Ich und Wir

Zum Film "Silent Heart" ist vor allem ein Film über Beziehungen, in dem jeder Konflikt und alle Facetten der Liebe während eines gemeinsamen letzten Wochenendes zum Ausdruck kommen
Ich und Wir
Foto: Movienet/Rolf Konow

Inhalt

ESTHER (Ghita Nørby) und ihr Mann POUL (Morten Grunwald), beide um die 70 Jahre alt, warten in ihrem Haus auf dem Land auf ihre Kinder. Die Familie hat vor einigen Monaten versprochen, Esther, die unter einer fortgeschrittenen Form von Amyotropher Lateralsklerose (ALS) leidet, beim Freitod zu unterstützen. Jetzt möchte Esther ein letztes Wochenende mit der Familie verbringen. Ihre älteste Tochter HEIDI (Paprika Steen) kommt mit ihrem Mann MICHAEL (Jens Albinus) und Sohn JONATHAN (Oskar Sælan Halskov) als erste an. Sie hat den Entschluss ihrer Mutter akzeptiert und die feste Absicht, ihr in den nächsten Tagen jeden Wunsch zu erfüllen. 

Bald trifft auch Esthers beste Freundin LISBETH (Vigga Bro) ein. Jetzt fehlt nur noch SANNE (Danica Curcic), die jüngste Tochter, die sich zu Heidis Ärger verspätet. Dass Sanne ihren Freund DENNIS (Pilou Asbæk) mitbringt, erzürnt Heidi noch mehr. Sannes unstete On/-Off-Beziehung hat nach Heidis Meinung an diesem Wochenende im Elternhaus nichts zu suchen und so kommt es zum Streit zwischen ihnen.

Doch nach anfänglichem Zwist verläuft der erste gemeinsame Abend in einem liebevollen und vorsichtigen Miteinander. Alle reißen sich spürbar zusammen. Später gesteht Sanne Dennis, dass sie die Entscheidung ihrer Mutter nur scheinbar akzeptiert hat und plant, einen Krankenwagen zu rufen, sobald ihre Mutter den tödlichen Tablettencocktail genommen hat.

Am nächsten Morgen möchte Jonathan von seinem Großvater wissen, was genau mit Esther geschehen wird, denn seine Eltern sprechen mit ihm nicht darüber. Poul erklärt ihm, dass Esther in kurzer Zeit die Kontrolle über alle Gliedmaßen verlieren wird, sodass jetzt für sie der letzte Zeitpunkt gekommen ist, an dem sie über ihren Tod selbstbestimmt entscheiden kann. 
Nach einem Zusammenstoß mit Heidi findet Dennis bei der Suche nach einem Feuerzeug Psychopharmaka in Sannes Tasche. 

Der nächste Tag verläuft in bedrückter Stimmung. Weder der gemeinsame Spaziergang am See noch das festliche Abendessen lockern die Atmosphäre auf. Erst Esthers Vorschlag, gemeinsam Dennis’ Joint zu rauchen, damit sie diese Erfahrung vor ihrem Tod auch einmal gemacht hat, bringt für kurze Zeit Wärme und Fröhlichkeit zurück. Entspannt sagt Esther, dass sie gelassen sei und bereit zu sterben. Doch das erträgt Sanne nicht und verlässt fluchtartig den Raum. Esther folgt ihr folgt, um sie zu trösten.

Dennis, der Verständnis für Esther hat, sucht währenddessen das Gespräch mit Heidi. Sie erzählt ihm, dass Sanne unter einer bipolaren Störung leidet und vor Jahren Selbstmordversuche unternommen hatte. Aber darüber werde Sanne nie sprechen. Dennis enthüllt Heidi Sannes Plan, den Freitod ihrer Mutter zu verhindern. Heidi macht Sanne wütend bittere Vorwürfe. Doch sie beginnt auch, Sanne zu verstehen und überzeugt sie schließlich davon, ihr Vorhaben aufzugeben. 

Doch der Gedanke lässt Heidi nicht mehr los: Vielleicht irrt sich ihr Vater mit der Prognose? Als sie wenig später sieht, wie er eng vertraut mit Lisbeth zusammensitzt und sie küsst, kommt ihr plötzlich ein schrecklicher Verdacht. Was, wenn ihr Vater schon seit Jahren eine Affäre mit Lisbeth hat und jetzt, wenn auch unterbewusst, eine Gelegenheit sieht, Esther loszuwerden? 

Der letzte Tag bricht an. Poul macht Frühstück, Dennis hilft ihm dabei und spricht mit ihm über Sannes psychischen Zustand. Esther wiederum unterhält sich mit Jonathan: Ihr Enkel hat Liebeskummer. Sie lässt sich von ihm erklären, wie die sozialen Netzwerke funktionieren und hilft ihm umgekehrt, die richtigen Worte zu finden, um mit einem Mädchen aus seiner Klasse den Kontakt neu aufzunehmen.

Heidi sucht Sanne, um ihr von ihren Beobachtungen und ihrem Verdacht zu erzählen, denn sie weiß nicht, was sie jetzt tun soll. Gemeinsam wollen sie mit Esther sprechen, doch als diese vor ihren Augen eine Demenzattacke erleidet und sie erfahren, dass dies nicht die erste ist, begreift Sanne, dass sie den Wunsch der Mutter respektieren müssen. Heidi hat sich jedoch so in ihre Vorstellung hineingesteigert, dass sie den Notruf wählt und einen Selbstmordversuch meldet.

Esther ist am Boden zerstört und Poul macht Heidi Vorwürfe. Daraufhin greift ihn Heidi wegen Lisbeth an. Poul ruft Esther und gemeinsam erklären sie ihr und Sanne, dass es Esthers Wunsch ist, dass sich Poul und Lisbeth gegenseitig trösten und nicht allein zurückbleiben. Aber der Krankenwagen ist unterwegs…

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Die Figuren

Esther (um die 70 Jahre alt) ist eine pensionierte Gymnasiallehrerin, stark, selbstbestimmt und klar in ihrer Entscheidung. Sie bemüht sich um Normalität bei diesem Familientreffen, kann aber nicht verhindern, dass ihr gelegentlich die Kontrolle entgleitet. Vor allem der Verlust ihrer Körperbeherrschung macht ihr zu schaffen, denn er erinnert sie ständig daran, was ihr bevorsteht. Esther scheut sich zwar nicht, über ihren Tod zu sprechen, ihre Furcht davor ist jedoch präsent.

Poul (im gleichen Alter wie Esther) ist ein pensionierter Arzt, der als Einziger absehen kann, was auf Esther zukommt, wenn ihre Krankheit fortschreitet. Er unterstützt ihren Wunsch aktiv und bemüht sich mit Liebe und Achtung um seine Frau; als eher zurückhaltender, rationaler Typ zeigt er dabei allerdings kaum eigene Gefühle. Seine Bemühungen um Lisbeth sind vorsichtig, noch ist sie in erster Linie die beste Freundin seiner Frau.

Heidi (etwa Mitte 40) ist eine beherrschte, leicht distanziert wirkende, vernunftbetonte Frau und enger mit dem Vater verbunden als mit der Mutter. Ihrer Schwester Sanne gegenüber hat sie sehr klare Vorstellungen, wie diese ihr Leben in den Griff bekommen müsste und sie hält sich mit Kommentaren nicht zurück. Ihr Freund Dennis jedenfalls gehört nach Heidis Meinung nicht zu den Menschen, die Sanne guttun. Heidi muss an diesem Wochenende erkennen, dass sie tatsächlich nicht immer Recht und vor allem nicht immer alles unter Kontrolle hat.

Sanne (etwa Anfang 30) wirkt bereits bei ihrem ersten Auftritt empfindsam und leicht verloren. Sie liebt ihre Mutter innig und der bevorstehende Abschied nimmt sie sehr mit. Sie will Esther noch nicht gehen lassen. Ihre bipolare Störung macht sich – wenn auch in abgeschwächter Form – bemerkbar, als sie verzweifelt versucht, eine Lösung für ihr Dilemma zu finden. Ihr Plan, den Freitod unmöglich zu machen, scheint ihr auf den ersten Blick als die einzige Option. Sannes Beziehungen zum Vater und zu Heidi sind eher angespannt – deren kontrollierte Art mit der existenziellen Belastung umzugehen, die Esthers Entscheidung verursacht, sind für Sanne mehr Bedrohung als Hilfe. 

Michael (etwa Mitte 40), Heidis Mann, zeigt wenig Nähe zu seinen Schwiegereltern und bemüht sich vor allem, es Heidi recht zu machen, deren Anspannung ihm nicht entgeht. Er ist ausgleichend und bemüht sich um Harmonie, kann in der intimen Auseinandersetzung der Eltern mit den Töchtern - trotz seiner Versuche - jedoch nur wenig zur Entspannung beitragen.

