Eine vorsichtige Komödie

Interview Der Regisseur Julien Abraham über seine Motivation „Made in China“ zu drehen, die Zusammenarbeit mit Frédéric Chau, so wie Schwierigkeit den Figuren Persönlichkeiten zu geben, statt sie im Film nur als Repräsentanten der chinesischen Kultur zu nutzen
Eine vorsichtige Komödie
François (Frédéric Chau) besucht seine Tante Fa (Li Heling) bei ihrer Mah-Jongg-Runde mit den Damen aus der Nachbarschaft. Er ist herzlich willkommen und wird gleich ausgefragt, wie es ihm in den zehn Jahren Abwesenheit ergangen ist

Foto: Etienne George

Was hat Sie motiviert, diesen Film zu machen?

Julien Abraham: Frédéric Chau war der erste, der mit mir über den Film gesprochen hat. Es ist ein Film, der schon lang in den Köpfen herumschwirrte. Als ich eingestiegen bin, hatten Frédéric Chau und Kamel Guemra schon anderthalb Jahre lang am Drehbuch gearbeitet. Das entsprach meiner Arbeitsweise; ich habe schon immer meine Filme mit anderen zusammen geschrieben. Es war interessant, denn Kamel Guemra hatte einige Geschichten über das Leben mit mehreren Nationen-Zugehörigkeiten zu erzählen, die sich interessanterweise nicht mit denen deckten, die Frédéric Chau zu erzählen wusste und dennoch gab es natürlich auch Überschneidungen. Genau das hat unserem Schreiben einen gewissen Grad an Feinheit und Differenziertheit eingehaucht und uns an den Fallen des Klischees vorbeiziehen lassen.

War es Ihr Ziel, einer Kultur Sichtbarkeit zu verschaffen, die bisher kaum wahrgenommen wird?

Einer der Gründe für mich, diesen Film machen zu wollen, war der Wunsch, Kino zu machen, das Themen setzt und das Helden und Heldinnen sichtbar macht, die üblicherweise nicht auf der großen Leinwand zu sehen sind und sie von den üblichen Klischees ihrer Darstellung zu befreien. Das ist das Ziel all meiner Filme.

Hatten Sie schon vor der Arbeit an diesem Film eine bestimmte Affinität zur asiatischen Kultur?

In meinem Freundeskreis ein wenig, aber darüber hinaus eigentlich nicht. Ich bin nicht im 13. Arrondissement aufge- wachsen, aber ich habe später dort in der Nähe studiert. Für den Film habe ich dann 3 Jahre in der Community verbracht: anderthalb Jahre mit der Arbeit am Drehbuch, 6 Monate Dreh-Vorbereitung, 2 Monate Dreharbeiten und 6 Monate Postproduktion. Mittlerweile kenne ich das 13. Arrondissement sehr gut.

Wie sind Sie vorgegangen, um Klischees über die asiatische Gemeinde zu vermeiden?

Das war der schwierige Teil des Films. Um ein Klischee auszuhebeln, muss man es umdrehen, das heisst, man muss es jemandem in den Mund legen, der davon betroffen ist. Dadurch gelingt es sehr oft, die Absurdität des Klischees sichtbar zu machen. Unser Ziel war es, unseren Figuren Tiefe zu geben und sie so zu gestalten, dass sie in erster Linie als Persönlichkeiten und nicht vorrangig als Repräsentanten einer bestimmten Kultur wahrgenommen werden.

Wie haben Sie die Hauptfigur entwickelt? Warum unterscheidet sie sich so stark vom Rest der Familie?

Es war wichtig, dass François Teil des Pariser Milieus ist, ein wenig bürgerlich-intellektuell, um ihn aus dem Stereotyp des eingewanderten Asiaten herauszulösen. Das soll nicht bedeuten, dass es nicht auch die anderen, die Restaurants betreiben oder Lieferanten sind, gibt. Es stimmt, dass die meisten Mitglieder seiner Familie Berufe ausüben, die man eher erwarten würde, wie sein reicher Cousin, der Restaurants betreibt. Aber auch bei dieser Figur ging es uns im Kern darum, ihre Komplexität zu zeigen.

Der Film oszilliert zwischen dramatischer und komischer Erzählweise. In welchem Genre verorten Sie sich?

