Zentrales Thema

Biographien Analog zu seinen preisgekrönten Werken "Novemberkind", "Die Unsichtbare" und "Westen" steht auch im neuen Film von Christian Schwochow wieder eine starke Frau im Fokus
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Foto: Pandora Film

Christian Schwochow (Regie)

Nach dem Studium an der Filmakademie Baden-Württemberg gewinnt Christian Schwochow 2008 erste Aufmerksamkeit 2008 mit seinem prominent besetzten Spielfilmdebüt NOVEMBERKIND, der beim Max Ophüls Festival mit dem Publikumspreis ausgezeichnet wird. Seine Regiearbeit am TV-Zweiteiler „Der Turm“ (2012) bekommt den renommierten Grimme Preis. Und gleich sein nächster Kinofilm DIE UNSICHTBARE erhält unter anderem den deutschen Filmpreis für die beste Nebenrolle. Auch sein Kinofilm WESTEN (2013) gewinnt den deutschen Filmpreis, diesmal für die beste Hauptrolle. Im November 2013 gibt Christian Schwochow mit „Gift“ sein Theaterdebüt am Deutschen Theater in Berlin, das im Folgejahr mit mit dem deutschen Theaterpreis für die Beste Darstellerin prämiert wird. Für „Bornholmer Straße“ wird Christian Schwochow 2015 erneut mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet. Im Frühjahr 2016 wird die von der ARD geplante Spielfilmtrilogie über den NSU ausgestrahlt. Christian Schwochows Film „NSU: Die Täter – Heute ist nicht alle Tage“ bildet hierbei den ersten Teil der Trilogie.

Interview mit Christian Schwochow

Das Drehbuch zu PAULA stammt nicht von Ihnen. Wie ist die Filmidee zu Ihnen gekommen?

Produzentin Ingelore König und Dramaturgin Cooky Ziesche schickten mir das Buch im Sommer 2012. Zu diesem Zeitpunkt hatte es schon eine intensive Entwicklung hinter sich, denn die Autoren Stefan Kolditz und Stephan Suschke hatten sich bereits zu DDR-Zeiten mit Paula Modersohn-Becker beschäftigt. Schon während des Lesens wusste ich: Diesen Film muss ich machen! Für mich war das Drehbuch ein wunderbares Geschenk.

... das Sie dann mit den Autoren gemeinsam weiter entwickelt haben.

Ja. Stefan Kolditz und Stephan Suschke hatten sehr kluge Entscheidungen darüber getroffen, welche Momente und Abschnitte aus Paulas Leben beschrieben werden sollen. Und welche eben nicht. Unsere gemeinsame Arbeit glich dann eher einem Ausformulieren. Natürlich gab es das gemeinsame Suchen nach einem ganz eigenen Stil und einer besonderen Form. Denn eines sollte PAULA nicht werden: ein klassisches Biopic. Es ging uns vielmehr um Fragen wie: Wovon erzählt uns ein Film über das Leben von Paula Modersohn-Becker heute? Von den Schwierigkeiten, die der Malerberuf mit sich bringt? Über die Probleme, die eine Frau zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Deutschland hatte? Schließt er ein paar Bildungslücken über den deutschen Expressionismus? Ja. Auch. Aber: PAULA sollte kein Film nur für Zeichenschüler und Museumsfreunde werden.

Wie schon in Ihren vorherigen Filmen NOVEMBERKIND, DIE UNSICHTBARE und WESTEN steht auch in PAULA eine starke Frau im Mittelpunkt. Hat Sie das Projekt auch dewegen so fasziniert?

