Andrej Holm

Blog von Andrej Holm

13.10.2011 | 11:20

Berlin: Macchiato-Mütter und Phantom-Schwaben

Die Veränderungen in Prenzlauer Berg sorgen mal wieder für Streit. Ein Kommentarschlacht unter einem taz-Artikel zeigt, wie eine gehässig vorgetragene Satire über so genannte Macchiato-Mütter eine grundsätzliche Auseinandersetzung um die kulturelle Deutungshoheit im Bezirk auslöst. Im Mittelpunkt der Diskussion mal wieder der angebliche Schwabenhass.

Doch der Reihe nach: Anja Maier, hat ein Buch ("Lassen sie mich durch, ich bin Mutter") geschrieben und die taz hat in einem Vorabdruck einige Passagen veröffentlicht: "Die Weiber denken, sie wären besser". Wohl selten hat die Ankündigung eines Sachbuches bereits vor dem Erscheinen so kontroverse Debatten ausgelöst. In nur drei Tagen wurden fast 350 Kommentare unter dem taz-Artikel gesetzt. Die Stimmung wirkt emotional aufgeheizt, es wird gepöbelt und beleidigt. Sexistisch, frauenfeindlich, ja sogar faschistisch lauten die Vorwürfe an die Autorin. Das Thema des Beitrages: die Latte-Macchiato-Mütter aus der Perspektive einer Gastwirtin.

Anja Maier hat für das Buch und den Beitrag ein Gespräch mit einer stark berlinernden Gastwirtin protokolliert, die in relativ deutlichem Unmut über die Gewohnheiten von Müttern mit kleinen Kindern in ihrem Café herzieht. Sie bezeichnet - und ja, dass ist nicht die feine Stube der Konversation - die Mütter dabei konsequent als "Rinder" und beschwert sich über die zum Stillen der Kinder im Café ausgepackten "Euter"... Kein feiner Ton. Aber als Erklärung für die heftige Kommentarschlacht nicht wirklich ausreichend.

Offensichtlich geht es auch nicht so sehr um die nicht gerade von Frauensolidarität geprägte Darstellung der Mütter im Café, sondern um etwas anderes. Eine Frequenzanalyse der Kommentare  verwies auf lediglich vier Kommentare, die den Beitrag als "sexistisch" bzw. "frauenfeindlich" kritisierten - 7 mal hingegen wurde der Beitrag als "faschistisch" bzw. "antisemitisch" beschreiben. Die Argumentation dahinter: hier würde gegen eine bestimmte Gruppe gehetzt, die als Sündenbock, für was auch immer herhalten muss. Welche Gruppe das sein sollte, wurde schnell deutlich: die Begriffe "Schwabe" bzw. "schwäbisch" hatten von allen regionalen, sozialen und kulturellen Gruppenbeschreibungen mit 85 Nennungen die höchste Trefferzahl. Weit abgeschlagen folgen "Wessis"/"Westdeutsche" (15 Nennungen) und "Ossis"/"Ostdeutsche" (6 Nennungen).

Die große Frage also, wie kommen die "Schwaben" in eine Diskussion um einen Artikel über Mütter in einem Café in Prenzlauer Berg? Im Beitrag selbst taucht der Begriff ein einziges mal als Synonym für eine knausrige Konsumkultur auf:

Is doch wirklich wurscht, ob die bei mir einkehren. Die verzehren eh nix. Sind alles Schwaben, die leiden, wenn se mehr als einsfuffzig ausgeben müssen. Manche setzen sich hin, holen ihre Thermoskanne raus und Kekse fürs Kind: Nein danke, für mich nichts. Spinnen die?

Im Text gibt es keine eindeutigen Hinweise auf die vermutete Herkunft der  beschriebenen Mütter:

 "Ich versteh gar nicht (...) warum die überhaupt hergekommen sind nach Berlin. Sollen die doch zurückgehen, dahin, wo sie herkommen" "dass alles genau so sein soll, wie sie es von zu Hause kennen aus ihrem Tal."

