Tödlich Rechtsextrem

Interview Der Anschlag auf Utøya war kein spontaner Akt eines Verrückten, sondern ein über Jahre hinweg geplanter Anschlag. Vor allem müssten wir in Europa über das erstarken des Rechtsextremismus reden, sagt der Regisseur Erik Poppe im Interview
Tödlich Rechtsextrem
Der Regisseur Erik Poppe

Foto: Erik Buras/Studio B13/Weltkino

Worin bestand Ihre Motivation, diesen Film zu machen?

Es gab verschiedene Gründe. Einer davon hing mit meinem Gefühl zusammen, dass das, was vor sieben Jahren am 22. Juli auf Utøya passiert ist, immer mehr in den Hintergrund rückt. Natürlich haben wir es nicht vergessen, aber wir haben nicht mehr die Bilder dazu im Kopf. Es wird viel über den Täter, seine Tat und den Gerichtsprozess, aber nicht über die Opfer gesprochen. Man kennt ihre Geschichten nicht. Es ist als wären sie namenlos, nur Zahlen. Man kann sich nicht vorstellen, wie es ist, bei einem Terrorakt dabei gewesen zu sein. Ohne dieses Wissen hören wir nur von den Nachrichten und machen weiter. Wir müssen ein kollektives Bewusstsein schaffen, um die Leute daran zu erinnern, sie wütend zu machen und zur Diskussion und zum Handeln anzuregen – auf der Suche nach einer Antwort darauf, was wir tun können, um so etwas in Zukunft zu verhindern.

Rechtsextreme Terrorakte beschränken sich nicht auf diesen einen Tag vor sieben Jahren in Norwegen. Es gab sie auch in Deutschland und überall in Europa. Es geht also auch darum, über den Grund für diese Tat nachzudenken. Denn das war kein Akt eines Verrückten, sondern von jemandem, der alles bis ins kleinste Detail und über Jahre hinweg geplant hat. Es ist an der Zeit, eine Diskussion über das Wachsen des Rechtsextremismus in Skandinavien anzustoßen. Es ist wichtig darauf zu achten, dass niemand ausgeschlossen wird. Es ist unser aller Verantwortung, uns um diese Menschen zu kümmern und ihnen zu erlauben, ihre Ideen zu äußern, auch wenn es nicht unsere eigenen sind.

Niemand sollte überhaupt erst die Gelegenheit erhalten, eine Persönlichkeit zu entwickeln, die in der Lage ist, so etwas Schlimmes zu tun. Darüber wurde besonders unter jungen Menschen im Anschluss an den Film sehr intensiv diskutiert.

Warum sollte sich ein Film mit diesem Thema beschäftigen?

Wenn sich die Kunst nicht mit solchen Themen beschäftigen darf, wer dann? Genau das ist es doch, wofür es Filme gibt: um sie anzusehen und sich damit auseinanderzusetzen. Es wäre eine Schande, wenn Filme sich nur noch auf klassische Heldengeschichten beschränken würden. UTØYA 22. JULI ist in erster Linie kein Film für die Betroffenen, sondern für alle anderen – für uns, die wir nicht viel darüber wissen, was auf der Insel geschehen ist. Aber da es natürlich auch ein Film über die Opfer ist, war es mir sehr wichtig, dass sie hinter dem Projekt stehen und der Film so nah wie möglich an dem dran ist, was sie erlebt haben. Ohne Kompromisse, ohne klassische Struktur, ohne zusätzliche Ausschmückungen. Minute für Minute. Keine Schnitte, keine Musik, keine »Spezialeffekte«. Nur die Handlung.

Deswegen haben Sie den Film als One-Take gedreht?

Ja, denn ich habe mich gefragt: Wäre es möglich, eine strikte, hundertprozentig loyale Perspektive in einer Geschichte einzunehmen? Ich wollte das Geschehene so exakt wie möglich in Filmsprache übersetzen. Die Überlebenden erzählten oft von der Zeit des Angriffs, diesen 72 Minuten. Dieses Element »Zeit« wollte ich im Film darstellen. Um einen One-Take umzusetzen, braucht es talentierte Schauspieler, die sich komplett darauf einlassen. Wir mussten uns genau an das Drehbuch halten, damit alles nach Plan laufen konnte, sonst wäre Chaos ausgebrochen. Wir haben drei Monate lang fünf Tage die Woche geprobt. Alles für diesen einen Moment. Wir nahmen eine Woche lang jeden Tag einen Take auf. Insgesamt hatte ich also fünf Versuche.

Am Ende des Films weisen Sie in einer Texttafel darauf hin, dass dies eine Wahrheit ist und dass noch andere existieren könnten.

Was ich damit meine, ist, dass es sich um persönliche Erfahrungen handelt und viele davon noch dramatischer und entsetzlicher waren, als es der Film zeigt. Mein Ziel war es, eine ausgewogene Story zu finden und zu vermeiden, dass es zu spekulativ wird. Ich glaube, dass die Geschichte sehr nah an das herankommt, was wirklich geschah. Die Handlung und die Figuren vor der Kamera sind fiktiv, aber es basiert alles bis ins Detail auf dem, was auf der Insel passiert ist. Wie die Kinder und Jugendlichen versucht haben, aufeinander aufzupassen und die Nerven zu bewahren sowie Strategien zu finden, um zu überleben. In einer Szene singt jemand ganz leise. Das ist keine Erfindung von mir, um es dramatischer zu machen. »True Colors« – das Lied, das Kaja im Film singt – wurde tatsächlich gesungen. Was können wir daraus mitnehmen? Nun, wir bekommen einen starken Sinn dafür, was das Leben ausmacht, wie stark wir sind und wie stark unsere Sehnsucht nach dem Leben ist.

