Der Polizeibeamte grinste. „Ich wäre froh, wenn eine schöne Frau vor meiner Türe stünde“, sagte er, als ich eine Anzeige aufgeben wollte. Ein Stalkingopfer kann nicht so aussehen wie ich, dachte er wohl. Ein großer Mann will eine kleine Frau anzeigen? Ob wir eine „intime Beziehung“ hätten, fragte er noch. Mein Nein kommentierte er mit einem ungläubigen Blick. Ähnlich wie mit dem Polizisten ging es mir anfangs mit meinen Freunden. Ich sei eben ein sehr gefragter Typ, witzelten sie.
Es begann vor gut zehn Jahren. Sie sprach mich auf einer Party in Augsburg an, eine freundliche, gutaussehende Frau Ende 30. Nach einem kurzen Wortwechsel hatte ich mich verabschiedet. Ein paar Tage später bekam ich eine Mail. Sie muss irgendwie meine E-Mail-Adresse herausbekommen haben. Zuerst schrieb sie mir einmal die Woche, dann mehrmals täglich. Anfangs waren es harmlose Sätze. Dann gestand sie mir ihre Liebe: Sie könne ohne mich nicht mehr leben. Ich habe ihr geantwortet und geschrieben, dass ich ihre Gefühle nicht erwidere. Aber man könne ja in Kontakt bleiben. Das meinte ich damals ernst, denn ihre Mails waren intelligent und witzig. Als vergangene Woche Angela Merkel von einem Stalker belästigt wurde, weil sie auf seine Briefe nicht reagiert hatte, fiel mir mein erster Fehler wieder ein: Man darf einem Stalker kein Zeichen geben, dass dieser als Ermunterung verstehen könnte.
Als damals immer mehr Post von der unbekannten Frau kam, hörte ich auf zu antworten. Wirklich beunruhigt war ich aber nicht. Irgendwann werde sie das Mailschreiben satt haben, dachte ich.
So viele Männer wie Frauen
Anfangs habe ich oft mit meiner Stalkerin geredet und viel argumentiert. Später habe ich sie beschimpft und mich schließlich vor ihr versteckt. Doch jedes Mal zeigte ich ihr damit, wie wichtig sie in meinem Leben geworden war. Ich lernte: Jede Reaktion bestärkt Stalker. Sie gieren nach Beachtung, brauchen das Gefühl, Einfluss auf das Leben ihres Opfers zu haben.
Ein paar Jahre später schrieb ich ein Buch über Stalking, es war wie eine Therapie. Ich wollte Betroffene vor den Fallen warnen, in die ich selber getappt war. Im Laufe meiner Recherchen lernte ich viele Männer kennen, die ebenfalls gestalkt wurden und fand heraus, dass die Zahl der Stalkingopfer unter Männern und Frauen etwa gleich groß ist. Während Frauen jedoch die Bedrohung publik machen, wagen sich Männer seltener nach draußen. Sie können in der Regel mit weniger Verständnis rechnen als weibliche Stalkingopfer. Es fällt ihnen auch schwer, die Rolle des Verfolgten zu akzeptieren. Sie müssen sich dadurch eingestehen, dass sie sich – entgegen dem gängigen Rollenmuster – von einer Frau einschüchtern lassen.
Meine Stalkerin hat nie aufgehört, mir zu schreiben. Eines Tages stand sie vor meiner Haustür. Unangemeldet. Es war nicht ein einfacher Besuch in der Nachbarschaft. Sie lebte damals in Taiwan, war bei einem multinationalen Konzern in führender Position angestellt. Sie sei zufällig in der Stadt und wolle mich nur kurz besuchen, sagte sie. Ich wollte sie aber nicht in meine Wohnung lassen, versuchte sie abzuwimmeln – schließlich tranken wir einen Kaffee in der Kneipe um die Ecke. Das Gespräch verlief normal. Nach zwei Stunden verabschiedete sie sich, bestellte ein Taxi und fuhr davon. Ich ging mit einem guten Gefühl nach Hause. Alles schien geklärt.
