Gemeinsamer Weg

Zum Film Der Grundstein zur Entstehung dieses Films wurde bereits vor über 20 Jahren gelegt, als Regisseur Tomer Heymann erstmals eine Aufführung der Batsheva Dance Company sah
Gemeinsamer Weg
Foto: Gadi Dagon

Director's Note

"Die Idee für diesen Film ist schon vor über 20 Jahren geboren, als ich Naharins Batsheva Dance Group zum ersten Mal auf der Bühne sah. Mein Kopf und mein Herz erfuhren einen gewaltigen Aufruhr, zu vergleichen mit einem unglaublichen Cocktail aus Alkohol und Drogen, aber eben ohne Alkohol und ohne Drogen. Eine ununterbrochene Folge an Bewegung, Musik, Energie, Sexualität, Sinnlichkeit und Tänzern, in die man sich verliebt, ohne zu wissen warum. Von diesem Abend an war ich wie besessen von der Batsheva Tanzkunst. Naharin ist eine hart zu knackende Nuss, sehr komplex und zudem ein widersprüchlicher Charakter, was ihn wiederum für einen Dokumentarfilm zu einem faszinierenden Subjekt macht."

Tomer Heymann

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Interviews

Tomer Heymann (Regie)

Woher kam die Idee einen Film über Ohad Naharin zu drehen?

Als 20 Jahre junger Soldat wurden mir Tickets für eine Batsheva-Tanzaufführung geschenkt. Das war das erste Mal, dass ich Tanz generell und auch speziell Batsheva und Ohad Naharin sah. Nach der Aufführung war das Einzige was ich wollte, es nochmal zu sehen. Was ich auch tat, immer wieder. Über die Jahre hinweg verfolgte ich kontinuierlich Naharins Arbeit. Das Aufeinandertreffen mit dieser neuen künstlerischen Welt machte mich neugierig und festigte meinen Vorsatz, den Mann, der seine eigene Bewegungssprache entdeckt hatte und der es schaffte, mich und ein großes Publikum in Israel und auch überall im Ausland mit seinen Tanzkreationen zu berühren, kennenzulernen. Desweiteren war ich neugierig herauszufinden, ob eine Verbindung zwischen seinen Tänzen und früheren bedeutsamen persönlichen Erfahrungen bestand.

Was bedeutet Tanz im Speziellen für Sie persönlich?

Ich denke, dass Tanz eine besondere und faszinierende Ausdrucksform ist. Er gibt einem die seltene Möglichkeit seine Gefühle durch den Körper darzustellen. Man kann einen Weg zu sich selbst finden, gleichzeitig die Nähe seiner Mittänzer spüren und mit ihnen durch den Tanz kommunizieren. Ich beneide Tänzer, genieße es, sie tanzen zu sehen, wie sie sich während einer Gaga-Stunde völlig hingeben können.

Wie haben Sie sich auf das Projekt vorbereitet?

Als jemand der Ohads Arbeit schon über Jahre hinweg verfolgt, starteten die Vorbereitungen schon lange bevor ich wusste, dass ich einen Film über ihn machen werde. Der Film entstand aus verschiedenen Teilen. Zum einen bediente ich mich an Ohads privatem sowie dem Batsheva-Archiv. Desweiteren verwendete ich Szenen, die ich während der letzten acht Jahre aufgenommen hatte. Ich begleitete Ohad bei seiner Arbeit mit den Tänzern, in seinem privaten Leben und bei den Begegnungen mit seinen Eltern. Ich reiste um Tänzer kennenzulernen, die Ohad schon in frühen Jahren trainierte. Die intellektuelle und emotionale Herausforderung, alles miteinander in Einklang zu bringen, fand dann eher im Schneideraum statt – das Persönliche mit der Arbeit zu verbinden, die Vergangenheit und Gegenwart, die Verarbeitung der einen Kunstform – d.h. Tanz – zu einer anderen Kunst – Kino.

Gab es besondere Herausforderungen während der Dreharbeiten? Und wenn ja, welche war die größte?

Die größte Herausforderung für den Film war Ohads Vertrauen zu gewinnen, seine persönlichen Aufnahmen zu sichten und seinen Segen zu bekommen, alles was in seinem Tanzstudio passierte ohne irgendwelche Einschränkungen aufzuzeichnen. 

Über Jahre hinweg hat Ohad Naharin es abgelehnt, Aufzeichnungen in seinem Studio zu machen. Er glaubte daran, dass Bewegung und der Moment nicht eingefroren werden können, deswegen verweigerte er anfangs hartnäckig mich mit meiner Kamera hereinzulassen. Außerdem bestand er darauf, nur über die Gegenwart und Zukunft und keinesfalls über die Vergangenheit zu sprechen.

