Anne Roth

annalist

11.12.2009 | 00:45

Sieben Monate Einzelhaft für zwei Berliner Jugendliche

Seit dem 1. Mai '09 sitzen in Berlin zwei Jugendliche in Untersuchungshaft. Vorwurf: versuchter Mord. Eine Frau wurde von einem Molotow-Cocktail getroffen, ihre Kleidung fing Feuer. Yunus K. und Rigo B., 16 und 19 Jahre alt, werden festgenommen. Seit September findet in Berlin-Moabit das Verfahren gegen sie wegen versuchter und vorsätzlicher Tötung und schwerer Körperverletzung statt.

Soweit, so relativ unspektakulär diese Geschichte aus Berlin. Natürlich ist das mal was anderes, weil es bisher noch keine angenommenen Mordversuche am 1. Mai gab. Trotzdem werden die meisten, die Artikel darüber gelesen haben, diesen Fall als "eins von diesen Verfahren nach den 1. Mai-Krawallen" abgebucht und nicht weiter drüber nachgedacht haben.

Was mir persönlich die Schuhe ausgezogen hat, war ein Video mit einem Interview mit dem Großvater eines der beiden am Rande des Prozesses in Moabit. Er beschreibt die Haftbedingungen. Seine Fassungslosigkeit ist ihm anzumerken. Die beiden sitzen seit sieben Monaten in Einzelhaft. Alle zwei Wochen eine halbe Stunde Besuch.

www.youtube.com/v/Do_5Sq0TRx4

 

Abendschau vom 23.11., Min. 1:46

Ich fand es sehr schwer auszuhalten, als Andrej unter solchen Bedingungen drei Wochen in U-Haft war. Andrej ist erwachsen und es waren nur drei Wochen.

Die beiden sind Schüler. Sie wohnen noch zuhause. Sie haben im Knast ihre Schulabschlüsse gemacht - Abitur der eine und MSA der andere. Ich finde das unglaublich. Unglaublich hart. 

Nun könnte man sagen, dass das in einem Rechtsstaat bei Mordvorwurf so sein muss.

Eine der AnwältInnen der beiden ist Christina Clemm. Sie ist auch Andrejs Anwältin. Christina hat ein Talent, sich unglaubliche Verfahren an Land zu ziehen. Seit sie mit unseren Kindern im Nebenzimmer Bilderbücher anguckte, während Andrej in Handschellen aus der Wohnung geführt wurde, glaube ich ihr alles.

Die beiden bestreiten die Vorwürfe.

Die Anklage beruht einzig auf den Aussagen von zwei Polizeibeamten, die sich bezüglich der Festnahmesituation und des -ortes widersprechen. Es gibt viele Zeugen, die die beiden Waldorfschüler entlasten. Sie haben andere Personen beim Werfen des Brandsatzes beobachtet. An der Kleidung der Angeklagten wurden keinerlei Spuren von brennbarer Flüssigkeit festgestellt, obwohl bei dem Wurf aus der Brandflasche viel davon verspritzt worden sein muß. Die Angeklagten hatten keine Rucksäcke o.ä. bei sich, worin sie einen Brandsatz hätten transportieren können. Das wird von Zeugen bestätigt und auch bei der Festnahme hatten sie nichts dabei. Sie wollten den Platz verlassen, als sie überraschend festgenommen wurden. (Soli-Website)

Der Staatsanwalt glaubt den beiden Polizei-Zeugen, die sagen, sie hätten sicher gesehen, dass die beiden den Molli geworfen haben.

Christina Clemm in der Abendschau:

Wenn man ... sieht, dass das eine völlig unüberschaubare Situation war, dass da eine junge Frau tatsächlich zu brennen angefangen hat, dass man auch dahin gerannt ist, um dieser Frau zu helfen, dann kann man sich gar nicht vorstellen, wie die eine ununterbrochene Beobachtung veranstalten wollen.

Am Abend des 1. Mai haben sich Zeugen bei der Polizei gemeldet, die ein Foto der tatsächlichen Werfer gemacht hatten. Es gibt weitere Zeugen. Mittlerweile wird auch gegen zwei andere Beschuldigte ermittelt. Das alles bringt das Gericht nicht dazu, nach sieben Monaten die Untersuchungshaft aufzuheben.

Die Familien bitten inzwischen, die beiden wenigstens zu Weihnachten auf Kaution rauszulassen - dazu gab's diese Umfrage in der Morgenpost.

Was tun

Yunus und Rigo PlakatEs gibt eine ausgesprochen rege Unterstützungsgruppe, die zu verschiedenem aufruft:

  • Mahnwache, Sonntag 13.12., 16 Uhr am Alex, Nähe Rotes Rathaus, Ecke Rathausstraße / Jüdenstraße
  • Info-Veranstaltung 14.12., 18 Uhr, Rudolf-Steiner-Schule Zehlendorf
  • Info-Veranstaltung 14.12., 18 Uhr, Humboldt-Uni Raum 2002
  • Demo am 19.12., 14 Uhr, Weinmeisterstr., Waldorfschule
  • Kundgebung 21.12., 12 Uhr, Gericht Moabit, Turmstrasse

und noch mehr.

Mehr Informationen

Im November gab es in der Waldorf-Schule Berlin-Mitte eine Infoveranstaltung, die als Video auf der Website zum Prozess zu sehen ist, wie auch diverse andere Videos.

Letzten Montag ging es etwa eine halbe Stunde bei Herrn Klein im Bluemoon bei Radio Fritz um den Fall mit reichlich sehr seltsamen Details aus dem Verfahre (MP3)

Soli-Video von einer Gruppe aus Freunden, Eltern, Geschwistern, Mitschülern und Prozessbeobachtern:

 

www.youtube.com/v/GYjBXoxS3tA

Die anderen

 

 
Senden Bookmarken Drucken
Kommentare
archinaut schrieb am 11.12.2009 um 02:51
Ja, auch ich höre seit mehreren Wochen von den beiden, meine Töchter erzählen von ihnen..... Und wenn ich den jungen Staatsanwalt sehe (kinderlos, vermute ich mal vorurteilend), dann sehe ich Herodes, den Knabenmörder.... woher kommt das nur?
Rahab schrieb am 11.12.2009 um 08:44
woher das kommt?

ich denk mir dazu (immer): auch die staatsanwaltschaften sind nur auf dem papier die objektivste behörde der welt. tatsächlich aber spiegeln sie das wieder, was in ihrer gesellschaft, und sei es auch der parallelen, los ist.
und mit den leuten, die auf einer richterbank sitzen, verhält es sich nicht anders.
auch die ausbildung zum juristen ist nicht nur vermittlung und erwerb von fachwissen, sondern auch eine spezielle weise der psychischen zurichtung. der sich viele auch gern unterziehen bis unterwerfen - was in polit-verfahren sehr prononciert wieder zutagetritt.

und ... so ganz im hintergrund wirkt da vermutlich der unselige herr Reusch. nicht persönlich, versteht sich. aber sein gruseliges referat über die intensivtäter wirkt nach.
Rahab schrieb am 11.12.2009 um 09:28
hier: www.hss.de/fileadmin/migration/downloads/071207_VortragReusch.pdf
ist nachzulesen, was sich in der berliner staatsanwaltschaft unter anderem auch gedacht wird.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 14.12.2009 um 08:52
@ Rahab

Das ein Mensch in Deutschland geboren ist & aufwächst, kein Deutscher ist... Das werde ich nie verstehen.

Das die Verantwortung für kriminelles Handeln einzelner abgeben wird an das Heimatland der Ahnen eines Täters, empfinde ich als absurd.

Wenn man den von Dir verlinkten Text gelesen hat, dann ist man erstmal bedient.
Das liest sich wie eine Kriegserklärung. Angezettelt von den sehr gut verdienen, deutschen Staatsdienern gegen den Rest der Welt.
Rahab schrieb am 14.12.2009 um 09:22
das ist eine kriegserklärung!

und der ober-stazi Reusch gilt, weil er versetzt wurde und die intensiv-täter-abteilung nun nicht mehr leitet, als märtyrer. als einer, der dafür gelitten hat, dass er "die Wahrheit sagte".

