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Ich stehe vor einer Scheibe, hinter der ein Graumull sich einen Gang buddelt. Das mit den Hinterbeinen hochgeschaufelte Kiesgeröll röllert einen Tacken zu langsam wieder in den Gang, der sich so langsam, aber stetig entwickelt. Für einen kurzen Moment ist der Rücken des Tieres zu sehen. Ich freue mich. Plötzlich schiebt man mir, ich bin recht hochgewachsen, ein Kind zwischen den Beinen durch, auf dass es vorn stehe, den Graumull sähe. Es patscht gegen die Scheibe, das Tier flieht.
Mehrmals beobachte ich, wie sich ein Mensch zu ähnlichem, tierbeobachtungspunktoptimiertem Behufe GENAU dahin versucht zu stellen, wo bereits ein anderer Mensch steht. Je nach Gemütslage des rüde verdrängten Körpers wird hingewiesen, genölt, gekämpft oder geschubst.
Vor dem Orang-Utan-Freigehege stehen viele Menschen, es ist sehr schönes Wetter, die Tiere hängen herum, zwei Junge klettern ein bisschen. Die Menschen sind laut, die Kinder rufen. Weil irgendwas in der Luft liegt, werden die Menschen ruhiger, schauen zu, wirken nachdenklich. 'Wie sähe so ein Gehege mit uns aus, Computer ohne Internet?' Ein auch im Gehege lebender Gibbon nutzt die Gunst der Ruhe, erhebt sich und hängt sich mit dem Hintern zur Menge an ein Seil, ganz gerade, Aushängen. Die Menschen murmeln. Plötzlich klatscht einer in die Hände. Der Gibbon dreht erschrocken den Kopf zu uns. Die Menschen lachen, viele beginnen jetzt zu klatschen. Wir gehen.
„Wir“ sind nicht besser als die, verstehen Sie nicht falsch. Wir sind ja auch im Zoo, im Leipziger*, das ist der aus dem Fernsehen und auch, wenn ich Jörg Gräser nicht getroffen habe, sie machen da viel Mühe und viel neu und artgerecht usw.
Wegen des schönen Wetters war es sehr voll, und der menschlichen Extremerfahrungen waren zahlreiche.
Wie sich der Mensch in Zoos verhält: Darüber läs ich gern mal eine Studie. Macht das offensichtlich Überlegene, ganz oben der in der Nahrungskette stehende, Machthabende die Menschen gar NOCH blöder, eigensüchtiger und ignoranter? Hatte das eher damit zu tun, dass es sehr voll war: Was zählt, bin ich, meine Frau, meine Brut?
Fördert der Anblick beherrschter Kreaturen das Triebhafte, Unzivilisierte? Bricht sich etwas Bahn, das tief in jedem von uns schlummert?
Oder kann der Mensch durch die Zivilisation, die Naturferne an diesem Orte nicht anders als kreaturenfeindlich sein? Sind Ignoranz und Selbstrotation zwei Zacken in der Krone unserer bisherigen Geschichte?
Sind wir im Zoo so, weil...
... wir nicht anders können?
oder
... wir nicht anders wollen?
Kurz vor dem Ausgang ist das Gehege der Mähnenwölfe, noch nicht erneuert / erweitert. Die nachtaktiven Tiere liegen schlafend in der Gegend rum. Sie haben echt große Ohren und lange Beine.
„Gugge mal, Függse,“ sagt ein Mann im Vorbeigehen zu seiner Frau.
* Natürlich kann ich auf den Mann, der uns freundlichst bittet ihn und seine Familie zu fotografieren bzw. das Kind, das meinem Begleiter einen herunter gefallenen Plan aufhebt bzw. die einen Berliner geradzu bretternde Freundlichkeit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an / in den kulinarischen Stationen an dieser Stelle nicht eingehen.
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„Was zählt, bin ich, meine Frau, meine Brut?“
Die Frage ist schnell beantwortet: Mein Ski! Denn die umgekehrte Haltung, nämlich die des Menschen im Freiwildgehege, wird kaum deutlicher als bei Gelegenheit seiner großen Wanderungen Richtung Mitte Europas, dahin wo Gebirge sind. Zielsicher wie Schwalben und zu fast der gleichen Zeit ziehen die dann per Daunen zu Wintersportler Gewandelten in Schwärmen und unterziehen sich dem unvermeidlichen Ritual des Anstehens: Zuerst auf Autobahnen, dann vor Ortseingängen, an Rezeptionen, schließlich am Skilift. Hatten Sie schon einmal das Vergnügen? Ich war oft mittendrin. Soundsoviel Tausende pro Stunde mehr Förderkapazität als im Vorjahr sind nie genug, so dass es selbst aus dem dezentesten Outfit irgendwann mal raunzt: „He, können Sie nicht aufpassen? Sie stehen auf meinem Ski!“ Bemerkenswerte Sensorik, die nur deswegen nicht zu Polizeiinterventionen führt, weil derartiges auf-den-Füßen stehen noch bei keiner Haftpflichtversicherung im Angebot ist: Den eigentlichen Schaden hat eigentlich immer der, der draufsteht – Kratzer im Decklack stören zwar die Optik, solche im Belag hingegen … Auch die Äsplätze, praktischerweise Hütten genannt, versprechen Spektakel wie bei jeder Raubtierfütterung. Nur wenn es richtig Winter ist, so bei -15 Grad, steifer Nord-Ost ab Stärke 3 und Schneefall, dann ist’s nicht mehr der Ski, sondern: „Hörn se mal, das ist mein Handtuch!“ Im Wellness-Bereich des Sporthotels „Heidi“ oder in Sharm-el-Sheikh. Hauptsache, mal rauskommen. |
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Äsplätze?
