Eine sinnliche Erfahrung

Interview Der Regisseur Kanwal Sethi wurde in Amritsar, Indien geboren und lebt nun schon seit Beginn seines Studiums in Deutschland. Im Gespräch erzählt er von den Dreharbeiten in Mumbai, starken (indischen) Frauenfiguren und seiner Faszination fürs Kochen
Eine sinnliche Erfahrung
Amar (Neeraj Kabi) und Tara (Shefali Shah)

Foto: Arsenal Filmverleih

Sie leben schon seit längerem in Deutschland. Was reizte Sie daran in Indien zu drehen?

Kanwal Sethi: Es war ein unbewusster Prozess, der zu diesem Dreh in Indien führte. Es war aber sehr spannend, in dieser verrückten Filmstadt Mumbai zu drehen. Ein noch größerer Reiz bestand darin, mit diesen großartigen indischen Schauspielern zu arbeiten.

Tara ist eine sehr starke, moderne Frauenfigur – entspricht sie einer veränderten Frauenrolle in Indien – wie sehen dort moderne Familienkonstellationen aus?

Ja, das ist Indien! Nicht nur aktuell, auch traditionell sind die Frauen und Frauenfiguren sehr stark. Das ist sogar sehr tief in den indischen Religionen und der indischen Mythologie verankert. Es gibt keinen Gott ohne eine starke Göttin an seiner Seite.
Aber in Indien existiert genau wie überall ein konservativer Chauvinismus.
„Once Again" ist ein Teil einer Trilogie, in der ich mich dem sehr facettenreichen, modernen und urbanen Indien mit all seinen Veränderungen, Spannungsfeldern und Sehnsüchten annähern möchte.

Wie fanden Sie die Darsteller*innen?

Die beiden Hauptdarsteller kenne ich aus verschiedenen Filmen. Shefali hat im Arthousebereich, aber auch im Mainstream große Filme gemacht. Neeraj ist im indischen Arthousebereich ein großer Name. Wir haben sie über einen Castingdirector und indische Produzenten angefragt.

Mumbai spielt eine zentrale Rolle. Wie würden Sie die Stadt beschreiben? Wie war es, dort zu drehen?

Mumbai ist eine verrückte Stadt. Sie kann sehr schön und charmant sein und gleichzeitig auch einem wehtun – mit ihre Größe und ihrem wahnsinnigen Tempo.

Was fasziniert Sie am Kochen?

Kochen ist für mich eine sinnliche Erfahrung. Die Berührung mit all den Zutaten bringt uns der Erde näher und damit uns selbst. Und den Prozess des Kochens zu sehen, wie diese Zutaten sich verändern und miteinander verschmelzen – oder auch nicht – ist ein großartiges sinnliches Erlebnis. Und Kochen kann auch sehr meditativ sein.

Sie haben einen modernen indischen Film gedreht – sind Sie denn vom Bollywood-Film beeinflusst? Haben Sie Vorbilder im deutschen Kino?

Ich denke, es gibt keinen Menschen in Indien, den Bollywood nicht beeinflusst. Indien hat eine sehr starke Filmkultur. Das kann man ganz gut mit Frankreich vergleichen. Die Menschen schauen die Filme mehrfach an und machen die Emotionen sehr stark mit sich aus. Es gab den einen oder anderen Regisseur aus den 80er Jahren, der mich beeinflusst hat. Vorbilder im deutschen Kino habe ich nicht – aber ich habe großen Respekt vor Regisseuren wie Haneke, Fatih Akin und Andreas Dresen, Herzog und Wim Wenders. Auch Dominik Grafs Arbeiten im Fernsehen finde ich großartig. Leider kennt man die indische Filmwelt in Deutschland nicht sehr gut. Die Franzosen sind da ein Stück weiter. Indien hat nicht nur Bollywood, sondern auch ganz viele andere Facetten: eine starke Kunstfilmszene, Arthouse, ernst zu nehmenden Mainstream und dann die hier bekannten Bollywoodfilme mit Tanzeinlagen.

Wie war die Zusammenarbeit mit ihren Kameramännern? Welche Vorgaben erteilten Sie ihnen?

Das mit der Kamera ist eine lange Geschichte. Eigentlich war die Kameraarbeit mit ganz anderen Kameraleuten geplant, denn eine bekannte französische Kamerafrau sollte den Film drehen. Da der Film verschoben wurde passte das zeitlich nicht mehr. Dann wurde die ausgewählte deutsche Kamerafrau kurzfristig schwanger. Später habe ich mich dann kurzfristig für zwei junge Kameramänner entschieden. Der indische Kameramann ist sehr talentiert, aber auch sehr unerfahren. Hier war die Entscheidung, Conrad mitzunehmen, Gold wert. Die Endfassung des Drehbuchs war sehr detailliert und die Auflösung der einzelnen Szenen steckte teilweise schon im Buch.

Hat der Film Ihre persönliche Sicht auf das moderne Indien verändert?

Meine Sicht hat sich nicht verändert. Ich würde eher sagen, dass ich das moderne, urbane Indien näher kennengelernt habe und merke, dass dort gar nicht viel anders ist als im modernen Berlin, Paris oder New York. Die Menschen in dem urbanen Raum haben ähnliche Probleme und Sehnsüchte. Das war vielleicht auch der Grund, warum die Meisten der Zuschauer auf deutschen Festivals und Testscreenings sich mit den Figuren und ihren Reisen sehr gut identifizieren könnten.

08:49 16.05.2019

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