Im Wanken

Zum Film Fluchtartig müssen Emad und Rana ihre Wohnung verlassen. Durch eine Beschädigung des Fundaments droht das Haus einzustürzen. Ein Bekannter stellt ihnen seine Wohnung zur Verfügung
Im Wanken
Foto: Prokino Filmverleih

Spätabends werden die Bewohner eines Wohnblocks im Zentrum Teherans aus ihrer Nachtruhe gerissen. Durch eine Baugrube auf dem Nebengrundstück ist das Fundament abgesackt, das Haus droht einzustürzen. Das Gebäude muss so schnell wie möglich evakuiert werden, auch das junge Ehepaar Emad und Rana muss ihre Wohnung verlassen. Während seine Frau mit dem Allernötigsten die Treppe hinunter ins Freie flieht, kehrt Emad noch einmal um und hilft der Nachbarin, ihren bettlägerigen Sohn in Sicherheit zu bringen. Zum Glück kommt niemand zu Schaden, doch am nächsten Tag ist das Desaster offensichtlich: große Risse klaffen in den Wänden, das Apartment ist unbewohnbar, Emad und Rana brauchen dringend eine neue Bleibe. Und das ist in einer dichtbesiedelten Stadt wie Teheran gar nicht so einfach, auch wenn man, wie die beiden, aus Irans Mittelschicht stammt.

Emad und Rana sind ein modernes Paar, sie führen eine gleichberechtigte Ehe. Sie sind gebildet, sie interessieren sich sehr für Kultur, arrangieren sich in den Freiräumen, die ihnen öffentliche Moral und Gesetze im Iran setzen. Emad arbeitet tagsüber als Lehrer und unterrichtet eine Jungenschulklasse in Literatur. Er hat ein gutes Verhältnis zu seinen Schülern, wird von ihnen als ebenso humorvoller, wie freundlich-fordernder Pädagoge geschätzt und respektiert. Er reagiert bedacht und gelassen, auch wenn er, wie bei einer Taxifahrt, von einer fremden Frau grundlos beschuldigt wird, ihr zu nahe gekommen zu sein. In seiner Freizeit probt er mit seiner Frau und Freunden für eine Aufführung von Arthur Millers Drama „Tod eines Handlungsreisenden“, das in ein paar Tagen Premiere hat. Es ist eine Gratwanderung für die freie Truppe, denn etliche Stellen im Stück sind der iranischen Zensurbehörde ein Dorn im Auge. So tritt in ihrer Version die Prostituierte, die in Millers Stück unbekleidet aus dem Badezimmer kommt, im hochgeschlossenen, roten Mantel und Hut auf.

Als ihr Ensemblekollege Babak von Emads und Ranas Unglück hört, bietet er ihnen spontan ein leerstehendes Apartment an, das er besitzt. Als sie am nächsten Tag die Wohnung besichtigen, entpuppt sie sich zwar als etwas heruntergekommen, aber zumindest vorübergehend ist sie für die beiden die Rettung in der Not. Ein Zimmer ist abgesperrt, dort befinden sich noch Hab und Gut der Vormieterin, die vor drei Wochen überstürzt ausgezogen ist. Ihre Sachen kann sie erst abholen, wenn sie eine neue feste Unterkunft gefunden hat. Im Parkhaus treffen Babak und seine Zwischenmieter auf den Nachbarn, der Babak zur Seite nimmt und ihn freundlich, aber bestimmt ermahnt, dass es mit den neuen Mietern hoffentlich nicht wieder Probleme wie beim letzten Mal gibt. Babak versichert ihm, dass er die beiden gut kennt und sie im Kulturbereich arbeiten.

Am Tag des Einzugs jedoch taucht die Vormieterin nicht wie verabredet auf. Anrufe von Babak beantwortet sie nicht, und als Rana sie anruft, erklärt sie, dass ihr eine Wohnung abgesagt wurde und sie ihre Sachen nun doch nicht holen kann. Ein Gespräch mit Babak lehnt sie ab. Obwohl die Vormieterin ausdrücklich untersagt hat, ihre Sachen anzufassen und Emad deswegen Skrupel hat, bricht Babak das abgeschlossene Zimmer auf und gemeinsam schaffen sie die persönlichen Gegenstände der Vormieterin auf die Dachterrasse, um den Raum für sich nutzen zu können.