Trotzdem wird der Beitrag in vielen Kommentaren als Schwabenhetze eingeordnet. Offensichtlich haben ausgerechnet die Kritiker/innen der Kritik an den Aufwertungsfolgen das Klischee-Bild von den angeblich schwäbischen Gentrifiern stark verinnerlicht und spulen es ab, wann immer die eigenen Lebensentwürfe oder die Verdrängungsprozesse in Prenzlauer Berg thematisiert werden.

Diese Rezeptionsweise von Prenzlauer-Berg-Artikeln hat Formen des Phantomschmerzes. Wann immer einzelne Beobachtungen insbesondere von Alltagspraktiken und Lebensstilen veröffentlichst werden, fühlen sich Kommentatoren  (es sind meistens Männer) aufgerufen, im Namen eines imaginäres Kollektiv zu sprechen.

Peter Dausend, Zeit-Korrespondent und Bötzowkiezbewohner, hat Ende letzten Jahres mit seiner Kritik an einer Foto-Dokumentation in der GEO im Namen der ganzen Nachbarschaft (" wir Bötzow-Kiez-Bewohner") gegen angebliche Selbstzweifel polemisiert und sich für das Recht auf Milchschaum vorm Mund stark gemacht.

Auch Peter Praschl, Journalist bei der Süddeutschen und Winsstraßenkiezbewohner, fühlt sich zu einer Reaktion auf den taz-Artikel aufgerufen ("Meine Frau. Das Arschloch") und findet gleich, ganz Prenzlauer Berg sei unter Verdacht, als "Stadtteil ein Schurkenstaat" zu sein.

Zumindest im Fall der Mütter gibt es keine empirische Basis für die Annahme, damit könne der ganze Prenzlauer Berg gemeint sein. Selbst im kinderreichsten Quartier, dem Bötzowviertel, weisen die Daten gerade einmal 694 Kinder unter 6 Jahren aus. Unter der Annahme, dass sich auch in Prenzlauer Berg die meisten Kinder mit zwei Jahren auf eigenen Füßen bewegen können, sind das also maximal 250 Kinder im Kinderwagenalter. Bei knapp über 6.000 Einwohner/innen kann der Macchiato-Mütter-Anteil demnach bei maximal 4 Prozent liegen. Da gibt es mehr Hartz-IV-Empfänger/innen (6 Prozent) und Ausländer/innen (12 Prozent) - aber wohl niemand würde auf die Idee kommen, einen Bericht über Hartz-IV-Familien oder Migrant/innen in Prenzlauer Berg als umfassendes Stadtteilporträt aufzufassen und sich emotional aufgebracht gegen die Vorurteile auflehnen.

Was mich wirklich interessieren würde: Was ist bei den Berichten, Satiren und Plakaten zu "Schwaben", zur "Latte-Laptop-Generation" oder eben zu den "Macchiato-Müttern" anders? Warum wird über die benannten Gruppen gerade in Mainstream-Medien sooft und so gerne geschrieben? Wer fühlt sich da warum und unter welchen Generalverdacht gestellt?

 

Originalbeitrag im gentrificationblog

 
Senden Bookmarken Drucken
Kommentare
Nietzsche 2011 schrieb am 13.10.2011 um 12:44
Hallo Andrej Holm,

wir beide - ich wohne in Weißensee und arbeit im Prenzlberg - wissen wohl beide, dass esnicht vorrangig um Schwaben noch um stillende Mütter geht. Letztlich geht es - grob gesagt - um arm versus reich. Mit dem Zuzug gut bezahlter Arbeitskräfte - u.a. aus Schwaben - in den Prenzlberg und der damit verbundenen Aufwertung bestimmter Kieze hat eine Verdrängung der "alten" Kiezbewohner stattgefunden. Die Wut darüber hat sich ein Ventil gesucht, welches "Schwaben" heißt.
Ich vermute, dass sich ähnliche Prozesse in einigen Jahren in Friedrichshain vollziehen werden.
KalleWirsch schrieb am 13.10.2011 um 13:53
"Ich vermute, dass sich ähnliche Prozesse in einigen Jahren in Friedrichshain vollziehen werden."