Während einer Reise nach Kambodscha wurde mir viel über die von dem Völkermord durch die Roten Khmer ausgelöste Massenflucht erzählt. Ich wollte, dass davon ein Echo im Film erhalten bleibt. Es ist natürlich richtig, dass es im Rahmen einer Komödie kompliziert ist, Szenen auf dem Friedhof zu zeigen und die Fluchtgeschichte der Eltern aus einem Land im Kriegszustand anzudeuten. So ordnen wir unsere Geschichte in einer sehr harten Realität ein. Das machte die große Herausforderung aus, diesen Film zu schreiben. Für mich ist das nicht eine simple Komödie. Manche würden sagen, dass es sich um eine vorsichtige Komödie handelt. Ich würde sagen, dass „Made in China“ eine Komödie mit einem starken sozialen Anspruch ist.

„Made in China“ ist der erste französische Film, derSchauspieler mit asiatischen Wurzeln ins Zentrum stellt.War das Casting aus diesem Grund schwierig?

Nein, schwierig war es nicht. Ich bin befreundet mit Steve Tran, der in meinem Film „La Cité Rose“ gespielt hat. Er hat uns geholfen und natürlich auch Frédéric Chau, der quasi jeden asiatisch verwurzelten Schauspieler in Paris kennt. Beim Casting wurde mir allerdings auch bewusst, dass es nicht sehr viele professionnelle Schauspieler mit asiatischen Wurzeln gibt. Für die Großmutter mussten wir uns zwischen zwei in Frage kommenden Schauspielerinnen entscheden. Wenn es über diesen klassischen Weg nicht funktioniert, muss man eine Art wildes Casting über die sozialen Netzwerke machen. So haben wir den kleinen Bruder von Frédéric gefunden, er ist der einzige nicht-professionelle Schauspieler im Film.

Wie verhalten Sie sich gegenüber den Schauspielern während der Dreharbeiten?

Die Inszenierung der Schauspieler ist ein Aspekt, den ich an meinem Beruf sehr mag. Mit Frédéric Chau hatte ich im Vorfeld entschieden, dass wir den gemeinsamen Proben vor dem Dreh viel Raum geben wollen, um eine wirklich familiäre Atmosphäre entstehen zu lassen. Den Schauspielern haben wir dabei große Freiheit gelassen. Als Regisseur hat man auch die Aufgabe zuzuhören, vor allem, wenn man mit Menschen und mit einer Community arbeitet, die man selbst nicht kennt. In diesem Sinne war ich vielleicht weniger Regisseur als der erste Zuschauer.

Der Film strukturiert sich entlang sehr farbintensiver Szenen, wie zum Beispiel der Hochzeit. Nach welchen Kriterien haben Sie ihre ästhetischen Entscheidungen getroffen?

Das 13. Arrondissement ist ein sehr ‚filmischer‘ Bezirk, es war sehr angenehm, dort zu drehen. Es hat mir erlaubt, das zu zeigen, was ich am asiatischen Kino mag: die Art und Weise zum Beispiel, die Restaurants und Boutiquen mit viel Neonlicht auszuleuchten. Auch bei den Außendrehs im 13. Arrondissement haben wir diesen Farbenreichtum wiedergefunden. Oft wird in den Lichtverhältnissen im Film eine Farbe besonders dominant. Bei uns ist es das Rot, das insbesondere bei der Hochzeit eine Rolle spielt.

Welche Szene ist für Sie die gelungenste im Film?

Meine Lieblingsszene ist der Moment, in dem François mit seiner Familie im Bus unterwegs ist und sie anfangen, auf chinesisch zu singen. François‘ Blick ist träumerisch, in diesem Moment hat er wieder Bezug zu seinen Wurzeln, denn dieses Lied erinnert ihn an seine Kindheit.

Gleichzeitig ist er der einzige, der ausgeschlossen ist, weil er als einziger das Lied nicht auf chinesisch singen kann.

Ja, darin liegt die Ambivalenz dieser Figur, die zu Beginn des Films mit dieser Gemeinschaft nichts zu tun haben will und schließlich Schritt für Schritt doch wieder ein Teil von ihr wird.

10:42 17.07.2019

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