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In den klassischen Gentrification-Modellen werden Künstler/innen als Pioniere des Aufwertungsprozesses konzipiert, die als tragische Gestalten der Gentrification mit ihren Aktivitäten und Einrichtungen zur symbolischen Aufwertung von Nachbarschaften beitragen und im Zuge der dadurch ausgelösten Inwertsetzungsprozesse selbst verdrängt werden (Dangschat 1988). Die Arbeiten von Sharon Zukin zeigen, dass die Verwandlung von ortsgebundenen kulturellen Praktiken in einen immobilienwirtschaftlichen Gewinn mehrere Stufen der Kapitaltransformation durchläuft und als eine Enteignung des kulturellen Kapitals von Künstler/innen interpretiert werden kann (Zukin 1990). Kein Wunder also, dass Künstler/innen selbst auch zu Akteuren von Stadtteilauseinandersetzungen werden. Ihre Rolle in den Anti-Gentrification-Protesten hingegen bleibt höchst ambivalent, zumal sie sich zu den umworbenen Akteuren eine Creative-City-Politik (Florida 2005) entwickelt haben.
Kultur als Medium und Arena städtischer Proteste
Im Sommer 2009 besetzten Künstler/innen einen bereits an einen Investor verkauften Gebäudekomplex im historischen Gängeviertel von Hamburg. Ihr Manifest ‚Not In Our Name’ wurde in der ZEIT abgedruckt (DIE ZEIT 2009) und die Besetzer/innen konnten sich vor Sympathie kaum retten. Fernsehreportagen und Leitartikel verbreiteten die Nachricht von den rebellischen Retter/innen Hamburgs und selbst die sonst eher konservative Hamburger Morgenpost schlug sich auf die Seite des städtischen Protestes. Der Kauf wurde inzwischen rückabgewickelt und die Stadt verhandelt mit den Künstler/innen des Gängeviertels über einen langfristigen Pachtvertrag (Breckner 2010: 31f.) und in der Hamburger Bürgerschaft wird wieder über steigende Mieten, Verdrängungsgefahren und Gentrification diskutiert. Begleitet wurde die Kampagne von einem regelrechten Boom an Artikeln über steigende Mieten und die Verdrängung aus den Innenstädten in fast allen überregionalen Tageszeitungen. Kunst fungierte hier als erfolgreiches Medium einer stadtpolitischer Mobilisierung, die über die unmittelbaren Forderungen der Kulturproduzent/innen hinausreichte.
Ein Jahr später gehören die Zeiten der freundlichen Protestporträts der Vergangenheit an. Nachdem im Sommer diesen Jahres als Fahndungsbilder gestaltete Anti-Gentrification-Plakate mit den Gesichtern der Kurator/innen der 6. Berlin Biennale auftauchten, blies das versammelte Feuilleton der deutschsprachigen Presselandschaft zum Gegenangriff. In der eigentlich seriösen Berliner Zeitung wurden die Biennale-Kritiker in die Nähe von Nazis gerückt (Jähner 2010), der in Wien erscheinende Standard fühlte sich an die Terroristen-Hetze der 1970er erinnert (Rebhandl 2010) und in der Süddeutschen Zeitung war die Rede von einer „Hetzjagd auf die Gentrifizierung“ (Füchtjohann 2010) hätten. Der Versuch, die Kunst als Arena des stadtpolitischen Protestes zu nutzen wurde als Provokation angesehen.
Depolitisierung künstlerischer Interventionen
Die unterschiedliche Rezeption der beiden beschriebenen Interventionen löst zunächst Verwunderung aus, wird doch die wesentlich konfrontative Protestform der Besetzung in Hamburg von einer breiten Welle öffentlicher Sympathie getragen, während die rein symbolische Plakataktion in Berlin heftigen Widerspruch erzeugt. Eine Erklärung könnte in der wachsenden Kooptionspotentialen einer zunehmend kulturalisierten Stadtpolitik zu finden sein.
So steht die Besetzung des Gängeviertels in letzte Konsequenz für die hegemonialen Raumaneignungsstrategien von Kulturschaffenden, die sich die Stadt zur Bühne machen. Die Inbesitznahme des Gängeviertels als Atelier und Ausstellungsort korrespondierte mit der romantischen Figur des bildenden Künstlers und ließ sich so in das Leitbild der ‚Kreativen Stadt’ integrieren. Besetzer/innen berichteten mir, dass es fast unmöglich war, von der Presse als politische Aktivist/innen und nicht ausschließlich als Künstler/innen wahrgenommen zu werden. Selbst die eindeutigen politischen Statements, sich nicht für die Konzepte einer unternehmerischen Stadtpolitik vereinnahmen zu lassen, schreckten den internationalen Creative-City-Papst Richard Florida nicht davon ab, die Hamburger Konzessionsentscheidung des Rückkaufs als globales Modell für den Umgang mit der kreativen Klasse zu feiern (Spiegel Online 2009).
