Verteilungskampf

Hintergrund Nach Stalins Tod brach ein erbitterter Kampf um seine Nachfolge aus. Seine Untergebenen ließen nichts unversucht, um ihre Rivalen auszuschalten und die beste Ausgangsposition zu erobern. Doch wer rang dort um die Macht? Ein Überblick
Verteilungskampf

Foto: Concorde Filmverleih GmbH

Nikita Chruschtschow (1894-1971)

wurde als Sohn eines ukrainischen Bergmanns geboren. Der gelernte Maschinenschlosser gehörte seit den 1930ern zum engsten Kreis um Stalin. Er diente ihm während des „Großen Terrors" der Jahre 1936 bis 1938 auf verschiedenen hohen Posten und war als Mittäter verstrickt.

Ab 1939 war er Mitglied des Politbüros, ab 1949 Sekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei (KPdSU). Nach Stalins Tod wurde er am 14. März 1953 zu einem der vier Sekretäre der KPdSU gewählt, am 13. September wurde er Sekretär des Zentralkomitees, also Parteichef. Die Position war vom Amt des Ministerpräsidenten getrennt worden; dieses hatte zunächst Malenkow inne. 1958 übernahm Chruschtschow auch dieses Amt und war am Gipfel der Macht angekommen.
Unter ihm hörte der blutige Terror in der Sowjetunion auf, er distanzierte sich von Stalins verbrecherischer Herrschaft und leitete die „Entstalinisierung“ ein. In seine Regierungszeit fallen die Berlin-Krise 1958, der Bau der Berliner Mauer 1961 und die Kuba-Krise 1962. Im Oktober 1964 enthob ihn das Zentralkomitee der KPdSU vom Amt des Staats- und Parteichefs, auch weil Chruschtschow die KPdSU reformieren und Partei-Komitees an der Basis mehr Verantwortung übertragen wollte. Danach lebte er bis zu seinem Tod 1971 zurückgezogen auf seiner Datscha.

Chruschtschow inszenierte sich gern als fidelen, unverwüstlichen Bauern, und er war bekannt für seine impulsiven Auftritte: Bei einer UN-Vollversammlung wedelte er am Rednerpult voller Wut mit seinem Schuh.

 

Lawrenti Beria (1899-1953)

wurde als Sohn einer ärmlichen Bauernfamilie in Georgien geboren. Ab 1938 war er Chef des NKWD, des Innenministeriums der Sowjetunion, zudem machte Stalin ihn 1945 zum Verantwortlichen für den Bau der Atombombe. Seine Machtposition verdankte er auch seinen Fähigkeiten als Netzwerker und Personalchef. Er erlangte eine gewaltige, von niemandem kontrollierte Machtfülle und war der gefürchtetste Politiker seiner Zeit. Er war für massenhafte Morde verantwortlich, und er hatte selbst einen Totschläger in seinem Büro, um foltern zu können. Berüchtigt ist auch seine sexuelle Perversion: Er ließ seine Schergen reihenweise Frauen auf der Straße auflesen und in seine Villa bringen. Wenn sie sich seinen Avancen erwehrten, ließ er sie verhaften oder vergewaltigte sie.

Nach Stalins Tod gab er paradoxerweise zahlreiche Anstöße, Stalins Terrorsystem zu beenden, das er selbst entscheidend mitgetragen hatte. Er wollte so wohl seine Popularität erhöhen. Aus seinem Ministerium kamen die Vorschläge, die Folter von Gefangenen einzustellen, und er verkündete eine Amnestie, die 2,5 Millionen Lagerinsassen in die Freiheit entließ.

Im Juli 1953 wurde er von Chruschtschow und einigen Mitverschwörern in einem Coup ausgeschaltet: Chruschtschow warf ihm vor, eine Diktatur errichten zu wollen. Beria wurde verhaftet, und am 23. Dezember verurteilte ihn ein Tribunal unter Chruschtschows Führung zum Tode. Er wurde am selben Tag erschossen.

