Spiegel und Bild

Einblicke In seiner Heimat hat Farhadis Film einen Nerv getroffen. Irans urbane Mittelschicht erkennt sich in wieder, und der Film hat seit dem Start alle Zuschauerrekorde gebrochen
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Foto: Prokino Filmverleih

TEHERAN – EINE STADT IM UMBRUCH

Der amerikanische Schriftsteller und Dramatiker Arthur Miller (1915-2005) schrieb den Bühnenklassiker „Tod eines Handlungsreisenden“ im Jahr 1949, für den der damals 33-jährige mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet wurde. Darin beschreibt er anhand des Schicksals seines Protagonisten, des älteren Handlungsreisenden Willy Loman, den Zusammenbruch des American Dream in der Zeit nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Die Vorstellung, durch harte Arbeit einen höheren Lebensstandard erreichen zu können, kann Loman nicht mehr erfüllen. Für ihn, wie für viele andere Amerikaner der Nachkriegszeit, ist der Amerikanische Traum zu einem unerreichbaren Mythos geworden. Trotz des Wirtschaftsbooms der Vierziger Jahre besteht Chancengleichheit für alle allenfalls auf dem Papier, die Zugehörigkeit zu einer Klasse und ethnischen Gruppe sind oft stärkere Faktoren, die zu einem immer drastischeren Gefälle zwischen Arm und Reich führen, zumal in Amerikas wichtigstem Wirtschaftszentrum New York.

Der iranische Filmemacher Asghar Farhadi sieht deutliche Parallelen in dem von Miller beschriebenen New York der 1940er Jahre und der heutigen Situation in seiner Heimatstadt Teheran. Durchaus vergleichbar sind schon die Bevölkerungszahlen. Die Population in Teheran ist in den letzten drei Jahrzehnten rasant gewachsen. Waren es 1986 rund sechs Millionen Bewohner, leben heute nach offiziellen Angaben rund acht Millionen Menschen in der Stadt, in der Metropolregion sogar über 15 Millionen. Die Bevölkerungsdichte liegt bei knapp 11.000 Menschen pro Quadratkilometer. Teheran ist damit durchaus mit New York City vergleichbar: die Stadt hat 8,4 Millionen Einwohner, die Metropolregion rund 19 Millionen, die Bevölkerungsdichte liegt ebenfalls bei knapp 11.000 pro Quadratkilometer.

Auch Irans Wirtschaft boomt. Teheran gilt als Start-Up Hochburg im Nahen Osten, auf den Straßen gehören teure westliche Automodelle längst zum Erscheinungsbild, Kliniken für Schönheits-OPs florieren. Und auch die Baubranche wächst, ganze Stadtteile werden luxussaniert und damit gentrifiziert. Luxusapartments sind Spekulationsobjekte der wenigen Superreichen, es herrscht Wohnungsknappheit, viele Menschen können sich die hohen Mieten im Zentrum Teherans nicht mehr leisten. Mit der Modernisierung ändern sich auch Werte und Moralvorstellungen im seit 2013 von dem als gemäßigt geltenden Präsidenten Hassan Rohani regierten Staat. Auch diese Entwicklung geht vielen zu schnell und zu weit.

In seiner Heimat hat Farhadis Film einen Nerv getroffen, ähnlich wie Millers Stück vor 67 Jahren in den Vereinigten Staaten und danach weltweit. Irans urbane Mittelschicht erkennt sich in THE SALESMAN wieder, der Film hat seit dem Start Ende August alle Zuschauerrekorde gebrochen. Andere iranische Regisseure wie Abbas Kiarostami oder Bahman Ghobadi, die mit Geschichten vom einfachen, oft ländlichen Leben international erfolgreich waren, blieben dem heimischen Publikum dagegen eher fremd. Asghar Farhadi zeigt ihnen und uns mit seinem Film nicht nur das Teheran der Gegenwart, sondern auch eine Wirklichkeit, die viele Politiker und konservative Kommentatoren im Iran nicht akzeptieren wollten. So gab es massiven Einfluss auf die Jury, die über den iranischen Oscar-Beitrag zu entscheiden hatte. Der Film wurde als unwürdig diffamiert. Glücklicherweise ließ sich die Jury nicht einschüchtern: THE SALESMAN ist Irans Oscar-Kandidat 2017.

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INTERVIEW MIT ASGHAR FARHADI

Herr Farhadi, wie kam dieses Projekt zustande?

