Empfehlung der Woche

Frieden – Wie geht das?

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Klaus von Dohnanyi, Erich Vad

Hardcover, gebunden

160 Seiten

22 €

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Meine Frau weint

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Angela Schanelec

Drama

Deutschland, Frankreich 2026

93 Minuten
ab dem 11. Juni im Kino!

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Kultur : Schopenhauer hatte recht

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Aus der Küche klangen kaffeeverheißende Geräusche und Gerüche. Ich lag nicht mehr wirklich im Bett, fand mich vor dem Badezimmerspiegel, mir wie jeden Morgen ins Gesicht sehend. Wer kennt sich, sein Vermögen, seine geistigen Lebendigkeiten, wenn nicht ich?

Die Frühstücksszene dominierten das hereinfallende Van-Gogh'sche Frühherbstlicht nebst leisen, aber sehr hart klingenden Geräuschen aus der Müslischüssel meines Ältesten, der soeben die Milch hineingeschüttet hatte. Mein Angetrauter war hinter seiner Zeitung nur zu ahnen.

„Manchmal blättere ich um, noch ehe ich zuende gelesen habe,“ lachte er leise hinter dem Bild von Klaus Wowereit. „Dabei will ich das gar nicht, will doch noch weiter lesen.“

Ich musste an F. denken, die mich vor sechs, sieben Jahren, kurz nach ihrer Pensionierung, einmal gegen drei Uhr nachts anrief, um mit mir ihr Problem mit einem Schopenhauer-Zitat zu diskutieren:

„Die echte Kürze des Ausdrucks besteht darin, daß man überall nur sagt, was sagenswert ist, hingegen alle weitschweifigen Auseinandersetzungen dessen, was jeder selbst hinzudenken kann, vermeidet, mit richtiger Unterscheidung des Nötigen und Überflüssigen.“

F. hatte den ganzen Abend und die gute Hälfte der Nacht mit dem Nachdenken über das Zitat verbracht, das sie ihrem Vortrag über Pensionisten-Debüts im nächsten Monat voranstellen wollte. Nun flüsterte sie mit hörbar bebenden Lippen in mein Ohr: „Da fehlt ein Verb. Bitte, A., gib mir Recht, ich habe hin- und hergedacht: Da fehlt ein Verb! Wenn nicht zwei!!“

Ich erinnerte mich an meine kalt und kälter werdenden Füße, dort, im Nebenraum meines Büros, wohin ich mich zum Telefonieren mitten in der Nacht zurückgezogen hatte. Immer wieder suchte ich nach einer Decke zu hangeln, die auf dem Sofa lag, das ich hier, belächelt von meinem Mann, hineingestellt hatte. Ich selbst saß auf einer Art Schemel, der zum Behufe des Hinaufkommens, auf die Höhe eines Blumenarrangements, das mein Mann ehrgeizig verwirklicht hatte, im Nebenraum des Büros meinen wöchentlich auftretenden linken Fuß erwartete, mit dem Anruf F.'s dagegen nun erstmals ein anderes meiner Körperteile kennen lernte.

F. hatte ich schnell beruhigen können, indem ich ihr den Satz wieder und wieder vorlas, so, wie er war, und ihr durch Betonung und Tempiwechsel zeigte, wie unbegründet ihre Aufregung sei.

Ich selbst war nach dem Anruf jedoch hellwach, saß mit kalten Füßen und einem überraschend warmen Restkörper im Nebenraum meines Büros und fühlte eine Einsamkeit, wie sie nur drei Uhr nachts fühlbar scheint.

„Allein, wir sind allein. Wir kommen und wir gehen ganz allein,“ sagte ich zu meinem Ange- und Vertrauten. Er ließ die Zeitung sinken, legte seine Hand auf meine und lächelte. Ich wusste, dass er verstanden hatte. Ich würde kein Buch schreiben, wie noch vor einer Woche allen anwesenden, mich gütig und durchaus herzlich in die Pensionistendaseinsphase entlassenden, teils mir lieben Menschen versichert. Gleich nach dem Frühstück würde ich F. anrufen, die sich in inzwischen mit Rezensionen von Pensionisten-Debüts ein kommodes Zubrot zur um ein Vielfaches kommoderen Pension gönnte. Vielleicht könnte ich sie überzeugen, einen Artikel über meinen Verzicht zu schreiben, der, daran wollte ich sie erinnern, gleichsam ein Schopenhauer'scher Verzicht wäre. Würde es gelingen?

Ich lächelte in die schönen schwarzen Augen meines Mannes und zog meine Hand zurück.

„Amaturum, amaturam, amaturum esse,“ rief mein Ältester im Hinausgehen.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.