Tod eines Herrschers

Zum Film The Death of Stalin ist eine Satire über die Tage zwischen Stalins unrühmlichen Ableben und seiner pompösen Beerdigung: Tage, in denen die Mitglieder des Politbüros mit allen Mitteln darum kämpfen, die Macht zu übernehmen
Tod eines Herrschers

Foto: Concorde Filmverleih GmbH

Josef Stalin hatte die Sowjetunion fast drei Jahrzehnte lang als Alleinherrscher regiert. Als er am 2. März 1953 einen Schlaganfall erlitt, begann sofort ein erbitterter Kampf um seine Nachfolge. Seine Untergebenen ließen nichts unversucht, um ihre Rivalen auszuschalten und die beste Ausgangsposition zu erobern, bevor der Diktator starb. Zwei Tage lang rangen sie um die Macht – getrieben von Eigennutz und Feigheit, von Wahnsinn und nackter Unmenschlichkeit.

Diese unglaubliche, aber wahre Geschichte inspirierte Fabien Nury und Thierry Robin zu der Graphic Novel „The Death of Stalin“ und der Fortsetzung „The Funeral“. Die Franzosen Yann Zenou und Laurent Zeitoun, Produzenten des Welterfolgs ZIEMLICH BESTE FREUNDE („Intouchables“, 2011), kauften die Rechte an beiden Werken und gingen mit dem Stoff auf Armando Iannucci zu. Der Drehbuchautor und Regisseur hatte die bissige Fernseh-Serie „The Thick of It“ (2005-2012) und den Oscar®-nominierten Film KABINETT AUSSER KONTROLLE („In the Loop“, 2009) geschaffen, die beide die Mechanismen der britischen Politik auseinandernehmen, sowie „Veep – Die Vizepräsidentin“ („Veep“, seit 2012), die preisgekrönte Serie über eine fiktionale Vizepräsidentin der USA und ihren Stab.
„Als wir 2013 Fabien Nurys Comics entdeckt haben, hat uns ihre Originalität beeindruckt. Wir erkannten darin das Potenzial, einen einzigartigen Film zu machen“, sagt Yann Zenou. „Sofort stand die Frage im Raum: Wer könnte bei diesem Film Regie führen? Wem könnte eine Komödie gelingen, die von einer der dunkelsten Figuren und Epochen der Weltgeschichte handelt? Da fiel uns nur ein Name ein: Armando Iannucci. Wir waren seit ,The Thick of It’ Fans seiner Arbeit, und uns war klar, dass nur er in der Lage wäre, diesen besonderen Ton zu treffen. Also kontaktierten wir ihn, ganz klassisch über seinen Manager, mit einem ersten Drehbuch und einem Brief. Glücklicherweise erhielten wir eine positive Antwort: Armando wollte einen Film über Diktatur drehen. Er war aber mitten im Dreh von ,Veep’ und fragte, ob wir ein Jahr warten könnten. Da sagten wir natürlich ja. Ganz ehrlich: Ohne ihn hätten wir den Film nicht gemacht.“

„In gewisser Weise war Stalin ein perfektes Thema für Armandos Anliegen“, sagt der britische Produzent Kevin Loader von Free Range Films, der nach Armando Iannuccis KABINETT AUSSER KONTROLLE („In the Loop“, 2009) auch THE DEATH OF STALIN mitproduzierte. „Der Mann, der gemeinsam mit seinem Politbüro mehr als eine Generation lang Terror über die Sowjetunion gebracht hat, erleidet einen Schlaganfall und ist handlungsunfähig, währendalle um seinen Posten rangeln. Diese Idee klingt nach Fiktion, entspricht aber der historischen Wirklichkeit. Und die Grausamkeiten, die folgten, sind typisch für das Sowjetsystem dieser Zeit – und sie sind alle wahr. Wir dachten von Anfang an, dass dieses politische Universum Armando und seinen Co-Autoren David Schneider und Ian Martin gefallen würde.“

Co-Autor David Schneider stimmt zu: „Das war für uns faszinierend. Es ist eine europäische Geschichte, es handelt sich somit nicht um eine fremdartige Kultur. Es ist eine Kultur, die wir wiedererkennen, die aber total verzerrt wurde. Es ist komisch und düster zugleich. Wir wollten der Geschichte nichts Komisches aufzwängen, sondern wollten, dass die Komik aus der Situation entsteht. Ich fand interessant, dass die Geschichte von einer Gruppe von Menschen handelt, die zusammen aufgewachsen sind, aber die absolute Macht über Leben und Tod von anderen Menschen haben.“
„Wenn wir es richtig hingekriegt haben“, fährt Schneider fort, „sollte man als Zuschauer den Eindruck bekommen, dass das interessante Kerle sind, mit denen man gern Zeit verbringen würde. Aber dann fällt einem wieder ein, dass das Massenmörder sind. Und das ist die Herausforderung: Das sind ganz offensichtliche üble Kerle, aber selbst die schlimmsten von ihnen haben zugleich etwas Einnehmendes.“

