Aus Friedrich Torberg: DIE TANTE JOLESCH oder Der Untergang des Abendlandes in Anekdoten:
Eine wesentlich gelassenere Haltung zur Zeitungslektüre - und damit zum Tagesgeschehen schlechthin - nahm der alte Herr Spielmann ein, der kein Kaffehausbesucher war, aber darum nicht gänzlich uninformiert durchs Leben gehen wollte. Er bezog das "Prager Tageblatt" in einer besonderen Art von Sub-Abonnement, nämlich durch den Kellner eines kleinen Cafés, der die abgelegten Exemplare sammelte und sie allmonatlich gegen ein sehr geringes Entgelt Herrn Spielmann übergab. Das durfte immer erst am Ende des Monats geschehen, und Herr Spielmann ließ das Bündel dann noch einen weiteren Monat lang liegen, so daß er sich frühenstens am 1. Oktober das "Prager Tageblatt" vom 1. August vornahm.
Da von Zeit zu Zeit - etwa wenn er auf eine Geschäftsreise mußte - noch weitere Verzägerungen entstanden, verfolgte Herr Spielmann die Ereignisse mit einem durchschnittlichen Rückstand von zweieinhalb bis drei Monaten. Das ersparte ihm manche Aufregung, ermöglichte ihm eine weise Distanz zu den Entwicklungen, denen seine nervöse Umwelt Tag für Tag entgegenfieberte, und setzte ihn andererseits, wenn ihn ausnahmsweise einmal die Neugier überkam, in die Lage, sich nach dem Ausgang des betreffenden Falls zu erkundigen. Nur ein einzigesmal wurde ihm die Antwort verweigert; das geschah, als er im Mai 1933 einen Flüchtling aus Nazi-Deutschland fragte:
"Was glauben Sie - wird Hitler an die Regierung kommen?"