Der folgende Blog enstand auf Erwiderung auf einen Beitrag in der aktuellen Freitag-Ausgabe, der leider online, noch?, nicht lesbar ist.
Betrachten wir Gesundheit als ein harmonisches Zusammenspiel von Körper und Geist, dann sind von ADS/ADHS Betroffene krank. Und wer krank ist, der bekommt Pillen, damit er wieder gesund wird. Doch so einfach ist es bei dieser komplexen neurologischen Störung eben nicht.
In der Generation der heute über 40-jährigen gibt es Betroffene, die unter den Symptomen schon jahrzehntelang leiden. Zusätzlich zu ihrer eigenen Unsicherheit werden sie ausgegrenzt und diffamiert, belächelt und nicht ernst genommen. In deren Kinderzeit war die Erkrankung jedoch noch gar nicht bekannt und konnte auch nicht behandelt werden.
Es gab vor wenigen Jahren noch GrundschulehrerInnen, die Schülern die Versetzung verweigerten. Als Begründung gaben sie an, dass eine „Ehrenrunde“ den Schülern helfen würde, dem Unterrichtsgeschehen besser zu folgen.Die Diagnose ADS wurde negiert. Welche psychischen Schäden das für diese oft überdurchschnittlich intelligenten Schüler hat, wird bei solchen irrationalen Entscheidungen völlig außer Acht gelassen.
Betrachten wir die medikamentöse Behandlung mit Ritalin oder Concerta aus der Sicht Betroffener, so macht eine Behandlung durchaus Sinn. Im Übrigen ist es in der Praxis mehr als nur, wie die Autorin schreibt, einZusammenwirken von medikamentöser Behandlung und Psychotherapie. Auf die Behandlung ADS/ADHS betroffener Kinder spezialisierte Kliniken bieten heute eine Kombination von vielen miteinander verzahnten Therapien an, individuell abgestimmt auf den Patienten. Da sind Reittherapien und Ergotherapien, therapeutisches Schwimmen, Einzelgespräche und Gruppenarbeit. Ziel ist es, die Kinder zu befähigen, ihr Leben so zu ändern, dass sie besser mit den Folgen von ADS/ADHS leben können. Sie lernen, strukturierte Abläufe in ihr Leben einzufügen und störende Einflüsse beispielsweise während der Hausaufgaben auszuschalten. Auch wird dieNahrung von oftmals zu viel zu zuckerhaltigen Speisen auf Speisen mit einem hohen Anteil an Kohlehydraten und Ballaststoffen umgestellt.
Wird das Erlernte dann zu Hause konsequent umgesetzt, verbessert sich Lebenssituation des betroffenen Kindes langfristig und nachhaltig. Ritalin und Concerta unterstützen dabei, doch wird eine nur medikamentöse Behandlung nie zu nachhaltigen und dauerhaften Erfolgen führen.
Wichtig ist auch, dass die betroffenen Kinder wirklich an ADS/ADHS erkrankt sind.Ritalin und Concerta sollten nur von spezialisierten Ärzten verschrieben werden dürfen. Diese Medikamente zu verwenden, um Kinder ruhig zu stellen, ist unverantwortlich. Eine gründliche interdisziplinäre Untersuchung, ehe die Diagnose ADS/ADHS erfolgt, sollte selbstverständlich sein, ist es aber leider auch heute noch nicht.
Verantwortungsbewusst und in Kombination mit Therapien und einer Änderung des eigenen Verhaltens eingesetzt, helfen diese Medikamente den Betroffenen. Diese werden selbstbewusster, sie schöpfen ihr eigenes Potential besser aus.
Wichtiger ist aber, dass wir als Umwelt auch unser Verhalten ändern und diese Menschen akzeptieren, wie sie sind. Den Betroffenen Achtung und Respekt zu verweigern und sie, wie es immer noch häufig passiert, zu stigmatisieren, ist intolerant.
Vielleicht hilft der folgende Gedanke dabei: Dass ein Zuckerkranker sich Insulin spritzt, wird heute als selbstverständlich akzeptiert. Wann kommen wir dahin, dass wir die Einnahme von Ritalinund Concerta genau so selbstverständlich akzeptieren?