Die Geschichte faszinierte mich vor allem wegen dieser universellen Fragen. Paulas Leben war bestimmt von Angst vor dem Mittelmaß und nichts zu hinterlassen. Von Angst, nicht gesehen zu werden als die, die sie ist, Angst, als Frau ein vorbestimmtes Schicksal erdulden zu müssen. Aber vor allem war ihr Leben davon bestimmt, sich diesen Ängsten zu stellen und mit einem schier unbesiegbaren Glauben an sich selbst ihren Weg zu gehen. Das macht sie zu einer modernen Heldin, deren Kraft und Mut ein großes Publikum von heute in den Bann ziehen kann. Paula und die Protagonistinnen der anderen Filme sind Frauen, die sich in ihrer Welt und ihrer Zeit auf bestimmte Art und Weise unangemessen verhalten, aufmüpfig sind, einen eigenen Kopf haben. Damit geraten sie an Grenzen, die sie versuchen zu überschreiten. Zwischen diesen Frauen gibt es eine starke Seelenverwandtschaft, da bin ich mir ziemlich sicher.

Kannten Sie die Geschichte und Arbeiten von Paula Modersohn-Becker schon, bevor Ihnen der Stoff angeboten wurde?

Das erste Mal war ich kurz nach 1990 in Worpswede. Das einzigartige Licht, dieses Bild der Moorlandschaft bei grauem Wetter hat sich mir eingeprägt. Außerdem kannte ich einige von Paulas Bildern. Wenn man sich mit den Übergängen vom Impressionismus zum Expressionismus in Deutschland beschäftigt, kommt man an Paula nicht vorbei. Aber dass ihre Lebensgeschichte so besonders war, das wusste ich nicht. Als Ingelore König damals zu mir kam, konnte sie nicht wissen, dass ich als Jugendlicher eigentlich Malerei studieren wollte. Maler bin ich letztlich nicht geworden. Umso mehr fühlte ich mich als Regisseur mit dem Angebot für diesen Film in einer Art und Weise „gesehen“, wie es sonst sehr selten passiert.

In Ihren Filmen wie DER TURM und WESTEN, die sich mit der jüngeren deutschen Geschichte beschäftigen, spielt die Bildhaftigkeit eine große Rolle. Wie haben Sie sich PAULA visuell genähert?

Wenn ich historisch arbeite, versuche ich grundsätzlich, Historisierung zu vermeiden. Ich will keine erhalten gebliebenen Fassaden und keine alten Kostüme ausstellen. Ich versuche, mit der Historie und den Menschen in ihrer Zeit auf selbstverständliche Art umzugehen, sie an mich heranzuholen, soweit es geht. Das zeigt sich in den Bildern, aber auch in der Schauspielführung. Paula und Otto sind moderne Figuren und so wollte ich den Film erzählen.

Was genau ist das Moderne an Paula und Otto?

Paula war radikal, kämpfte für ihren Weg als Frau, ohne sich als ideologisch oder feministisch zu empfinden. Paula malte nicht dekorativ, sie wollte den Menschen in die Seele schauen. Das Unperfekte hat sie fasziniert. Ich war berührt von ihrer ausgeprägten Angst vor Mittelmäßigkeit, die sie als Malerin hatte und die mich als Filmemacher mit ihr verbindet. Dann ist PAULA eine große, leidenschaftliche Liebesgeschichte. Eine Liebesgeschichte, die mich berührt, weil die Liebenden an Konflikten zu scheitern drohen, die gerade heute in meiner Generation Grund für unzählige Trennungen sind. Paula und ihr Mann Otto kämpfen um die Vision einer Beziehung, in der beide als Paar und Eltern glücklich sind, aber jeder seine eigene Selbstverwirklichung erreicht. Als Vater einer kleinen Tochter weiß ich, wovon ich spreche!

Was war Ihnen in der visuellen Umsetzung wichtig?

Filme über bildene Künstler machen sich oft die Farbgebung und Bildgestaltung des jeweiligen Künstlers zu eigen – das schwächt in meinen Augen aber die Wahrnehmung des Zuschauers auf den besonderen Blick und die Gemälde des Künstlers. Um Paulas besondere Malweise zu betonen, haben wir in der Bildgestaltung Mittel klassischer Malerei des 19. Jahrhunderts verwendet, die die Schönheit von Mensch und Natur betonen – Mittel, die Paula überwunden hat. Wichtig war uns auch, dass wir uns sehr früh vom Bild lösen, das wir von alten Fotografien jener Zeit kennen; diese gestellten Studiobilder, für die sich die Leute mit gebügelten Anzügen, gestärkten Kleidern und perfekten Frisuren fein hergerichtet haben. In PAULA sollen die Menschen so zu sehen sein, wie sie damals kaum fotografiert wurden, Menschen bei der Arbeit mit verstrubbelten Haaren, Schweiß im Gesicht – normal eben. Außerdem haben wir versucht, die Kostüme heutiger zu machen, sie gegen die Steifheit zu bürsten. Denn die Worpsweder Künstler zum Beispiel waren angesagt und in gewissem Sinne die Hipster von damals. Unser Otto Modersohn sollte so aussehen, als könnte er nächste Woche auf einer Vernissage in Berlin-Mitte auftauchen und kaum einer würde sich wundern.

Kann zu viel Recherche die spielerische Idee für einen Film erdrücken?

Nein, im Gegenteil! Gute Recherche bedeutet für mich, dass ich alle Fakten am ersten Drehtag vergessen kann. Ich recherchiere irrsinnig viel für einen Film, will alles wissen, um mich danach frei bewegen zu können. Man findet beim Recherchieren immer etwas, das eigentlich nicht zu dem passt, was man im Vorfeld vermutet hat. Genau dann wird es interessant! Man stößt beispielsweise auf Differenzen zwischen dem Bild von damals und der Sprache. Würden wir auf Anhieb glauben, dass schon Paula Modersohn-Becker das Wort „Vögeln“ benutzt hat? In ihren Tagebuchaufzeichnungen ist es nachzulesen. Sie hat ihre Gedanken ausführlich aufgeschrieben, das war Gold wert, um die Figur zu gestalten. Die wichtigste Recherche aber war das Betrachten und Erforschen ihrer Bilder.

Über Paula Modersohn-Becker gibt es heute sehr viele Bücher – Tagebuchaufzeichnungen, Briefe, Biografien. Bedeutet das für Sie als Regisseur Reiz oder Druck?

Beides. Was in meinen Augen nicht funktioniert, ist das präzise Übernehmen von Originalzitaten in den Filmdialog. Das fühlt sich oft wie ein Fremdkörper an. Stefan Kolditz und Stephan Suschke wollten als Autoren von vornherein eine moderne Sprache. Wir haben einige wenige Originalzitate verwendet, die die Schauspieler allerdings sehr dicht an sich heran und manchmal nur durch eine zusätzliche Silbe ins Realistische geholt haben.

Einige Zuschauer werden „ihre“ eigene Paula schon im Kopf haben, bevor sie ins Kino gehen ...

Es kann natürlich sein, dass es Menschen gibt, die genau wissen, wie Paula war, die ein klares Bild von ihr haben, das ich jetzt vielleicht enttäusche. Dem Zuschauer aber mit einem Spielfilm zu suggerieren, dass eine historische Person genau so oder so gewesen sein muss, bedeutet für mich hingegen, ihr gerade damit nicht gerecht zu werden. Ich habe mit vielen Menschen gesprochen, die in Paula vor allem eine sehr ernste junge Frau gesehen haben – und die nun wahrscheinlich einen in erster Linie ernsten Film über sie erwarten. Es ist sicher richtig, dass sie eine sehr ernsthafte Künstlerin war, die große Selbstzweifel und Melancholie kannte – wie fast jeder große Künstler. Durch das Lesen von Paulas Briefen und Texten, aus denen neben tiefsinniger Reflexion häufig eine totale Verrücktheit und manchmal kindhafte Naivität spricht, kamen Carla Juri und ich mehr und mehr darauf, Paula eine clowneske Seite zu geben. Wie eine ironisch gewitzte und schlaue Hofnärrin, die im verkrusteten männlichen Kunstbetrieb immer weiter ist als alle anderen. Das wird sicher einigen nicht gefallen. Aber: Ich wollte meine eigene Paula suchen und finden.

Warum haben Sie sich für Carla Juri als Paula entschieden?

