Nein, Neuseeland steht nicht auf meiner Reiseplanliste für dieses Jahr. Erstens hatte ich dieses Jahr schon Urlaub (ganze fünf Tage), und zweitens schaffe ich es mit meinem Honorar als freiberufliche Journalistin sowieso nur bis zur dänischen Grenze.
Warum beschäftige ich mich trotzdem ausgerechnet mit Neuseeland? Das Land der Hollywood-Hobbits und Kiwi-Vögel-Früchte ist nicht unbedingt der beste place to be, um ein international gefeierter Star zu werden. Auch wenn manche es immerhin zum One-Hit-Wonder brachten – OMC mit "How Bizarre".
Aber Neuseeland hat mehr zu bieten als diesen Sommerhit von 1996. Neulich schon habe ich hier Flip Grater vorgestellt. Im März war die Singer/Songwriterin in Deutschland auf Tour und zeigte live so gar nicht das nette Mädchen, als das sie sich in ihren Videos verdächtig macht. Sie sei schon so lange auf Tour und zu müde, um richtig betrunken zu werden, scherzte sie, um dann eine Maß Whiskey zu ordern und in regelmäßigen Abständen ihrem Publikum zuzuprosten. Sehr sympathisch.
Ähnlich kernig und humorvoll gibt sich Anika Moa, die bei den New Zealand Music Awards im vergangenen Jahr zur besten weiblichen Solo-Künstlerin gekürt wurde.
Musikalisch schwankt der Pop der 30-Jährigen zwischen gefühligem Drama und entspannter Gute-Laune, ist international bisher aber auch nicht weiter aufgefallen. Aber vielleicht geht es Moa ähnlich wie Brooke Fraser.
Dass ich Fraser Beachtung schenke, verdanke ich tatsächlich einer Begegnung im Zug, bei der mir eine Mitreisende Songs der Neuseeländerin vorspielte, von der ich bis dato noch nie gehört hatte. In Neuseeland ist die 27-Jährige schon lange ein Star, und im April tourte sie sogar mit ihrem dritten Album Flags durch Deutschland. Trotzdem gibt es hier eine Kostprobe aus der Vorgängerplatte Albertine. Zugegeben, bei "Shadowfeet" leuchtet die Kitschampel bunt auf, aber nachdem vergangenen Freitag die royale Vermählung die Nachrichten dominiert hat, fällt ein bisschen musikalischer Schmacht wahrscheinlich nicht weiter auf.
Und auch wenn Fraser im Rest der Welt bisher eher unbeachtet blieb, der britische Radiosender BBC 2 sprach ihrem jüngsten Album beste Chancen aus.
International bekannt dagegen wurde Bic Runga mit ihrem Song "Sway". Nicht nur, weil dieser in der Hollywood-Klamotte American Pie zu hören war, sondern sicherlich auch, weil die 35-Jährige in den Nullerjahren in Europa lebte und dort ganz anders für die Wahrnehmung ihrer Musik sorgen konnte. Unter anderem trat sie sogar in den USA beim renommierten Lilith Fair Festival auf. Runga lernte schon als Kind unterschiedliche Instrumente, auch wenn sie heute überwiegend als Sängerin mit Gitarre auftritt.
Nach "Sway" fiel die Musikerin international zwar nicht weiter auf, aber in Neuseeland gehört sie zu den langjährig am erfolgreichsten Musikerinnen.
Aber auch gegenwärtig machen sie neue Bands aus hinter-down-under auf, über die Grenzen ihres eigenen Umfelds hinaus bekannt zu werden. Zum Beispiel Ladi 6, die HipHop, Funk und Neo-Soul mit Rocksteady zu einem biegsam smoothen Sound verschmilzt, der bei ihren Konzerten butterweich von der Bühne rinnt. Leider kann die Musikerin auf ihrem am 27. Mai erscheinenden neuen Album nicht so überzeugen, wie mit ihren Live-Qualitäten. Wer deshalb die Gelegenheit hat, die Künstlerin bei ihrer kommenden Tour zu erleben, nutze sie.
Gerade erst in Deutschland unterwegs waren die Electro-Popper von The Naked and the Famous, die in der jüngeren Presse als neues heißes Ding gehandelt wurden. Die Indie-Blogger haben das Konzert der Band in München im März kommentiert. Mit Konzert-Mitschnitt und dem leisen Vorwurf, die Show sei zu kurz gewesen.
Das Quintett um das Songwriter-Paar Alisa Xayalith und Thom Powers musiziert seit 2008 gemeinsam und schmückt ihre Single-Auskopplungen gerne mit archäologisch anmutenden Totenköpfen auf dem Cover.
Und dann bin ich vorige Tage noch auf ein Duo gestoßen, dessen eine Hälfte ebenfalls aus Neuseeland stammt, und die äußerst spannend Rap mit discobeatlastigem Electropop mischen: Parallel Dance Ensemble. Von denen hoffe ich, bald noch mehr zu hören. Ein bisschen süß, ein bisschen bitter und irgendwie besonders. Ein bisschen wie Kiwis.
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Schön, Frau Reygers, dass Sie auf aureale Weltreise, noch hinter Down under gehen. Die vorgestellten Damen liefern ganz ordentlich ab, aber musikalisch bleibt es doch streckenweise ein wenig dünn und süßlich, manchmal gar schlicht. Anika Moa ist allerdings eine neuseeländische Institution, die auch die Traute und das Ansehen hat politische Statements abzugeben. Die anderen Künstlerinnen und Gruppen kannte ich alle nicht. Bei Miss Fraser werde ich wohl in Zukunft ´mal hinhören.
