"Dieser Ort erscheint wie ein totales Chaos"

Interview Die beiden Filmemacher Florian Weigensamer und Christian Krönes haben für ihren Film mehrere Monate in Agbogbloshie recherchiert. Die Schwierigkeiten und ihre Eindrücke schildern sie im Interview
"Dieser Ort erscheint wie ein totales Chaos"

Foto: Camino Filmverleih

Ihre erste Einstellung auf Agbogbloshie ist eine Müllhalde, auf der jede Menge Schafe und Ziegen herumlaufen, als wäre es ihre Weide. Die Natur kollidiert mit einer besonders abstoßenden Facetteder Zivilisation – da wo in aller Gleichgültigkeit der toxische Müll des Konsumwahns denen, die nichts besitzen, hinterlassen wird und zwar ohne Rücksicht auf deren Umwelt. Sahen Sie in diesem Zusammenprall die cinematografische Kraft dieses Ortes, um es zum Thema eines Films zu machen? Was für eine Welt repräsentierte Agbogbloshie für Sie?

Zum einen waren es gewiss die visuell frappierenden Kontraste dieser gigantischen Müllhalde, aber auch die Geschichte dieses Ortes. Wenn man den Erzählungen Glauben schenkt, dann ist muss dieser Ort vor gar nicht allzu langer Zeit eine wunderschöne Lagune gewesen sein. Innerhalb weniger Jahre ist es zu diesem Niedergang gekommen. Es wird empfohlen, sich nicht länger als 2 Stunden an diesem Ort aufzuhalten, der als einer der giftigsten der Erde gilt. Wir haben knapp zwei Monate dort verbracht, um jenen Menschen ein Gesicht und eine Stimme geben, die am untersten und schmutzigsten Ende der Wertschöpfungskette unseres Technologiezeitalters stehen und arbeiten. Ghana steht gewissermaßen als Sinnbild für eine dystopische Gesellschaft. Es gibt einige wenige Superreiche, die völlig abgeschottet leben. Der Großteil der Menschen muss mit ein bis zwei Dollar pro Tag auskommen. Und dennoch ist es ein vergleichsweise reiches Land. Ghana wird ja auch als die „Schweiz Afrikas“ bezeichnet. Das macht die Hauptstadt Accra zum magnetischen Anziehungspunkt für die Menschen aus dem ärmeren Regionen des Nordens und den wirtschaftlich schwächeren Nachbarländern die dort auf eine Lebensperspektive hoffen. Was allen Menschen in Ghana – ob superreich oder arm – gemein ist, ist der bevorstehende ökologische Kollaps des Landes. Agbogbloshie ist nur ein Hotspot – wenn auch ein besonders dramatischer. Auf der Elektromüllhalde im Zentrum der Millionenmetropole Accra, von der permanent Rauchsäulen aufsteigen, leben über 6000 Menschen. Der Fluss der durch das Areal fließt ist vollkommen tot, das Wasser ist hochtoxisch, wird aber für die Bewässerung der umliegenden Felder eingesetzt. Einen knappen Kilometer weiter mündet der Fluss in den Atlantik, wo es zu einer Kontamination der Fischbestände kommt. Die Korle – Lagune ist heute eine stinkende Kloake und zählt zu den verseuchtesten Gewässern des Erdballs.

Agbogbloshie ist alles andere als ein angenehmer und einfacher Ort, um Recherchen durchzuführen. Wie kann man sich Ihre Erkundungs- und Recherchephase vorstellen? Wie sahen Ihre ersten Eindrücke dort aus?