Schon passiert.
ich schrieb am 13.10.2011 um 14:53
@KW
Auf jeden Fall. Und wenn Neukölln durch ist, sind Weissensee und Wedding als nächstes dran.
Sebastian Puschner schrieb am 13.10.2011 um 13:03
Sag, wie hältst dus mit den Kindern? Das befeuert die Verdrängungsdebatte ungemein, neben den sozialen und städtebaulichen Konfliktlinien. Viele Kommentare, denke ich, entspringen einem gefühlten Zwang, die eigene zeitliche Priorisierung von Karriere gegenüber Kindern zu rechtfertigen: Wir kümmern uns erst um Aufstieg & Konto, und dann kommen als Krönung die Kinder.
Und damit der unaushaltbar angestrengte Umgang mit ihnen, von dem die Café-Chefin erzählt. "Kinder sind für die kein Spaß, das ist 'ne Aufgabe, die sie lösen müssen." Besser kann man es nicht sagen.
Bildungswirt schrieb am 13.10.2011 um 13:14
Schöner Beitrag mit Klärungsabsicht.
Spiegelbildlich haben wird die "Prenzlauer-Berg-Kinder-Debatte" auch in Frankfurt im Stadtteil Nordend. Nur nicht ganz so absurd durchgeknallt.

@ Sebastian Puschner
Deine milieutheoretische Brille trifft sicher den Kern des Konflikts.
Katharina Schmitz schrieb am 13.10.2011 um 13:51
ich finde die milieutheoretische Brille überhaupt nicht klarsichtig. Und auch alle anderen Begründungen hier unzureichend. Seit ein paar Jahren werde ich von irgendwelchen hämischen intoleranten Prenzlauer-Berger-Mütter-Feuilleton-Artikeln geradezu verfolgt und bin mittlerweile wirklich rasend, wenn schon wieder ein Mütter-Bashing-Schmankerl von einem lustigen Single-Freund kommt, dieses Mal der TAZ-Link. Wie gut die Leute immer Bescheid und zu urteilen wissen, über unseren durchgestylten Lebensstil, die familienbedingte unglaublich schreckliche Beschränktheit, die sich nur bei Menschen mit Kleinkindern findet, dazu der irre Erziehungs- und Bildungswahn. "Wir kümmern uns erst um Aufstieg & Konto, und dann kommen als Krönung die Kinder." Ja - solche gibt es, nur nicht in meinem Bekanntenkreis.
Sebastian Puschner schrieb am 13.10.2011 um 13:59
In meinem Bekanntenkreis auch nicht. Der steuert in jugendlicher Unbekümmertheit gegen den Trend.
Aber wenn ich Anja Maiers Café-Chefin Authentizität unterstelle, das mit eigenen Beobachtungen in Berlin-Prenzlauer-Berg oder München-Schwabing vergleiche, dann haben die Feuilletions dieses Thema alles andere als aus der Luft gegriffen.
Katharina Schmitz schrieb am 13.10.2011 um 14:50
ja nur frage ich mich, welche Motivation dahinter steckt. Komischerweise sind es ja oft Feuilleton-Betrachtungen von Männern ohne Familie so in den Mittvierzigern, die in Berlin Mitte wohnen und für den Spiegel arbeiten oder so Unbekümmerte wie sie. Oft sind es Leute, deren 1000000 Euro-Fahrräder oder Fernreisen mich nie gestört haben, die aber ein Problem damit haben, wenn sich jemand ein schönen und funktionalen (!) Kinderwagen kauft. Komischerweise dürfen sich diese Leute für die abseitigsten Themen leidenschaftlich interessieren, aber wenn man sich Mutter womöglich tiefergehend für Erziehungsfragen interessiert, weil das Thema womöglich auch spannend ist, wirkt das gleich überbemüht. Kann man nur belächeln. Darüber hinaus findet die Debatte auch zwischen "coolen" Eltern (angrenzendes Kreuzberg) und doofen Eltern (Prenzlauer Berg) statt. Was für ein Gewese um Schule! Da gibt es die total lässigen Mütter, deren Kinder ja zum Glück nie dabei sind, wenn man sie trifft. Ein Fass ohne Boden ;0)
hadie schrieb am 13.10.2011 um 23:08
Das ist ein organisierter Hype. Die Geschichte mit den geizigen Müttern im Szene-Café habe ich vor Jahren schon mal irgendwo gelesen und kein Ferkel hat sich darüber aufgeregt.
hadie schrieb am 13.10.2011 um 23:08
Das ist ein organisierter Hype. Die Geschichte mit den geizigen Müttern im Szene-Café habe ich vor Jahren schon mal irgendwo gelesen und kein Ferkel hat sich darüber aufgeregt.
Ehemaliger Nutzer schrieb am 13.10.2011 um 17:18
Frauen sind nun mal "Rang höher" und "wichtigere Personen".