Zwei Monate später klingelte sie wieder an meiner Tür. Ein großer Koffer stand neben ihr. Diesmal war sie gekommen, um zu bleiben. Ich war nicht überrascht, denn sie hatte ihren Besuch angekündigt. Von Anfang an hatte sie mir detailgetreu ihren Tagesablauf erzählt, und so hatte sie mich auch darüber informiert, dass sie nach Deutschland fliegen werde. Fluglinie und Ankunftszeit standen in der Mail – mit der Aufforderung, sie am Flughafen abzuholen. Sie betrachtete sich als meine Frau. Sie habe, auch das schrieb sie, das gleiche Recht in meiner Wohnung zu leben wie ich.
Sie stand vor meinem Bett
Genau das sagte sie auch zwei Jahre später bei ihrer Festnahme der Polizei. Sie war in meine Wohnung eingebrochen, sie stand eines Morgens vor meinem Bett. Erst nach einem Handgemenge gelang es mir, sie aus der Wohnung zu drängen. Ich schob sie vor mir her, sie hielt sich an mir fest und schlug um sich. Alles, was sie zu greifen, bekam landete auf dem Boden – Bücher, Vasen, Tassen, meine Kaffeemaschine und das Faxgerät. Trotzdem war ich auch erleichtert über den Einbruch. Endlich war die Polizei gezwungen, mich ernst zu nehmen.
Dass mir meine Stalkerin über Jahre hinweg täglich vor meiner Tür auflauerte, Klingelterror veranstaltete, die Post aus meinem Briefkasten stahl und – sobald sie nach Taiwan zurückgekehrt war – mich fast jede Nacht anrief, war für die Polizei kein Anlass zum Handeln gewesen. Nach und nach verstummten auch die Witzeleien meiner Freunde, sie nahmen mein Problem nun ernst.
Inzwischen werde ich seit mehr als zehn Jahren gestalkt. Seit ich offensiver damit umgehe und aufgehört habe, mich zu verstecken, hat sich auch ihr Verhalten verändert. Sie scheut die direkte Konfrontation, als spüre sie, dass sie keinen Einfluss mehr auf mein Leben hat. Auf der Straße hält sie nun mehr Abstand, und ihre „Besuche“ in Deutschland sind seltener geworden. Dabei hätte sie nun mehr Zeit: Ihr wurde gekündigt, als sie vor einigen Jahren von einer ihrer Stalking-Touren zurückkam und einfach nicht mehr bei der Arbeit erschien. Nur die Flut der Mails hat nicht abgenommen. Gerade eben bekam ich wieder Post – sie ist von ihr.
Rasso Knoller, 51, ist Journalist in Berlin. 2005 erschien von ihm das Buch Stalking. Wenn die Liebe zum Wahn wird. Danach arbeitete Knoller einige Zeit in einer Selbsthilfegruppe mit
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Sehr geehrter Herr Knoller,
Stalking ist zumindest anfangs eine besonders subtile Ausübung von Gewalt: „Einfluss zu nehmen“ ist Ihr, allerdings sehr gelungener, Euphemismus für Nötigung. Bis zur Einführung der Nachstellung in das deutsche Strafgesetzbuch im Jahr 2007 allerdings ein stumpfer Befund, denn es fehlte meistens an einem sichtbaren und nachweisbaren Nötigungserfolg oder an der entsprechenden Beurteilung der Zweck-Mittel-Relation. Die „geschlechtertypische“ Betrachtung von Gewaltanwendung spielte in dem Zusammenhang ebenfalls eine nicht unbedeutende Rolle wie auch die Tatsache, dass bestimmte Verhaltensweisen schlicht als Nichtnötigung beurteilt wurden. Gleichzeitig wurde aber mit der Norm sowie dem Gewaltschutzgesetz der Gedanke des Gefährdungsschutzes verfestigt. Nicht mehr kommt es auf irgendeinen Erfolg an, sondern auf die potentielle Gefährlichkeit des menschlichen Tuns. Um es sehr plastisch auszudrücken, die Eingießung von „Muss denn erst was passieren?“ in Paragraphentexte. Ist das denn so schlimm, wird man einwenden; Ihr Buch habe ich leider nicht gelesen, Sie werden sicher den Aspekt schon behandelt haben. Deswegen meine Antwort: Möglicherweise ja, denn der vorbeugende Gedanke lässt sich auf alle möglichen Gefahrensituationen, auf jedes potentiell gefährliche Tun erstrecken. Derartige Analogien sind in der Denkweise der Gesetzgeber (der Anwender darf es ja im Strafrecht nicht tun) nicht selten, etwa um ein entführtes Flugzeug abschießen zu dürfen. Ist das Beispiel weit hergeholt? Dann lassen Sie uns einmal über das Wort Terror nachdenken, wie es in der Politik gebraucht wird und vergleichen mit dem, was Sie erlebt haben. Für den Artikel danke ich Ihnen, er hat wirklich angeregt. Mit freundlichen Grüßen, e2m |
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Also mir hat der Beitrag sehr gut gefallen. Vor allem wusste ich nicht das Männer auch Opfer von Stalking werden. Ich vermute mal das man erst selbst erfahren muss damit man den ernst der Sache versteht.
Traurig ist aber das die Polizei das nicht ernst nimmt. Ich hätte gedacht das zumindest die Polizei da geschult wäre. Ich wünsche ihnen Stalking freies Leben. Mfg M. Celebi |
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Dass auch Männer Opfer von Stalkerinnen werden können, ist so neu nicht, auch, dass sie sich schwer damit tun, ihre Opferrolle anzunehmen, ist seit längerer Zeit bekannt. Inzwischen gibt es , ed2m hat es geschrieben, auch einige juristische Möglichkeiten, sich Stalker zu erwehren. Nur ist es damit ja nicht getan. Da diese Menschen die Unrechtmässigkeit ihres Tuns nicht einsehen, ist nur in wemigen Fällen davon auszugehen, dass sie es von sich aus ablegen können. Immer wieder die Polizei zu rufen, wenn ein Kontaktverbot nicht eingehalten wird, ist schließlich auch nicht das Wahre. Und ehe die Justiz Stalker zu Haftstrafen ohne Bewährung verurteilt, vergeht Zeit, viel Zeit.
Ablehnung von Beginn an, sie ins Leere laufen lassen, konsequente Nichtbeachtung, das scheint mir ein erfolgversprechendes Mittel zu sein. Ich wünsche Ihne bald ein Leben ohne diese Belästigung Rolf Netzmann |
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Die hier beschriebene Art und Weise des Stalking ist wenigstens klar erkennbar und das Verhalten der Frau ist eindeutig identifizierbar. Leider, trotz Auklärungskampagnen und Informationen über Stalking durch die Polizei, werden diese Tatbestände von ihr nicht ausreichend ernst genommen. Stalking hat viele Gesichter und ist nicht immer greifbar. Gestalkt wird häufig nach Trennungen sowohl von Frauen wie auch von Männern.Telefonanrufe zu Hause oder auf der Arbeit, häufige SMS- und Mailkontakte, Auflauern, Beobachten usw. sind wohl die klassische Form. In den Bereich des Psychoterros fällt ein anderes, hinterhältiges und unsichtbares Stalking, in dem dem Opfer suggeriert wird, dass es in seiner Freizeit beobachtet wird und mitgeteilt bekommt, dass es bestimmte Dinge getan hätte. In der Folge wird das Opfer massiv verunsichert, fühlt sich ständig beobachtet. Es beginnt Angst, sich in der Öffentlichkeit zu bewegen, zu entwickeln.
Diese Belästigungen können soweit führen, dass sich das Opfer in den eigenen vier Wänden nicht mehr sicher fühlt. Ein seelischer und körperlicher Leidensdruck wird aufgebaut. Diese Form des Stalking lässt sich schwer nachweisen; das Nachsehen hat das Opfer. Ich wünsche Ihnen auch, dass diese Belästigungen endlich aufhören. |
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@Katharina N., das ist eine ganz perfide Art des Stalkens, weil, wie sie selber schreiben, es nur mit großem Aufwand nachweisbar ist. Es bedarf viel Arbeit, das alles so zu dokumentieren, dass ein Richter beispielsweise eine Einstweilige Verfügung erlässt oder ein Kontaktverbot ausspricht. Ein solches Verhalten zeigt aber auch, dass die Täter zu allem greifen, was sie können, ohne daran zu denken, was sie ihren Opfern, mit denen sie ja mal glückliche Zeiten erlebt haben, eigentlich antun. Für mich sind solche Menschenkrank und gehören in Behandlung.
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Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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