Am Abend steht die Premiere des Stücks an, auch die Zensurbehörde hat sich angekündigt, die nach der Aufführung noch über einige kritische Stellen sprechen möchte. Emad beschließt dazubleiben und gibt Rana den Wohnungsschlüssel, damit sie allein nach Hause fahren kann. Während sie die Zeit für die Reinigung nutzt und, um sich weiter einzurichten, bittet sie ihren Mann am Telefon, auf seinem Rückweg noch ein paar Lebensmittel einzukaufen. Gerade als sie sich im Bad abschminkt und unter die Dusche steigen will, klingelt es an der Haustür. Sie drückt den Öffner und lässt die Tür angelehnt, damit sie zurück ins Bad kann, während Emad die Treppe hochkommt.

Als Emad eine Weile danach an der Haustür steht, muss er die Nachbarn bitten, ihn hereinzulassen. Im Treppenhaus entdeckt er Blutspuren auf den Stufen, die Wohnungstür ist nur angelehnt. Auch im Badezimmer sind überall Blut und Scherben, von Rana keine Spur. Er rennt zum nahegelegenen Krankenhaus, wo er seine Frau im OP-Raum findet, gerade wird ihre Kopfwunde genäht. Sie ist unter Schock, reagiert nicht. Die Nachbarn hatten sie hierhergebracht, nachdem sie Schreie und Poltern aus der Wohnung gehört hatten. Auf der Straße haben sie einen Mann weglaufen sehen, der sich offensichtlich am Bein verletzt hatte. In der Wohnung fanden sie Rana bewusstlos in der Dusche. Einen Dieb schließen sie deshalb aus, der Unbekannte muss ein Kunde der Vormieterin gewesen sein, mutmaßt ein anderer Nachbar. Anscheinend hatte diese regen Männerbesuch und gilt in den Augen der Nachbarschaft als unanständig.

Rana ist vom Übergriff traumatisiert, zurück in der Wohnung liegt sie apathisch im Bett. Sie kann nicht ins Bad, fürchtet sich allein in der Wohnung und kann nicht schlafen, weil die Bilder wiederkommen, wenn sie die Augen schließt. Emad versucht ihr beizustehen so gut es geht, fühlt sich aber angesichts der ungeklärten Vorfälle selbst hilflos. Als er in der Wohnung das Handy und den Schlüsselbund des Eindringlings findet, probiert er jedes Auto in der Umgebung und findet schließlich einen Lieferwagen, bei dem der Schlüssel passt. Er versteckt ihn in der Garage des Mietshauses. Das Handy ist längst abgemeldet, aber Emad will, dass Rana zur Polizei geht und Anzeige erstattet. Sie sagt, sie habe das Gesicht des Täters nicht gesehen, ihre Erinnerungen an den Abend sind verschwommen. Unter Tränen erklärt sie Emad, dass sie nicht zur Polizei gehen und jedem erzählen will, was passiert ist. Er beginnt, misstrauisch zu werden. Sind Dinge passiert, die so schrecklich sind, dass sie es nicht aussprechen kann?

Trotz ihres Zustands will Rana abends auf der Bühne stehen, im Apartment hält sie es allein nicht aus. Doch auf der Bühne hat sie einen Blackout, sie ist wie weggetreten, der Text entfällt ihr völlig. Rana bricht in Tränen aus und flieht von der Bühne, die Vorstellung muss vorzeitig beendet werden.

Emad stellt Babak zur Rede, warum er ihn nicht vorgewarnt hat über den schlechten Ruf der Vormieterin. Mit wie vielen Männern war sie wohl in dem Zimmer intim, in dem Emad und Rana jetzt schlafen? Babak hält das für Gerüchte und Geschwätz der Nachbarn und findet Emads Reaktion undankbar. Anstatt die Polizei einzuschalten, reinigt Emad selbst das Treppenhaus von den Spuren des Verbrechens. Eine Nachbarin zeigt dafür wenig Verständnis. Wenn er seine Frau im Bad auf dem Boden liegen gesehen hätte, würde er nicht so leichtfertig reagieren. Wie tot hätte sie ausgesehen.