Das Vertrauen zwischen uns baute sich nur langsam und über viele Stunden in seinem Studio und außerhalb auf, auch durch die schwierige Arbeit, sich den Menschen zu nähern, die an wichtigen Stationen seines Lebens teilgenommen hatten.

Wie war es mit Ohad Naharin zu arbeiten?

Als aller erstes war es eine große Ehre mit ihm zusammenzuarbeiten, da ich in sein heiligstes Inneres schauen konnte, indem er seine eigene Kunst kreiert. Die Möglichkeit zu haben, sich mit einem Mann zu beschäftigen, der selbst immer 100% gibt und dies auch von seinen Tänzern verlangt, machte mich neugierig. Zugleich freute ich mich darauf, mehr Zeit allein mit ihm zu verbringen, um ihm alle Fragen zu stellen, die sich nach stundenlanger Begutachtung seiner geführten Interviews und der Befragung von Menschen, die ihn schon lange kannten, ergaben.

Vor allem bin ich für das Vertrauen dankbar, das er mir letztendlich entgegengebracht hat und das ihn auch dazu bewegte, mir seine persönlichen Archivmaterialien zur Verfügung zu stellen. Durch diese Aufzeichnungen haben wir einen wahren, faszinierenden Schatz gefunden, der Ohad Naharin – den Mann und den Choreograph – beschreibt.

Erinnern Sie sich an einen ganz besonderen Moment am Set?

Die Szene, die sich am meisten in meinem Herzen eingebrannt hat, ist, als Ari (Ohads Frau) während einer Probe gezwungenermaßen unterbricht und zu ihrer Tochter Noga rennt, weil diese draußen herzzerreißend weint. Das war ein Moment von unerträglicher Spannung zwischen der Familie und Vatersein sowie Karriere und Professionalismus. Das durch die fokussierte Kamera eingefangene Gesicht von Ohad, seine Miene ausdrucklos, nicht wissend wie er reagieren soll, ist ein Moment, indem ich sehr stolz auf Ohad war – auf seinen Mut vorauszublicken und nicht loszulassen.

Auf was können sich die Zuschauer freuen, wenn sie sich den Film anschauen?

Ich würde mich sehr freuen, wenn die Zuschauer, die sich den Film anschauen nicht nur einen Film für Tanzbegeisterte sehen. MR. GAGA ist ein Film, der über Kunst und Kreativität spricht, ein Film, der einen faszinierenden und vielschichtigen Protagonisten darstellt. Vorwiegend ist es ein Film, der darauf abzielt, einen Mann zu zeichnen, der seine Leidenschaft nicht aufgegeben hat. Trotz Krisen und Schwierigkeiten war er immer entschlossen und wurde schließlich erfolgreich.

Ohad Naharin ist in Israel auch bekannt für sein politisches Engagement. War dies wichtig für Ihren Film?

Ohad verbirgt seine politischen Absichten nicht, er gibt Interviews für Organisationen, die gegen die Besetzung handeln. Aber ich will in dem Film nur politische Referenzen in Bezug zu seiner Kunst verwenden. Wie zum Beispiel der Moment, als er sich inmitten eines Skandals befand, der die Regierung im Jahre 1998 zu stürzen drohte, weil er gebeten wurde, seine Tänzer zu bedecken. Oder auch heute, wenn er die politische Situation in Israel mit seinem neuesten Werk „Last Work“ verbindet.

Der Film MR. GAGA ist ziemlich unterschiedlich zu Ihren vorherigen Werken. Können Sie uns mehr über den Ansatz und die Unterschiede erzählen?

Im Gegensatz zu meinen früheren Filmen, in denen ich sehr prominent war, merkte ich je weiter die Bearbeitung fortschritt, dass nicht ich das Thema des Films war, sondern dass ich mich in einer ganz anderen Art und Weise einbringen musste. Vielmehr wurde mir bei der Beobachtung von Ohad Nahrin, der mich seitdem ich 21 Jahre alt war und mich seither beeindruckte, immer mehr bewusst, was ich durch seine Geschichte und die Geschichte des Tanzes erzählen wollte. Nicht ich musste gesehen oder gehört werden und aufgrund dessen machte ich die Bühne für die Welt des Tanzes, die ich so sehr liebe, frei.

Ihr letzter Film – WHO’S GONNA LOVE ME NOW? – wurde für die Berlinale 2016 ausgewählt und mit dem Panorama Publikumspreis ausgezeichnet. Können Sie uns etwas über Ihren nächsten Film verraten?

