Alt und neu

Synopsis Die Gemälde Edward Hoppers haben immer wieder als Inspiration für Filmschaffende gewirkt. Der Ansatz von "Shirley" allerdings ist eine gänzlich neue Form der Auseinandersetzung
Alt und neu

Zum Film

Shirley ist eine Frau im Amerika der 30er, 40er, 50er und frühen 60er Jahre. Eine Frau, die in ihrem beruflichen und gesellschaftspolitischen Engagement den Lauf der Geschichte mitbestimmen möchte. Eine Frau, die die Wirklichkeit der Depressionsjahre, des Weltkriegs, der McCarthy-Ära, der Rassenkonflikte und Bürgerrechtsbewegungen nie als Gegebenheit ansieht, sondern als gemacht und veränderbar.

Eine Frau, die als Schauspielerin mit der Inszenierung von Realität, mit der Darstellung von Wirklichkeit vertraut ist, die nicht in der Einzelkarriere und als Star ihre Zukunft und Bestimmung sieht, sondern als Mitglied eines Kollektives gesellschaftliche Wirksamkeit des Theaters anstrebt. Eine Frau, die sich mit dem herrschenden Rollenbild einer Ehegattin nicht identifiziert und dennoch einen Lebenspartner haben möchte.

Eine Frau, die sich im Moment der beruflichen Krise nicht arrangiert, keine Kompromisse eingeht und sich trotzdem nicht scheut Jobs anzunehmen, die ihr das Überleben sichern. Eine Frau, die sich im Moment der privaten Krise für den Partner entscheidet und ihre beruflichen Interessen zurückstellt. Eine Frau, die auf politische Repression mit Wut aber nicht mit Verzweiflung reagiert und die für Verrat nur Verachtung übrig hat.

Statement des Regisseurs

Als Ausgangspunkt für diesen Film, der die Inszenierung von Realität und den Dialog von Malerei und Film zur Basis hat, wählte ich Edward Hoppers malerisches Werk, das einerseits vom Film Noir beeinflusst war – in der Darstellung des Lichts, in der Wahl der Sujets und der Bildausschnitte, wie in den Bildern Night Windows (1938), Office at Night (1940), Room in New York (1932), oder das Kino selbst thematisierte, wie in New York Movie (1939) und Intermission (1963) – und andererseits Filmschaffende wie Alfred Hitchcock, Jim Jarmush, Martin Scorsese und Wim Wenders beeinflusste.

Ausgehend von der Überzeugung, dass Geschichte durch persönliche Geschichten von Menschen gemacht wird, und beeinflusst von John Dos Passos USA Roman- trilogie, in der die Lebensgeschichten und Schicksale Einzelner als Stellvertreter für Viele amerikanische Lebens-, Sozial- und Kulturgeschichte repräsentieren, habe ich für diesen Film als Hauptfigur eine Schauspielerin, Shirley, gewählt, durch die wir Amerika von Anfang der 30er, bis Mitte der 60er Jahre erleben und in inneren Monologen erzählt und reflektiert bekommen.

Es sind drei Dekaden, in denen auf allen Ebenen – politisch, sozial, kulturell, gesellschaftlich – große Umwälzungen in Amerika stattfanden und das Land und seine Menschen für immer veränderten: Pearl Habor und der zweite Weltkrieg, die Atombombe und die Eroberung des Weltalls, McCarthy und der Kalte Krieg, der Mord an John F. Kennedy und der beginnende Vietnamkrieg, Duke Ellington und der Bigband-Swing, Billie Holiday und der Südstaaten-Blues, Elvis Presley und der Rock’n Roll, Bob Dylan, Joan Baez und der Protestsong, The Group Theatre, The Living Theatre, The Actors Studio und die daraus hervorgehenden Filmstars Anne Bancroft, Marlon Brando, James Dean, Marilyn Monroe. Der Börsencrash und die Depression, Rassenunruhen und der Ku-Klux-Klan, der Marsch auf Washington und Martin Luther King. Ereignisse, Namen, Legenden, die sich ins kollektive Gedächtnis eingeschrieben haben, die Bilder evozieren, Stimmungen hervorrufen.

Shirley erlebt und reflektiert all dies aus der Perspektive einer engagierten, emanzipierten und politisch dem linken Spektrum zugeordneten Schauspielerin. Sie mag Jazz, hört gerne Radio, geht gerne aus, liebt den Film. Sie steht mit beiden Beinen im Leben – auch in beruflichen und privaten Krisenzeiten – und ist eine Frau mit inneren Überzeugungen. Sie ist attraktiv, charismatisch und spielt gerne Außenseiterrollen. Außer der Kunst gilt ihr Interesse auch gesellschaftspolitischen Fragen. Kunst und gesellschaftspolitisches Engagement vereint sie als Ensemblemitglied des Group Theatres und des Living Theatres.

Mit ihrem Partner Stephen, einem Fotojournalisten der New York Post, teilt sie zwar nur zweimal in diesen drei Dekaden eine Wohnung, dennoch sind ihre privaten und beruflichen Schicksale tief miteinander verbunden: Arbeitslosigkeit als Folge der Depression, Enttäuschung durch Verrat von Mitgliedern des Group Theatre vor dem McCarthy-Ausschuss, Repressionen auf Grund von politisch engagiertem Theater, Ausstieg aus der beruflichen Karriere wegen Krankheit des Partners, Verlust des Partners, Rückzug aufs Land und Infragestellung der gesellschaftlichen Wirksamkeit von Kunst, Emigration nach Europa – private Schicksale vor dem Hintergrund von und beeinflusst durch weltverändernde Ereignisse, kulturelle Revolutionen, gesellschaftspolitische Umwälzungen.

19:51 17.09.2014

Film der Woche: Weitere Artikel


Beide Seiten

Beide Seiten

Biographien Gustav Deutsch ist sowohl Filmemacher wie auch Künstler. Mit den Wechselwirkungen verschiedener Medien setzt er sich bereits seit den 1980er Jahren in Theorie und Praxis auseinander
Zweiter Blick

Zweiter Blick

Einblicke Das Schaffen Hoppers als eine Chronik der US-amerikanischen Moderne zu betrachten, ist die gängigste Interpretation seines Werks. Ob sie ihm restlos gerecht wird, ist eine andere Frage
Grenzgänger

Grenzgänger

Netzschau Kritiken aus dem Netz: "'Shirley – Visionen der Realität' ist ein höchst ungewöhnlicher, aber faszinierender Balanceakt auf der Grenzlinie zwischen Kino und bildender Kunst."