Emad ist von der Situation zunehmend überfordert und wirkt ungeduldig. Er verlangt von seiner Frau, sich ein bisschen zusammenzureißen, es hätte ja alles noch viel schlimmer ausgehen können. Er stellt Rana ein Ultimatum: entweder sie gehen zur Polizei und erstatten Anzeige oder sie vergessen die ganze Angelegenheit. Rana will einen Schlussstrich ziehen und nicht nur das: ab sofort suchen sie nach einer neuen Wohnung, fordert sie.

Die Hintergründe des Vorfalls ziehen derweil Kreise im Umfeld des Paares. Ein Nachbar hat bereits erfahren, dass Rana keine Anzeige erstatten will, und erklärt ihr ungefragt, warum er das für eine gute Idee hält: Selbst wenn sie den Täter erwischen, würde ihm nichts passieren und sie müsste sich vor Gericht noch selbst rechtfertigen. Früher oder später würde der Angreifer schon wegen seines Lieferwagens auftauchen, dann regelt man die Sache besser unter sich. Auch im Theater wird Emad auf den Überfall angesprochen, einer der Nachbarn hat Babak gegenüber Details ausgeplaudert, die Rana und Emad für sich behalten wollten.

Auch die Spannungen des Ehepaares nehmen zu. Als Rana im Theaterstück ohne Vorwarnung von der Regisseurin ersetzt wird, wirft sie Emad vor, sich nicht genügend für sie einzusetzen. Auch um eine neue Wohnung hat er sich offensichtlich noch nicht gekümmert. Um auf andere Gedanken zu kommen, nimmt sie an diesem Abend den kleinen Sohn ihrer Bühnenkollegin mit nach Hause und kocht ein Essen für sie beide und Emad, der gleich nach der Vorstellung zurückkommt. Doch als er erfährt, dass sie die Zutaten mit dem Geld gekauft hat, von dem er annimmt, dass es der Täter in der Wohnung hinterlassen hat, wirft er das gesamte Essen weg. Emad findet keine Ruhe, seit Tagen kann er nicht schlafen. Auf der Suche nach der Wahrheit beginnt er die Briefe der Vormieterin zu lesen und ihren Anrufbeantworter abzuhören. Darauf ist auch eine sehr intim klingende Nachrichten von Babak. Was hat er zu verheimlichen?

Doch statt um das Wohl seiner Frau geht es Emad immer mehr vor allem darum, was die Nachbarn denken, um den Ruf und die Ehre. Die Suche nach dem Schuldigen wird zu seiner persönlichen Mission. Nachdem der Lieferwagen verschwunden ist, bittet er einen seiner Schüler, über seinen pensionierten Vater den Halter des Autokennzeichens herauszufinden. Und abends auf der Bühne mit Babak redet er sich in einer Szene derart in Rage, dass er vom Text abweicht und, für das Publikum nicht erkennbar, aus der Rolle fällt und Babak persönlich angreift.

Der Lieferwagen gehört einer kleinen Familienbäckerei, Emad vermutet zunächst den erwachsenen Sohn als Täter und versucht, ihn mit einem Transportauftrag in eine Falle zu locken. Unterdessen holt Babak die persönlichen Gegenstände der Vormieterin ab, um sie in der Garage seiner Eltern zwischenzulagern und damit die Situation für Rana zu entspannen, die nichts von Babaks Rolle in dieser Angelegenheit ahnt. Zum verabredeten Termin, um die letzten persönlichen Gegenstände aus der alten Wohnung zu holen, taucht dann allerdings statt des Sohns der etwas gebrechliche Vater auf, der auch der Besitzer der Bäckerei ist. Emad ist enttäuscht, dass sein Plan nicht aufgeht. Er versucht, den alten Mann über seinen Schwiegersohn zur Rede zu stellen, bis ihm klar wird, dass er sich in seinen Vermutungen geirrt hat. Emad will nun alles offenlegen. Doch wie weit kann man gehen? Wem hilft es, alles aufzudecken, wenn es Existenzen zerstört? Und wie viel Schuld lädt man dabei selbst auf sich?

17:32 01.02.2017

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