Eigener Weg

Zum Film "Paula" erzählt, wie die Malerin gegen alle Widerstände ihre Vision von künstlerischer Selbstverwirklichung und ihre romantische Vorstellung von Ehe und Liebe lebt
Eigener Weg
Foto: Pandora Film

Worpswede, 1900. Schon bei ihrer ersten Begegnung spüren Paula Becker und Otto Modersohn eine besondere Verbindung. Aus ihrer gemeinsamen Leidenschaft für die Malerei wird die große Liebe. Als sie heiraten, führen sie eine Ehe fernab von gängigen Mustern ihrer Zeit. Eine Beziehung in satten Farben, reich an Konturen und mit Spuren von Kämpfen. So wie die Gemälde der jungen Frau, die mutig nach dem Leben greift und die als Paula Modersohn-Becker in die Kunstgeschichte eingehen wird. Gegen alle Widerstände lebt sie ihre Vision von künstlerischer Selbstverwirklichung und ihre romantische Vorstellung von Ehe und Liebe.

Mit PAULA erzählt Regisseur Christian Schwochow das faszinierende Leben einer hochbegabten Künstlerin und radikal modernen Frau zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Voller Sinnlichkeit, mit zartem Humor und spielerischer Leichtigkeit ist PAULA auch die Geschichte einer großen, leidenschaftlichen Liebe. Die Konflikte, an denen die Liebenden zu scheitern drohen, sind heute – ein Jahrhundert später – aktueller denn je. Als Paula Modersohn-Becker steht Carla Juri (FEUCHTGEBIETE) vor der Kamera, Albrecht Abraham Schuch (DIE VERMESSUNG DER WELT, „NSU: Die Täter – Heute ist nicht alle Tage“) spielt ihren Ehemann Otto Modersohn, Roxane Duran (DAS WEISSE BAND) ihre engste Freundin Clara Rilke-Westhoff und Joel Basman (ALS WIR TRÄUMTEN) ist der Dichter Rainer Maria Rilke. Das Drehbuch stammt von Stefan Kolditz und Stephan Suschke.

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Die Uhr tickt schwer. Klack- klack-klack! Zwei zarte Hände umklammern ein gerahmtes Bild.

Noch hat alles kein Gesicht.

„... aber ich!“

Carl Woldemar Becker (Michael Abendroth) ist gekommen, um seiner Tochter Paula (Carla Juri) ins Gewissen zu reden. „Du bist 24 und kannst nicht weiter in den Tag hineinleben. Ich glaube nicht, dass du eine gottbegnadete Künstlerin ersten Ranges wirst. Frauen können keine Malerinnen werden!“ Paula entgegnet keck und resolut: „Du traust mir nichts zu, aber ich!“

Und sie wird sich aufmachen von Bremen aus ins nahe Dorf im Teufelsmoor. Worpswede ist seit zehn Jahren Künstlerkolonie. Dort, wo Männer in großem Stile residieren, arbeiten und Landschaftsmalereien verkaufen, während Frauen in Kursen höchstens „ihre Langeweile totschlagen“, wie es spöttisch heißt. Hier will Paula Becker als Künstlerin reifen. Dass mehr daraus wird, als der eine Sommer, ahnt sie vielleicht schon.

In Worpswede trifft Paula auf Fritz Mackensen (Nicki von Tempelhoff) und Otto Modersohn (Albrecht Abraham Schuch), die zusammen mit Hans am Ende (Marco Massafra), Heinrich Vogeler (Jonas Friedrich Leonhardi) und Fritz Overbeck (Dominik Weber) einen engen Künstlerkreis bilden. Mackensen, der nicht viel hält von Frauen als sich selbst verwirklichende Wesen, wird Paulas Lehrer. „Das ist viel zu grob, Fräulein Becker!“, weist er sie gern zurecht. „Ein Apfel, der aussieht wie ein Kohlkopf!“ Die Natur mit Präzision und Genauigkeit abzubilden, ist das, was für Mackensen zählt.

Doch Fräulein Becker malt, was sie sieht, geht mit Staffelei, Farben und Pinsel ins Moor und ins Armenhaus, fragt Mütter, ob sie mit ihren Kindern Modell stehen würden. Die Menschen lachen. Das hat sie noch keiner gefragt.

