Alltag

100 Meter-Lauf | 17.08.2009 14:10 | Jan Pfaff

Nur so ein Gefühl

Ein Lauf für die Geschichtsbücher. Mit 9,58 Sekunden rannte Usain Bolt bei der Leichtathletik-WM neuen Weltrekord. Warum können wir uns darüber nicht einfach freuen?

Gestern Abend auf dem Sofa: Im Fernsehen laufen die Vorbereitungen zum 100-Meter-Finale der Männer, die Kamera gleitet die angespannten Gesichter der Finalisten entlang, der Kommentator spricht vom großen Duell zwischen Tyson Gay und Usain Bolt. Und dann ist in 9,58 Sekunden alles vorbei. Schneller als Usain Bolt ist noch nie ein Mensch gerannt. Man glaubt nicht, was man gerade gesehen hat. Vor allem der Abstand zum zweitplatzierten Gay, der mit seinen 9,71 Sekunden am alten Weltrekord nur knapp vorbeischrammte, ist atemberaubend. Im Berliner Olympia-Stadion jubelt das Publikum, Bolt trabt locker-lässig über die Bahn und feiert seinen Triumph. Es ist die ganz große Show. Auf dem Sofa vor dem Fernseher ist meine Freundin beeindruckt. Ich höre mich "Aber..." sagen.

Natürlich, Usain Bolt ist ein Ausnahmesprinter, ein Jahrhunderttalent. Und natürlich, es gibt keine Beweise. Im Zweifel gilt die Unschuldsvermutung. Aber trotzdem kann ich den Lauf nicht anschauen ohne ein ungutes Gefühl. Immer ist da der Gedanke: "Mit sauberen Mitteln ist so etwas doch gar nicht möglich." Die Zweifel gelten dabei nicht nur Bolt und seinem Wahnsinnslauf. Unausgesprochen schwingt doch schon vor der Eröffnungsfeier die Annahme mit, dass es in das 100-Meter-Finale einer Weltmeisterschaft nur schafft, wer seinen Körper mit unerlaubten Mitteln schneller macht.

Wann fing das an, dieses Unwohlsein beim Betrachten sportlicher Ausnahmeleistungen? Bilder von Ben Johnson schießen hoch. Held für einen Tag und bekanntester Doping-Sünder unter den Sprintern. Johnson wurde zwei Tage nach seinem Olympiasieg 1988 in Seoul des Dopings überführt. Ich erinnere mich, wie ich damals begann, den Bildern zu misstrauen. Die Zeitlupe, in der man am Vortag noch seinen kraftstrotzenden Laufstil bewundert hatte, verlor mit dem neuen Wissen ihre Faszination. Sie war auf einmal nur noch ein Trugbild – zustandegekommen dank unsichtbarer Manipulationen.

Und natürlich Jan Ullrich. Nach seiner unsäglichen Pressekonferenz im Februar 2007, als der gefallene Radsportstar seinen Rücktritt bekannt gab, aber darauf beharrte, niemanden betrogen zu haben, schämte man sich für jede Minute Tour de France, die man seinetwegen verfolgt hatte. 

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Es sind die Sportarten, in denen es klare Duell-Situationen gibt, bei denen sich der Dopingverdacht immer besonders in den Vordergrund drängt. Sportarten, bei denen sich der Wettkampf auf einen Kampf eins gegen eins reduzieren lässt: Schwimmen, Radfahren, Sprinten. (Beim Fußball hat seit Toni Schumacher niemand mehr nach Doping gefragt.) Ab und an hört man den Vorschlag von Athleten, dass man gegen Doping kämpfen könnte, indem man jenen, die als Sechster oder Achter ins Ziel kommen, mehr Aufmerksamkeit schenkt. Sie feiert, als wären sie ebenfalls Sieger.  Das ist eine schöne Idee – und zugleich zutiefst naiv. Denn der Wettkampf bezieht ja gerade seine Faszination daraus, dass es am Ende einen eindeutigen Sieger geben wird: "The winner takes all". Bei der Leichtathletik-WM in Berlin wird in diesen Tagen öfter an Jesse Owens erinnert, der im selben Stadion 1936 vier Olympiasiege feierte. Über den US-Sprinter Ralph Metcalfe, der im 100-Meter-Rennen hinter Owens Zweiter wurde, spricht schon lange keiner mehr. 

Es ist ein unauflösbares Paradox. Wir wollen Höchtsleistungen sehen. Wir wollen, dass der Sieger uns nie vorher Gesehenes zeigt. Und wir haben doch ein ungutes Gefühl dabei.