Normalerweise arbeite ich an ein paar Projekten gleichzeitig. Die Arbeit an manchen Projekten ist kontinuierlich, manche Projekte werden zwischenzeitlich auf Eis gelegt bevor ihre Zeit gekommen ist. Ein Projekt, dass mich momentan sehr interessiert ist Jonathan Agassi. Über ihn habe ich schon vor ein paar Jahren einen Teil einer Serie gedreht, die sich um israelische Familien dreht. Ich glaube, dass es an der Zeit ist, hier nochmal hin zurückzukehren.

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Ohad Naharin (Protagonist, Tänzer & Choreograph)

War es für Sie einfach einem Filmprojekt über sich und Ihre Arbeit zuzustimmen – und der Produktion auch Zugang zu Ihren Archiven zu gewähren?

Einfach ist relativ. Da ich Tomer nun über 25 Jahre kenne, er schon viele interessante Filme über meine Arbeit produziert hat, ich auch den Kameramann kennenlernen durfte und direkt eine gewisse Sympathie ihm gegenüber empfand, war es für mich nicht sehr schwer „ja“ zum Projekt zu sagen. Bezüglich der Archive – als ich Tomer die Boxen voller Aufnahmen übergab, fühlte ich mich erleichtert.

Wie sieht Ihre Beziehung gegenüber dem Kino aus?

Es gibt viele Gemeinsamkeiten zwischen der Produktion eines Filmes und einer Choreographie. Hierzu zählen für mich der Gebrauch von Komposition, das Einzelbild, Farben und Licht, Übertreibungen, Feinheit, Drama, Musik, Textur, Timing, Landschaft, menschliche Werte, Fantasie, Gefühle, Veränderungen, Geschichtenerzählen, Technologie, die Zusammenarbeit mit verschiedenen Mitarbeitern und Künstlern, ein sicheres Netzwerk für die Besetzung und kollektive Weisheit.

Kannten Sie die Filme von Tomer?

Nein, nicht vor unserer Zusammenarbeit

Könnten Sie uns die „Gaga“-Technik definieren? Stammt der Name „Gaga“ von Ihnen?

„Gaga“ ist eine Bewegungssprache bei der wir auf unseren Körper hören müssen, bevor wir ihm sagen was er zu tun hat. Wenn wir das tun, werden wir auf Atrophien und Blockaden in unserem Körper aufmerksam und können darüber und im Allgemeinen auch eher über unsere Grenzen hinausgehen. Wir erarbeiten uns ein Wissen darüber, wie man sich effizient und instinktiv bewegt und wie man lernen kann, seine explosive Kraft und sein Feingefühl miteinander zu verbinden. Wir lernen über uns selbst zu lachen. Wir lernen, unsere Leidenschaft mit der Kraft der Phantasie zu verbinden, während wir unsere körperlichen Fähigkeiten entwickeln.

Der Name „gaga“ kommt daher, dass ich zu müde war meine Kunst ständig „my movement language“ zu nennen. Nach meiner Mutter zufolge, war „gaga“ mein erstes gesprochenes Wort.

Ihr Ensemble hat verschiedene auswärtige Tänzer. Wie verbinden Sie das alles?

Die geographischen, nationalen und ethischen Begrifflichkeiten spielen keine Rolle bei der Auswahl meiner Tänzer. Ich suche mehr nach intelligenten, koordinationsfähigen, kreativen, großzügigen, leidenschaftlichen, musikalischen, ehrlichen, starken und eifrig lernenden Tänzern. Meistens besteht unser Ensemble zur einen Hälfte aus israelischen Tänzern und zur anderen Hälfte aus unterschiedlichen Nationalitäten.

Auch wenn „Gaga“ Freiheit bedeutet, zeigt der Film die Suche nach Perfektion und dass Tag für Tag auf höchstem Niveau gearbeitet wird. Was ist für Sie die Hauptmotivation dieser harten Arbeit?

In meinem Leben und bei meiner Arbeit habe ich nie nach Perfektion gesucht. Die Suche nach Perfektion assoziiere ich mit konventionellem und konservativem Denken. Ich strebe nach sinnvollen und großartigen Momenten, wohingegen ich dennoch zugeben muss, dass ich sehr weit von Perfektion entfernt bin.

Sie erklären sich als ein Israeli, der gegen die Politik der Regierung protestiert. Was wäre die wichtigste Änderung für ihr Land?

Das Ende der Besetzung, die Trennung von Religion und Staat, sowie die Erlernung von Respekt und dem Bewusstsein gegenüber der Menschenrechte.

16:55 11.05.2016

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