Ganz anders die Biennale-Kritik in Berlin: Hier wurde das Verhältnis von Stadt und Kultur umgedreht und anonyme Stadtteilaktivist/innen benutzen die Kunstausstellung als Bühne ihres Protestes. Das Provokationspotential der Plakate liegt in der Thematisierung von Kultur als effektivem Schmiermittel der Gentrification. Ein Blick zurück zeigt, dass das Ausstellungsprojekt und Biennale-Vorläufer „37 Räume“ 1992 unmittelbar auf die symbolische Umwertung und wohnungswirtschaftliche Inwertsetzung der Spandauer Vorstadt zielte. Damals wurden 37 leerstehende Wohn- und Gewerberäume in der Auguststraße für Ausstellungen genutzt und verwandelten die damals noch proletarisch geprägte Nachbarschaft in eine willkommene Kulisse einer internationalen Boheme. Die zaghaften Proteste von Anwohner/innen wurden als konservative Angst vor Veränderungen denunziert. Die Aufwertungsprozesse sind inzwischen weitgehend abgeschlossen: Nur noch 20 Prozent der früheren Bewohnerschaft lebt in Quartier – einen Großteil der damals eröffneten Galerien gibt es noch immer (Holm 2010: 90 ff.). Darüber reden wollen nur wenige – stellt doch die allzu offenen Thematisierung der Schnittstellen von Kultur und immobilienwirtschaftlichen Aufwertungsinteressen das Selbstbild einer klassenlosen Kreativitätspolitik in Frage.
Quellen:
Breckner, Ingrid (2010): Gentrifizierung im 21. Jahrhundert. In: Aus Politik und Zeitgeschichte, 17/2010, 27-32
Dangschat, Jens S. (1988): Gentrification: Der Wandel innenstadtnaher Nachbarschaften. In: Jürgen Friedrichs (Hg.): Soziologische Stadtforschung, Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Sonderheft 29/1988, 272-292.
DIE ZEIT (2009): Not in Our Name. In Die Zeit, Nr. 46, 05.11.2009
Florida, Richard (2005): Cities and the Creative Class, 2005. New York: Routledge
Füchtjohann, Jan (2010): Was ihr wollt. Warum der Protest gegen die Gentrifizierung gerecht ist – aber auch reichlich borniert. In: Süddeutsche Zeitung, 12.07.2010
Holm, Andrej (2010): Die Karawane zieht weiter – Stationen der Aufwertung in der Berliner Innenstadt. In: Cicek Bacik; Cagla Ilk; Mario Pschera (Hrsg.) Intercity Istandbul Berlin. Berlin: Dagyeli Verlag, 89-101
Jähner, Harald (2010): Die Möchtegern-Polizei aus Kreuzberg. In: Berliner Zeitung, 14.06.2010
Rebhandl, Bert (2010): Prinzip der Zwischennutzung. In: Der Standard, 11.06.2010
Spiegel Online (2009): Hamburg als Modell. US-Ökonom Florida will Künstler an öffentlichem Eigentum beteiligen. SpiegelOnline, 6.11.2009, www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,659833,00.html
Zukin, Sharon (1990): Socio-Spatial Prototypes of a New Organization of Consumption: The Role of Real Cultural Capital‘. In: Sociology, vol.24 no.1, 37-56
offline erschienen in MALMOE, Ausg. 51, 10
online auch unter gentrificationblog
Startseite: (Foto: Libertinus Yomango / Flickr)
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Lieber Andrej Holm,
in dem von Ihnen zitierten Manifest »Not in Our Name, Marke Hamburg« lesen wir Erstaunliches: Wir haben in dieser Stadt immer Orte aufgesucht, die zeitweilig aus dem Markt gefallen waren – weil wir dort freier, autonomer, unabhängiger sein konnten. Wir wollen jetzt nicht helfen, sie in Wert zu setzen. (...) Für uns hat das, was wir in dieser Stadt machen, immer mit Gegenentwürfen zu tun, mit Utopien, mit dem Unterlaufen von Verwertungs- und Standortlogik.Und weil die Unterfertiger dieses Pamphletes, die sich entgegen aller Behauptung als der echte Hamburger Standortfaktor präsentieren, das wohl auch allen Ernstes selber glauben, gehören in ihre Reihen neben hunderten Eventmanagern, Erlebnisgastronomen und sonstigen »subversiven« Beschäftigten der lokalen Kulturindustrie selbstverständlich auch die Goldenen Zitronen und Tocotronic genauso wie Jochen Distelmeyer und Rocko Schamoni, Jan Delay und Daniel Richter. Und damit ist die ganze Misère dieses lächerlichen Konformistenaufstands auch schon auf den hinreichend komischen Punkt gebracht: Hier geht es nicht um Utopien angeblich autonomer Kulturschaffender, die in Wahrheit nur unter sich bleiben wollen, weil sie zuerst da waren und sich nicht von möglicherweise FDP wählenden Yuppies aus der Wohnung klagen lassen wollen, sondern um die Verteidigung von Pfründen und Duftmarken, die man in jahrelanger Kärrnerarbeit mit der offiziellen und inoffiziellen Hamburger Kulturpolitik herbeisubventionierte. Das erklärt auch den von vornherein absurden Anspruch, gleichzeitig »subversiv« sein und Politik treiben zu wollen — absurd deshalb, weil die Politik das Gegenteil aller Subversion nur sein kann und demnach das ewige Geseier über die angebliche »Entpolitisierung« der Protestlerbewegungen verkennen muß, was die guten alten Situationisten noch sehr genau wußten: daß kreative Massenbewegungen gegen Verwertungs- und Standortlogik in Wahrheit nur spektakuläre Volksfronten genau dafür sind. Viele Grüße Josef Allensteyn-Puch |
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Meine Güte, j-ap, ich kenne einige der 'Protestler', wie Sie sie so herablassend zu nennen belieben und weiß, daß es denen neben bezahlbaren Mieten tatsächlich um eine vielfältige Innenstadt Hamburgs geht. Nicht ein einziger von denen hat irgendwelche offiziellen oder inoffiziellen Kultur-Subventionen jemals auch nur von weitem gesehen. Merke: es kostet nicht nur viel Geld, sondern auch viel Kraft, aus Unbezahlbarkeitsgründen alle paar Jahre umziehen zu müssen, damit die nächste glatt geleckte Ecke entstehen kann.
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Liebe dame,
ich nenne diejenigen Protestler völlig zurecht und mit deutlich pejorativer Konnotation Protestler, die vorgeben, subversiv sein zu wollen, während sie in Wahrheit nur Politik machen wollen. Und dabei ist übrigens auch völlig unerheblich, ob es sich um ein Hamburger Reservat handelt oder, wie vor zwei Jahren, um einen Berliner Volksaufstand, der Tempelhof zur klassenmäßig befreiten Sonderzone außerstandbesetzen wollte — den entsprechenden Aufruf der eponymen Gruppe »Mieten stopp!« (auf den bemerkenswerterweise auch das gentrificationblog von Herrn Holm verlinkt) finden Sie übrigens hier im Wortlaut, den Sie sich bitte mal auf der Zunge zergehen lassen wollen. Grüße J. A.-P. |
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Die einzig wahre Nachnutzung des Tempelhofer Flugfelds ist ohnehin 'The Berg': b-030.de/wp-content/uploads/2009/01/tempelberg-berlin_tempelhof-425x425.jpg
...;-)... Berliner Volksaufstände muß ich wohl verpasst haben oder meinten Sie das bißchen Gerangel, damit auf dem Flugfeld keine Stadtvillen gebaut werden? Die der Bezirk so nötig braucht wie einen Furunkel, ein Mangel besteht tatsächlich an einem für alle nutzbaren Park, Görlitzer Park und Hasenheide sind nämlich übernutzt. Ansonsten, verehrter j-ap, man merkt Ihnen - mit Verlaub - Ihre VielGeldArroganz und Ihren Anarchokapitalismus in zunehmend unangenehmer Weise an, me thinks. Weder die erwähnten Hamburger Freunde noch ich während meiner beruflichen Tätigkeit hatten je Zeit und Interesse an irgendwelchem 'Protestlertum' oder an 'Subversion', sondern weit eher Existenznot und reichlich viel zu arbeiten, um halbwegs um die Ecke zu kommen. Es geht auch nicht um 'Reservate', sondern darum, nicht ständig von den Carlofts und ähnlichen 'Investoren' zur Attraktivierung runtergekommener Gegenden gerade recht zu sein, nach erfüllter Negerpflicht aber mittels unbezahlbarer Mieten entsorgt zu werden. Wußten Sie, daß Wohneigentum in St.Pauli mittlerweile teurer ist als in Blankenese? |
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Lieber Josef Allensteyn-Puch,