Ich hatte schon eine ganze Weile eine ganz simple Geschichte im Hinterkopf und habe mir dazu immer wieder Notizen gemacht und Ideen aufgeschrieben. Als schließlich die Möglichkeit auftauchte, einen Film im Iran zu drehen, begann ich diese im Laufe der Jahre entstandenen Aufzeichnungen zusammenzutragen. Ich wollte darüber hinaus schon immer mal einen Film drehen, der in der Welt des Theaters angesiedelt ist. Als ich jünger war, habe ich selbst Theaterwissenschaft studiert, und es hatte eine große Bedeutung für mich. Die Geschichte, die mir vorschwebte, eignete sich perfekt fürs Theatermilieu. Also begann ich, ein Szenario zu entwickeln, in dem die Charaktere ein Stück proben.

Wie würden Sie THE SALESMAN definieren? Ist es eine Rachegeschichte oder geht es um verlorene Ehre?

Ich hätte wirklich Schwierigkeiten, THE SALESMAN zu definieren oder zusammenzufassen oder überhaupt zu benennen, was die Geschichte mir persönlich bedeutet. Alles hängt von den ganz spezifischen, persönlichen Erfahrungen und Denkweisen des einzelnen Zuschauers ab. Wenn man es als Gesellschaftskritik sieht, wird man sich an diese Elemente erinnern. Jemand nimmt es vielleicht als moralische Fabel wahr, oder als etwas ganz anderes. Was ich sagen kann: Dieser Film handelt erneut von komplexen zwischenmenschlichen Beziehungen, vor allem innerhalb der Familie.

Zu Beginn des Films sind Emad und Rana ein gewöhnliches Paar. Sind die beiden typische Vertreter der iranischen Mittelschicht?

Emad und Rana sind ein Paar aus der iranischen Mittelschicht. Wir können nicht sagen, ob sie die Mehrheit in dieser Schicht repräsentieren, weder als Individuen noch in ihrem Verhältnis zu anderen. Ich habe diese Charaktere einfach geschaffen, damit der Zuschauer nicht das Gefühl hat, dieses Paar unterscheidet sich von so vielen anderen. Es ist ein gewöhnliches Paar mit seinen spezifischen Eigenheiten. Sie arbeiten beide im Kulturbereich, sie spielen beide Theater. Aber sie finden sich plötzlich in einer Situation, die unerwartete Aspekte ihrer Persönlichkeiten offenlegt.

Der Originaltitel bezieht sich auf das Stück von Arthur Miller, das Emad und Rana zusammen mit Freunden einstudieren, „Tod eines Handlungsreisenden“. Warum haben Sie entschieden, dieses Theaterstück einzubauen?

Ich habe „Tod eines Handlungsreisenden“ als Student gelesen. Es hat mich damals sehr beeindruckt, wohl vor allem wie es menschliche Beziehungen verhandelt. Es ist ein sehr vielschichtiges Drama, das viele unterschiedliche Lesarten erlaubt. Die wichtigste Dimension ist die kritische Auseinandersetzung mit einer historischen Phase, als die plötzliche Veränderung des urbanen Amerikas den Zusammenbruch einer bestimmten sozialen Schicht verursachte. Menschen, die sich der rasenden Modernisierung nicht anpassen konnten, kamen unter die Räder. In diesem Sinn reflektiert das Stück sehr stark die derzeitige Situation in meiner Heimat. Dinge ändern sich in atemberaubender Geschwindigkeit, und entweder kommt man mit oder man geht drauf. Diese Sozialkritik im Kern des Stücks ist für mein Land noch heute relevant.

Eine andere Dimension des Stücks sind die komplexen Beziehungen innerhalb der Familie, besonders deutlich in dem Paar des Handlungsreisenden und Linda. Das Stück hat eine starke emotionale Anziehungskraft, die nicht nur sehr bewegend ist, sondern das Publikum auch dazu bringt, über sehr subtile Fragen nachzudenken. Sobald ich entschieden hatte, dass die Hauptfiguren in einem Theaterstück auftreten würden, erschien mir Millers Drama hochinteressant, da es mir erlaubte, Parallelen zum Privatleben des Paares aufzubauen. Auf der Bühne spielen Emad und Rana den Handlungsreisenden und seine Frau. Und in ihrem eigenen Leben begegnen sie, ohne es zu ahnen, einem Geschäftsmann und seiner Familie und müssen über sein Schicksal bestimmen.

Inwieweit reflektiert der Film die Situation in der iranischen Gesellschaft?