Ich habe eine Rebellin gesucht. Wer Carla Juri kennt, weiß von ihrem unangepassten Wesen. Diesen permanenten Kampf, trotz dieser starken Eigenwilligkeit Anerkennung zu finden, kennt Carla als Künstlerin ebenso, wie Paula ihn erlebte. Ich habe eine Darstellerin gesucht, die keine Angst davor hat, einem historischen Stoff mit natürlicher, eben nicht historisierender Spielweise zu begegnen, die einen Charakter an sich heranholen kann, obwohl er weit von ihr entfernt scheint. Nicht zuletzt habe ich jemanden gesucht, der Lust darauf hat, in der Rolle nicht nur sympathisch zu sein. Denn Paula war sicherlich auch nervig, anstrengend und egoistisch.

Als Film lebt PAULA vor allem von Sinnlichkeit.

Das Schöne war, dass Paulas Sehnsucht, Körperlichkeit, ihr Wunsch nach Erotik und der Hunger nach Leben schon in der ersten Version des Drehbuchs zu finden und zu schmecken waren. Eine Szene wie jene, in der Paula und ihre beste Freundin Clara Westhoff in einem Kirchturm die Glocken läuten und dabei ihre Freude darüber herausschreien, dass sie beide heiraten werden, ist pure jugendliche Sinnlichkeit. Da denkst du zunächst: Was für ein wunderbarer Einfall der Autoren! Und dann findest du heraus, dass Paula und Clara genau das miteinander erlebt haben.

Gab es für die Hauptfigur ein Casting?

Ja, und es lief eineinhalb Jahre lang. Im Fall von Carla Juri habe ich sogar etwas getan, das ich sonst in der Regel nicht mache: Ich habe sie überredet, bin nach London geflogen und habe sie um zwei Stunden gemeinsame Arbeit gebeten. Carla hat etwas Anarchisches, das sich trotz ihrer Professionalität auf ihr Spiel überträgt. Sie spielt intuitiv, ist extrem überraschend und geht beim Dreh Impulsen nach, die nicht verabredet sind. Das mag ich sehr. Und für PAULA war es einfach richtig.

So wie Albrecht Abraham Schuch für die Rolle des Otto Modersohn es ist? Ein Schauspieler, mit dem Sie schon mehrfach gearbeitet haben.

Ich habe Albrecht Abraham Schuch beim Absolventenvorspiel an der Schauspielschule in Leipzig gesehen. Dort ist mir sofort seine Kraft aufgefallen. Von den deutschen Schauspielern um die 30 ist er für mich der wandlungsfähigste. Einer, der einen enorm ausgeprägten Spielwillen hat, einen irrsinnigen Instinkt, Demut vor dem Beruf und die Gabe, sich in einer Figur aufzulösen.

Wie wollten Sie Modersohn haben? Wie haben Sie ihn bei der Recherche gesehen und letztlich angelegt?

Modersohn ist zunächst ein sehr viel älterer Mann im Vergleich zur jüngeren Paula. Biografen beschreiben ihn als sehr schweigsam und eigenbrötlerisch. Das allein hätte mich nicht interessiert. Ich wollte durch die Besetzung von Albrecht Abraham Schuch das Klischee vom „Älterer Mann trifft sehr junge Frau“ auflösen, wollte Modersohn das Kauzige lassen, ihm jedoch jungenhafte Züge geben. Vor allem sollte er ein Mann sein, der lernfähig ist und nicht aufhört zu versuchen, seine Frau in ihrer Andersartigkeit zu verstehen.

Exemplarisch dafür steht sein Besuch in Paris, bei dem er Paulas neueste Bilder sieht und sie auch körperlich für sich gewinnen kann.

Genau! Das Bild der beiden nach der Szene im Bett könnte man visuell als Verweis auf Josef und Maria interpretieren. Doch ich habe eher an John Lennon und Yoko Ono gedacht.

Zwei Künstler in einer aufreibenden Liebesbeziehung – völlig verschieden, jeder eigenständig kreativ, im Hoffen vereint.

... und mit Hang zur Selbstinszenierung. Das Bild der beiden wirkt so gestellt für die Kamera, wie es Lennon und Ono oft getan haben. Wie eine Spiegelung. Das unterschiedliche Alter von Paula und Otto sollte in diesem Moment aufgehoben sein.

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Carla Juri (Paula Modersohn-Becker)

Carla Juri wird 1985 in der italienischen Schweiz geboren. Für ihr Schauspielstudium geht sie 2005 nach Los Angeles und London. Im Anschluss an ihre Ausbildung wird sie gleich zwei Mal in Folge mit einem Schweizer Filmpreis geehrt: 2011 als „Beste Nebenrolle“ für ihre Darstellung der Esther im Episodenfilm 180°, 2012 dann als „Beste Darstellerin“ für die Hauptrolle in DÄLLEBACH KARI. Während der Berlinale 2013 wird sie mit dem renommierten „Shooting Star-Award“ ausgezeichnet. Die Rolle der „Helen Memel“ in der Verfilmung von Charlotte Roches Roman FEUCHTGEBIETE verschafft ihr zudem eine Nominierung als „Beste Schauspielerin“ beim Deutschen Filmpreis. Im Herbst 2015 steht Juri für WALKING TO PARIS von Altmeister Peter Greenaway vor der Kamera. Darüber hinaus ist sie 2016 in zwei weiteren internationalen Kinoproduktionen zu sehen: MORRIS AUS AMERIKA unter der Regie des US-Regisseurs Chad Hartigan sowie an der Seite von Guy Pearce und Dakota Fanning im thrillerartigen Western BRIMSTONE des niederländischen Regisseurs Martin Koolhoven. Im Sommer 2016 steht Carla Juri neben Harrison Ford und Ryan Gosling für das Sequel von Ridley Scotts Kultfilm BLADE RUNNER vor der Kamera.

Interview mit Carla Juri

In PAULA spielen Sie die expressionistische Malerin Paula Modersohn-Becker. Haben Sie sich vor den Dreharbeiten für Kunst und die Malerei im Besonderen interessiert?

Ich bin in einem kleinen Dorf im Tessin aufgewachsen. Mit den Werken von Giovanni Segantini und Alberto Giacometti, die hier in den Bergen entstanden sind, war ich als Kind konfrontiert und sie haben mich natürlich fasziniert. Ernsthaft gemalt habe ich selbst aber nie. Der Malunterricht, den ich für den Film genommen habe, half mir dabei, Paulas Gedanken und Empfindungen nachzufühlen. Beim Malen habe vor allem Selbstvergessenheit gespürt, das war mein Zugang zu Paula.

Wie haben Sie sich auf die Rolle der Paula vorbereitet?

Eine Filmrolle ist immer eine Entdeckung, immer ein Experiment. Ich kann sie nicht spielen, wenn ich keinen Zugang zur Figur finde. Das läuft manchmal von außen nach innen, manchmal umgekehrt. Es kann ein Haarschnitt sein oder die Art, wie eine Person läuft. Das ist ein physischer Prozess. Für PAULA war es vor allem eine Annäherung von innen. Es ging mir darum, sie über ihre Bilder und Briefe in ihren Emotionen zu verstehen. Manchmal hat mich nur ein einziger Satz getroffen, den ich dann sehr lange in mir getragen habe und mich beschäftigt hat.

Der Film zeigt auch, dass Paula Modersohn-Becker nicht nur als Malerin, sondern auch als Frau ihrer Zeit weit voraus war.

Freiheit war ihr das Wichtigste. Frei zu sein im Innern, frei von äußerer Kontrolle. Sie hat es verstanden, sich komplett in sich zurückzuziehen, sich selbst zu genügen. Paula besaß große Empfindsamkeit. Gelitten hat sie darunter, dass sie so viele Menschen mit ihrer Kunst verschreckt hat. Trotzdem blieb Paula sich treu.

Das klingt so, als wäre Ihnen Paula nicht fremd. Gibt es für Sie eine Art Seelenverwandtschaft mit Paula Modersohn-Becker?