Zur Ergänzung bietet sich unter Umständen an, einmal ein paar Minuten auf Fur Patrol zu hören. Die sind sei ca. 15 Jahren in Neuseeland und Australien ein wichtige Band und ihre unumstrittene Lead-Musikerin zeigt sich sehr wandlungsfähig. Für die Absackerbar, diesen einzigen Ort, an dem allein heute noch Philosophie gelingt, leider sind alle guten Sätze und Vorsätze am nächsten Morgen total vergessen, bietet sich „Silences and Distances“ an: www.youtube.com/watch?v=5Y8RNgFbAso&feature=related Mit „Lydia“ wurden Julia Deans und ihre Band, irgendwann um 2000, bekannt und so gehören sie bis heute zum neuseeländischen und australischen Pop-Establishment. Singen 1, Songs 1, Können 1. Hier eine Akustik Version des Songs, von 2007. Die Nummer haben sie gefühlt tausend Mal gespielt und sind nun verspielt. Sie klingt immer noch „Crazy,... you know ( schlechte Christopher Walken Reminiszenz) !“: www.youtube.com/watch?v=EOlglZNcHCM&feature=related, und hier die Live-Band Version, die mir noch viel besser gefällt: www.youtube.com/watch?v=ef2aYicGiA4&feature=related Dass die Dame aus Wellington auch ganz hart auftreten kann und die Rockerin spielt, das zeigt sie hier, mit dem Song „Get along“: www.youtube.com/watch?v=Zt_gRD-7iN4 2008 spielen sie „Great leap forward“ für das Album „Local Kid“ ein. Im Videoclip dazu beweisen die Fur Patroler Witz und Mut zu persönlichen Aussagen. „ No more lies....Don´t talk, don´t worry, don´t make a fuzz.“: www.youtube.com/watch?v=yK85-wvw2Zc&feature=related . - Das klingt so gut, wie die Songs der besten kanadischen Independent-Bands und ein klein wenig wie Neko Case. Es folgt hier nun ein Trucker-Traum und zugleich ein witziges Video, „Beautiful“, mit Julia Deans als „Micheline“ (Bibenda, Bib) und der Band im Auflieger an Fallschirmgurten. Nebenbei erfährt man, dass in Neuseeland Regen und Sonne mit dem Truck gebracht werden. Frau Deans fühlt sich als Lkw-Maschine ein, die gefahren werden möchte: www.youtube.com/watch?v=9MzM71je_fM&NR=1 Julia Deans erstes Solo Nach all´ dem Erfolg mit Fur Patrol, sie bleibt der Band treu, produzierte Miss Deans ihre erste Solo-CD. - Das hat doch noch mehr Ähnlichkeit mit der Entwicklung die Neko Case nahm. Die Tracks sind wohl zu einem erheblichen Anteil in Berlin abgemischt! Julia erzählt von der Stadt, ihrem kleinen Kaufrausch dort, und bestätigt den fragenden Radiomoderator, es sei wahnsinnig, nein, unglaublich billig, dort zu leben. Eindeutig ist aber, Berlin war eher ein erfolgreicher Arbeitsaufenthalt, denn ihr fiel wesentlich nur ein Junge in der S-Bahn auf, der so müde wie sie selbst aussah. Frau Deans liebt ihre Heimat und tourt auch in den kleinsten Orten Neuseelands, die sie vorher nicht kannte. - Das sehr amüsante Interview: www.youtube.com/watch?v=2vjr00c3oi8&feature=related Hier nun zwei Titel ihres Debüts, „Modern Fables“ ( So heißt auch ein Song der CD.) „The Wish You Wish You Had“, allein schon für den Titel müsste es einen Grammy geben: www.youtube.com/watch?v=mRYhsHBbiFU&feature=related „A new dialogue“, ist dagegen ein Lied zum Ausklang, ein Nachttraum wenn alle Freunde und die Familie schlafen. Ein Christchurch-Traum. Nehmt mich, träumt die Sängerin, als Teil von euch, und im Clip schaut sie, wie ein Engel das eben so macht, bei jedem einmal vorbei. Sehr tröstlich: www.youtube.com/watch?v=wCFHkYYK_4Q&feature=related . Glückliches und erfolgreiches Schaffen Christoph Leusch |
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Lieber CC,
vielen Dank für Ihre, wie stets, bereichernden Tipps. Fur Patrol kannte ich in der Tat noch nicht und stimme Ihnen zu, was sowohl die Wandlungsfähigkeit Julia Deans' betrifft als auch die bessere Version von "Lydia". Ich bin nach meiner Kolumne noch auf eine weitere neuseeländische Band gestoßen, die als "Die! Die! Die!" Abstand nehmen von dem betulich-freundlichen Popsound der meisten dieser Bands. www.youtube.com/watch?v=yW-F5LT3Ym4 Auch Deans Solo-Karriere scheint dem etwas entgegen wirken zu wollen. Ladi 6 hat übrigens im verangenen Jahr auch einige Monate in Berlin verbracht, weshalb sie in den deutschen Clubs schon häufiger zu sehen war. |
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Tja, alle Pop und Rock-Kiwis waren wohl schon einmal in Berlin, weil es so unglaublich billig ist!
Irre, diese Welt. Die!Die!Die! sind starker Tobak und hartes musikalisches Brot. Der Schlagzeuger ist gut, der Rest, eher auf die Zielgruppe, ´raus mit allem aufgestauten Bewegungsdrang, ausgerichtet. Ein Tipp zu musikalischen Weltreisen, ein Tipp, die Weltreise vielleicht im Südenosten Europas fortzusetzen. Die rumänische Liedermacherin Ada Milea („Ceauşescu n-a murit “), sänge sie vorwiegend in einer Weltsprache, wäre sie ein Weltstar, berichtet von Apolodor, einem "Pingu", der um die Welt reist. Bis bald Christoph Leusch |
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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Na, wie war's in der Schule