Im Fernseher dreht Bolt weiter seine Ehrenrunde. Der Kommentator sagt, dass an diesem Abend für einen Moment die Zweifel, die immer mitlaufen, keinen interessieren. Meine Freundin auf dem Sofa sagt: "Ist doch schade, dass man sich über so einen Lauf nicht mehr einfach so freuen kann." Ja, das ist schade...

 
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Artikelaktionen
Kommentare
merdeister schrieb am 17.08.2009 um 15:08
Das ist mehr als nur so ein Gefühl. Man muss sich nur die Entwicklung der 100m Zeiten ansehen und schon riecht man den Braten:

Kurve

Das Bild ist aus der Wikipedia und zeigt sehr schön, das da etwas nicht stimmt.

"Unausgesprochen schwingt doch schon vor der Eröffnungsfeier die Annahme mit, dass es in das 100-Meter-Finale einer Weltmeisterschaft nur schafft, wer seinen Körper mit unerlaubten Mitteln schneller macht."

Das kann man ruhigen Gewissens auf die meisten Finals ausweiten.

"Beim Fußball hat seit Toni Schumacher niemand mehr nach Doping gefragt."

Dann wird es aber Zeit!
Mikael Krogerus schrieb am 17.08.2009 um 17:09
Andererseits fand ich Bolts Auftritt, seine Eleganz, seine Leichtigkeit, seine, nun ja, Schnelligkeit einfach wunderbar. Dass gedopt wird ist ja eh klar. Bei Bolt denke ich fast: warum wird Doping nicht legailisert?!
merdeister schrieb am 17.08.2009 um 17:59
Einerseits wäre das ehrlicher, andererseits würde es den Sport pervertieren. Man schüfe moderne Gladiatoren. Auf der einen Seite werden in den Olympiastädten die Industrieanlagen abgestellt, damit die Luft besser wird, während sich die Athleten den letzten Schuss vor dem Start setzen. Es gab ja mal Zeiten, da galt Sport als gesund, prinzipiell zumindest.
Wie sieht es dann mit dem Nachwuchs aus. Erklär mal einem B-Jugendlichen, der 1000m unter 3Minuten laufen will, warum er nicht ein bisschen Schmerzmittel nehmen soll, der Usain macht es schließlich auch. Das gibt dann einen Sportplatz voller kleiner Junkies.
Matthias Dell schrieb am 17.08.2009 um 22:11
bolt ist ein moderner gladiator.
merdeister schrieb am 18.08.2009 um 07:32
Dann sollte man seine Kinder vor ihm warnen...
Matthias Dell schrieb am 18.08.2009 um 10:13
dieses kinderargument ist immer schwierig, weil es immer dann auftaucht, wenn es eigentlich um etwas anderes geht, siehe zensursula. man sollte kinder vielleicht generell über den leistungssport aufklären, denn der macht auch ohne doping nicht gesund. andererseits hätten kinder, die zehn millionen dollareurooderwasauchimmer im jahr verdienen den vorteil, dass sie einem schöne häuser bauen könnten, in denen man dann sitzen und versonnen sportübertragungen schauen könnte, anstatt, sagen wir, zu arbeiten. also komm leander, streng dich noch ein bisschen an!
Streifzug schrieb am 18.08.2009 um 10:26
Hallo merdeister,

bestimmt sind mal wieder alle kritische Kommentare von Nichtsportlern. Bolt ist nicht gedopt, er läuft einfach nur anders und schneller.
Jan Pfaff schrieb am 18.08.2009 um 11:05
Vielleicht ist das altmodisch, aber dieses Argument, Doping freizugeben, weil doch sowieso alle es tun, find ich echt absurd. Läuft dann Bayer gegen Ratiopharm und Pfizer? Das will ich einfach nicht sehen.

Und dass man den Lauf unvoreingenommen bewundern kann, weil alle dopen – mag sein, dass dem ein oder anderen Abgeklärt-Abgebrühten das gelingt. Mir geht diese Fähigkeit ab, es bleibt dieses ungute Gefühl.
merdeister schrieb am 18.08.2009 um 12:50
Aber genausowenig sollte man vielleicht gleich Zensurlsula herausholen, wenn man "Kinder" liest. Es geht ja auch um die Werte, die eine Gesellschaft vermitteln will, und wenn man Doping freigibt gleicht das einem "Fuck it all". Aber wenn es um "millionen dollareurooderwasauchimmer" geht, dann muss man Doping freigeben.