„... was man selbst ist!“

Paula Becker findet in der Bildhauerin Clara Westhoff (Roxane Duran) ihre beste Freundin, die als Künstlerin mindestens genauso gut werden will wie die Männer. „Besser!“, fordert Paula. „Etwas erschaffen, was man selbst ist!“ Die jungen Frauen saugen das Leben in Worpswede auf, auch das Feiern mit den Kolonisten, zu denen sich bald der kauzige Dichter Rainer Maria Rilke (Joel Basman) gesellt. Er und Clara werden ein Paar, während sich Paula und Otto Modersohn näher und näher kommen. Als Witwer und Vater einer kleinen Tochter ist Modersohn vorsichtiger als die forsche Paula. Otto: „Wann darf ich Ihre Bilder sehen?“ Paula: „Beim nächsten Mal! Bald! Sehr bald!“

Eine Flussfahrt später berühren sich ihre Hände sanft und greifen ineinander.

„Mein Leben soll ein Fest sein!“

Ungezügelt und wild läuten Clara und Paula in der Worpsweder Kirche die Glocken. Sie werden heiraten – Paula ihren Otto, Clara ihren Rainer. Paula: „Bis 30 will ich es geschafft haben. Mein Leben soll ein Fest sein. Ein kurzes, intensives Fest ... Wenn ich drei gute Bilder gemalt habe, dann gehe ich gern. Drei gute Bilder und ein Kind.“

Fünf Jahre später ...

... hat Paula Schatten im Blick, in ihrem Ton ist das Unbeschwerte verloren gegangen. Intensiv sucht sie nach sich als Malerin und formt einen ungewöhnlichen, eigenen Stil, den in Worpswede keiner versteht. Auch die Spannungen zwischen Paula und Otto nehmen an Schärfe zu. Nicht nur, dass er ihre Bilder ablehnt, auch die Tatsache, dass sie noch immer nicht miteinander geschlafen haben, belastet die Ehe. „Ich warte seit fünf Jahren, dass du mich zur Frau machst.“

„Paula, wir werden ein Kind haben, wenn du reif dafür bist!“ Die Entscheidung, die Paula treffen wird, ist ihr im Gesicht abzulesen: Sie wird gehen. An Ihrem 30. Geburtstag macht sie sich auf – nach Paris. Wo Clara schon lebt und die Hoffnung von Freiheit kündet.

Clara, die inzwischen von Rilke getrennt ist und sich als Bildhauerin alles andere als verwirklicht hat, genießt die Anwesenheit ihrer Freundin. Doch die ist wie entfesselt, beseelt von unbändiger Kraft und Sucht nach dem Leben. Paula richtet sich zur Untermiete ein, lernt Französisch, nimmt Unterricht an der Akademie. Aus der Begegnung mit dem Franzosen Georges (Stanley Weber) wird mehr. Paulas Hunger nach körperlicher Liebe wird durch ihn gestillt. Georges zeigt ihr Cézannes Gemälde, die sie treffen wie ein Blitz. Mit Rilke kann sie über ihren gemeinsamen Wunsch nach Einfachheit in Sprache und Bild sprechen. Er ist es, der Paula immer wieder anstachelt, die „deutsche Kleingartenkunst“ von Worpswede endgültig hinter sich zu lassen. Und Otto Modersohn? Schickt ihr sehnsuchtsvolle Briefe und vor allem Geld, das sie dringend braucht und gerne nimmt. Denn sie malt bis zur Erschöpfung, entdeckt das Selbstporträt, malt sich den drängenden Wunsch nach einem Kind auf ihren Bauch, experimentiert mit Farben und Formen. In kurzer Zeit erschafft Paula im stillen Kämmerlein ein Werk, das schreit.

„Otto, ich mag nicht ...“

Wieder trifft Paula eine Entscheidung und bittet Otto, sie freizugeben: „Ich mag nicht mit dir zusammensein!“ Die Worpsweder Maler spielen Sittenwächter und machen ihrem Kollegen Druck, sich seinerseits von Paula zu trennen oder sie einweisen zu lassen, falls sie nicht zu ihm zurückkehrt. Doch Otto gibt nicht klein bei. Auch er ist des Kämpfens fähig, weil er sie liebt. Obwohl es anfangs noch so scheint, als sei das Band zwischen dem Paar endgültig zerschnitten, wird ihre Begegnung in Paris der Schlüssel zum Neuanfang. Denn Otto Modersohn sieht Paulas Gemälde, erkennt und bekennt, was er vielleicht immer schon in Paulas Arbeit erahnte: wahre Größe.

Worpswede 1907. Paula schreit gegen ihre Wehen an. Es gibt Komplikationen. Doch sie bringt eine gesunde Tochter zur Welt: Mathilde. Ein kurzes Glück für die Familie. Paula ist schwach und bleibt schwach. Wenige Tage später bricht Paula zusammen. „Schade“, sagt sie noch.

Paulas Uhr ist abgelaufen. Doch da wären noch die Bilder. Jetzt haben sie ein Gesicht. Sie wollen gesehen werden. Sie werden gesehen ...

19:29 14.12.2016

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