Ich erinnere mich an die erste Nacht unserer Recherchereise 2014, in der wir nicht geschlafen haben, sondern versuchten, unsere Eindrücke des Tages in einer Art therapeutischem Gespräch zu verarbeiten. Wir waren einen Monat dort um zu recherchieren, zwei weitere um zu drehen. Wir wollten über einen längeren Zeitraum in den einzigartigen Kosmos von Agbogbloshie eintauchen und die Geschichte von diesem Schauplatz ausgehend entwickeln. Es erschlägt einen alles, wenn man Agbogbloshie betritt. Der Lärm, die Arbeitsbedingungen, der Dreck, man hat ständig einen metallischen Geschmack im Mund, man hat keinerlei Orientierung auf diesem endlosen Areal. Begonnen hat es Anfang der 2000-er Jahre, als im Rahmen eines Entwicklungshilfe-Projekts gebrauchte elektronische Geräte nach Ghana exportiert wurden. Findige Geschäftemacher erkannten schnell, dass daneben mit dem Export von Schrott gute Geschäfte zu machen sind. Gemäß der Baseler Konvention ist der Export von Elektromüll aus der EU zwar verboten. Die Geräte werden aber nicht als Schrott, sondern als gebraucht deklariert. Die ankommenden Container sind voller Bildschirme und Computer, keiner kann kontrollieren, was davon funktionsfähig, was davon nicht mehr verwendbar ist. Es ist eine sehr billige Weise, das Zeug loszuwerden. Eine fachgerechte Entsorgung in Europa wäre um ein Vielfaches teurer. Aber wo sich Geld verdienen lässt, da drückt man in Europa nur allzu gerne mal ein Auge zu.

Wie lange hat es gedauert, bis Sie sich ein Bild vom Funktionieren dieser Mikrogesellschaft machen konnten?

Dieser Ort erscheint wie ein totales Chaos, es hat lange gedauert, bis ich verstanden habe, dass hier alles organisiert ist. Jedes Stück am Boden gehört jemandem, jeder hat seinen genau definierten „Job“. Es ist ein faszinierendes soziales Gebilde, das die Leute auf dieser
Müllhalde entwickelt haben. Wenn man tiefer blickt und die Organisation durchschaut, verliert sich der apokalyptische Ersteindruck. Man entdeckt, dass dieser Ort für die Menschen ein Ort voller Perspektiven ist, ein Ort der Lebensfreude und unglaublicher Kreativität. Im scheinbaren Chaos der Müllhalde entdecken wir perfekte Organisation, ja Ordnung und lernen Menschen kennen, die im besten
Sinne „Recycling“ betreiben. Denn auf Accras Müllhalde wird alles, wirklich alles (wieder-) verwertet und es bleibt kaum etwas übrig. Allerdings ungeachtet der katastrophalen ökologischen Auswirkungen. Die wichtigsten Rohstoffe, die aus dem elektronischen Schrott wiedergewonnen werden sind Eisen, Aluminium und vor allem Kupfer, das durch das Abschmelzen der Kabelisolierungen freigelegt wird. Und all diese Rohstoffe kehren dann auf irgendeine Weise wieder in den Wirtschaftskreislauf des Weltmarktes zurück. Jeden Tag wird der aktuelle Preis für die Metalle ausgeschrieben. Die Kinder und Jugendlichen die dort Metall sammeln, werden nach den gängigen Weltmarktpreisen bezahlt. Das ist doch Perfidie in Reinkultur. Und alle die in Agbogbloshie arbeiten, verstehen sich als Geschäftsleute. Ich denke, die Haltung, dass man erfolgreich sein muss, um zur Elite zu gehören, ist ein Mindset, das die Kolonialmächte in Afrika hinterlassen haben. Es herrscht ein Prinzip von Übermensch/Untermensch, alle streben danach, zu einer Elite zu gehören. Und es geht nur ums Geld. Es hat Wochen gedauert, uns in diesem Mikrokosmos zu orientieren. Und es war auch nicht 
einfach das Vertrauen der Menschen zu gewinnen. Besonders einem weißen Filmteam begegnen die Leute mit großer Skepsis. Es kommen ja immer wieder TV-Journalisten für ein, zwei Tage, um schnell eine spektakuläre Story zu drehen. Erst als wir Tag für Tag wiederkamen, begannen sich die Leute auch für uns zu interessieren und wir konnten zu manchen eine gewisse Nähe aufbauen. Diese Nähe braucht man auch, um den Menschen auf Augenhöhe begegnen zu können und diesen Ort zu verstehen, ohne als Prediger mit erhobenem Zeigefinger daherzukommen. Die Menschen dort brauchen kein Mitleid von uns, sie wollen ernst genommen werden.