 

Georgie Malenkow (1902-1988)

war Sekretär des Zentralkomitees der KPdSU. Er galt als Stalins eifrigster Zögling und war an dessen „Großem Terror” beteiligt. Er galt als eher konturloser Bürokrat. Lange war er ein Verbündeter Berias, und dieser schlug ihn am 5. März 1953 bei einer gemeinsamen Sitzung von Zentralkomitee, Ministerrat und Präsidium des Obersten Sowjets als Ministerpräsidenten, also Regierungschef vor. Im Juli 1953 ergriff Malenkow aber in der Sitzung, in der über Beria gerichtet wurde, als erster Partei gegen ihn. Während Chruschtschow als Parteichef mithilfe der KPdSU an Einfluss gewinnen konnte, verlor Malenkow an Bedeutung. Im Februar 1955 musste er als Ministerpräsident zurücktreten. Er wurde dann Minister für Energiewirtschaft. Nach einem missglückten Versuch mit Molotow und anderen, Chruschtschow zu stürzen, wurde Malenkow 1957 sämtlicher Ämter enthoben, er wurde Leiter eines Kraftwerks. 1961 wurde er aus der Partei ausgeschlossen. Er starb 1988 in Moskau.

 

Wjatscheslaw Molotow (1890-1986)

geboren als Wjatscheslaw Skrjabin, nahm als Mitglied der Sozialistischen Partei 1906 den Tarnnamen „Molotow” an: „Hammer”. Von 1921 bis 1957 war er ununterbrochen Mitglied des Zentralkomitees der KPdSU, 1930 wurde er Ministerpräsident der Sowjetunion. Molotow war ein enger Vertrauter Stalins und mitverantwortlich für die politischen „Säuberungen”. Er war Stalin vollkommen ergeben: 1952 nahm er widerspruchslos die Verbannung seiner jüdischen Frau Polina hin. 1953 wurde Molotow Außenminister, ab 1956 Minister für Staatskontrolle. 1957 war Molotow an dem Versuch beteiligt, Chruschtschow abzusetzen. Als das scheiterte, wurde er 1957 als „Parteifeind” sämtlicher Ämter enthoben und als Botschafter in die Mongolei versetzt. Von 1960 bis 1962 vertrat er die Sowjetunion bei der Internationalen Atomenergiekommission in Wien. 1962 zog er sich aus dem politischen Leben zurück, 1986 starb er in Moskau.

 

Anastas Mikojan (1895-1978)

geboren in Armenien, war ein Bolschewik der ersten Stunde. Er gehörte von 1926 bis 1966 dem Politbüro an, überstand verschiedene Herrscherwechsel. Seit 1926 leitete er zudem verschiedene Ministerien: als Handelsminister, als Minister für Versorgung, schließlich ab 1938 als Außenhandelsminister. Mikojan zählte zu den wichtigsten Entscheidungsträgern und zu Stalins engsten Mitarbeitern. Er leitete den Aufbau der sowjetischen Lebensmittelindustrie, war in Zwangskollektivierung und den „Großen Terror” verstrickt. Er reiste viel, sah in Amerika Kühlschränke, Dosengemüse und Speiseeis und führte diese Errungenschaften in Russland ein.
Nach Stalins Tod blieb er auch unter Chruschtschow als Handelsminister an der Regierung beteiligt. Mikojan prangerte 1956 als erstes Mitglied des Politbüros öffentlich Stalins Verbrechen an und trat für ein Ende der Terrorpolitik ein (die er vormals mitgetragen hatte). 1964 erhielt Mikojan das Ehrenamt des Staatsoberhaupts – und er war es, der im selben Jahr Chruschtschow den Parteibeschluss seiner Absetzung überreichte. Wenig später zog er sich von der politischen Bühne zurück. Mikojan starb 1978 in Moskau.

 

Georgi Schukow (1896-1974)

wurde als Sohn eines Schusters geboren. Im Zuge der Stalinschen Säuberungen stieg er ab 1937 in der Hierarchie der Roten Armee auf. 1940 wurde er zum Armeegeneral ernannt, 1941 zum Generalstabschef, 1942 wurde er Stalins Stellvertreter als oberster Befehlshaber. Er eroberte Berlin und nahm dort die bedingungslose Kapitulation der deutschen Wehrmacht entgegen.

Schukow galt als Stalins fähigster General, und er wagte, was niemand wagte: Stalin zu widersprechen. Nach dem Krieg wurde er Oberbefehlshaber der sowjetischen Besatzungstruppen in Deutschland, 1946 Chef der sowjetischen Landstreitkräfte. Dann aber stufte Stalin den höchst populären Volkshelden zurück, 1948 versetzte er ihn in den Ural. Nach Stalins Tod kehrte Schukow sofort nach Moskau zurück. 1955 wurde er Verteidigungsminister, 1957 von Chruschtschow entlassen und politisch entmachtet. Nach dessen Sturz wurde er rehabilitiert. 1974 starb Schukow in Moskau.