Iannucci, Schneider und Martin waren sich bewusst, dass es einer Gratwanderung gleichkäme, den absurden Humor, der zu der Welt eines Diktators gehört, mit der unaussprechlichen Brutalität in Einklang zu bringen, auf der der stalinistische Totalitarismus basierte. „Ich wollte eine Tragikomödie machen, die durchgängig sowohl komisch als auch tragisch ist, oft in ein- und derselben Szene – denn genauso war es in der Wirklichkeit“, sagt Armando Iannucci. „Wir haben Recherchen über das Moskau der 1940er und 1950er angestellt, und es war eine fürchterliche Zeit: Jeder kannte jemanden, der in einem Gulag inhaftiert war oder erschossen worden war. Es gab Witzbücher über Stalin und Beria, die den Menschen halfen, damit klar zu kommen. Die Bücher waren sehr beliebt, aber man wurde erschossen, wenn man mit einem erwischt wurde. Alles war so spannungsgeladen und beängstigend, dass es schon wieder komisch war, auf eine seltsame, etwas hysterische Weise. Das Ziel war, einen lustigen Film zu machen, der den Zuschauer verunsichert.“

„Viele Komödien sind voller Anspannung“, fährt er fort. „Eine Farce ist beispielsweise spannungsgeladen und leicht angsteinflößend. ,Fawlty Towers’ etwa ist voller Nervosität und grauenhaft peinlich. Eine Menge der Komik in der ersten Hälfte von THE DEATH OF STALIN ist von Panik geprägt. Es geht um Menschen, die nicht wissen, was sie tun oder sagen sollen, die schnelle Antworten geben müssen und darauf hoffen, dass sie richtig sind – weil sie sonst möglicherweise den nächsten Tag nicht erleben.“
Für Iannucci war die Herausforderung, dass der Film trotz des historischen Kontextes lustig sein würde, und dass er zugleich zeigt, was jenseits der geschlossenen Welt der Geschichte passiert.

„Alle Figuren sind brutal und aggressiv, aber während man manche verabscheut, wird man mit anderen sogar warm“, sagt Iannucci. „Ich wollte, dass das Publikum daran erinnert wird, dass die Handlungen und Entscheidungen dieser Figuren verheerende Auswirkungen auf das Volk hatten. Ich wusste, dass wir sehr respektvoll mit der Tatsache umgehen müssen, dass Millionen Menschen getötet wurden oder verschwanden, und dieser Tatsache kann man weder aus dem Weg gehen, noch kann man sie in einem Witz vermitteln. Der Zuschauer muss sich dieser Tatsache in jedem Moment des Films bewusst sein.“
Stalins Sicherheitsdienst, das Volkskommissariat für innere Angelegenheiten (NKVD), verhaftete jede Nacht Menschen, angefangen mit gewöhnlichen Kriminellen. Schließlich wurde eine Quote erlassen, die die Zahl der Opfer in einer bestimmten Gegend festsetzte. Es herrschte Druck, die Quote zu erfüllen, und wenn es nicht genügend Opfer gab, konnte der Tipp eines anonymen Informanten genügen, um im Gefängnis zu landen oder Schlimmereszu erleiden. Beweise wurden nicht als essenziell betrachtet. Die Repression wurde schließlich auf industrielle Weise betrieben, Gulags und Arbeitslager wurden errichtet. Die Sklavenarbeit in diesen Lagern diente der Industrialisierung der Sowjetunion.

„Als verkündet wurde, dass Stalin gestorben ist, weinten viele Menschen – sogar in den Gulags: Sie konnten immer noch nicht glauben, dass Stalin sie auf die Listen geschrieben hatte, sie dachten, jemand anders sei dafür verantwortlich“, sagt Iannucci.
Sein Schreibpartner David Schneider sieht in Iannuccis tiefem Rechtsbewusstsein den Kern von dessen Arbeit. „Mal abgesehen von seinem Komik-Genie ist Armando im Grunde ein Moralist“, sagt Schneider. „Er ist kein zorniger Mensch, man müsste sich wirklich anstrengen, um mit ihm in Streit zu geraten. Aber er trägt einen moralischen Zorn in sich, und der spornt ihn bei all seinen Arbeiten an: der Zorn, dass die Menschen nicht besser sind.“

Als Iannucci begann, die Graphic Novel für den Film zu adaptieren, verblüfften ihn die Fakten immer mehr, sie erschienen ihm zu seltsam, um wahr zu sein. „Mich erstaunte an der Graphic Novel, dass sie auf wahren Ereignissen basierte“, sagt er. „Das Konzert am Anfang des Films musste noch einmal aufgeführt werden, weil Stalin eine Aufnahme wollte und keine gemacht worden war – das ist wahr. Chruschtschow wurde als weniger wichtige Figur betrachtet, aber er war verantwortlich dafür, Beria zu entmachten – das ist ebenfalls wahr. Stalin wurde in seinem Urin liegengelassen, weil seine eigenen Wächter zu verängstigt waren, um den Raum zu betreten – wahr. Sie zauderten, welchen Arzt sie holen sollten, weil sie befürchteten, dass er vergiftet würde – wahr. Stalin ging nicht vor vier Uhr ins Bett, und er rief sein Politbüro um 22 Uhr in seine Datscha, um ein üppiges Mahl einzunehmen. Dann sah er ihnen dabei zu, wie sie immer betrunkener wurden, während er verdünnte Schnäpse trank – wahr. Es ist fast, als ob er ihnen zusehen wollte, wie sie für ihn ,performen’. Niemand wollte als erster aus der Reihe tanzen und ins Bett gehen, sie mussten warten, bis Stalin einschlief. Je mehr man über diese wahren Ereignisse herausfindet, umso mehr erscheinen sie als Farce. Ich glaube, bei Komödien gilt: Je mehr authentische Ereignisse und Details man einbauen kann, umso lustiger wird es. Und umso eher denken die Zuschauer: Ich frage mich, ob das passiert ist. Ja, das könnte tatsächlich passiert sein.’ Die Zuschauer erhalten auf diese Weise einen Zugang zur Geschichte.“

11:16 29.03.2018

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