Leben und Schweigen

Zum Film Zwar gewinnt Antonia ein neues Leben, doch der Preis dafür ist, dass sie von ihrer Zeit in der Sowjetunion schweigen soll. Die Wahrheit, so fürchtet die junge Republik, könnte die fragile Nation ins Wanken bringen
Leben und Schweigen

Foto: Neue Visionen Filmverleih

1952 in der Sowjetunion. Antonia Berger lebt mit ihrer an einer schweren Lungenkrankheit leidenden Tochter seit mehr als 10 Jahren in einem Arbeitslager, verurteilt zu lebenslanger Zwangsarbeit. Die Kommunistin, die 1938 mit der "Kolonne Links" in die Sowjetunion ging, um hier für die Revolution zu kämpfen, wurde dort unter absurden Vorwürfen verhaftet. Über das gesamte Musiker-Ensemble wurde damals das Todesurteil gefällt, einzig Antonia überlebte – im Straflager. Hier verliert sie ihren Mann, dessen Wunsch, seine Tochter zu sehen, als Fluchtversuch gedeutet wurde.

Einigen Politikern der noch jungen Deutschen Demokratischen Republik ist es zu verdanken, dass 1952 die Ungerechtigkeit, der Antonia Berger und ihre Mitinsassinnen zum Opfer gefallen sind, nicht mehr hingenommen wird. Ihre Rückkehr in die DDR wird eingeleitet. Zusammen mit ihrer mittlerweile schwer kranken Tochter Lydia und ihren Haftgenossinnen Irma Seibert und Susanne Schubert macht sie sich auf den beschwerlichen und für ihre Tochter sowohl lebensgefährlichen als auch -rettenden Weg quer durch Europa.

Die von einer Mitarbeiterin der Parteileitung auf den Bahnhof Fürstenberg, das spätere Eisenhüttenstadt, mitgebrachten Blumen wirken nicht so willkommensfestlich wie sie gemeint sind. Eher betonen sie den schmalen Rest Würde und Menschlichkeit, der den vier anreisenden Frauen geblieben ist. Doch die körperlichen Zumutungen scheinen nun vorüber. Man veranlasst sofort, dass Lydia ins Krankenhaus gebracht und dort behandelt wird. Angesichts der Schwere der Erkrankung und der Durchsetzungsmacht der Partei-Mitarbeiterin können auch die bürokratischen Formalia der Krankenhaus-Einweisung links liegen gelassen werden. Ein sympathischer Arzt, Doktor Konrad Zeidler, kümmert sich persönlich um Lydia. Plötzlich scheint alles gut zu werden für Antonia und ihr Kind. Es wird viel getan, damit sie alle, auch Irma und Susanne, im aufgeräumten Fürstenberg ankommen können. Die aus der Haft Befreiten bekommen eine gute Wohnung, sie bekommen Geld und Lebensmittelkarten. Und vor allem gibt man ihnen eine würdevolle Arbeit, die ihren Berufen vor der Verhaftung entspricht, die ihnen eine ehrhafte Position verschafft und sie teilhaben lässt am großen Auf- und Umbau, den diese Gesellschaft mit sich vorhat. Antonia wird zur Leiterin im Haus des Volkes ernannt. Für die Fürstenberger soll sie Kultur und Kunst erschaffen, Kunst für die Gemeinschaft, von der Gemeinschaft und im Sinne der Gemeinschaft. Dass diese Kunst politisch sein wird – wie jede andere auch – ist für Antonia selbstverständlich.

Um all dies offiziell zu machen, werden die drei ehemaligen Haftgenossinnen in die Kreisleitung eingeladen. Das Willkommen, das man ihnen bereitet, ist ehrlich und auf Augenhöhe, niemand gibt ihnen das Gefühl, nur akzeptiert zu sein. Sie alle werden gebraucht und mit dem entsprechenden Respekt behandelt. Nur eine Bedingung gibt es: wer diese Chance auf ein neues Leben jenseits der Narben der Vergangenheit nutzen will, muss schweigen über die Ungerechtigkeit, die über sie hereingebrochen ist, die ihr Leben zerstört und die Loyalität für die gemeinsame Sache eigentlich unmöglich gemacht hat. So will es Leo Silberstein, Sekretär für Agitation und Propaganda. Für das Zusammenhalten der noch jungen Republik sei es zu gefährlich, von der Gewalt zu sprechen, die im Namen des Kommunismus stattgefunden hat. Zu wankelmütig ist das Volk, zu greifbar der Kapitalismus und die alte Macht der Nazis des Westens. Später, so das Versprechen, wird eine Zeit kommen, in der man über alles sprechen wird. Obwohl die Geretteten ahnen, dass das verordnete Schweigen die Folter des Arbeitslagers nur auf perfide Weise verlängern würde, unterzeichnen sie den Pakt der Stille. In der Hoffnung darauf, dass das so sichtlich gute Leben in Fürstenberg und der Aufbau der besseren und gerechteren Gesellschaft es wert sein werden, auf eine Geschichte zu verzichten, die ihnen nur aufgezwungen war, die sich über sie hergemacht hatte und schließlich doch ihr Leben bestimmte.

Ein Alltag umfängt Antonia Berger, in dem es ihr gut geht. Sie genießt das Glück, ihre Tochter wieder aufleben zu sehen, ihr so etwas wie eine verspätete Kindheit zu ermöglichen. Sie erfährt gelebte Gemeinschaft mit Nachbarn und Kollegen. Sie verliebt sich in den Arzt Konrad Zeidler, der ein aufrechter Mensch ist und sie in ihrer politischen Konsequenz nur zu gut versteht. Für ihn gäbe es ein anderes, bequemeres Leben in der BRD, wo er die Praxis seines Vaters übernehmen könnte.

Antonia lässt sich von ihrer Arbeit erfüllen, die sie glücklich macht. Sie ist und bleibt überzeugte Kommunistin und es erfüllt sie, ihr Leben und das vieler anderer Menschen so zu gestalten, dass es von Gerechtigkeit und Gleichheit getragen ist. Und Antonia Berger schreibt. Weil es nicht sagbar ist, erzählt Antonia schreibend von den Verwerfungen der Vergangenheit und davon, wie sie sie dahin führten, wo sie nun lebt. So gibt es mit dem Text in ihrem Tagebuch bald einen verbotenen Ort, der eine verbotene Wahrheit enthält und den es zu verstecken gilt. Doch im Lauf der Zeit gerät Antonia immer wieder in Situationen, in denen sie fast an dem Schweigen zerbricht. Als Susanne Schumann Konrad Zeidler von der Vergangenheit der drei Frauen erzählt, muss Antonia Stellung beziehen. Sie entscheidet sich für die Wahrheit. Und für das Leben in der DDR.

09:56 05.09.2019

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