Vieles ist eng verbunden. Wir gelten als etwas prüde, weil unser Körper etwas Privates ist, ebenso die Familie und das Privatleben. Im Film sieht man einen kleinen Jungen, der auf die Toilette muss, aber nicht will, dass ihm eine Frau, die nicht Teil seiner engsten Familie ist, ihm beim Ausziehen hilft. In der Schule sind die Klassen nach Geschlechtern getrennt, Emad unterrichtet nur Jungen. Die starken Moralvorstellungen und Traditionen lernt man von Klein auf. In einem anderen Land, einer anderen Gesellschaft, hätte der Mann wahrscheinlich anders auf den Übergriff auf seine Frau reagiert. Neben dem Privaten sind auch der Ruf und das öffentliche Urteil extrem wichtig. Wenn die Nachbarn von dem Vorfall nichts bemerkt hätten, wäre Emads Reaktion womöglich eine andere gewesen. Stattdessen macht er sich Sorgen darüber, was andere wohl denken, was in dieser Nacht in der Wohnung passiert ist, und das lässt ihn gewalttätig werden. Diese Gewalt, die scheinbar gerechtfertigt ist, hat mich interessiert. Wenn der Handelnde überzeugt ist, er habe gute Gründe, Gewalt auszuüben, obwohl er ein kultivierter, toleranter und hilfsbereiter Mann ist. Was bringt ihn dazu? Diesen Prozess wollte ich zeigen, ohne ein Urteil zu fällen. Das überlasse ich dem Zuschauer.

Sie evozieren diese anarchische Entwicklung Teherans durch den Blick der Protagonisten von der Terrasse ihres neuen Apartments. Ist das auch Ihre persönliche Sicht auf die Stadt, in der Sie leben und arbeiten?

Das heutige Teheran ähnelt sehr dem New York, das Miller zu Beginn seines Stücks beschreibt. Eine Stadt, deren Antlitz sich rapide verändert, in der alles Alte zerstört wird und Obstgärten und Parks durch Gebäudekomplexe ersetzt werden. Das ist genau das gleiche Umfeld, in dem auch Millers Handlungsreisender lebt. Dadurch gibt es eine neue Parallele zwischen dem Film und dem Theaterstück. Teheran wandelt sich auf rasende, unkontrollierte und irrationale Weise. Wenn ein Film von einer Familie erzählt, spielt das Heim natürlich eine große Rolle. Das war auch schon bei meinen vorherigen Filmen der Fall. Und auch diesmal wieder spielen das Haus und die Stadt eine zentrale Rolle.

Gleich in der ersten Szene droht das Haus einzustürzen, in dem das Ehepaar wohnt. Ist dieser Notfall auch als Metapher für Sie als Filmemacher zu verstehen?

Nein. Wir haben auf unser Land einen anderen Blick als der Westen. Natürlich ist die Situation für Filmemacher in Iran eine sehr spezielle, mit allen Vor- und Nachteilen. Bis zu NADER UND SIMIN – EINE TRENNUNG fand ich es einfacher, in Iran zu drehen, weil ich dort viele Leute kannte, die sich mit Leidenschaft einbrachten und mitarbeiteten. Dadurch konnten wir einige der Schwierigkeiten ausgleichen, denen man als Künstler in Iran ausgesetzt ist. Aber ich kann nicht sagen, dass ich jemals das Gefühl hatte, als Filmemacher in einer Notlage zu sein. Aber wenn man wie ich viele Jahre in der Branche arbeitet, lernt man mit Problemen und Hindernissen umzugehen und sie zu überwinden. Würde ein Regisseur aus dem Westen hier drehen wollen, würde er die Situation wahrscheinlich unlösbar finden. Aber wenn man damit aufgewachsen ist, kann man sie als Energiequelle und Motivation nutzen. Ich arbeite gerne hier und werde das auch weiter tun, selbst wenn ich zwischendurch einen Film im Ausland drehe.

Wie war es, nach dem letzten Film LE PASSÉ – DAS VERGANGENE, den Sie in Frankreich drehten, wieder in Ihrer Heimat und in Ihrer eigenen Sprache zu drehen?

Eigentlich war ich in den Vorbereitungen für ein Filmprojekt in Spanien mit internationaler Besetzung und Pedro Almodóvar als Koproduzent. Wir suchten nach Drehorten und alles lief sehr gut, aber irgendwann habe ich gespürt, dass ich meinen nächsten Film zuhause drehen muss. Almodóvar war zunächst überrascht, aber er merkte, wie wichtig mir das war und unterstützte mich voll. Und damit ist auch unser gemeinsamer Film nicht gestorben. Es wird nun wohl mein nächstes Projekt.

17:32 01.02.2017

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