vielen Dank für Ihren Kommentar. Ihre Mutmaßungen über die Motive der in Hamburg protestierenden Künstler/innen können wahr sein - oder auch nicht. Mir fehlen für diesen subjektiven Faktor des Protestes die Belege. Was ich im Beitrag beschrieben habe, war vielmehr die öffentliche und mediale Rezeption von Aktivitäten. Wir treffen uns möglicherweise in der Einschätzung, dass künstlerische Interventionen wie die Gänge-Viertel-Besetzung von den Standortkogiken der Unternehmerischen Stadt vereinnahmt werden (können). So ähnlich verhält es sich mit dem von Ihnen (zurecht?) belächelten Entpolitisierungs-Gejammere. Ich habe nicht von den Zielen und Selbstbildern der Aktiven geschrieben, sondern mit dem Begriff der "Depolitisierung" die medialen Spiegelungen von zwei Protestaktionen unter die Lupe genommen. Und zumindest die Biennale-Kritik in Berlin Kreuzberg kann als subversiver Akt angesehen werden, die sich beim besten Willen nicht als "Volksfront für die Standortlogik" interpretieren lässt. Viel spannender als die Schelte für andere fände ich aber ein Diskussion über die eigenen Ansätze. Ich nehme mal an, auch Sie stehen den gesellschaftlichen Verhältnissen zumindst skeptisch gegenüber und würden sie gerne verbessern/umstürzen/außer Karft setzen... Wo sehen Sie denn die Spielräume dafür - bzw. Wie können wir uns ein progressiv gesellschaftliches Handeln jenseits des von Ihnen gescholtenen "Politik" machens vorstellen? Beste Grüße, Andrej Holm p.s. Was ist eigentlich bemerkenswert daran, den Aufruf einer Mieten-Stopp-Kampagne auf dem gentrificationblog verlinkt zu sehen? |
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Anarchokapitalismus? Ja, Madame, das war wohl mal eine Marotte von mir, da haben Sie recht. Die ist passé — nicht wegen des 'anarcho', sondern wegen des 'kapitalismus' darin. Wenn Sie so wollen, ist also nach dieser eher peinlichen Episode (die aber immerhin viel für anarchistische Theorie zeitigte) wieder back to the roots angesagt, weshalb ich übrigens auch wieder meinen Johannes Agnoli ausgegraben habe.
Den Begriff des Subversiven habe ich übrigens weder Ihnen noch Ihren Hamburger Freunden angekreidet. Er steht aber da in diesem seltsamen »Manifest«, Madame, und nur weil Sie dem zustimmen, spricht Ihr persönliches So-sein noch lange nicht gegen die begründeten Einwände, die an eben dieses Manifest zu richten sind. Ich weiß auch gar nicht, weshalb Sie sich nun für diese Chose so auf die Barrikaden werfen, viel eher hätte man nämlich von Ihnen & Cie. erwarten können, sich von allerlei »falschen Freunden« zu verabschieden, die ihre Paraphen unter diesen Aufruf setzten und damit wohl das Ziel, das Sie anvisieren (nämlich die Beseitigung existenzieller Nöte, wo ich im übrigen ganz an Ihrer Seite bin), genau so unterlaufen, wie Sie es nun in völliger Verkehrung meiner Wenigkeit vorhalten. Aber wo, bittesehr, steckt in mir das, was Sie recht illiterat mit »VielGeldArroganz« (was soll das überhaupt heißen?) zu bezeichnen belieben, wenn ich mir bei Formulierungen wie »Wir wollen im Wagendorf wohnen und Hütten bauen,(…) Blumen pflücken und mit Tieren kuscheln«, der in dem verlinkten Text der Mieten stopp!-Gruppe steht, einfach nur an den Kopf fasse? Was man so auch in einer psychiatrischen Anstalt mit Beschäftigungs- oder Delfintherapie haben könnte, wird hier allen Ernstes zum »zukunftsweisenden« und »nachhaltigen« Konzept zur Städteplanung aufgeblasen. Historisch lassen sich derart »zukunfts«weisende Konzepte wohl im späten Mittelalter verorten, in das man offensichtlich händeringend zurück möchte, denn nicht etwa geht es diesen Leuten um ein Anheben des Berliner Lebensstandards, um einen flächendeckenden Zugriff auf medizinische Versorgung, Bildung und Nahrung für alle Menschen, sondern ums Kuscheln mit Tieren und den autonomen Gemüseanbau. Immerhin ist das schonmal Klartext, der hier geredet wird: Die Menschheitsbefreiung findet durch die Kartoffeln statt, am bäuerlichen Wesen muß die Welt genesen. Schon die herablassende Polemik gegen derlei Idiotie langweilt regelrecht, ist sie doch ebensowenig neu oder originell, wie es die Bauernschläue derer ist, die ja doch nur das aussprechen, was eh schon lange alle denken. |
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Verehrter Freiherr - das Pamphlet habe ich nicht gelesen, es auch nicht vor und sehe ohnehin auch keinerlei Grund, mich von wem auch immer zu distanzieren, mit dem Sie & Cie. mich in einen Topf zu werfen geruhten. Vielleicht überdenken Sie das Niveau der Unterhaltung.