Ist das auch in Colorado? Ich fahr nur nach Aspen (..."Aspen ist laut Angaben des Forbes-Institutes die reichste Stadt der Vereinigten Staaten und zudem eine der reichsten der Welt"...) und nur DA geh' ich hin zum Skifahren... Den Freitag lese ich aus Geiz nur Online und lasse mir das Handtuch von meiner/m HaushaltshelfeR(iN) in der Sauna zuwedeln... |
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ed2murrow > Die Hölle, das sind die anderen, schon klar. Frag mich halt, ob wir nicht anders können, als angesichts einer großen Masse links und rechts, die dasselbe wie wir wollen, zum Rüpler werden.
Kann auch sein, dass das, WAS wir jeweils wollen, Einfluss auf Rüpelausmaß hat. Was ich bezweifle. Und nö: Schfahr nich Schi. |
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Ich war auch mittendrin. Mit Betonung auf war. Allerdings wesentlich lieber bei richtigem Winter, nicht nur wegen der leeren Äsplätze.
Natürlich wollen wir alle Zoo, am liebsten für uns. |
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"'Gugge mal, Függse,' sagt ein Mann im Vorbeigehen zu seiner Frau."
"Guggemavatiäschdorsch!" - Ein Satz, den ich vor Jahrzehnten mal in der Gegend hörte und einfach nicht vergessen kann. Ich saß hinten, ein Tramper, und das freundliche Ehepaar (es wird das selbe gewesen sein, nur jünger) auf den Vordersitzen unterhielt sich in diesem Idiom. Was sollte der Ausruf nur bedeuten? Erführe ich es eines Tages, könnte ich wieder einen kleinen Teil meiner Vergangenheit endlich ruhen lassen... |
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Bisweilen helfen Erinnerungen. Sei froh, dass noch das eine oder andere Töpfchen kocht im Gestern. Verhindert, dass Gegenwart allzu gar daher kömmt?
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wie? du warst in leipzig und hast mich nicht angerufen? sowas. also seit es dieses gondwana-land gibt, war ich noch nicht wieder im zoo. aber wenn menschen nur wegen eines schielenden opossums (gibt es eigentlich ein kondolenzbuch?) dorthin pilgern, stimmt wirklich was nicht mehr. wie schön das war, wenn man der ohnmacht im raubtierhaus entkommen gleich nebenan die kaninchen streicheln konnte. vielleicht konnte man sich auch nur wünschen, sie zu streicheln, das weiß ich nicht mehr so genau.
natürlich ist es schön, dass die tiere jetzt halbwegs artgerecht untergebracht sind, auch wenn ich seit dem keinen löwen mehr zu gesicht bekommen habe und mich ganz auf die erdmännchen konzentriere oder das depressive nilpferd. (die nilpferdin bekommt aus gründen die pille - die ist so groß wie ein brikett. die pille). was ich sagen will: je natureller der zoo ist, umso natureller benehmen sich auch die menschen. sie üben das seit jahren in der innenstadt und haben vor allem in den hauptbahnhof-arkaden viele erfahrungen sammeln können. überhaupt bleibt der sachse gern stehen, sofern es sich um aus- oder eingänge handelt, enden von rolltreppen und sowas. und er fühlt sich überall zu hause, wenn nicht gar gründungsvaterhaft berechtigt. da dieses selbstbild von der umgebung nicht immer bestätigt wird, neigt der sachse dazu, es zu erzwingen. letztendlich aber wird es wohl so sein, dass nicht der sachse das problem ist, erkann ja auch sehr zutraulich sein, sondern sie soziale verwahrlosung. und ich finde den gedanken interessant, dass sich dies in der umgebung von tieren verstärkt. bei den orang utans habe ich mal erlebt, dass die mutter, ich glaube, es war damals dunja, an die scheibe geschlenzt kam, sich hinsetzte und die besucher betrachtete, die sich daraufhin ein bisschen beobachtet fühlten und gingen. man konnte nämlich sehen, was sie denkt. |
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Vielleicht provozieren auch die Seufzanlässe, waberig unbewusst wahrgenommen, die "naturellen" Verhaltensweisen... Anrufen ging nicht - nächstes Mal, denn: Muss auf jeden Fall noch mal hin, um ein Foto zu machen: Es gibt eine Stelle mit Bänkchen, da sitzt du hinter dem Affenfreigehege und hast freien Blick auf die Besuchergesichter. Eine ver-rückte Perspektive, deiner Erfahrung mit Dunja ähnlich.
Gondwana-Land war feucht-warm und ist sicher ok, wenn es nicht so voll ist. Was total doof ist: Die spielen da Vogelgezwitscher ab, künstliches. Nie irgendwo rumstehend: A. |
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künstliches vogelgezwitscher? da gehe ich nicht hin. am ende sind die tiere auch nicht echt ... bis nächstes mal!
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Die Enge könnte auch gewollt sein, vonwegen: "Ihr wollt Zoos? BITTE, hier HABT ihr!" Hat was von in der F-Com bloggen, no? Mein ich ganz niedlich, türlich.
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Schön: Menschen im Zoo!
Das folgende fiel mir dazu ein (Helge Schneider ist doch eigentlich ein treffsicherer Sozio- Zoologe und Verhaltenspsychologe ...) |
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Groß und schön, danke. Bisserl froschfeindlich, aber einer muss ja der Böse sein.
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Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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