"man sollte kinder vielleicht generell über den leistungssport aufklären, denn der macht auch ohne doping nicht gesund."
Das ist eine oft behauptete und schlecht belegte Aussage. Leistungssport macht so wenig gesund, wie es krank macht. Doping hingegen macht krank, Fälle die das Zeigen gibt es genug. Wenn man Leistungssport betreibt gibt es zwei Regeln, die man befolgen muss: Finde Deine Grenze und akzeptiere sie.
Matthias Dell schrieb am 18.08.2009 um 12:57
ich habe zensursula nicht rausgeholt, um einen diskurs zu diffamieren, ich wollte nur zeigen, dass, wo kinder in diskursen auftauchen, vorsicht geboten ist, zensursula ist ein beispiel dafür, die dopingdebatte in meinen augen ein anderes.
zu oft behaupteten und schlecht belegten aussagen: ein protokoll des kaputtheit:
www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2008/0913/sport/0003/index.html
gut, kann man jetzt sagen, ist eishockey. aber die gelenke von dreispringern stell ich mir auch eher schwierig vor
Matthias Dell schrieb am 18.08.2009 um 13:01
@jan
der aufgeklärt-abgebrühte guckt den lauf ja nicht so, wie du ihn gucken willst, was aber nicht mehr geht, weil es doping geht. der aufgebrüht-abgebrühte verdrängt nicht etwas, sondern macht sich nur keine illusionen. ich glaube, dass es den genuss, den du dir vorstellst, nicht geben kann, genuss ist nie unschuldig, insofern hat das doping, ganz strukturell gesprochen, auch was gutes, weil es schluss macht mit, und das meine ich jetzt nicht wertend, sondern nur beschreibend, sentimentalen vorstellungen: der reine held, den reinen genuss gibt's nur im märchen oder im film. und wenn man sport im fernsehen dazu rechnet, wofür einiges spricht, dann gibt's den auch da. aber eben nur dann.
Jan Pfaff schrieb am 18.08.2009 um 15:59
@Matthias: Ja, klar, dass es diesen Genuss in Reinform nicht mehr gibt. Das ist ja dieses "unauflösbare Paradox". Nur wer deswegen sagt "was soll's", macht es sich auch zu einfach - finde ich.

Die Sehnsucht nach Heldengeschichten bleibt. Die Tour de France/Leichtathletik-WM als "Geschichte von Technologien"? Ehrungen für Dopingspezialisten? Ehrlicher wäre das wohl, aber eine spannende Erzählung wäre es sicher nicht...
merdeister schrieb am 18.08.2009 um 18:45
Der Artikel über Stefan Urstoff, unterstreicht doch eher, meine Aussage. Wer Schmerzmittel nehmen muss, um seinen Sport auszuüben akzeptiert seine Grenzen nicht. Was der Typ erzählt halte ich für krank.

"Ich versuche, so wenig wie möglich zu nehmen. Na gut, ich habe über einen Zeitraum von sechs, sieben Jahren jeden Tag Schmerzmittel genommen."

Noch Fragen?
Matthias Dell schrieb am 18.08.2009 um 19:15
ich würde sagen, dass es nicht nur ein persönliches problem von urstoff ist (wenn auch: auch). der leistungssport kennt keine grenzen (mit allem was dranhängt: ökonomie, zuschauer, medien)
merdeister schrieb am 18.08.2009 um 20:22
Dann würde ich zwischen Leistungssport und Profisport unterscheiden.
Titta schrieb am 19.08.2009 um 03:00
@merdeister

Der Sport ist nicht mehr oder weniger krank als unsere Restgesellschaft.
Wenn sich Heerscharen "gedopt" zur Arbeit schleppen, werden sich auch die Sportler unter ihnen gedopt zur Arbeit begeben.
merdeister schrieb am 19.08.2009 um 07:28
Das ist richtig Titta, macht es aber nicht weniger falsch, aus meiner Sicht.
Aber vielleicht sehe ich das auch zu eng.
Sport ist Teil des gesellschaftlichen Lebens und wahrscheinlich kein kleiner, wenn man jeden Walking-Kurs mit einbezieht. Ein Kampf für einen sauberen Sport, ist auch ein Kampf für eine suabere Gesellschaft?
Streifzug schrieb am 19.08.2009 um 07:48
Moin merdeister,

"ein Kampf für eine saubere Gesellschaft?"