Sie wähnen sich also an meiner Seite zur Beseitigung existenzieller Nöte, ja? Sollte es etwa auch zu einer eher peinlichen, jedoch vergangenen Episode gehören, daß Sie Anhänger des Zensuswahlrechts für Nettosteuerzahler sind oder waren? Oder gedenken Sie, in meinem Sinn über mich zu bestimmen? Was mir im übrigen in etwa so angenehm wäre wie von Ihnen, Andrej Holm unter 'tragische Gestalten' subsummiert zu werden. Einen guten Abend, die Herren. |
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(Andrej Holm schrieb am 10.10.2010 um 20:45)
Guten Abend, Herr Holm. Ihre Frage ist ebenso richtig wie gefährlich, denn indem Sie von mir ein wie auch immer positiv formuliertes Programm einfordern, bringen Sie mich in die Nähe der Gestalten, die man früher recht wenig schmeichelhaft, aber sehr präzise »Bewegungsbonzen« nannte. Das Wort ist heute weitgehend unbekannt — kein Wunder, es ist zusammen mit den Situationisten untergegangen — und bezeichnete diejenigen, die sich ganz eigenmächtig auf die Podien setzten und als selbsternannte Arbeiter der Stirn die Prärogative in Anspruch nahmen, den da unten sitzenden Arbeitern der Faust irgendwelche Jobs zuzuschanzen. Daraus ergibt sich freilich auch die Ableitung für die andere Praxis, nach der Sie fragten. Wer nämlich außerhalb des eigenen Grundstücks ganz billig die Assoziation der Freien und Gleichen propagiert, bei sich zuhause aber herumherrscht wie zu Kaisers Zeiten der Obrist im Kasino, der hat es nicht verdient, das Wort Emanzipation in den Mund zu nehmen. Und diese miese Praxis, dieses Grundfalsche im Grundfalschen betrifft eben nicht nur die Damen und Herren höchstpersönlich, sondern auch die Organisationen, die sie so mitunter gründen. Früher war nämlich innerhalb der Linken noch selbstverständliches Gemeingut, daß zur marxistischen Fetischkritik eben nicht nur die Kritik des bürgerlichen Waren- und Rechtsfetischs gehört, sondern auch die Kritik des Staatsfetischs in eigener Sache, denn der Staat ist es, der als Institut die Rechtsform zu garantieren hat, ohne die es weder Warenform noch daran anschließende Akkumulation und d.h. Ausbeutung geben kann. Wer von der Ausbeutung reden will, der darf vom Staat nicht schweigen wollen oder er lügt sich und anderen etwas vor, denn die Form Staat ist nun einmal der Garant für den objektiven Zwangscharakter der Reproduktion, auf den man sich nicht durchs Politikmachenwollen einzulassen, sondern den man abzuschaffen hat. Und in diesem Sinn ist es nicht nur nicht hilfreich, sondern vollkommen kontraproduktiv, Appelle an die Politik zu senden, denn jeder dieser Appelle kann, da er sich innerhalb des Bestehenden bewegen muß, nur bestenfalls eine zeitweilig weniger schlimme Reproduktion des Bestehenden sein, die mal hier und mal da lindert, schützt und beispringt, aber am langen Ende rein gar nichts löst. Was haben sich die Unterzeichner dieses »Manifests« eigentlich erhofft, Herr Holm? Daß der Hamburger Senat ein Gesetz erlassen möge, um die damen und Herren ansässigen Kulturschaffenden unter Denkmalschutz zu stellen? Sind die noch bei Trost? Ich habe hier vor einigen Tagen geschrieben: Nieder mit dem Staat, nieder mit dem Volk, nieder mit der deutschen Nation und nieder mit der Arbeit. — Darunter sollten wir es nicht machen, finde ich. Was wir brauchen, ist eine neue fundamentale außerparlamentarische Opposition, die diesmal nicht von scheinheiligen Reformisten und sonstigen manischen Gesundbetern über die schiefe Bahn auf den langen Marsch durch die Institutionen hinuntermoderiert wird, sondern eine, die Ernst macht mit dem Umsturz der gesellschaftlichen Verhältnisse, in denen der Mensch nach wie vor ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist. |
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Liebe dame,
es tut mir wirklich aufrichtig leid, daß ich ganz unbotmäßig Ihre ungeschriebenen Kompetenzen verletzt habe, indem ich in Ihrem Ressort wilderte — in das gehört nämlich die unbedingte Aufforderung an irgendjemanden, sich von irgendwas wieder mal zu distanzieren. In dem Fall soll ich mich, auch wenn Sie's nicht aussprechen, vom Zensuswahlrecht distanzieren. Wenn Sie es vielleicht noch einmal für nötig befinden würden, auch den Zusammenhang zu erwähnen, in dem ich sintemalen darauf zu sprechen kam, dann überlege ich es mir vielleicht sogar noch. Es geht, wie ich glaube ich zum hunderttausendsten Mal schreibe, nicht um irgendeine Bestimmung oder auch nur eine Änderung der Bestimmer, sondern um die Abschaffung des Bestimmens von Menschen über Menschen schlechthin. Das mögen Sie meinethalben noch so oft mißdeuten, wenn es gerade mal wieder en vogue ist, effektvoll die Eingeschnappte zu geben, aber ich bleibe dabei. Guten Abend auch Ihnen. |
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Weder fordere ich, gerade nun von Ihnen nicht @ j-ap, irgendwelche Distanzierungen noch 'gebe ich die Eingeschnappte' - Sie müssen mich wohl verwechseln. Es war/ist mir aber meinerseits lästig, mich zu Ihren gestrigen Unterschüben verhalten zu müssen. Ihre Zusammenhänge bezüglich Ihrer Sympathien für das Zensuswahlrecht erwähnen Sie bitte selbst, sofern Ihnen das nötig erscheint? Ich sähe mich außerstande, das angesichts Ihres darin transportierten Menschenbilds unemotional zu tun und ich möchte Sie nicht verfälscht wiedergeben.
Der von Ihnen häufig vorgetragenen Absicht, das Bestimmen von Menschen über Menschen abschaffen zu wollen, konnte ich noch nie recht Glauben schenken, tut mir leid. Dazu 'kennen' Sie und ich uns zu gut und lange aus dem Zeitforum. Ihre Metamorphosen hier betrachte ich ja mit Interesse, mir gefällt aber u.a. Ihre zunehmende Tendenz zum & Cie. mir gegenüber nicht besonders. Kein Grund, sich davon zu distanzieren, bewahre. Ich möchte wohl aber höflich um eine etwas größere Schublade mit nicht ganz so gräßlichem Geräusch für mich bitten. Das einzige Ressort, in dem Sie zu meiner gelinden Verärgerung 'gewildert' haben, ist eins, in dem Sie keine Erfahrung haben, nämlich mit der Realität der allermeisten Künstler und kleinen Gewerbetreibenden und die durch Mietenanstieg weiter erschwerten Existenzen. Deswegen halte ich es auch für reichlich anmaßend, sich darin auf 'meiner' Seite zu wähnen, indem Sie offensichtlich keine Vorstellung davon haben, wo 'meine' Seite überhaupt ist. Was Künstler und kleine Gewerbetreibende brauchen, um ihrer Arbeit möglichst gut nachgehen können, ist wenigstens ein Hauch von Planungssicherheit. Ist Ihnen mal der Gedanke gekommen, daß der Widerstand in HH (mit der Unterstützung von prominenteren Künstlern) in erster Linie dem Bedürfnis entspringen könnte, sich nicht völlig geräuschlos verschieben und mißbrauchen zu lassen, indem andere von der geldwerten Leistung, nämlich den Abriß eines Viertels verhindert und es attraktiv gemacht zu haben, in geradezu obszöner Weise profitieren? In Kreuzberg verhält es sich insofern anders, als der verhinderte Abriß des Viertels länger zurück liegt, das Muster ist aber das Gleiche. Welchen inhaltlichen Beitrag haben denn Ihrer Ansicht nach die Kaukas dieser Erde für Kreuzberg, außer, daß sie durch einen kurzen Dienstweg zu Herrn Körting die personell ohnehin dünn ausgestattete Polizei beschäftigt halten und in weit irreversiblerer