Dennis (etwa Mitte 30) ist ein auf den ersten Blick ausgeglichener, gelassener Typ, der mitgekommen ist, um Sanne zu unterstützen. Er hat eine klare Haltung zu Esthers Wunsch, versucht jedoch nur halbherzig, Sanne von seiner Sicht zu überzeugen. Dennis entzieht sich der Realität seiner Umgebung, indem er beim Familientreffen oft kifft. Das Kiffen scheint für ihn eine positive Form der Kommunikation zu ermöglichen, denn seine zerbrechliche Beziehung zu Sanne verunsichert ihn. Im Verlauf des Wochenendes wird er einiges über seine Freundin erfahren, das ihn reifen lässt und ihre Beziehung stärkt. 

Jonathan (im Teenageralter) muss eigene Konflikte lösen, auch wenn ihn die Situation der Großeltern stark beschäftigt. Dass ihm seine Großmutter bei einem sehr persönlichen Problem helfen kann, bleibt ihr Geheimnis. 

Lisbeth (etwa 70 Jahre alt) ist Esthers älteste und engste Freundin. Im Familienkreis eher zurückhaltend, sucht sie gelegentlich das Gespräch, um ihre Gefühle zu Esthers Plan auszudrücken. Bislang war Lisbeth für Heidi und Sanne ein Anhängsel ihrer Mutter. Doch an diesem Wochenende nimmt Heidi sie plötzlich als eigenständige Person und sogar als Bedrohung wahr

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Statement des Regisseurs

SILENT HEART – MEIN LEBEN GEHÖRT MIR erzählt über das Recht, das Leben unter extremen Umständen anzunehmen oder abzulehnen. Ein intensives Familiendrama, in dem jeder Konflikt und alle Facetten der Liebe während eines gemeinsamen letzten Wochenendes zum Ausdruck kommen. 

SILENT HEART – MEIN LEBEN GEHÖRT MIR ist vor allem ein Film über Beziehungen. Beziehungen zwischen unkonventionellen Familienmitgliedern mit einem komplexen Charakter, die sich über Jahre hinweg auseinandergelebt und auch den Blick für sich selbst verloren haben. Wegen der ungewöhnlichen Situation, in der sie sich plötzlich wiederfinden, öffnen sie sich langsam und werden verletzlicher. 

Die Mutter der Familie, Esther, ist todkrank und hat sich vorgenommen, ihren Tod in die eigene Hand zu nehmen. Ihre Familie akzeptiert das. Sie und ihr Mann haben alle Kinder um sich versammelt, um diese letzten Tage miteinander zu verbringen. Mit dem Tod vor Augen wird die Wartezeit gleichzeitig intensiv und absurd und die Frage stellt sich: Wie verbringt man diese Zeit? Allmählich ahnen die Familienmitglieder, dass es hier nicht nur um Esthers Situation geht, sondern auch um ihre eigene. 

Auf gewisse Weise ist es eine Geschichte über uns alle. Wir wissen, dass wir sterben müssen. Obwohl wir uns den Zeitpunkt, so wie Esther, nicht aktiv ausgesucht haben, wird er kommen. In gewisser Hinsicht wirft die Geschichte – sehr direkt und sehr persönlich – die Frage auf, wie wir unser Leben verbringen. Wie gehen wir mit unseren Mitmenschen um? Wie finden wir Erlösung? Wie gelingt es uns, unsere Zeit mit etwas Wesentlichem zu füllen? Welche Bedeutung hat Leben wirklich? Findet sich Sinn in großer Leidenschaft, in Kreativität, in unseren Beziehungen, in der Liebe? SILENT HEART – MEIN LEBEN GEHÖRT MIR versucht, in der Erlösung, in der Versöhnung und durch die menschliche Liebe eine Antwort auf diese Fragen zu geben. 

Ich habe in meinem Berufsleben immer danach gestrebt, Filme zu machen, die von etwas Wesentlichem handeln. Ich habe es immer als meine größte Herausforderung gesehen, mich mit den Dingen auseinanderzusetzen; zu erreichen, dass sich die Zuschauer mit den Figuren des Films und ihrer Geschichte identifizieren, Intimität zu kreieren. Im besten Fall beim Publikum nicht nur das Gefühl auszulösen, eine Handlung auf der Leinwand zu verfolgen, sondern auch etwas zu sehen und zu fühlen, das mit ihrem eigenen Leben zu tun hat - etwas, das, wie ich hoffe, zur Reflexion über sich selbst anregt, sodass die persönliche Erfahrung tiefer geht als das bloße Leinwanddrama.

18:46 23.03.2016

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