Vision und Praxis

Interview Regisseur Bernd Böhlich im Gespräch über seine persönliche Begegnung mit der wahren Geschichte hinter "Und der Zukunft zugewandt" und sein Verhältnis zu Historie, Politik und Alltag der DDR
Vision und Praxis

Foto: Neue Visionen Filmverleih

UND DER ZUKUNFT ZUGEWANDT beruht auf einer wahren Geschichte. Wie bist du dieser Geschichte begegnet?

Ende der 80er Jahre erfuhr ich durch einen Zufall von der Schauspielerin Swetlana Schönfeld (im Film spielt sie die Mutter von Antonia), dass sie in einem sowjetischen Arbeitslager geboren wurde. Ich hörte zum ersten Mal von einem solchen Schicksal und war fassungslos. Doch ich konnte das Thema nicht weiter verfolgen, denn es gab keinerlei Literatur dazu und die Betroffenen hielten sich an ihr Schweigegelübde.

Antonia Berger ist in erster Linie ein politischer Mensch mit starken Überzeugungen. Menschen wie sie scheint es heute nicht mehr viele zu geben. Ist sie eine aussterbende Art?

„Unglücklich das Land, das Helden nötig hat.“, sagt Brecht. Dass wir hierzulande für unsere Überzeugungen nicht unser Leben riskieren müssen, ist nicht das schlechteste Merkmal einer Demokratie.

Wie empfindest du allgemein die Darstellung der DDR-Vergangenheit in der deutschen Öffentlichkeit und welche Rolle kann in diesem Feld ein Film wie UND DER ZUKUNFT ZUGEWANDT spielen?

Die Reduzierung der DDR auf Mauer, Stasi und Doping ist nicht nur unsäglich, sondern schlichtweg falsch. Daher rühren viele Verwerfungen und Spannungen zwischen Ost- und Westdeutschen und als trotzige Reaktion manchmal eine Verklärung der DDR. Dabei wurden die Anfänge der DDR auch von Menschen im Westen mit Sympathie begleitet, eine Alternative zum Kapitalismus schien nach dem verheerenden 2. Weltkrieg notwendig und sinnvoll. Dass es ein Sozialismus sowjetischer Prägung wurde, gehört zur Tragik der Geschichte. Vielleicht weitet unser Film den Blick auf diese schwierige Zeit.

Warum sollten sich gerade junge Menschen UND DER ZUKUNFT ZUGEWANDT anschauen?

Jede gesellschaftliche Vision ist zu hinterfragen, jede politische Entscheidung. Nichts ist alternativlos. Demokratie ist ein hohes Gut – aber sie muss kritisch begleitet werden. Auch durch junge Menschen. Und sie sollten wissen, warum der Versuch einer gerechten Gesellschaft so furchtbar gescheitert ist.

Filmen mit politisch motivierten Protagonistinnen wird oft vorgeworfen, schablonen- oder thesenhaft zu wirken. Mit Antonia Berger gibt es in deinem Film eine unglaublich starke und lebendige Frauenfigur. Wie ist das gelungen?

Ich habe an keinem anderen Film so lange und intensiv gearbeitet. Als es nach dem Fall der Mauer möglich wurde, habe ich unzählige Bücher, Zeitzeugenberichte und Dokumente gelesen und mich mit Betroffenen unterhalten. Das Problem bestand darin, aus der Fülle des Materials eine überschaubare Geschichte und eine starke Hauptfigur zu formen.

Heute über Kommunismus zu sprechen gleicht ein wenig der Berührung eines Tabus. Könnte ein Film wie UND DER ZUKUNFT ZUGEWANDT das ändern?

Man sollte nie die Wirkung eines Films überschätzen. Wenn unser Film Nachdenklichkeit über die Gründe des Scheiterns einer großen, sinnvollen politischen Idee auslöst, bin ich zufrieden.

In kaum einem Film über die DDR-Vergangenheit gab es bisher eine positiv besetzte Figur, die sich für das Bleiben entschieden hat. Warum wolltest du diese Geschichte erzählen?

Weil es zu Wahrheit gehört. Viele Menschen sind an der DDR verzweifelt – und hatten trotzdem nicht ihre Abschaffung im Sinn, sondern ihre Veränderung. Ich bin auch nicht morgens mit dem Gedanken aufgewacht: wie komme ich in den Westen?

Antonia Berger ist vor allem eine politische Figur. Kann man entsprechend auch sagen, dass UND DER ZUKUNFT ZUGEWANDT ein politischer Film ist?

Unser Film ist zutiefst politisch und erzählt, wie sehr Politik das Leben von Menschen prägen kann.

Mit Antonia Berger stellst du eine Frau ins Zentrum, die den Konflikt zwischen politischen Überzeugungen und privaten Bedürfnissen für das Publikum sehr dramatisch erlebbar macht. Warum hast du dich für diese Form eines Dramas entschieden?

Weil Antonias Leben dramatisch ist. Wider besseres Wissen schweigt sie und verliert dadurch die Liebe ihres Lebens.

Welche Reaktionen beim Publikum würdest du dir wünschen?

Respekt vor der Hauptfigur – auch wenn sie scheitert. Mitgefühl – auch wenn sie irrt. Und Verständnis für eine schwierige politische Situation.

09:56 05.09.2019

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Biographien Bernd Böhlich, 1957 geboren, ist seit dem Abschluss seines Regiestudiums an der Filmhochschule in Potsdam-Babelsberg als Autor und Regisseur tätig. Bereits sein Abschlussfilm lief auf zahlreichen internationalen Festivals
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