Fluch der Moderne

Zum Film „Sodom“ nennt man den Teil der ghanaischen Hauptstadt Accra, den nur jene betreten, die unbedingt müssen. Die Deponie von Agbogbloshie ist Endstation für Computer, Monitore und anderen Elektroschrott aus Europa und aller Welt
Fluch der Moderne

Foto: Camino Filmverleih

Vor nicht allzu langer Zeit war diese Gegend unberührtes Sumpfland. Heute liegt an der Lagune eine der größten Elektro-Müllhalden der Welt. Agbogbloshie, am Rande der Millionenmetropole Accra, zählt zu den verseuchtesten und giftigsten Arealen der Erde. Etwa 6000 Frauen, Männer und Kinder leben und arbeiten hier. Sie nennen diesen Ort „Sodom”. Rund 250.000 Tonnen ausrangierte Computer, Smartphones, Drucker und andere technische Geräte aus einer weit entfernten, elektrifizierten und digitalisierten Welt gelangen Jahr für Jahr hierher. Aus Europa und anderen Ländern illegal nach Ghana verschifft.

Alle hier in Sodom leben in irgendeiner Form von den „Segnungen“ des Computerzeitalters, viele sterben daran. Und dennoch ist der apokalyptisch anmutende Schauplatz für die Bewohner ein Ort voller Perspektiven. Von Endzeitstimmung ist in diesem unwirklichen Setting nichts zu spüren, im Gegenteil, denn der Elektronik-Friedhof zieht Menschen aus allen Landesteilen, sogar aus Nachbarländern an und verspricht ein bescheidenes Auskommen. In der Hoffnung auf eine bessere Zukunft verwandeln sie die Deponie zu einem quirligen Platz voller Aufbruchstimmung und Lebensfreude.

„Welcome to Sodom – Dein Smartphone ist schon hier“ führt an diesen unwirklichen Ort und porträtiert Menschen, deren Existenz und Alltag von der modernen Technologie geprägt, aber auch bedroht ist. Ineinander verwoben werden die Schicksale unterschiedlichster Protagonisten dieser dystopischen Gesellschaft beleuchtet. Wir begegnen dem Herrn über die Feuer, in denen die Kabelberge, Monitore, Computer verbrannt und eingeschmolzen werden, um an das Kupfer und die Metalle zu kommen.Ein 

Zwischen den dichten, tiefschwarzen Rauchsäulen treffen wir einen Medizinstudenten, der aufrund seiner Homosexualität aus seiner Heimat fliehen musste und in der Anonymität dieses Ortes Schutz sucht. In einem Holzverschlag hat sich ein junger Arbeiter ein Tonstudio eingerichtet, in dem er in der Freizeit seine Rap – Songs aufnimmt. Ein katholischer Missionar predigt inbrünstig, wie erfolglos Tag für Tag den tausenden Muslimen und ein kleines Mädchen kämpft mit der eigenen Identität. Als Junge verkleidet kommt sie an besser bezahlte Arbeit - mit einem Magneten sammelt sie die kleinsten Metallreste aus der verbrannten Erde rund um die großen Feuer.

Die Protagonisten geben einen vertiefenden Einblick in das Leben und Arbeiten an diesem apokalyptischen Ort. Die große Müllhalde wird zum Vexierbild unserer modernen Zivilisation, kurzlebige Technik zur Metapher einer kapitalistischen Luxus- und Wegwerfgesellschaft.

Sodom ist zwar einer der unwirtlichsten Orte unseres Planeten, aber auch ein wunderbares Universum aus Einfallsreichtum, Phantasie und menschlichem Geschick. Die riesige Müllhalde ist auch Recycling-Hof, ein Ort, an dem Dinge enden aber auch Neues entsteht.
Hier manifestiert sich der Fluch des Digitalen Verbraucherwahns. Sodom ist, im wahrsten Sinne des Wortes, das Ende unserer modernen, digitalisierten Welt. Und wird höchstwahrscheinlich auch letzte Destination für die Tablets, Smartphones und Computer sein, die wir morgen kaufen! 

09:42 02.08.2018

Film der Woche: Weitere Artikel


Europas Müllhalde

Europas Müllhalde

Zum Thema In Agbogbloshie landet der Elektroschrott der Ersten Welt. Obwohl es illegal ist, landen dort jedes Jahr tausende Tonnen Müll aus Europa. "Welcome to Sodom" will ein Bewusstsein für die Auswirkungen unseres Konsums schaffen
"Dieser Ort erscheint wie ein totales Chaos"

"Dieser Ort erscheint wie ein totales Chaos"

Interview Die beiden Filmemacher Florian Weigensamer und Christian Krönes haben für ihren Film mehrere Monate in Agbogbloshie recherchiert. Die Schwierigkeiten und ihre Eindrücke schildern sie im Interview
Die Hölle auf Erden

Die Hölle auf Erden

Netzschau "Dieser starke Film mit seinen eindringlichen, erschreckenden Bildern ist keine plumpe, oberflächliche Anklage, sondern vor allem eine respektvolle Annäherung an diese Menschen, an ihren Überlebenswillen in einer apokalyptischen Lebenswelt"