Vorsicht, Falle. So argumentieren die Christlichen Fundamentalisten in den USA auch. Dann war Bush auf dem richtigen Weg ;)
merdeister schrieb am 19.08.2009 um 12:18
Jaja, erwischt. Ich dachte da mach ich einen auf nett und säubere die Gesellschaft über den Kampf gegen Doping und Streifzug macht alles kaputt :-(

Gut, streichen wir das Wort sauber, es ist tatsächlich nicht gut gewählt in diesem Zusammenhang. Dann ersetze man es durch dopingfrei.
Streifzug schrieb am 18.08.2009 um 10:28
Streifzug schrieb am 18.08.2009 um 10:37
Auf den ersten ~ 20 Metern spannt er seine "Feder", die ihn anschließend so leichtfüßig nach vorne katapultiert. Veranlagung kombiniert mit einer genialen Technik und dem genau dazu passenden Rhythmus, wunderbar.
merdeister schrieb am 18.08.2009 um 12:55
Ganz klar, wenn alle sauber gewesen wären, hätte er sehr wahrscheinlich auch gewonnen. Niemand kommt in ein Finale, wenn er nicht hochtalentiert ist und gnadenlos arbeitet. Aber mittlerweile kommt auch niemand in eine Finale, der nicht gedopt hat. Natürlich gilt die Unschuldsvermutung auch für Weltmeister, leider hat sich die bei mir jedoch in eine Schuldsvermutung gewandelt.
Die Indizien sprechen für sich.
Streifzug schrieb am 18.08.2009 um 13:09
@merdeister,

welche Indizien?

Wird Deutschland jetzt ein Land der 20 Millionen Dopingexperten mit eingebautem Vorverurteilungsmechanismus? Wir es den 20 Millionen selbst ernannten Fußballexperten mit gefühlter Trainerqualität langweilig ;)
Matthias Dell schrieb am 18.08.2009 um 14:10
zahnspangen, asthma – das sind so sachen, die man heute indizien nennt. hab mich auch gefragt, warum shelley ann-fraser ihre spange, auch wenn es eine feste ist, nicht einfach rausnimmt für die zeit in berlin. wahrscheinlich noch verdächtiger.
Matthias Dell schrieb am 18.08.2009 um 19:19
was sagt eigentlich der sportinsider?
merdeister schrieb am 18.08.2009 um 19:54
Zuerst mal geht es nicht um Bolt allein, ich finde ihn nicht verdächtiger als alle anderen.

Auf Jamaika gibt es keine funktionierende Doping Agentur. Vor der WM gab es noch eine Geschichte mit gesperrten Sportlern, die dann aber doch gefahren sind.
Das gesamte Feld der Sprinter ist schneller geworden, nicht nur der erste. Es gibt aber keine neues Erkenntnisse in der Trainingslehre. Nur die Bahn hat eine neue Gummimischung.
Dann gibt es diesen Chemiker, den die ARD mittlerweile auch ausgegraben hat, laut dem im 100m Finale keiner Sauber ist.

Das hält dem Begriff Indizien nicht stand, ich merke es gerade selber.

Aber trotzdem.
merdeister schrieb am 18.08.2009 um 19:56
Mit meinem Kommentar bin ich sehr unzufrieden, da kümmere ich mich noch mal drum, am besten ignorieren.
Titta schrieb am 19.08.2009 um 03:04
@M.Dell

Sportinsider ist noch für eine Weile im Urlaub.
Matthias Dell schrieb am 19.08.2009 um 09:29
sporti macht es richtig. wahrscheinlich ist der einer von den 17.000, die da im olympiastadium sitzen.
Matthias Dell schrieb am 19.08.2009 um 09:40
olympiastadium ist aber auch ein schöner vertipper. im urlaubsstadion.
Titta schrieb am 19.08.2009 um 18:05
Soviel ich weiß, ist er nicht in Berlin. Hat mich allerdings auch gewundert. Er ist gerade wohl eher aktiv als passiv in Sachen Sport unterwegs.
Matthias Dell schrieb am 21.08.2009 um 16:41
na, ja, im stadion sitzen ist jetzt auch nicht sooo aktiv. obwohl andere leute hier das anders sehen. denke aber auch, dass das ein pflichttermin für ihn gewesen wäre
Matthias Dell schrieb am 21.08.2009 um 16:43
ah, ok, hab etwas zu eilig gelesen. passiv, aktiv, hauptsache sport
merdeister schrieb am 18.08.2009 um 12:43
Im Sinne wachsender Artikel hier ein Hinweis auf das Blog , in dem es um einen anderen Aspekt von Sport und Doping geht:

www.freitag.de/community/blogs/h-yuren/nicht-die-dopingserien-sind-arg/?searchterm=nicht+die+doping

Das sollte man vielleicht im Hinterkopf haben, wenn man über das Thema spricht.
Matthias Dell schrieb am 18.08.2009 um 14:07
hier noch ein schönes zitat aus dem interview mit pollesch und danquart, tour de france kann man durch leichtathletik-wm ersetzen (das zitat ist aus dem pollesch-stück L'AFFAIRE MARTIN!), da geht's um die gefühle und bayer gegen ratiopharm.
"Könnte man nicht die Tour de France ganz anders erzählen. Als eine Geschichte von Anderen. Von Technologien, und müssten dann nicht die Radsportler, sondern die Chemiker, die Ärzte, die Dopingspezialisten geehrt werden."
das interview ist hier www.freitag.de/kultur/0929-kultur-aufmacher-doping
Columbus schrieb am 18.08.2009 um 17:58
Sport muss doch in diesen Dimensionen als Unterhaltung und Geschäft verstanden werden.

Was bei der Tour de France dieses Jahr schon gut gelang, im letzten Jahr schockte noch der "Skandal", wiederholen nun die Leichtathleten. - Doping-Sündern wird die Rückkehr nach einer relativ kurzen Pause ermöglicht, das Publikum fordert es, viele Sportjournalisten auch, denn sagenhafte Weltmeister- und Weltrekordler-Interviews gefallen (fast) Allen besser, als die wabernden Verdächte.

Doping funktioniert ein wenig wie Steuerhinterziehung.

Wie mittlerweile bekannt ist, gibt es in vielen Regionen dieser Erde überhaupt keine Kontrollen. Epo- und verwandtes Doping lässt sich nur durch engmaschige Prüfungen einige Wochen vor und natürlich während der Wettkämpfe aufdecken (Retikulozytensystem reagiert in 2-6 Tagen, Erythrocyten über bis zu 3 Monate).

Das viele Menschen dieses Geschäftsystem als Teil des "mach´ was aus dir" begreifen und sogar sehr gut finden, darf nicht verwundern.

Ein Aspekt ist übrigens nur ganz selten ein Thema für die Medien in diesem Zusammenhang. Die Firmen und Großhändler führen Buch über die verkauften Medikamente, die ja allesamt auch nützlich bei Krankheiten und Leiden eingesetzt werden. Wer also wissen wollte, wohin die erheblichen Überkapazitäten, die nicht in Krankenhäusern umgesetzt werden verschwinden, der müsste von dieser Seite kontrollieren und die Lücke zwischen medizinisch notwendigen Auslieferungen und den sogenannten nicht-medizinischen Verwendungen deutlich verrringern können.

Übrigens ein bemerkenswerter Fall von doppelter Buchführung, denn über kostspielige Medikamente zur Krankheitenbehandlung oder über rasante
Anstiege der Verordnung von Amphetamin-Präparaten an hyperaktive Kinder- und Jugendliche, über die zunehmende Verordnung von Stimmungsaufhellern bei Lebenkrisen und einfach ´mal so zur beruflichen "Leistungssteigerung", wird schon aus Kostengründen genau Rechnung gelegt.

Ein wenig verwundert schon, dass so viele Gefallen am Schummeln und Betrügen finden, es zumindest gar nicht erst ernsthaft bekämpft sehen wollen, es eben legal machen wollen, denn zu anderen Themen der Zeit echauffieren sie sich ohne Ende über Lügner und Betrüger und schreien durch die Straßen, haltet wenigstens einen Dieb oder jemanden fest, den ihr dafür haltet.

Tatsächlich ist das Argument, Doping schade den Sportlern gesundheitlich, nur für die Athleten wirklich ernsthaft, die als Schutzbefohlene im Kindes- und Jugendalter zur Leistungssteigerung gedopt werden. Davon kann man aber mittlerweile ausgehen, weil in den meisten Sportarten das Einstiegsalter für Weltklasseathleten weit unter der Mündigkeitsgrenze liegt.

Die anderen wollen Erfolg,Geschäft und Sontiges, sie manipulieren um zu gewinnen und selbst hier im Forum gibt es ja genügend Meinungen, die eher die Schlitzohrigkeit, die Chuzpe und das mustergültige Auftreten der Anwälte solcher "Giganten" wie Jan Ulrich und Lance Armstrong feiern.

Wie bei Rüstungsgeschäften oder bei der fast üblichen Korruption für große Bau- und Technikprojekte, gilt die häufigste Entschuldigung, die Anderen machen es und wenn wir es nicht machen, dann machen es die Anderen ganz bestimmt, das Geschäft.

Grüße

Christoph Leusch
Matthias Dell schrieb am 18.08.2009 um 19:18
steuerhinterziehung oder korruption als vergleich finde ich erhellend. die idee, in die bücher zu schauen, entspricht den ermittlung im drogengeschäft: immer dem geld nach. der vergleich mit der steuerhinterziehung zeigt ja auch, dass die manipulation, wenn sie einmal akzeptiert ist (und da würde ich meinen, sie beginnt am ausgang der jugend, an der scheide von professionalität und kindlicher vereinssportlichkeit), als solche gar nicht mehr wahrgenommen wird: wenn man einmal begriffen hat, dass man unkosten absetzen kann, wird es subjektiv nicht mehr als betrug empfunden.
mh schrieb am 18.08.2009 um 19:41
dass des dopingzeugs daher kommt, war mir schon klar als ich vom weltrekord hörte.

bekannterweise bin ich ohnehin für eine legalisierung von doping. anlehnend an pispers könnte man noch ergänzen, dass die am trikot tragen was se nehmen .. damit man dann sehen kann was funktioniert.^^

mfg
mh
Deaktivierter Nutzer schrieb am 18.08.2009 um 20:02
Für mich ist Ben Johnson der ewige Olympiasieger und Weltrekordler und Idealsprinter. Das war 88 Seoul, jetzt noch auf YouTube. - Danach hätte man die Uhren an der Strecke abstellen sollen. Gewonnen hätte Bolt dann heute auch.
Steffen Kraft schrieb am 20.08.2009 um 09:30
Das wäre doch eine Idee: Nicht die absoluten Zeiten zählen mehr, sondern die relativen - also die Platzierung. Die Uhr liefe erst an, wenn der Erste ins Ziel kommt und würde die Zeit bis zum Zweiten, Dritten, Vierten etc... messen. Dem Gedanken, dass dort ein Wettkampf zwischen Menschen stattfindet, wäre damit zumindest geholfen.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 20.08.2009 um 21:54
Ich finde das genau richtig. Schöne Aussicht für die Sportokratie, die selbst nimmer draufkommen würde.
miauxx schrieb am 20.08.2009 um 16:37
Ja, wer sagt denn, dass es noch um Sport geht? Dieses Übermaß an Leistungserwartung ... ich frage micht immer, irgendwann muss doch mal Schluß sein, es muss doch natürliche Grenzen geben, wie schnell ein Mensch laufen kann, wie hoch er springen kann usw.
Spitzensportler sind entweder Werbeträger oder, v.a. in Ländern abseits der 'westlichen Welt', Profilträger der Nation. So versuchte ja auch die DDR den Leistungssport als eine der Hauptaußenwirkungen zu etablieren - mit Erfolg.
Gestern hörte ich auch in einem Kommentar zum Nichterfolg einer deutschen Läuferin, sie hätte einen Abstand von 2/10 Sek. zur Siegerin gehabt, und das sei bei 100m schon gewaltig. Kann mir mal einer vernünftig erklären, worin der gewaltige Unterschied zur Siegerin besteht? Das krasse daran ist ja auch, dass so etwas dann auch allgemein gesellschaftlich angenommen wird. Ganz so wie im geschäftlichen Leben; da kann man mit 2/10 Sek Rückstand - metaphorisch gesprochen - auch fix zum "Loser" geraten.
Kein Wunder, das Wort vom "Sport ist Mord".
merdeister schrieb am 20.08.2009 um 20:00
Das muss man aus der Sicht des Sprinters sehen. Wenn man 100m läuft kann man die Zeit am Anfang vielleicht 2-3sec verbessern (je nach Talent, Einstiegsalter usw.) aber wenn man dann noch besser werden will, geht es um 1/10 oder 1/100 Sekunden. Nicht nur in der Weltspitze sondern für jeden Sprinter der sich verbessern will. Und dann stecken in 1/10 Sekunde vielleicht ein Jahr Arbeit. Oder in 1/100 Sekunde. Oder diese 1/10 Sekunde trennen mich von der Weltspitze.
Allerdings ist die Klage darüber ziemlich Scheinheilig, denn als die "deutschen Sprinterinnen" noch mit in der Weltspitze liefen, mussten sie sich auch rasieren.


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