerer Konflikt wird von Kurzel aufgegriffen. Die implizierten Traumata verleihen der Figur eine psychologisch plausible Facette, die noch betont wird durch seine ehrliche, völlige Verzweiflung nach Lady Macbeths Tod oder durch die Resignation, wenn er am Ende die Hexen auf dem Schlachtfeld wiedersieht.

Die Darstellung Lady Macbeths orientiert sich ebenfalls eng an Shakespeare, doch weist der Film auch einige höchst interessante Interpretationen der Figur auf. Der Tod ihres Kindes, mit dem der Film beginnt, gibt Lady Macbeth eine denkbare psychologische Motivation, in der Verbitterung und Trauer zum Motor einer unstillbaren Ehrsucht werden. Gleichzeitig betont Kurzel die Härte und Emotionslosigkeit der Figur, indem er sie die Möglichkeit des Königsmordes in der Kapelle des Lagers in Inverness erörtern lässt. Die religiöse Konnotation des Orts lässt ihren Monolog wie ein pervertiertes Gebet erscheinen; ihre Worte wirken nicht nur grausam, sondern blasphemisch. Doch auch Lady Macbeths menschlichere Seite wird gezeigt: Bei Lady Macduffs öffentlicher Hinrichtung kniet sie weinend vor dem Scheiterhaufen. Dieses fast traumatische Erlebnis führt zusammen mit ihrer Tatbeteiligung zu Schuldgefühlen und schließlich in ihren Wahnsinn, den Kurzel wirkungsvoll umsetzt. Sie halluziniert ihr totes Kind und wirkt beinahe bemüht ruhig, so als klammere sie sich verzweifelt an den letzten Funken geistiger Gesundheit.

Eine wichtige Rolle fällt bei Shakespeare den Hexen zu, die er vor allem nutzt, um sich mit dem Thema des freien Willens des Menschen im Gegensatz zur schicksalhaften Fügung zu beschäftigen; die zentrale Frage ist, ob Macbeth aus freiem Willen handelt. Oberflächlich betrachtet, scheint Kurzel diese Frage zu beantworten, indem er die Hexen häufiger als in der Vorlage auftreten lässt und dadurch eine Übermacht des Schicksalhaften anzudeuten scheint. Sie erscheinen nicht nur in den drei Shakespeare’schen Szenen, sondern Macbeth sieht sie auch während der Schlacht gegen Cawdor und wenn er stirbt; auch Fleance sieht bei seiner Flucht eine Hexe, und Lady Macbeth meint in ihrem Wahnsinn, ihnen in den Highlands zu begegnen. Die von Kurzel gewählten Zeitpunkte jedoch weisen auf die Bedeutung des freien Willens hin: Dass sowohl Macbeth als auch Lady Macbeth die Hexen kurz vor ihrem Tod sehen, führt ihnen ihre Verführbarkeit und Verblendung vor Augen. Interessant ist ferner der Geistersoldat, eine nicht von Shakespeare stammende Figur. Er spielt eine entscheidende Rolle beim Mord an Duncan, da er Macbeth den Dolch gibt und ihn zum Bett des Königs begleitet. Durch das Imaginieren eines (übernatürlichen) Spießgesellen wird zum einen die potentielle Macht des Schicksals angedeutet, zum anderen scheint der Geistersoldat als Alter Ego Macbeths konzipiert, das dann in Erscheinung tritt, wenn Macbeth von Zweifeln geplagt ist.

Ein letztes wichtiges Element ist schließlich die filmisch-ästhetische Umsetzung. Kurzel beschränkt sich auf drei wesentliche Settings – die Highlands, Macbeths Lager in Inverness und die Burg Dunsinane –, die alle auch symbolhaft besetzt sind. Macbeths Aufstieg beispielsweise manifestiert sich in seinem Umzug von einem Lager mit Zelten in eine Burg, die jedoch später als zunehmend klaustrophobisch und gefängnisartig gezeigt wird. Auch die Landschaftsaufnahmen sind symbolhaft: Kameramann Adam Arkapaw zeigt die Highlands als kargen, lebensfeindlichen Ort und externalisiert damit in fast schon expressionistischer Manier das Innenleben der Figuren; ferner fungieren die nebligen Highlands in potentiell halluzinatorischen Passagen (Macbeths Besuch bei den Hexen und Lady Macbeths Wahnsinn) als irrealer, alptraumartiger Hintergrund. Generell ist die Ästhetik dieses Films modern und scheint zunächst in krassem Gegensatz zu Shakespeares Sprache zu stehen. Gerade dieses Spannungsfeld bietet jedoch sehr interessante interpretatorische Ansätze. Die Zeitlupensequenzen der Schlachtszenen erinnern zwar an die Ästhetik von Actionfilmen, verdeutlichen jedoch auch die Brutalität des Krieges und suggerieren Macbeths subjektive Wahrnehmung sowie seine Traumatisierung durch Krieg und Gewalt. Auch die rot gefilmte Sequenz am Ende des Films, die wie die Landschaftsphotographie, beinahe expressionistisch wirkt, passt mit ihren Assoziationen von Gewalt, Tod, Hölle und Blut nicht nur zu der schrecklichen Schlacht, sondern weist subtil auf das Motiv des Blutes hin, das zu den zentralen Bildern des Macbeth gehört.

12:35 29.10.2015

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