Inwieweit haben Sie die Überlebenden bei der Entwicklung des Filmes miteinbezogen?

Es war mir sehr wichtig, dass die Betroffenen die Idee des Films unterstützten. Deshalb habe ich beschlossen, den Film im engen Dialog mit ihnen zu machen. Sie standen nicht vor der Kamera, sondern dahinter. Ich hatte sogar drei Überlebende an meiner Seite, die mich unterstützt und mir und den Schauspielern geholfen haben, den Film so wahrheitsgemäß und ehrlich wie möglich zu machen, um das auszudrücken, was das geschriebene Wort nicht kann. Wir haben in zwei Monaten insgesamt mit mehr als 40 Betroffenen gesprochen. Das Allerwichtigste war für mich, diesen Film mit Würde umzusetzen – mit so viel Respekt vor den Opfern, Überlebenden, ihren Familien und Angehörigen wie nur möglich.

Obwohl im Film keine explizite Gewalt gezeigt wird, bekommt man als Zuschauer ein intensives Gefühl davon. Woran liegt das?

Es ging mir nicht darum, klassische Filmgewalt zur Schau zu stellen. Die Gewalt, der sich die Jugendlichen tatsächlich ausgesetzt sahen, lag auch in der Ungewissheit und Panik, insbesondere hervorgerufen durch Geräusche – die Pistolenschüsse und die fliehenden Menschen um sie herum. Man muss kein Blut sehen, um diese Gewalt mitzuerleben. Auch das war mir wichtig und gehört zu den Gründen, warum ich mich entschieden habe, den Film so zu machen, wie ich ihn gemacht habe. Ich glaube, dass es Zeit wird, darüber zu diskutieren, wie wir im Allgemeinen auf Gewalt blicken. Manchmal scheint es, als würden wir auf die gezeigte Gewalt in den Medien, im Film und in den Nachrichten kaum noch reagieren. Als wäre sie Teil der Unterhaltungsindustrie und wir würden sie einfach akzeptieren. Vielleicht kann dieser Film es schaffen, die Menschen wieder dafür zu sensibilisieren.

Wie haben sie diesen überzeugenden Cast und ganz besonders die Hauptdarstellerin Andrea Berntzen gefunden?

Ich hatte einfach riesiges Glück, dass wir sie gefunden haben. Wir haben in ganz Norwegen nach diesen jungen Talenten gesucht, nach unbekannten Gesichtern. Die Schauspieler hatten zuvor noch nie vor der Kamera gestanden. Auch unsere Hauptdarstellerin Andrea Berntzen hatte bisher lediglich im Schultheater mitgemacht, doch verfügt über ein außergewöhnliches schauspielerisches Talent. Neben dem Talent war es mir bei der Auswahl der Schauspieler wichtig, dass sie die Fähigkeit mitbrachten, sich auf das Thema einzulassen, wahrheitsgemäß damit zu arbeiten und den Mut aufzubringen, das alles ausdrücken zu können. Und das funktionierte sehr gut. Der Erfolg hing natürlich noch davon ab, dass wir genügend Zeit für die Proben hatten.

Noch gibt es kein Monument, keinen Platz des Gedenkens für den 22. Juli 2011. Welchen Beitrag könnte der Film dazu leisten?

Dazu wurde in Norwegen sehr viel diskutiert. Es gab Wettbewerbe mit internationalen Künstlern. Man diskutierte darüber, wer, wie und wo man es errichten sollte. Doch auch heute, sieben Jahre später, sind die Diskussionen noch lange nicht abgeschlossen. Als UTØYA 22. JULI in Norwegen in den Kinos startete, passierte etwas, womit niemand gerechnet hatte: Menschen kamen aus den Kinosälen und meinten, jetzt existiere ein Platz, wo sie hingehen könnten. Man sitzt dort im Kino und weint und fühlt das, was man gern fühlen würde, wenn man eine Gedenkstätte besucht. Der Film ist damit also tatsächlich zu einer Art Gedenkstätte für einige Menschen geworden. An dieser Stelle möchte ich betonen, dass es nicht mein Film ist. Wenn es jemanden gibt, der dafür verantwortlich ist, dass der Film so echt und für viele Menschen so bedeutsam geworden ist, dann ist das der Verdienst der Überlebenden – derer, die vor sieben Jahren auf Utøya dabei waren und seither jeden Tag versuchen, ihr Leben wieder aufzubauen. Diejenigen, die sich trotz ihres Traumas wieder damit beschäftigt haben, um uns zu helfen, es zu verstehen und sich gemeinsam zu erinnern. Wenn es also irgendjemanden gibt, dem man danken sollte, den man feiern sollte und der die Preise für diesen Film verdient, dann sind es die Überlebenden, die uns begleitet und unterstützt haben.

Das Interview führte Martin Kiebeler

16:25 23.08.2018

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