Man sagt von ihr, dass sie es regelrecht gebraucht hat, kleine Feste für sich selbst zu feiern. Ich kann diese glückliche Einsamkeit sehr gut verstehen. Diese kindliche Genügsamkeit finde ich sehr melancholisch. Paulas Sinn für die Einfachheit, aber auch für das Merkwürdige und Originelle spricht mich an – ein Spiegel, ein Schrank, eine besondere Kette, das, wie Paula sagte, „sanfte Vibrieren der Dinge, das „merkwürdig Wartende, das über dumpfen Dingen schwebt.“ Paula hat sich geweigert, einfach nur schön zu malen und sich, wie sie sagt, „dem Schrecken der Gemütlichkeit“ hinzugeben. Es passte einfach nicht zu ihrem Entwurf von Leben. Sie hatte den unbändigen Willen, offen und empfänglich zu sein, sich nicht selbst zu verraten. Sie wollte sich mit der Welt messen. Das war gewiss oft erschöpfend und anstrengend, aber eben auch beglückend. Und das ist mir sehr nahe. Ebenso wie ihre Neigung, das vermeintlich Hässliche zu zeigen, weil ich Hässliches oft nicht als hässlich empfinde. Paulas Mut, missfallen zu dürfen und damit Außenseiterin zu sein, finde ich faszinierend. Wirklich zu verstehen, wie es war, so gut wie keine Spiegelung, keine Bestätigung von außen zu bekommen, fällt mir aber schwer. Es macht etwas mit deinem Selbstwertgefühl, wenn du eine glückliche Kindheit hattest. Du kompensierst die schlimmeren Dinge einfach besser, die im Leben passieren. Paula hatte diese beglückende Kindheit. Sie hatte dieses Urvertrauen, das ihr Mut gab.

Die Beziehung zwischen Paula und Otto Modersohn war alles andere als unkompliziert. Und dennoch scheinen die beiden sehr für ihre Liebe gekämpft zu haben?

Ich glaube, dass Otto inspiriert war von Paula, von ihrer Kunst und ihrem Wesen. Auf die gleiche Weise hat sie ihn sicher auch abgestoßen, was vor allem an ihrem starken Drang zur Freiheit lag. Ich glaube, dass sie die körperliche wie künstlerische Abweisung durch Otto geschmerzt hat. Weil es so schwierig war in dieser Zeit, als Frau über intime Bedürfnisse zu sprechen, hat es Paula hinter ihrem Kinderwunsch versteckt. Sie wollte Otto aber als Mann. Dass sie von Paris aus nach Worpswede zurückgekehrt ist, hat für mich allein damit zu tun, dass Otto verstanden haben muss, dass Paula Freiheiten braucht – in der Beziehung und im Malen. Und Paula hoffte, dass sie an Ottos Seite Künstlerin sein konnte. Es war ein Versuch ...

Im Film gibt es einen Zeitsprung von fünf Jahren.

Ich sehe ihn vor allem als emotionalen Zeitsprung. Es war eine große Vereinsamung eingezogen in diese Ehe, eine gegenseitige Blockade. Ich glaube, dass Paula sich sehr danach gesehnt hat, dass Otto sie versteht. Ihre Hoffnung darauf war groß, auch jene auf Leidenschaft in der Beziehung. Paula fühlte sich von Otto ignoriert. Sie hat ihm nie Schuld zugewiesen, aber sehr ernüchtert festgestellt, dass er mit ihren, wie sie sagte, „wenigen, aber großen Gefühlen“ nicht viel anfangen könne.

Ihre Liebesgeschichte ist letztlich eine sehr moderne, denn viele ihrer Kämpfe innerhalb der Beziehung und gegen gesellschaftliche Konventionen sind heutzutage noch die gleichen.

Paula und Otto haben versucht, keine Opfer ihrer Zeit zu sein. Sie haben in ihren Gedanken und mit ihrer Lebensweise dagegen angekämpft. Die Haltung, sich auch heute nicht zum Opfer von Konventionen zu machen, darin besteht für mich das Moderne an PAULA.

Wie Paula wissen auch Sie um den Reiz, auf dem Land und in großen Städten zu leben.

