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Kultur : Nur so ein Gefühl

Ein Lauf für die Geschichtsbücher. Mit 9,58 Sekunden rannte Usain Bolt bei der Leichtathletik-WM neuen Weltrekord. Warum können wir uns darüber nicht einfach freuen?

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Gestern Abend auf dem Sofa: Im Fernsehen laufen die Vorbereitungen zum 100-Meter-Finale der Männer, die Kamera gleitet die angespannten Gesichter der Finalisten entlang, der Kommentator spricht vom großen Duell zwischen Tyson Gay und Usain Bolt. Und dann ist in 9,58 Sekunden alles vorbei. Schneller als Usain Bolt ist noch nie ein Mensch gerannt. Man glaubt nicht, was man gerade gesehen hat. Vor allem der Abstand zum zweitplatzierten Gay, der mit seinen 9,71 Sekunden am alten Weltrekord nur knapp vorbeischrammte, ist atemberaubend. Im Berliner Olympia-Stadion jubelt das Publikum, Bolt trabt locker-lässig über die Bahn und feiert seinen Triumph. Es ist die ganz große Show. Auf dem Sofa vor dem Fernseher ist meine Freundin beeindruckt. Ich höre mich "Aber..." sagen.

Natürlich, Usain Bolt ist ein Ausnahmesprinter, ein Jahrhunderttalent. Und natürlich, es gibt keine Beweise. Im Zweifel gilt die Unschuldsvermutung. Aber trotzdem kann ich den Lauf nicht anschauen ohne ein ungutes Gefühl. Immer ist da der Gedanke: "Mit sauberen Mitteln ist so etwas doch gar nicht möglich." Die Zweifel gelten dabei nicht nur Bolt und seinem Wahnsinnslauf. Unausgesprochen schwingt doch schon vor der Eröffnungsfeier die Annahme mit, dass es in das 100-Meter-Finale einer Weltmeisterschaft nur schafft, wer seinen Körper mit unerlaubten Mitteln schneller macht.

Wann fing das an, dieses Unwohlsein beim Betrachten sportlicher Ausnahmeleistungen? Bilder von Ben Johnson schießen hoch. Held für einen Tag und bekanntester Doping-Sünder unter den Sprintern. Johnson wurde zwei Tage nach seinem Olympiasieg 1988 in Seoul des Dopings überführt. Ich erinnere mich, wie ich damals begann, den Bildern zu misstrauen. Die Zeitlupe, in der man am Vortag noch seinen kraftstrotzenden Laufstil bewundert hatte, verlor mit dem neuen Wissen ihre Faszination. Sie war auf einmal nur noch ein Trugbild – zustandegekommen dank unsichtbarer Manipulationen.

Und natürlich Jan Ullrich. Nach seiner unsäglichen Pressekonferenz im Februar 2007, als der gefallene Radsportstar seinen Rücktritt bekannt gab, aber darauf beharrte, niemanden betrogen zu haben, schämte man sich für jede Minute Tour de France, die man seinetwegen verfolgt hatte.

Es sind die Sportarten, in denen es klare Duell-Situationen gibt, bei denen sich der Dopingverdacht immer besonders in den Vordergrund drängt. Sportarten, bei denen sich der Wettkampf auf einen Kampf eins gegen eins reduzieren lässt: Schwimmen, Radfahren, Sprinten. (Beim Fußball hat seit Toni Schumacher niemand mehr nach Doping gefragt.) Ab und an hört man den Vorschlag von Athleten, dass man gegen Doping kämpfen könnte, indem man jenen, die als Sechster oder Achter ins Ziel kommen, mehr Aufmerksamkeit schenkt. Sie feiert, als wären sie ebenfalls Sieger. Das ist eine schöne Idee – und zugleich zutiefst naiv. Denn der Wettkampf bezieht ja gerade seine Faszination daraus, dass es am Ende einen eindeutigen Sieger geben wird: "The winner takes all". Bei der Leichtathletik-WM in Berlin wird in diesen Tagen öfter an Jesse Owens erinnert, der im selben Stadion 1936 vier Olympiasiege feierte. Über den US-Sprinter Ralph Metcalfe, der im 100-Meter-Rennen hinter Owens Zweiter wurde, spricht schon lange keiner mehr.

Es ist ein unauflösbares Paradox. Wir wollen Höchtsleistungen sehen. Wir wollen, dass der Sieger uns nie vorher Gesehenes zeigt. Und wir haben doch ein ungutes Gefühl dabei.

Im Fernseher dreht Bolt weiter seine Ehrenrunde. Der Kommentator sagt, dass an diesem Abend für einen Moment die Zweifel, die immer mitlaufen, keinen interessieren. Meine Freundin auf dem Sofa sagt: "Ist doch schade, dass man sich über so einen Lauf nicht mehr einfach so freuen kann." Ja, das ist schade...

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