 

Josef Stalin (1878-1953)

eigentlich Schugaschwili, wurde als Kind eines Schuhmachers in Georgien geboren. Seit 1912 nannte er sich Stalin, der Stählerne. Er wurde 1922 Generalsekretär der bolschewistischen Partei. Von Lenins Tod 1924 bis 1929 riss er die Macht in der Sowjetunion an sich und schaltete alle Konkurrenten aus. Er baute eine absolute Herrschaft auf, etablierte eine brutale Diktatur, ein Schreckenssystem von Willkür und Wahnsinn. Allein in den Jahren der „Säuberungen“, des „Großen Terrors“ 1936 bis 1938, ließ er Millionen Menschen hinrichten oder inhaftieren; die genauen Opferzahlen sind umstritten.
Der Diktator überließ zwar Funktionären wie Molotow, Mikojan oder Beria mit der Zeit große Verantwortung in ihren Bereichen, da er angesichts seines Alters immer weniger wirklich kontrollieren konnte, doch blieben sie stets von seiner Gunst abhängig. Und die Angst, in die er selbst diese mächtigen Männer versetzte, zeigte sich an ihrem Verhalten, als er nach seinem Schlaganfall reglos in seiner Datscha lag: Die Funktionäre fürchteten seinen Tod viel weniger als seinen Zorn (weil sie ihn in seiner Unpässlichkeit gesehen hatten).

 

Swetlana Stalin (1926-2011) war das jüngste Kind und die einzige Tochter von Josef Stalin. Ihre Mutter ist dessen zweite Ehefrau Nadja Allilujewa, deren Namen sie nach Stalins Tod 1953 wieder annahm. 1967 reiste Allilujewa aus der Sowjetunion aus, um die Asche ihres indischen Mannes im Ganges zu verstreuen – und blieb im Westen, was weltweit Aufsehen erregte. Sie hatte als Erwachsene einen sehr gespaltenen Blick auf Stalin, den geliebten Vater und brutalen Mörder. Ihre Familienchronik ist zum Weltbestseller geworden. Swetlana Allilujewa kehrte 1984 in die Sowjetunion zurück, verließ die Heimat später aber wieder. 2011 starb sie in den USA.

 

Wassili Stalin (1921-1962)

Josef Stalins jüngster Sohn aus dessen zweiter Ehe mit Nadja Allilujewa, war Fliegergeneral. Als Diktatorensohn war er unter bizarren Umständen groß geworden – niemand wagte, ihm Grenzen aufzuzeigen. Später verfiel er der Trunksucht. Sechs Wochen nach dem Tod des Vaters wurde er inhaftiert. Die Begründung lautete, er habe unbequeme Offiziere im Krieg absichtlich in den Tod geschickt. Er kam frei, wurde aber wenige Monate später im April 1960 wieder verhaftet und für fünf Jahre in die Verbannung nach Kasan geschickt, 700 Kilometer von Moskau entfernt. Hier starb er mit 41 Jahren.

11:40 29.03.2018

Film der Woche: Weitere Artikel


Tod eines Herrschers

Tod eines Herrschers

Zum Film The Death of Stalin ist eine Satire über die Tage zwischen Stalins unrühmlichen Ableben und seiner pompösen Beerdigung: Tage, in denen die Mitglieder des Politbüros mit allen Mitteln darum kämpfen, die Macht zu übernehmen
„Ein großartiges Ensemble“

„Ein großartiges Ensemble“

Biographien Zum Ensemble des Films gehören einige der besten Schauspieler aus aller Welt. „Grundsätzlich ist es oft kompliziert, so viele wichtige Rollen zu besetzen, aber es war sehr einfach“, sagt Yann Zenou. „Jeder wollte mit Armando arbeiten“
Kritik am Diktator

Kritik am Diktator

Netzschau "'The Death of Stalin' historisiert nicht. Es ist eine zeitlose Ensemblekomödie über böse Menschen, die Böses im Schilde führen und bei jeder sich bietenden Gelegenheit Böses tun"