Ich bin mit 15 aus meinem Bergdorf in der Schweiz auf die Schule nach New York gegangen. Dabei hat sich bei mir das erste Mal dieses innere Spannungsfeld zwischen Land und Stadt aufgebaut, das ich bis heute brauche. Ich glaube, dass auch Paula in ihrem Innern beide Seiten verstanden und gebraucht hat.

Wie sind Sie zum Schauspielen gekommen?

Der Beruf der Schauspielerin war zuerst keine Option. Doch dann kamen die Filme, beispielsweise die von Federico Fellini. „La strada“ mit Anthony Quinn und Giulietta Masina – das hat mich geprägt. Allerdings sind Schauspieler für mich keine Künstler. Maler, Dichter, Bildhauer – das sind für mich Künstler. Ich sehe mich also nicht als Künstlerin. Der Beruf der Schauspielerin ist ein kommunikativer Beruf, der von großer Empathie für Menschen lebt. Schauspielerin zu sein, ist für mich vor allem Faszination für das Unbekannte.

Wie kam es zur Zusammenarbeit mit dem Regisseur Christian Schwochow?

Ich entwickle keine Strategie beim Auswählen meiner Rollen. Ich habe Christian Schwochows WESTEN gesehen und wollte mit ihm drehen. Er ist ein sehr kommunikativer Regisseur. Wir haben uns gegenseitig gesehen. Wir wussten, dass wir PAULA zusammen entwickeln können.

Otto Modersohn wird von Albrecht Schuch gespielt. In PAULA erleben wir sowohl sehr intensive als auch sehr subtile Szenen zwischen ihnen beiden. Es scheint, als hätten Sie beide sich hervorragend verstanden.

Das Ungesprochene zwischen Schauspielern ist mir sehr wichtig. Es ist sogar das Wichtigste. Mit Albrecht hat es wunderbar funktioniert. Ich habe ihn zuvor nicht gekannt, aber es gab sofort eine vertraute Ebene. Er war mir familiär. Durch das Lesen der Tagebücher und Briefe wusste ich außergewöhnlich viel von der Figur Otto Modersohns. Normalerweise ist das nicht so, da dominiert zumeist die eigene Rolle.

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Albrecht Abraham Schuch (Otto Modersohn)

Albrecht Abraham Schuch, geboren 1985 in Jena, besucht von 2006 bis 2010 die Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy“ in Leipzig. Bereits seit 2001 ist er auf verschiedenen Theaterbühnen u. a. in Jena, Leipzig, Wien und Berlin zu sehen. 2002 folgen neben seinen Theaterengagements auch die ersten Film- und TV Produktionen darunter z.B. „Polizeiruf 110“ (2009, „Schatten“), „Der Alte“ (2009, „Ende der Schonzeit“) und „Tatort“ (2009, „Falsches Leben“). 2010 übernimmt Schuch die Rolle des „Harry Klein“ in der Verfilmung von Sven Regeners Roman „Neue Vahr Süd“, für die er mit dem Deutschen Comedypreis 2010 als Ensemblemitglied in der Kategorie „Beste TV-Komödie“ ausgezeichnet wird. Im Jahr darauf ist er als Alexander von Humboldt in der Bestsellerverfilmung DIE VERMESSUNG DER WELT im Kino zu sehen. Es folgen Rollen in dem Kinofilm WESTWIND von Robert Thalheim, dem Zweiteiler der Ken Follet-Verfilmung „Die Pfeiler der Macht“ und im ersten Teil der NSU-Trilogie „NSU: Die Täter – Heute ist nicht alle Tage“. Aktuelle Projekte sind der Abschlussfilm von sechs Studierenden an der Filmuniversität Babelsberg ROUTE B96, der 2016 mit dem Zuschauerpreis auf dem Max-Ophüls-Filmfestival ausgezeichnet wurde, sowie der gerade abgedrehte ZDF-Thriller „Verräter“, in dem er an der Seite von Hannah Herzsprung spielt. Neben seinen Film- und Fernsehproduktionen steht der Schauspieler weiterhin auf der Theaterbühne, etwa in der Titelrolle des gleichnamigen Stücks „Tartuffe“.

19:29 14.12.2016

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