Lückenlose Dokumentation

Interview Für „Super Soul Sunday“ wurde John Chester mit 5 Emmys ausgezeichnet. Dreharbeiten rund um die Welt verstärkten sein Interesse am Zusammenspiel von Ökosystemen – ein Gespräch über Landwirtschaft und die Kultivierung der Schönheit
Lückenlose Dokumentation

Foto: 2019 Prokino

Wie lautet Ihr Fazit, nachdem Sie und Molly sich nun fast ein Jahrzehnt lang als Landwirte erprobt haben? Was ist Ihrer Meinung nach das Schönste an diesem Leben?

John Chester: Bei unserer Art der Landwirtschaft hat die Kultivierung der Schönheit oberste Priorität. Wenn man jeden Tag aufwacht und mit Schönheit zu tun hat – angefangen vom Wesen der Kuh, die man pflegt, über die neue Ernte, die man auf den Feldern einbringt – und wenn man ständig an die bemerkenswerte Eigendynamik der Natur erinnert wird, weiß man, dass man am richtigen Ort ist und ihn gedeihen sehen will. Der Autor und Umweltaktivist Wendell Berry drückte es am Überzeugendsten aus: „Es dreht sich alles um Zuneigung.“ Wenn wir lieben, entdecken wir auch in einem noch so gestört wirkenden System Potential. Die Kultivierung von Schönheit hat es uns ermöglicht, uns auf eine ganz andere, viel komplexere und bedingungslosere Weise in ein Land zu verlieben. Und es ist uns dadurch möglich, auch harte Zeiten durchzustehen.

Und was ist das Schwierigste am Farmerleben?

Es hört nie auf. Man steht immer vor schwierigen Entscheidungen, muss vorausschauend denken und sich fragen: „Halten wir das mental und körperlich aus? Trägt sich dieses Projekt finanziell? Ist es nachhaltig? Schadet es der Umwelt?“ Man muss immer abwägen, was funktioniert und was nicht.

Es ist eine Sache, eine Landwirtschaft aufzubauen, und eine komplett andere, diese Erfahrung mit einem Filmprojekt zu begleiten. Was hat Sie zu „Unsere kleine große Farm“ inspiriert?

Um ehrlich zu sein, zweifelte ich anfangs oft daran, dass unser Plan, das Land zu bewirtschaften, den Boden wieder aufzubauen und mit der Natur in friedlicher Koexistenz zu leben, funktionieren würde. Also wollte ich andere nicht auf diesen vermeintlich abwegigen Gedanken bringen. Aber um das fünfte Jahr herum hat sich etwas geändert. Ich beobachtete die Rückkehr wichtiger Wildtiere sowie einer Vielzahl von Insektenarten. Sie waren uns jetzt als Raubtiere von Nutzen, um den Schädlingsbefall, gegen den wir ankämpften, auszugleichen. Die eigentliche Inspiration kam als Umdenken: Ich bemerkte, dass Phänomene, die wir erst für Probleme hielten - beispielsweise „Unkraut“ - tatsächlich wichtige Nährstoffe für unseren Boden lieferten und damit unsere Obstbäume nährten.

Es entstand also eine Eigendynamik?

Ja. Die Farm übernahm das, womit wir begonnen hatten, und baute darauf ihr eigenes komplexes Immunsystem auf. Wir haben diese Entwicklung fast lückenlos dokumentiert, aber ich hatte mich bis zu diesem Zeitpunkt nie wirklich mit der Idee beschäftigt, einen Film zu drehen. Der Tag, an dem ich mich dazu entschieden habe, ist mir immer noch lebhaft in Erinnerung. Ich spazierte im Obstgarten an einem Baum vorbei, der nur wenige Tage zuvor vollständig mit Blattläusen bedeckt war, die bestimmten Pflanzen regelrecht ihr Leben aussaugen. Aber auf einmal waren sie alle weg. Stattdessen war der Baum mit Hunderten von Marienkäfern bedeckt, den Haupträubern der Blattläuse. Die Marienkäfer waren zurückgekehrt, weil wir auf der Farm einen guten Lebensraum für sie geschaffen hatten. Als von da an eine Tierart nach der anderen wieder auftauchte, wusste ich, dass ich bereit war, ihre Geschichte zu erzählen.

Wie konnten Sie die Organisation der Farm und die künstlerischen Belange des Films letztlich in Harmonie bringen?

Das Besondere an der Natur und damit an den Abläufen auf der Farm ist, dass sie ihrem eigenen Rhythmus folgen. Die Ereignisse werfen meistens ihre Schatten voraus. Es geht darum, genau zu beobachten, die Ereignisse abzuwarten und präsent zu sein, wenn sie stattfinden. Ich kannte das von meiner Arbeit als Naturfilmer, und lustigerweise funktioniert naturnahe Landwirtschaft ganz ähnlich! Beobachten und abwarten. Beides erfordert eine gehörige Portion Demut.

War die Versuchung groß, gewisse Dinge im Rückblick zu verklären?

Tatsächlich fiel es mir nicht leicht, die Probleme und Fehler, die wir machten, im Film zu zeigen. Ich musste mein Ego in den Hintergrund drängen und mich nicht davor scheuen, mein vermeintliches Versagen zu filmen. Oft erwiesen sich auch unsere Praktikanten als talentierte Filmemacher. Sie ermutigten mich darin, Szenen zu filmen, bei denen ich mich nicht wohl fühlte. Obwohl ich meinen jungen Mitarbeitern vertraute, ging der Kampf in meinem Kopf weiter. Am Ende bin ich aber sehr stolz darauf, dass der Film durch gerade diese Szenen so authentisch geworden ist.

09:51 11.07.2019

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