Weise ein Ghetto, nämlich eins der Unbezahlbarkeit schaffen, indem sie ihre 'Pfründe' wahren und 'Duftmarken' setzen? Vielleicht möchten Sie hier www.zeit.de/2010/09/DOS-Carloft?page=all nachlesen, ich schicke gleich voraus, daß mir auch der Krieger Wenger wenig sympathisch ist. In der Diskussion finden Sie Kommentare von Anwohnern, u.a. von mir, die den sich in Extremen erschöpfenden Artikel etwas gerade rücken. Vielleicht wäre es Ihnen in der Folge möglich, sich nicht ganz so sehr an den Extremen aufzuhalten? Sondern zu realisieren, daß z.B. der Architekt des Carlofts www.carloft.de/v0/htdocs/index.php , Manfred Dick, sich noch nie länger als eine halbe Stunde in Kreuzberg aufgehalten haben kann, andernfalls würde das Haus in jeder Hinsicht anders aussehen. Weder gibt es einen architektonischen Bezug zu den historischen Paul-Lincke-Höfen dahinter noch zu den Architekturen der Reichenberger Straße. Hätte er sich mit dem Viertel auch nur ein bißchen beschäftigt, hätte er auch ganz sicher nicht derartig viel nicht zu sicherndes Glas im Erdgeschoß verbaut. Wissen Sie, was eine Glasbruchversicherung ohne entsprechende Sicherung in Kreuzberg kostet? Welcher Gewerbetreibende soll das denn bezahlen? Entsprechend nicht, bzw. wechselnd vermietet ist das Erdgeschoß, auch der Verkauf der Wohnungen kommt nicht recht in Schwung. Herrn Kauka ist das egal, der hat sich ganz einfach eine innensenatorgestützte Visitenkarte gebaut, die er weltweit umsetzen kann, vorzugsweise da, wo: '»Was, wenn die Leute ihre Wohnungen nicht verlassen oder verkaufen wollen?« » We know how to manage this «, sagt der Pole und klappt seinen Laptop wieder zu. Kauka ist weder auf Kreuzberg noch auf Deutschland angewiesen. Er ist schon einen Schritt weiter.' Genau so sieht's aus und zwar zu Lasten geräuschloser, völlig unextremistischer Menschen. Das Carloft ist übrigens das weltweit erste patentierte 'Immobilienprodukt'. |
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Liebe dame,
weiter oben, in Ihrem Kommentar am 10.10.2010 um 19:21 schrieben Sie mir, daß Sie einige der Hamburger »Protestler« kennten und über deren Motive bescheid wüßten. Auf diese von Ihnen hergestellte Verbindung von der Spree an die Elbe bezog sich meine Replik, und auf eben diese hin werfen Sie mir nun vor, Sie in irgendwelche Schubladen einsortiert zu haben. Ich gestehe, langsam nicht mehr zu wissen, wie man mit Ihnen überhaupt noch kommunizieren soll, um sich nicht stante pede den einschlägigen Verdacht zuzuziehen. Graviert wird dieses Problem noch dadurch, daß Sie sich im Anschluß an derlei Flurbereinigungen wiederum die wirklich artistische Volte gestatten, mich freihändig in ein Etagèrefach Ihrer Wahl einzuräumen, auf dem steht: Wer nicht für den Protest ist, der findet das Carloft gut. — Ich tue es nicht, und nur weil ich die falsche Form des Protests kritisiere, bin ich noch lange nicht für seinen Gegenstand. |
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Lieber j-ap,
Sie möchten wissen, wie Sie ('man'? wie bitte?) mit mir kommunizieren sollen? Höflich, sachlich, wenn's Ihnen nicht zu viel Mühe bereitet, auch freundlich. Auch der Ihnen eigentlich zu eigene Humor wäre überhaupt gar kein Hindernis. Vielleicht ringen Sie sich ja noch zu einem Kommentar durch, wie nach Ihrer Ansicht ein Protest der RICHTIGEN Form vonstatten zu gehen hätte und zwar, bevor der Staat abgeschafft wurde, wozu 'wir' vermutlich ja noch bis übernächste Woche Montag brauchen werden ...;-)... |
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Lieber Andrej Holm,
ziemlich interessant, was sie da geschrieben haben. Ich hatt erst gedacht, dass das mit dem Hurricane in New Orleans zusammen gehangen hat, aber New Orleans ist ja auch in Lousiana. Den internationalen Creative-City-Papst Richard Florida kannte ich nämlich noch nicht. ;) Hier in Essen wurde auch ds alte DGB-Haus an der Schützenbahn von Künstlern besetzt. Leider ist die Sache jetzt schon wieder versandet. Beim Räumen ist selbst der DGB nicht ängstlich. Herzliche Grüße poor on ruhr |
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Hallo,
j-ap schrieb: "Früher war nämlich innerhalb der Linken noch selbstverständliches Gemeingut, daß zur marxistischen Fetischkritik eben nicht nur die Kritik des bürgerlichen Waren- und Rechtsfetischs gehört, sondern auch die Kritik des Staatsfetischs in eigener Sache, denn der Staat ist es, der als Institut die Rechtsform zu garantieren hat, ohne die es weder Warenform noch daran anschließende Akkumulation und d.h. Ausbeutung geben kann. Wer von der Ausbeutung reden will, der darf vom Staat nicht schweigen wollen oder er lügt sich und anderen etwas vor, denn die Form Staat ist nun einmal der Garant für den objektiven Zwangscharakter der Reproduktion, auf den man sich nicht durchs Politikmachenwollen einzulassen, sondern den man abzuschaffen hat. " Welche Linke meinen Sie? In der PDS habe ich es nie anders als staatstragend erlebt, wenn von Kunst, Kultur und Kreativen die Rede war. Und auch heute noch ist der Weg dahin ein grundelegendes Maß der parteitypischen "Offenheit" und es geht im folgend genannten Artikel der Zeit (www.zeit.de/2010/02/S-Besier) nicht um Besier oder die Feinde des "Esoterischen", sondern um die Idee, Kulturschaffende zu ideologisieren, indem man jedes Quäntchen Kunstkonzept in einen Gesellschaftsentwurf umdeutet. Oder meinen Sie die parteilosen Linken, auf die sich die Partei einfach gesetzt hat, um sie in Bewegungen zu gießen? Wenn man in diesem Zusammenhang über Linke nachdenkt, so muß man auch die Ebenen und Hierarchien voneinander trennen. "Wer von der Ausbeutung reden will(...)" Und von Selbstausbeutung? Einer jener evidenten Bestandteile der Kreativen überhaupt, die sich inzwischen wieder mit Orden vergüten lassen. |
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…alles nicht verkehrt.
Die Frage von Herrn Holm lautete aber – wie stellt sich denn J-AP ein dem Bestehenden Zwinger NICHT affirmatives und NICHT konstruktives Handeln (und seine Voraussetzungen) vor – wie kommt denn so eine „umstürzlerische, fundamentale und außerparlamentarische“ Opposition überhaupt in diese politisch verfasste Welt? Eine herrschaftliche Welt, die die Erfüllung ihrer durchgesetzten und rechtsverbindlich gemachten Interessen flächendeckend und erfolgreich nicht nur zur VORAUSSETZUNG aller Betätigung ihrer Unterworfenen macht – sondern mit diesem staatlich eingerichteten Zwang allgemeiner Dienstbarkeit den Staatsbürgerverstand so erfolgreich formiert hat, dass der auch noch vorauseilend WILL was die „ökonomischen Sachzwänge“ und deren demokratische Betreuung von ihm verlangt. |
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passendes aus der zeitungslektüre
www.taz.de/1/berlin/artikel/1/mit-troeten-gegen-wuchermieten/ und eine anregung für alle, die morgen abend vielleicht langeweile haben könnten www.boell.de/calendar/VA-viewevt-de.aspx?evtid=8704&returnurl=/index.html Di, 12.10.10 19 bis 22:30 Uhr Heinrich-Böll-Stiftung Heinrich-Böll-Stiftung, Berlin Mega Cities: Kairo Kunst, Aktivismus, Gentrifizierung und Städtebau Podiumsdiskussion und Ausstellungseröffnung |
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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