www.einsfestival.de/videos/einsweiter/einsweiter_videobox.jsp?video=/videos/einsweiter/video_xml/2011/kw_41/111010_einsweiter.xml&seite=1

Uralter sexistischer Schwachsinn. Ein Fall für die Mädchenmannschaft?
lisi stein schrieb am 18.11.2011 um 13:19
Gibt es keine Statistik via Bezirksämter wo man herausfinden könnte, wie viele Schwaben (Geburts-Schwaben) in welchen Bezirken leben? Damit wäre die Frage dann eindeutig geklärt. Im TAZ-Archiv aus den 80/90ern ließen sich sicher ähnliche Artikel zum "Schwaben-Bashing" finden. Thema: Hausbesetzer-Kinder aus Schwaben, Ökö-Muttis mit Wickeltuch und Stillexhibitionsmus, Ökö-Ladenkultur von Schwaben dominiert etc. So wird der "Schwabe" des 21. Jahrhunderts einfach am Prenzlauer Berg vermutet und dort ist er natürlich seiner Zeit voraus: Hauseigentümer, Doppelverdiener, Elternbeirat, Privatschulgründer, Kirchengemeinderat, Chormitglied, Design-Ladenlabelbesitzer etc.
1982 gab es mal ein Graffiti in der Zossener Str. "Schickis ab nach München". Wo treiben die "Bayern" ihr Unwesen, in Mitte, Zehlen- oder Schmargendorf?
lisi stein schrieb am 18.11.2011 um 13:22
natürlich ÖKo!!!
Andrej Holm
Ostberliner | Sozialwissenschaftler | aktiv in verschiedenen Stadtteil- und Mieterinitiativen
Mitglied seit:
3 Jahre 3 Wochen
Zuletzt aktiv:
29.03.2012
Status:
Autor
Aktivität:
Beiträge: 20
Kommentare: 7
Logbuch
16:12
bertamberg hat gerade einen Kommentar geschrieben.
16:11
bertamberg hat gerade einen Kommentar geschrieben.
16:10
bertamberg hat gerade einen Kommentar geschrieben.
16:09
delloc hat gerade einen Kommentar geschrieben.
16:07
kopfkompass hat gerade einen Blogbeitrag erstellt.
Jürgen Roth Gazprom – das unheimliche Imperium Westend Verlag 2012

316 Seiten. Gebunden.

19,99
 
Das Imperium Gazprom verfügt über eine eigene Armee und einen mächtigen Geheimdienst. An verantwortlichen Positionen arbeiten ehemalige KGB-Agenten, sein privater Besitz ist absolut geschützt, die Verantwortlichen sind unantastbar. Mit Hilfe williger deutscher und europäischer Industrieller versucht es, den Energiemarkt zu monopolisieren und die Verbraucher abzuzocken. Jürgen Roth enthüllt, wer hinter den Kulissen die Fäden zieht >> mehr
Arte-Kooperation

portlet_ArabienArte.png

portlet-gaertnerbuch.png

wir müssen reden

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Der gefährlichste Mann Europas?

Ausgabe 21/2012
24.05.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_Gaertner.jpg

Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

Freitag-Buchshop.png

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG