Schweres Erbe

Einblicke Bis heute gehört die Leugnung des Völkermordes zur offiziellen Politik aller türkischen Regierungen – ein Umstand, der zuletzt im vergangenen Jahr zu schweren diplomatischen Verwicklungen geführt hat
Schweres Erbe
Foto: Capelight Pictures

Hintergrund: Der Völkermord an den Armeniern

Von den meisten zeitgenössischen Historikern längst als geschichtlich unleugbare Tatsache angesehen, von der heutigen Türkei immer noch als „kriegsbedingte Sicherheitsmaßnahme“ bezeichnet und damit als „Genozid“ geleugnet: Der Völkermord an den Armeniern von 1915/1916 markiert als eine der ersten systematischen ethnischen Säuberungen des 20  Jahrhunderts einen Einschnitt, dessen Diskussion und Aufarbeitung bis heute nichts von ihrer politischen Brisanz verloren hat  Bereits in den Jahrzehnten zuvor war es – im Zuge des wachsenden Nationalismus und zunehmender Spannungen zwischen Kurden und Armeniern – zu mehreren Massakern gekommen, die zwischen 80 000 und 300 000 Todesopfer gefordert hatten. Als das Osmanische Reich 1914 u.a. an der Seite des Deutschen Reiches in den Ersten Weltkrieg eintrat, kündigte die jungtürkische Regierung kurzerhand internationale Verträge. Erneute Überfälle auf armenische Dörfer bildeten den Auftakt einer verheerenden Entwicklung, die durch den Kampf einiger armenischer Freiwilligenbataillone auf feindlicher russischer Seite zusätzlich Zunder erhielt.

Der russische Einmarsch in Ostanatolien wurde schließlich zum Vorwand für die massenhafte Deportation der armenischen Bevölkerung genommen. Offiziell begann der vom jungtürkischen „Komitee für Einheit und Fortschritt“ initiierte Völkermord mit der Deportierung armenischer Intellektueller in Konstantinopel am 24.04.1915, der seither als Gedenktag für den Völkermord an den Armeniern gilt. Es folgten Massendeportationen in die syrische und mesopotamische Wüste, die trotz der Verurteilung als „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ durch die Entente-Mächte in Todesmärschen gipfelten. Begleitet wurden jene von Massakern an der armenischen Zivilbevölkerung, die am Ende des Völkermordes rund 1,5 Millionen Menschenleben zu beklagen hatte. Bis heute gehört die Leugnung dieses Völkermordes zur offiziellen Politik aller türkischen Regierungen – ein Umstand, der zuletzt im vergangenen Jahr zu schweren diplomatischen Verwicklungen zwischen Deutschland und der Türkei geführt hat. Ungeachtet der internationalen Bewertung der historischen Tatsachen hat sich der Genozid an den Armeniern als „Aghet“ („Katastrophe“) in das kollektive Gedächtnis des armenischen Volkes eingebrannt.

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Regisseur Terry George über seinen Film

"Die Filme, die ich am meisten geliebt und verehrt habe, waren jene, die das Publikum an bedeutsamen historischen Ereignissen teilhaben ließen – Filme, die uns auf schmerzhafte und einzigartige Weise in die Geschichte eintauchen lassen. Die größten, auf Tatsachen basierenden Filme sind Filme wie SCHINDLERS LISTE (Schindler’s List), KILLING FIELDS – SCHREIENDES LAND (The Killing Fields), REDS, SCHLACHT UM ALGIER (The Battle Of Algiers) und historische Dramen wie EIN MANN ZU JEDER JAHRESZEIT (A Man For All Seasons), DOKTOR SCHIWAGO und APOCALYPSE NOW.

Innerhalb von nur wenigen Stunden konnte ich hier Wut, Angst, Mitleid, wahre Trauer und manchmal sogar echte Freude empfinden. Kein anderes Filmgenre konnte mich auf diese Art und Weise berühren  Ich verließ das Kino überwältigt. Ich war durch Charaktere an historische Ereignisse herangeführt worden, die ich nie wieder vergessen würde.

Als Filmemacher sehe ich es als meine Herausforderung an, Geschichten und Figuren zu (er-)finden, die es mir erlauben, Kinozuschauer mit einem Ereignis zu konfrontieren, über das sie bislang nur wenig oder gar keine Kenntnis besaßen und ihnen so zu zeigen, dass der menschliche Geist selbst im Angesicht der widrigsten Umstände überleben und triumphieren kann. Das war für mich und meinen Co-Autor, Regisseur Jim Sheridan, die Motivation bei IM NAMEN DES VATERS (In The Name Of The Father) und DER BOXER (The Boxer) und meine Herausforderung als Regisseur von MÜTTER UND SÖHNE (Some Mother’s Son) und HOTEL RUANDA.

Vor bald drei Jahren hatte ich das große Glück, dass mir ein Drehbuch von Robin Swicord angeboten wurde. THE PROMISE erzählt eine Liebesgeschichte, die vor dem Hintergrund des Genozids an den Armeniern spielt, einer der größten und am wenigsten bekannten Katastrophen des 20  Jahrhunderts. Dieser Versuch, eine ganze Nation auszulöschen, ist aus beinahe allen Geschichtsbüchern verschwunden und zwar wegen kollektiver Leugnung ebenso wie aus politischer Berechnung  Es ist eine Geschichte, von der ich glaube, dass sie auf der großen Leinwand erzählt werden muss. Aber wie bringt man ein Publikum dazu, so ein schreckliches und fremdartiges Ereignis nacherleben zu wollen?

Ich habe meinen Blick auf die großen Meister des Kinos gerichtet – auf David Lean, der uns mit DOKTOR SCHIWAGO in die Zeit der Russischen Revolution und mit RYANS TOCHTER (Ryan’s Daughter) in jene des irischen Unabhängigkeitskrieges entführt hat und auf Warren Beatty, der uns durch die Augen von John Reid in REDS ebenfalls an der Russischen Revolution teilhaben ließ. Beide machten sich eine Romanze zunutze, um das Publikum in die Kinositze zu locken. Sie erzählten große Liebesgeschichten, die unentwirrbar in die Geschichte dieser bedeutenden Ereignisse verwoben waren. Indem wir uns mit ihren Charakteren verliebten, erfuhren wir auch von den Nöten, der Freude und dem Schmerz, die sie als Teil der Geschichte durchlebten. Am Drehbuch von THE PROMISE mitzuwirken und Regie zu führen, bot mir eine wirklich einzigartige Gelegenheit. Ich durfte mit unglaublich talentierten Leuten – Christian Bale, Oscar Isaac, Charlotte Le Bon und weiteren großartigen Darstellern – arbeiten, um eine Liebesgeschichte zu erzählen, von der ich hoffe, dass sie das Publikum nicht nur gefangen nimmt und bewegt, sondern auch mit der Katastrophe konfrontiert, die das armenische Volk durchleiden musste. Die es ihm erlaubt, Zeuge tatsächlicher historischer Ereignisse zu werden, Freude zu erleben, Angst zu fühlen und unglaublichen Mut, Trauer und Erlösung. Am wichtigsten aber ist mir die Hoffnung, dass THE PROMISE das Publikum über ein Ereignis informiert, das es verdient, anerkannt, erinnert und geehrt zu werden. Welch größere Gelegenheit könnte sich ein Filmemacher erhoffen?"

09:08 17.08.2017

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