Das beginnt im Kleinen und setzt sich fort im Großen: Wir betrachten diese Gesellschaften immer noch als  Entwicklungshilfeempfänger. Auf der einen Seite schicken wir Entwicklungshilfe, auf der anderen ist man auch in Europa sehr darauf bedacht, die dort herrschenden korrupten Systeme am Leben zu erhalten. Denn die kann man leicht zum eigenen Vorteil manipulieren. Als würden diese Gesellschaften unsere Hilfe brauchen. Es würde schon völlig reichen, wenn wir aufhören würden, sie auszunutzen.

Sie haben Beziehungen an einem Ort aufgebaut, der in ständiger Bewegung zu sein scheint, wo Menschen keine fixe Bleibe haben
und den die Menschen dort selbst als No Man’s Land bezeichnen. Wie haben Sie dort Protagonisten gefunden, auf die Sie auch für den Dreh zählen konnten?

Es ist ein Ort des permanenten Wandels und es war unsere größte Befürchtung, dass wir unsere Protagonisten, die wir während der Recherche kennen lernten, nicht mehr finden würden. Denn die Menschen verlassen, sobald genug Geld vorhanden ist, für eine Zeit
Agbogbloshie und verbringen diese meist bei ihren Familien im Norden des Landes. Doch sie kommen immer wieder zurück. Für unsere Dreharbeiten waren gewiss auch Zufall und Glück im Spiel, dass wir einige der entscheidenden Protagonisten wiedergetroffen haben. Womit man allerdings schon rechnen musste, waren Dinge organisatorischer Natur, die nicht so funktionierten, wie wir uns das vorstellten. Wenn wir z.B. bei Sonnenaufgang drehen wollten und unser Freund gerade keine Lust hatte aufzutauchen, dann ging es eben nicht. Man muss sich natürlich sehr flexibel auf die dortige Lebensweise einstellen. Beim Dreh waren wir zwei Monate jeden Tag auf der Halde, das war unabdingbar. Nicht nur um zu viel Distanz zu vermeiden, es ging vor allem darum, den Leuten dort zu signalisieren, dass man bereit ist, ihren Alltag zu teilen, damit sie sich öffnen.

Standen Sie zu Beginn vor der grundlegenden Frage, wie kann man sich einem surrealen Ort dokumentarisch annähern?

Agbogbloshie ist in seiner ganzen Dimension weder in Bildern noch in Worten fassbar. Wir sind mit einem Grundsatz in die Dreharbeiten gegangen und haben ihn auch konsequent umgesetzt: nämlich nichts zu inszenieren, sondern genau und sensibel zu dokumentieren. Wir wollten den Betrachtern dieses Films dasselbe Gefühl vermitteln, das wir während der ersten Zeit verspürten, wenn wir da durchgegangen sind. Entdecken, schauen, nicht verstehen. Wir wollten nicht allzu sehr leiten, das machen die Protagonisten zum Teil selbst, sie waren völlig frei in dem, was sie vor der Kamera tun. Sie wählen einen symbolischen, quasi fiktionalen Einstieg. Archaisch wirkende Großaufnahmen der Haut eines Chamäleons, eine Off-Stimme spricht einen mythologisch anmutenden Text.

Woher rührt dieser Text und die Symbolik des Chamäleons?

So fiktional ist das Chamäleon gar nicht. Vor wenigen Jahrzehnten waren diese Tiere hier noch heimisch. Wir haben diesen Einstieg auch deshalb gewählt, weil dieser Ort auch wirklich nicht real anmutet. Es ist ein Ort außerhalb unserer Welt, sogar jenseits unserer Vorstellung. Das Chamäleon ist ein sehr symbolträchtiges Tier an der afrikanischen Westküste,  um das sich viele Schöpfungsmythen und Geschichten ranken. Als wir die Geschichte vom Chamäleon und vom Feuer zum ersten Mal hörten, war klar, dass wir sie irgendwie einbauen wollen. Es ist gewissermaßen eine Parabel auf Paradies und Sündenfall. Diese mythologische Geschichte führt an den Schauplatz und steht als Mahnung und - fast vergessenes - Symbol dafür, was diesem Ort widerfahren ist. Agbogbloshie war vor kurzem noch eine Naturparadies - jetzt ist es eine der größten Elektromüllhalden der Welt. Das Chamäleon als Tier ist in Ghana mittlerweile beinahe ausgestorben. Und auch die mythischen Geschichten, in denen es Jahrhunderte lang lebte, geraten in
Vergessenheit. Weil ja neben dem Müll und dem sogenannten Kultur- und Technologie-Export des Westens in Form von Mobiltelefonen, Playstations, Fernsehen, auch diese alten Geschichten langsam aber sicher ausgelöscht werden. So wie das tatsächliche Paradies wird auch das mythologische vernichtet. Es versinkt unter Haufen von Monitoren und ausrangierten Computerteilen. Also haben wir uns gedacht, dass man diese Geschichte ja eigentlich vor allem den Menschen hier in Europa erzählen muss. Denn irgendwie sind ja wir für diese ökologische, soziale und kulturelle Vernichtung verantwortlich. Zumindest haben wir in dieser Geschichte bis heute den Part des Sündenfalls übernommen. Im totalen Chaos des Mülls scheinen sich sehr reglementierte Strukturen aufgebaut zu haben, die grundlegend in einer starren Trennung von Rollen und Handlungsmöglichkeiten in geschlechtsspezifischer Hinsicht verdeutlicht. Meist führt Landflucht diese Menschen aus dem Norden Ghanas nach Accra, in der Hoffnung in der Stadt Arbeit zu finden, die es aber nicht gibt. So enden sie auf der Müllhalde, da man dort zumindest ein wenig verdienen kann. Die jungen Männer haben meist auch die Verantwortung für ihre Familien zu tragen. Daher sind auch nicht sehr viele Frauen auf der Halde. Frauen sind dort ausschließlich für das Essen und den Verkauf von Wasser zuständig. Alles andere ist Männern vorbehalten. Die Hierarchisierung unter den Männern geht auf eine Aufteilung unter verschiedenen Stämmen zurück, da wurden gewisse Arbeitsbereiche auf der Halde gewiss gewaltsam erobert und beansprucht. Die Feuerstelle ist eine der einträglichsten Positionen, die ist in der Hand von starken Jungs. Jede Tätigkeit ist hierarchisiert. Da gibt es keinerlei Durchlässigkeit.

Punkto Kameraarbeit haben Sie sich dafür entschieden, in sehr lange Einstellungen auf gewissen, wahrscheinlich sehr repräsentativen Tätigkeiten zu verweilen und auch die Körperlichkeit der Arbeit sehr spürbar zu machen: Ich denke an das Kind, das mit einem Magneten das Metall sammelt oder auch das Verbrennen der Kabelballen.

Es war für uns in der Erkundungsphase sehr spannend, diese Tätigkeiten zu entdecken und diese Wahrnehmungen wollten wir auch mit der Kamera transportieren. Je mehr man diese Bilder in kürzeren Sequenzen schneiden würde, umso schneller ginge die Spannung verloren. Wir wollten unsere Eindrücke vermitteln, ohne je inhaltlich erklärend oder kommentierend zu sein. Wir wollen ja weder teacher noch preacher sein. Durch die subtile Kameraarbeit von Christian Kermer wird dieser apokalyptische Schauplatz, werden die Lebensumstände der Menschen für den Zuseher erfahrbar. Um diesen Un-Ort zu verstehen muss man tiefer blicken. Das gelingt nicht mit Bildern die schockieren oder noch schlimmer, die Armut ästhetisieren. Wir wollten den Zuschauer in dieses unwirkliche Setting
eintauchen und fühlen lassen, was Arbeit und Leben an einem so gnadenlosen Ort bedeutet. Das Verbrennen von Kabeln selbst, die Flammen, die Rauchschwaden – all das gibt extrem spektakuläre Bilder her. Auch wenn man sich von oberflächlichen TV-Dokumentation distanzieren will, bleibt die Versuchung des Spektakulären. Wie konnte man ihr widerstehen? Das war gewiss die schwierigste Gratwanderung: einerseits Realität zu zeigen und gleichzeitig nie spekulativ zu werden. Vor allem wollten wir vermeiden, dass unsere Bilder schnell ein „Oh wie furchtbar“ bewirken und alles beim Verlassen des Kinos schon wieder vergessen ist. Die Eindrücke dort sind visuell so mächtig, dass die Bilder unweigerlich drastisch sind. In unserer Erzählung auf Augenhöhe der Menschen zu bleiben, war alles andere als einfach. Durch lange Einstellungen in der Totale haben wir versucht, die Dramatik wieder aufzulösen, von einem Draufzeigen wegzukommen, hin zu einem Entdecken-Lassen, das jeder Zuschauer für sich selbst erlebt. Diese Gratwanderung hat Christian Kermer an der Kamera, wie auch später im Schnitt sehr eindrucksvoll und einfühlsam umgesetzt.

Sie haben die grundsätzliche Entscheidung gefällt, niemanden vor der Kamera sprechen zu lassen, es gibt nur Stimmen aus dem Off. Wie entstanden die Texte, besonders jene, die von Ihrer jungen Protagonistin gesprochen wurden?

Spontan vor der Kamera wären diese Statements nicht machbar gewesen. Bei gewissen Fragen muss man ja Zeit haben, um darüber nachzudenken. Wir haben unseren ProtagonistInnen Anstöße für Überlegungen gegeben und sie am nächsten Tag aufgenommen. Tonaufnahmen an diesem Ort durchzuführen war alles andere als einfach. Der Krach dort ist unvorstellbar. Wir haben uns immer Freitage und Sonntage ausgesucht, die jeweiligen religiösen Feiertage der am stärksten vertretenen Gruppen, wo weniger Betrieb war und sind weitab der Depo nie zu einem Hühnerstall gegangen – einem Blechverschlag, aus dem wir die Tiere kurzfristig
ausquartiert haben, um unsere O-Töne aufzunehmen.

Interessant ist, dass bei Ihren wenigen Protagonisten – das Mädchen, das sich als Junge verkleidet, dem homosexuellen Juden, der sich dort vor Verfolgung schützt, in dieser so streng zwischen Männern und Frauen reglementierten Welt, das Genderthema aufblitzt.

Es ist eine spannende Geschichte, eine andere Identität anzunehmen, um mehr Geld zu verdienen zu können. Ich glaube allerdings nicht, dass dies der einzige Grund ist. Ich glaube, dieses Kind ist zwischen beiden Identitäten. An einem Ort, wo es richtig rau zugeht, ist
das schon sehr mutig. Es ist eine außergewöhnliche Persönlichkeit, sehr interessant in ihren Reflexionen, ihren Geschichten und Träumen. Der ehemalige Medizinstudent, der in Gambia wegen seiner Homosexualität verurteilt wurde und nach Ghana flüchtete, ist in Lebensgefahr, wenn er enttarnt wird. Homosexualität ist in der dortigen Gesellschaft etwas, das nicht nur nicht akzeptiert, sondern auch verfolgt wird.

Mit welchen Gefühlen haben Sie Agbogbloshie wieder verlassen? Wie sehen die Perspektiven für diesen Ort aus?

Wenn man so lange dort ist und zu den Menschen ein Naheverhältnis entsteht, dann ist es ein ziemlich beklemmendes Gefühl wieder wegzufahren. Wir konnten während unseres Aufenthaltes sicher in der einen oder anderen Notlage helfen und ein wenig Unterstützung geben. Man verlässt das Land mit dem Wissen, das die Menschen keine Wahl haben, dortbleiben müssen und man ihnen keine nachhaltige Hilfestellung geben kann. Der emotional schwierigste Moment war sicher, als uns eine Frau bat ihre Tochter mitzunehmen. Wie verzweifelt muss eine Mutter sein, einem Fremden das Kind anzuvertrauen. Für sie war es nicht nachvollziehbar, warum es unmöglich ist. Dem nicht nachkommen zu können, war schon ziemlich belastend. Die schwierige Frage, wie man den Menschen wohl effizient helfen könnte, bleibt. Es gibt einige Hilfsorganisationen und unzählige selbsternannte NGOs, die aber nicht sehr vertrauenserweckend agieren. In Ghana hat sich aufgrund seines Reichtums auch ein korruptes System entwickelt. Das Land steht an der Kippe, wo die Gesellschaft immer mehr auseinanderdriftet und keinerlei soziale Netze vorhanden sind. Natürlich gibt es die Regierung, die Stadtverwaltung, aber es gibt auch eine sehr ausgeprägte Paralleladministration. Jede kleinste Gruppe auf der Halde hat einen Chief, der wieder einen übergeordneten Chief hat usw. Das sind die Leute, die etwas zu sagen haben. Davon hatten wir, als wir ankamen, keine Ahnung.

Gab es Momente, wo Sie nahe am Aufgeben waren?

Wenn man sich auf so ein Projekt einlässt, dann ist man auch gegen Widerstand gewappnet. Es gab allerdings einen Moment, wo der Chief plötzlich auftauchte und meinte, drei Wochen wären genug und jetzt wäre Schluss. Dann ging in der Tat für einige Tage nichts mehr, unser Line Producer musste dann mit Geld und netten Worten wieder für gute Stimmung sorgen, wir organisierten ein Fest und schließlich ging es dann weiter. Ohne einen erfahrenen Produktionspartner vor Ort hätten wir und unser Projekt keinerlei Chance gehabt.

War „Welcome to Sodom – Dein Smartphone ist schon hier“ Ihr bisher größtes international angelegtes Projekt?

Wir hatten zuvor auch schon ein sehr schwieriges Projekt in Pakistan realisiert. Österreichische Dokumentarfilme haben eine lange Tradition internationale Themen aufzugreifen. Grundsätzlich behandelt der Film ein allgemein gültiges Thema, weil es die Menschen weltweit betrifft. Man kann über viele Konsumgüter ähnliche Filme erzählen, es wird sich immer herausstellen, dass der Umstand, dass ein Gut an manchen Orten im Überfluss und billig vorhanden ist, immer auf Kosten von anderen geht. Wir leben in einer globalisierten Welt und können uns nicht abschotten. Doch die Kluft zwischen Erster und Dritter Welt wird immer größer. Die Politik fordert Aktivitäten in diesen Ländern um den Menschen Lebensperspektiven zu geben, damit sie nur ja nicht in Richtung Europa aufbrechen und kürzt weiter die Entwicklungshilfe. Dies ist an Verlogenheit und Zynismus kaum zu überbieten.

Und es wird immer schwieriger Filme an internationalen Schauplätzen zu realisieren. Bis auf wenige Ausnahmen liegt der Fokus bei Förderungen und Filmfinanzierungen in einem sehr lokalen Bereich. Da stehen Wohlfühlkino und touristische Aspekte im Vordergrund. Kritische Dokumentarfilme haben es schwer. Ich denke aber, dass es ist unsere Aufgabe ist, als Filmemacher
über den Tellerrand hinauszuschauen und das Publikum auch mit unbequemen Wahrheiten zu konfrontieren. Wir wollen mit „Welcome to Sodom – Dein Smartphone ist schon hier“ nicht anklagen, sondern zu einer Reflexion auf das globale Geschehen anregen. Die Lebenszyklen der elektronischen Geräte werden immer kürzer, das Marketing, - um nach immer neueren Produkten zu greifen - immer intensiver; eine Konsequenz aus dieser Logik ist eine massive Problemstellung in vielen afrikanischen Ländern. Es geht darum, die Kehrseite der Konsumwelt zu zeigen und vielleicht einen Denkprozess in Gang zu setzen. Die Antwort müsste genauso um die Welt
gehen wie die Kupferkabel. Da kann man nicht lokal ansetzen, da muss sich alles ändern. Wir haben keinen Anspruch, die Welt zu verändern, aber wir wollen ein Mosaiksteinchen dazu beitragen 

10:13 02.08.2018

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