so etwas, wie er es zusammengeschrieben hat, wird zunehmen. fürchte ich. auch unter jurist_innen, zumal deren ausbildung heutzutage im wesentlichen daraus besteht, zum repetitor zu rennen. der repetitor heißt nicht zufällig so. sondern weil er dazu da ist, den leuten irgendwelche subsumptionsketten ohne sinn und verstand in den kopf zu kloppen.
vor diesem (meinem) erfahrungshintergrund verfalle ich in heulen und zähneklappern, wenn ich wie von derDonnerstag so was lese: "Ziel eines modernen Erziehungssystems sollte sein, die Schüler zu selbstständigem Denken zu befähigen. Das Auswendiglernen religiöser oder sonstiger ideologischer Schriften, möglichst noch verbunden mit dem Verbot, diese zu hinterfragen, ist Kennzeichen autoritärer Gesellschaftssysteme."
archinaut schrieb am 14.12.2009 um 15:44
Der Text von Herrn Reusch ist sehr eindrucksvoll, erinnert mich im Duktus an ein anderes Deutschland, dessen Schoß offensichtlich noch fruchtbar ist....
Deaktivierter Nutzer schrieb am 14.12.2009 um 08:32
Liebe Anne Roth,
das was ich hier gelesen habe macht mir Angst.
Angst vor einem Staat der immer gewalttätiger gegen seine Bürger wird.
Wir haben ein Grundrecht auf Demonstrationen. Es scheint aber, als wird uns das genommen. Jeder Demonstrant wird kriminalisiert. Auch Nicht-Demonstranten, welche zufällig dazwischen geraten, werden ebenfalls kriminalisiert.
Die jungen Leute, welche heute noch durch Demonstrationen auf ihre Anliegen aufmerksam machen, riskieren alles. Ihre Gesundheit, ihre Zukunft als unbescholtener Bürger & ihre Freiheit.
Schrecklich.
archinaut schrieb am 14.12.2009 um 20:03
manstruator schrieb am 18.12.2009 um 17:01
gut, dass es schreiber wie diese gibt, die sich mit der aufdeckung solcher fälle gegen menschliche einfalt, menschliche unbekümmerheteit und menschliche besserwisserei zur Wehr setzen. hier sieht man genau, dass die dümmsten oder auch die schlauesten gesetzlichen regelungen nicht gegen missbrauch gefeit sind und nur durch öffentlichkeit aufgedeckt werden.
Anne Roth
Ich lebe in Berlin, bin Medienaktivistin, Journalistin, Mutter zweier Kinder und seit Juli '07 vor allem bekannt als Partnerin von Andrej Holm, der in unserer Wohnung als Terrorist festgenommen wurde. Ich schreibe über das Innenleben einer Terrorismus-Ermittlung , den „Krieg gegen Terror“ und mehr.
Ort:
Berlin
Mitglied seit:
3 Jahre 13 Wochen
Zuletzt aktiv:
13.11.2011
Status:
Autor
Aktivität:
Beiträge: 41
Kommentare: 26
Mein Projekt:
Mein Web:
Logbuch
17:41
Lapis hat gerade einen Kommentar geschrieben.
17:38
Michael Jäger hat gerade einen Blogbeitrag erstellt.
17:37
Heiko Zorn-Bürger hat gerade einen Kommentar geschrieben.
17:36
delloc hat gerade einen Kommentar geschrieben.
17:35
GEBE hat gerade einen Kommentar geschrieben.
Jürgen Roth Gazprom – das unheimliche Imperium Westend Verlag 2012

316 Seiten. Gebunden.

19,99
 
Das Imperium Gazprom verfügt über eine eigene Armee und einen mächtigen Geheimdienst. An verantwortlichen Positionen arbeiten ehemalige KGB-Agenten, sein privater Besitz ist absolut geschützt, die Verantwortlichen sind unantastbar. Mit Hilfe williger deutscher und europäischer Industrieller versucht es, den Energiemarkt zu monopolisieren und die Verbraucher abzuzocken. Jürgen Roth enthüllt, wer hinter den Kulissen die Fäden zieht >> mehr
Arte-Kooperation

portlet_ArabienArte.png

portlet-gaertnerbuch.png

wir müssen reden

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Der gefährlichste Mann Europas?

Ausgabe 21/2012
24.05.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_Gaertner.jpg

Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

Freitag-Buchshop.png

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG