Popkontext

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30.01.2012 | 06:22

Nur noch drei von 54 japanischen Reaktoren am Netz

Es brauchte die schlimme Katastrophe von Fukushima um nicht nur zu belegen, wie gefährlich auch die so genannte „friedliche Nutzung" der Atomenergie ist, sondern auch, wie wenig wir diese wirklich brauchen: Nachdem die Chugoku Electric Power Co. am Freitag ihren  820-Megawatt-Reaktor Nr. 2 im Kernkraftwerk Shimane in Westjapan für Wartungsarbeiten heruntergefahren hat, sind noch ganze drei von 54 Kernkraftwerken am Netz. Und es gibt keine Hinweise darauf, dass das Licht ausgegangen und die industrielle Produktion zusammengebrochen ist. Und im Mai sollen sogar allesamt vorläufig keinen Strom mehr liefern.

Nach dem schweren nuklearen Unfall vor knapp einem Jahr werden derzeit die meisten japanischen Kernkraftwerke einem Stresstest unterzogen. Deren Wirksamkeit wurden allerdings von Nuklearexperten bereits in Frage gestellt, wie u.a. der Guardian berichtete.  Trotzdem werden wahrscheinlich nicht alle wieder ans Netz gehen. Anfang Januar hatte die japanische Regierung ein Gesetz angekündigt, was die Laufzeit der Reaktoren auf 40 Jahre begrenzt. Das würde in der nächsten Dekade 13 Reaktoren betreffen, die vor 1982 gebaut worden sind. Allerdings wurden kurz danach bereits mögliche Schlupflöcher bekannt: Wenn sie die Kontrollen bestehen, könnte eine Laufzeitverlängerung von weiteren 20 Jahren beantragt werden. So wäre Japan erst 2069 atomkraftfrei, selbst wenn das staatliche Bekenntnis bleibt, dass aufgrund der derzeitigen Unpopularität von Kernkraftwerken keine neuen mehr gebaut werden dürfen. Vor Fukushima waren noch mindestens 14 weitere geplant und 53 Prozent der Energie des Landes sollte aus Atomkraft kommen.

Im März 2014 sollen die Dekontaminierungsarbeiten in Fukushima, in die inzwischen auch die Yakuza involviert ist, beendet sein. Allerdings herrscht in Japan bei einigen Verantwortlichen noch immer  die Vorstellung, man könne Radioaktivität einfach „wegputzen“. So wurde kontaminiertes Material aus Fukushima z. T. in normalen Müllkippen entsorgt. Derweil warnte der Strahlenexperte Edmund Lengfelder weiter vor den Langzeitfolgen und bescheinigte den Japanern ein deutlich schlechteres Krisenmanagment als den Russen nach Tschernobyl. Es sei u.a. zu spät und zu wenig evakuiert worden. Dabei  drohen dem Land schon wieder neue Katastrophen: Vor wenigen Tagen wurde bekannt, dass die Wahrscheinlichkeit, dass das erwartete große Erdbeben in der Bucht vor Tokio demnächst passiert, deutlich höher ist als bisher erwartet. Nach neuesten Berechnungen wird es das riesige Ballungsgebiet mit 75 Prozent in den nächsten vier Jahren treffen. Der Zivilschutz lässt derzeit Testpersonen probehalber im Tokioter Hauptbahnhof übernachten.

 
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Kommentare
chrislow schrieb am 30.01.2012 um 12:28
Wieviel Überkapazitäten haben sich denn die Japaner geleistet?

Eine Industrienation, die sich 50 Kernkraftwerke leistet, die gar nicht zur Stromproduktion benötigt werden ...

... die gibts auf der Welt nicht!

Die Geschichte um die 50 runtergefahrenen Kraftwerke ist absolut unglaublich. Zumindest unter den bisher bekannten Grundbedingungen - etwa ein industrielles Wachstum. Und Japan ist eine Insel und ich kann mir nicht vorstellen, dass es mit seinen Nachbarländern ein Verbundnetz errichtet hätte, sodass eine eventuelle Unterversorgung ausgeglichen werden könnte - etwa wie in Europa.
Popkontext schrieb am 30.01.2012 um 18:08
Ja, das wäre in der Tat mal sehr interessant herauszufinden, wie die das regeln. Anscheinend werden ja generell noch über 50% des Energiebedarfs sowieso aus anderen Quellen gedeckt. Die laufen sicher auf Höchstleitung. Und vielleicht gibt es tatsächlich irgendwelche Verbindungen nach Festlandasien. Das wäre einen Artikel Wert, da mal nachzuforschen.

Alternative Energien werden es allerdings leider weniger sein, die derzeit genutzt werden, wenn man diesem hochinteressanten Artikel aus der SZ vor einiger Zeit folgt.
chrislow schrieb am 31.01.2012 um 10:54
Für alternative Energieproduktion hat Japan wohl von allen Ländern auf der Welt noch am wenigsten Platz. Und die Verbindung zum Festland wird es nicht geben -Japan ... so man den allgemeinen Rauschen zuhörte - versteht sich nicht besondes gut mit seinen "Nachbarn" und die Seekabel wird es wohl nicht geben.

An der ganzen Nachricht muß was faul sein - 50 Kraftwerke kann man nicht so einfach ohne Ausfall stilllegen.
Wenn der Strom tatsächlich nicht gebraucht werden würde, dann fragt sich aber, was mit Japans Wirtschaft und Industrie eigendlich los ist. Ist die zusammengebrochen? Kommt da etwas auf sie zu, was sie bisher nicht begreifen?

Ansonsten - auf die Nachricht der 50 abgeschalteten Kraftwerde würde ich keinen Cent geben.
Popkontext schrieb am 31.01.2012 um 11:03
@Chrislow
Nee, die Nachricht an sich stimmt schon, das ging durch sämtliche Gazetten (auch wenn ich es erst am Wochenende las), vom Spiegel bis zum Öko-Blatt.

Aber es wäre mal interessant zu recherchieren (und nicht zu vermuten), wo jetzt der Strom herkommt. Das ist wirklich eine sehr interessante Frage!

Dass alternative Energien nicht ausgebaut worden sind, lag weniger an mangelndem Platz, sondern an politischer Korruption und Verquickung von Wirtschaft und Politik. das ist in dem SZ-Artikel sehr gut beschrieben.
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