Andrej Holm

Blog von Andrej Holm

22.09.2011 | 01:55

Berlin: Was haben die Piraten mit 30 Jahren Häuserkampf zu tun?

Der Hype um den überraschenden Wahlerfolg der Piratenpartei wird vielfach vom Image des jungendlichen und unverbrauchten Politikstils der Generation Internet getragen. Doch ein Blick zurück in die Berliner Geschichte zeigt: Piraten hin oder her - Protestparteien hatten in Zeiten der Wohnungskrise immer gute Chancen. Anfang der 1980er Jahre gerieten die bisherigen Konzepte der Stadt- und Wohnungspolitik endgültig aus den Fugen und 150 besetzte Häuser markierten einen Wendepunkt. Auf der Woge der Unzufriedenheit und des Protestes zog 1981 die Alternative Liste (AL) - der Berliner Vorgänger der heutigen Grünen - erstmals ins Abgeordnetenhaus ein.

Auch 30 Jahre später erscheinen Wohnungskrise und Protestwahl als zwei Seiten der selben Medaille. Die wahlkreisbezogene Stimmenverteilung der Piratenpartei ist nahezu deckungsgleich mit den aktuellen Mietsteigerungsdynamiken in Berlin: je höher die Mietsteigerungen, desto mehr Stimmen für die Piratenpartei. In 22 der insgesamt 78 Wahlkreise erzielte die Piratenpartei mehr als 10 Prozent der abgegebenen Stimmen - 19 davon liegen in den von Gentrification-Prozessen erfassten Altbauquartieren von Friedrichshain-Kreuzberg, Nordneukölln, Prenzlauer Berg, südliches Lichtenberg und Alt-Treptow.

So ungefähr sieht der idealtypische Stadtraum von Wähler/innen der Piratenpartei aus

Zugegeben, solche Zahlenspielereien haben nur einen begrenzten Erklärungswert - ein Blick zurück in die Geschichte kann sich dennoch lohnen:

  • Auch die Berliner Zeitung interessierte sich für Thema und hat mich nach den Parallelen zwischen den aktuellen Mieterprotesten und der Hausbesetzerbewegung vor 30 Jahren  befragt: "Die selben Ursachen".

Ausschnitt aus dem Interview:

(...)Die Piratenpartei hat in den Innenstadt-Kiezen ihre größten Erfolge. Gibt es einen Zusammenhang?
Ja, das ist die klassische Protestpartei. Das haben früher die Grünen und Anfang der 90er teils auch die PDS verkörpert. Die Piraten wurden nicht gewählt, weil sie Antworten zur Mietenentwicklung hätten, sondern weil die Anderen schon bewiesen haben, dass sie keine haben.  

Auf dem Höhepunkt der Besetzerbewegung in West-Berlin kam die Alternative Liste, Vorläufer der Grünen, 1981 das erste Mal ins Abgeordnetenhaus. Sehen Sie Parallelen?
Auch für die frühen 80er-Jahre können wir eine wohnungspolitische Krise konstatieren. Es war die Zeit der langen Schlangen nicht nur bei den Wohnungsbesichtigungen, schon beim Kauf der Zeitungen mit den Annoncen am Sonntag. Es gab eine Baupolitik, die auf Flächenabriss und Neubau setzte und die Lage damit verschärfte. Die Besetzerbewegung ist im Wortsinn in die Leerstellen der gescheiterten Stadtentwicklungspolitik hinein gestoßen. Die AL füllte diese Lücke im Parlament. Die Ursachen sind die selben. 

(...) Die erste rot-grüne Koalition zerbrach 1991 nach nur zwei Jahren wegen der polizeilichen Räumung der Mainzer Straße. Erwarten Sie bei einer möglichen Neuauflage Korrekturen in der Wohnungspolitik?
Das wird stark davon abhängen, ob der Druck von außen anhält.

Ist das ein Aufruf?
Das ist eine Feststellung. Keine der zur Debatte stehenden Parteien wird es sich leisten können, die Wohnungsfrage zu ignorieren und an den Mietern vorbeizuregieren.

Originalbeitrag: gentrificationblog

 
Senden Bookmarken Drucken
Kommentare
ich schrieb am 22.09.2011 um 10:47
Ist der Zusammenhang zwischen Stärke des Gentrification-Prozesses und der Anzahl Stimmen für die Piraten in einzelnen Wahlkreisen reine Spekulation oder belegbar?

Ich würde im ersten Moment nämlich denken, dass die Piraten in manchen Vierteln so erfolgreich sind, weil sie zu der Gruppe von Bewohnern gehören, die den Gentrification-Prozess eher fördert, als dass sie sich durch ihn bedroht sieht.
Andrej Holm schrieb am 22.09.2011 um 12:30
Hallo,
ja ist natürlich eine gute Frage. Belegbar ist - wie dargestellt - erstmal nur der Zusammenhang von steigenden Mieten und hohen Stimmanteilen für die Piratenpartei.
Das Argument, die Kieten steigen weil viele Piraten-Wähler/innen in den Viertel wohnen, würde ich gerne umdrehen: Bewohner/innen in angesagten und umkämpften Vierteln wählen überdurchschittlich die Piratenpartei.
Der Grund dafür ist - meiner Meinung nach - weniger im programmatischen Profil der Piraten zu suchen, sondern in der stadtpolitischen Gesamtsituation. Internetaffine Wähler/innen hätte es ja auch schon bei früheren Wahlen geben können - hat es aber nicht. Der Zugewinn an Stimmen muss daher v.a. außerhalb inhaltlichen Positionen der Piratenpartei gesucht werden. Meine These von der unverbrauchten Protestpartei zielt ja hauptsächlich auf das wohnungspolitische Irrlichtern der etablierten Parteien - das eben in den beschriebenen Aufwertungsgebieten am deutlichsten sichtbar wurde. Das viel beschriebene Pionier-Dilemma von Gentrification-Prozessen bringt es dabei mit sich, dass auch Gegner/innen von Mietsteigerungen und Verdrängung mit ihrem symbolischen Kapital zur Aufwertung beitragen.

Soweit, AH
Andrej Holm
Ostberliner | Sozialwissenschaftler | aktiv in verschiedenen Stadtteil- und Mieterinitiativen
Mitglied seit:
3 Jahre 3 Wochen
Zuletzt aktiv:
29.03.2012
Status:
Autor
Aktivität:
Beiträge: 20
Kommentare: 7
Logbuch
15:39
musica hat gerade einen Kommentar geschrieben.
15:39
Don Quijote hat gerade einen Kommentar geschrieben.
15:38
delloc hat gerade einen Kommentar geschrieben.
15:38
rago42 hat gerade einen Kommentar geschrieben.
15:34
Ismene hat gerade einen Blogbeitrag erstellt.
Jürgen Roth Gazprom – das unheimliche Imperium Westend Verlag 2012

316 Seiten. Gebunden.

19,99
 
Das Imperium Gazprom verfügt über eine eigene Armee und einen mächtigen Geheimdienst. An verantwortlichen Positionen arbeiten ehemalige KGB-Agenten, sein privater Besitz ist absolut geschützt, die Verantwortlichen sind unantastbar. Mit Hilfe williger deutscher und europäischer Industrieller versucht es, den Energiemarkt zu monopolisieren und die Verbraucher abzuzocken. Jürgen Roth enthüllt, wer hinter den Kulissen die Fäden zieht >> mehr
Arte-Kooperation

portlet_ArabienArte.png

portlet-gaertnerbuch.png

wir müssen reden

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Der gefährlichste Mann Europas?

Ausgabe 21/2012
24.05.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_Gaertner.jpg

Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

Freitag-Buchshop.png

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG