Eine Hommage an die Kraft der Kunst

Kommentar Die Regisseurin Icíar Bollaín und der Drehbuchautor Paul Laverty über die Entstehung eines außergewöhnlichen Films
Eine Hommage an die Kraft der Kunst
Edilson Manuel Olbera Núñez, Icíar Bollaín und Carlos Acosta

Piffl Medien

Icíar Bollaín - Regie

Geboren 1967 in Madrid. Schauspieldebüt 1983 in Víctor Erices "El Sur -der Süden", es folgten u.a. Rollen in "Malaventura" (1998, R: Manuel Gutiérrez Aragón), "Sublet"(1991, R: Chus Gutiérrez), und "Land and Freedom"(1995, Regie: Ken Loach). Für "Leo"(2000, R: José Luis Borau) wurde Icíar Bollaín zum Spanischen Filmpreis Goya als Beste Schauspielerin nominiert. 1995 drehte Icíar Bollaín 1995 mit "Hola, estas sola" ihren ersten Spielfilm als Regisseurin, der u.a. in Valladolid mit dem Regie-Nachwuchspreis ausgezeichnet wurde. Es folgten "Blumen aus einer anderen Welt" (1999, u.a. ausgezeichnet in der Semaine de la Critique in Cannes sowie zweifach zum Goya nominiert). También la Lluvia - und dann der Regen" (2010) war Icíar Bollaíns erste Zusammenarbeit mit ihrem Lebensgefährten, dem Drehbuchautor Paul Laverty. Der Film wurde u.a. mit dem Panorama-Publikumspreis der Berlinale, dem Spanischen Kritikerpreis und dem Premio ACE in den Kategorien Bester Film und Beste Regie ausgezeichnet und war die spanische Oscar-Nominierung als bester fremdsprachiger Film.
2018 erhielt Icíar Bollaín den Ehrenpreis der Semana Internacional de Cine de Valladolid 2018.

"Was mich von Anfang an an der Geschichte von Carlos Acosta faszinierte, war der Umstand, dass er nie mit dem Tanzen anfangen wollte. Das ist nicht die übliche Geschichte von einem, der unaufhaltsam seiner Berufung folgt. Es ist die Geschichte von jemand, der gegen seinen Willen zum Tänzer wurde, der von seinem Vater dazu gedrängt wurde. Das ist der Ursprung der starken Konfrontation, die Paul zum Fluchtpunkt seines Drehbuchs gemacht hat: Carlos’ Beziehung zwischen Liebe und Hass zu seinem Vater, dem er schließlich. trotz allem, seine Autobiografie gewidmet hat.

Im Film können wir sehen, wie Carlos’ Leben in den letzten 40 Jahren der kubanischen Geschichte verortet ist. Seine Familie und er erleben, wie so viele andere Kubaner auch, eine ganze Reihe von Schlüsselmomenten: Die Trennung, wenn die Familie der Mutter nach Miami geht; die sogenannte „Spezialperiode“, die Krise nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion; die „Balsero-Krise“ 1994, als zehntausende Kubaner auf Flößen in die USA flüchteten.

Aber die Geschichte von Carlos ist ebenso die faszinierende Reise eines Urenkels einer Sklavin der Acosta-Plantagen, der in einem bescheidenen Außenbezirk von Havanna aufwuchs und der erste schwarze Romeo am Londoner Royal Ballet wurde, der Barrieren einriss und den Weg für diejenigen ebnete, die nach ihm kamen. Neben der großen Aufgabe, ein Kind für die Rolle des Yuli und die anderen Schauspieler mit dem nötigen Charisma und der Energie zu finden, um diese Rollen spielen zu können, sah ich mich als Regisseurin einer zusätzlichen Herausforderung gegenüber: Nämlich die Geschichte auch durch ein zusätzliches Medium zu erzählen, dem Tanz.

"Yuli" ist von heute, aus der Gegenwart heraus erzählt. Der Film beginnt in einem Theater in Havanna, wo Carlos Acosta – von ihm selbst gespielt – mit seinem Ensemble eine Tanzperformance über sein eigenes Leben probt. Von diesem Ausgangspunkt nimmt uns der Film zurück in seine Kindheit, zum rebellischen Kind Yuli, später in seine Jugend, wo wir den überwältigenden Tänzer erleben, zu dem er wurde. Vergangenheit und Gegenwart, Fiktion und Tanz werden ineinander verwoben, mitunter innerhalb einer einzigen Szene – eine faszinierende und anspruchsvolle Herausforderung.

Neben Carlos spielen wunderbare renommierte Schauspielerinnen wie Laura de la Uz, junge Talente wie Cesar Dominguez und Andrea Doimeadiós, der charismatische Santiago Alfonso als Vater und Edilson Olbera Nuñez als Kind, der ein spektakuläres Debüt gibt – ein fantastischer Cast. Zusätzlich zu dem langen und aufreibenden Castingprozess, den es dafür brauchte, verlangte YULI im Vorfeld noch etwas ganz anderes, die Arbeit an der Choreografie. Zusammen mit María Rovira stürzten wir uns in den aufregenden Prozess, Tanzstücke zu schaffen, die nicht abstrakt sein durften, sondern vielmehr eine narrative Form brauchten.

Der Tanz, getragen von der inspirierenden Musik, die Alberto Iglesias schon in der Vorbereitung komponierte, hatte wichtige Teile der Geschichte zu erzählen: Die Einsamkeit von Carlos im Internat, weit weg von Zuhause, sein rasant wachsender Erfolg und Ruhm gleich zu Beginn seiner Karriere, die Liebe seines Vaters und dessen Gewalttätigkeit... Diese Szenen zu meistern und zu gestalten, zusammen mit der Crew, Kamera, Licht, Szenenbild, Ton, Schnitt, zusammen mit Carlos Acosta, der die Rolle seines eigenen Vaters tanzt, zusammen mit den herausragenden Tänzern seines Ensembles, war für mich die größte und außergewöhnlichste Erfahrung, die ich in meiner Laufbahn als Regisseurin gemacht habe. Ich hoffe, das Publikum wird es so genießen, diese Szenen zu sehen, wie es uns Spaß gemacht hat, an ihnen zu arbeiten."

Paul Laverty - Drehbuch


Geboren 1957 in Kalkutta, studierte Philosophie in Rom, sowie Jura in Glasgow. In den 80er Jahren ging Paul Laverty für mehrere Jahre nach Nicaragua und Mittelamerika, wo er für verschiedene Menschenrechtsorganisationen arbeitete. Aus diesen Erfahrungen entstand sein erstes Drehbuch "Carla's Song"(1996; u.a. nominiert zum BAFTA Scotland Award), mit dem Paul Laverty seine bis heute währende Zusammenarbeit mit Ken Loach begann. Es folgten u.a. die Drehbücher von "My name is Joe" (u.a. British Independent Film Award: Bestes Drehbuch), "Bread and Roses" (2000), sowie "Sweet Sixteen"(2002, Bestes Drehbuch – Festival de Cannes). Zuletzt schrieb er das Drehbuch zu "I, Daniel Blake" (2016, u.a. Goldene Palme – Festival de Cannes, BAFTA Award – Bester Film und nominiert zum Europäischen Filmpreis – Bestes Drehbuch). Für das Buch von "Yuli" wurde Paul Laverty auf dem Festival Internacional de Cine in San Sebastián mit dem Preis für das beste Drehbuch ausgezeichnet.

"Ich war ehrlich mit den Produzenten und mit Carlos, als sie mich fragten, ob ich ein Drehbuch auf Grundlage der Autobiografie von Carlos schreiben würde. Ich sagte ihnen, dass ich nicht wisse, ob ich das machen könne. Ich hatte noch nie eine Adaption gemacht, und Carlos’ Buch „No Way Home“ war schon über 10 Jahre zuvor erschienen. Ich spürte von Grund auf, dass wir etwas mehr brauchten, etwas anderes.


Ich flog nach Havanna und begleitete Carlos und sein junges Tanzensemble zwei Wochen lang bei den Proben. So nah an diesem Prozess zu sein, hat mich umgehauen. Das sind einige der besten Tänzerinnen und Tänzer der Welt, und ihre Arbeit mit Carlos war sehr besonders. So ist die Idee entstanden: Warum erzählen wir nicht Teile der Geschichte durch den Tanz? Und könnte Carlos nicht sich selbst spielen? Lasst uns dieses unglaubliche Talent nutzen! Lasst uns nah dran sein, lasst uns die Körperspannung sehen, die Bewegung, lasst uns den Schweiß spüren. Wir wollten keine Kameratricks, keine Schauspieler. die sich zwei Monate lang abmühen, um ein paar Bewegungen zu lernen. Wir wollten die Faszination des Tanzes einfangen, in all seiner Schönheit und Disziplin.

Ich hatte so etwas noch nie zuvor in einem Biopic gesehen, und ich dachte, das könnte eine tolle Herausforderung für Icíar sein, die den Mut und die Lust dazu hatte, die Grenzen auszutesten. Würden wir in der Lage sein, auf diese Weise das Ungreifbare zwischen Vater und Sohn spürbar werden zu lassen, eben nicht nur in Worten, sondern auch in Bewegungen, Andeutungen, Choreografie? Lässt sich die Ambivalenz des Erfolgs tanzen? Auch das Kind Yuli war für mich entscheidend. Ich musste selbst mit neun Jahren von Zuhause weg ins Internat. Diesen tiefen, bohrenden Schmerz werde ich nie vergessen.


Auch Carlos hat ihn nie vergessen, und so konnte ich schließlich einen Weg in sein außergewöhnliches Leben spüren. Und während dieser Tagtraum weiterging, wurde mir klar, dass das nicht nur eine Geschichte über Carlos und seine Familie war, sondern auch
eine über Kuba, über dieses erstaunliche Land, das die Imagination der Welt aus allen nur denkbaren Gründen angezogen hat. Diese Geschichte war ein Geschenk mit vielen Schichten und Facetten. Es war magisch, Icíar mit so vielen unterschiedlichen Künstlern arbeiten zu sehen, den Tänzerinnen und Tänzern, der Choreografin Maria Rovira und dem brillanten Komponisten Alberto Iglesias, dessen Talent nie aufhört, mich zu beeindrucken."

08:38 17.01.2019

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