rolf netzmann

der weg nur ist das ziel

13.11.2010 | 03:20

Der deutsche Michel

Wünschenswert wäre ein massiver Widerstand gegen die gestern von der Parlamentsmehrheit abgenickte Gesundheitsreform , nur wird er ungleich schwerer zu organisieren sein als der gegen die Castortransporte. Die Castoren sind physisch real, gegen sie kann man schottern, blockieren, demonstrieren. Diese Gesundheitsreform ist zwar auch real, aber eben nicht physisch. Das Zwischenlager Gorleben betrifft jeden, der dort wohnt, den adligen Waldbesitzer genauso wie den Arbeitslosen. Die Röslersche Reform dagegen betrifft nur den Arbeitslosen, der adlige Waldbesitzer ist längst privat versichert und wird dies auch bleiben. Somit ist die Bewegung gegen die Castoren und die Laufzeitverlängerung der AKW-s eine auf konkrete, jeden betreffende Ziele gerichtete Bewegung, die genau deshalb quer durch fast alle Bevölkerungsschichten geht. Bei der Gesundheitsreform und deren Auswirkungen ist dies anders.

Mich wird es schon nicht treffen, sagt sich der deutsche Michel. Aufwachen wird er erst , wenn sein Hausarzt ihm plötzlich als Geschäftspartner entgegen kommt und einen Vertrag aushandeln möchte. Dann reibt sich der deutsche Michel die Augen und fragt sich, ob das auch im Eid des Hippokrates steht.

Wir haben heute mit der GKV und der PKV bereits eine 2-Klassen-Medizin, diese wird nun um eine dritte Klasse erweitert. Neben den privat Versicherten wird es zwei unterschiedlich gesetzlich Versicherte geben, diejenigen, welche nur die zuzahlungsfreie Grundversorgung erhalten und diejenigen, welche sich extra Leistungen dazu kaufen (können).
Das wird die sozialen Unterschiede noch verschärfen. Alleinerziehende Mütter und Väter und Geringverdiener werden auf eine Minimalversorgung angewiesen sein, während finanziell Besserverdienende umfassender medizinisch behandelt werden. Das ist die eine Seite, dem Prekariat wird wieder mal gezeigt, was es wert ist. Die andere Seite ist, dass auch innerhalb der Belegschaften von Unternehmen bisher undenkbare Unterschiede aufkommen werden. Die allein erziehende Mutter wird, bei gleichem Gehalt , gegenüber ihrer verheirateten , aber kinderlosen Kollegin, in der Gesundheitsversorgung schlechter gestellt werden.

Ein weiterer Aspekt betrifft die Ärzte selber. Wenn ich als Arzt immer mehr zum Unternehmer werde, suche ich mir ein Umfeld, in dem ich gut verdienen kann. Das bedeutet konkret, ich lasse mich da nieder, wo kein Prekariat wohnt, sondern Vermögende. In der Konsequenz bedeutet dies eine weitere Veschlechterung der Gesundheitsversorgung für finanziell schlechter Gestellte.Weil es in Deutschland eine Niederlassungsfreiheit gibt, ist dies auch völlig legal.

Vor kurzem hat Minister Rösler eine Bund-Länder-Arbeitsgruppe zur Situation der landärztlichen Versorgung eingesetzt, die besorgniserregend ist. Mit dieser Gesundheitsreform wird sie wohl noch schlechter werden.

Warum ein für die soziale Balance sinnvolles Element der bisherigen Gesundheitsversorgung , die paritätische Zahlung von Arbeitgebern und Arbeitnehmern in die GKV, jetzt gekappt wird, ist nun völlig unverständlich. Der Beitrag der Arbeitgeber wird bei 7,3% eingefroren, während der der Arbeitnehmer variabel bleibt, natürlich nach oben. Dies ist ein Eingeständnis der Bundesregierung, dass es entgegen dem Versprechen von Minister Rösler nach der Wahl, weitere Kostensteigerungen geben wird. Diese werden jetzt nur noch von den abhängig Beschäftigten bezahlt.


Dass die Regierung in diesem von der Kanzlerin angekündigten Herbst der Entscheidungen diese gravierende Änderung im Gesundheitswesen im Schatten des medienwirksamen Anti-AKW-Protestes durch den Bundestag paukt, läßt mehr als nur erahnen, dass ihr die soziale Sprengkraft dieser Änderungen durchaus bewusst ist. Womit wir wieder beim deutschen Michel wären. Was läßt er sich gefallen, wann reicht es ihm? Ein deutlicher Protest, ist er von ihm zu erwarten?

 
Senden Bookmarken Drucken
Kommentare
ebertus schrieb am 13.11.2010 um 12:39
Nicht zu vergessen die Ruheständler, die Rentner. Die haben zwar quasi und in der Regel das bedingungslose Grundeinkommen, für die Mehrzahl dennoch mit sinkendem Volumen; nicht zuletzt wegen der ebenfalls abgekoppelten Parität.

Dieses bekannte, gar erwünschte, sozialverträgliche Frühableben erhält damit eine neue, zumindest eine erweiterte Dimension des Realitätsbezuges. Und weil in der Mehrzahl auch nicht mehr unbedingt der umworbenen Konsumentenklasse im Hamsterrad angehörend, so ist zumindest vordergründig die Hege und Pflege dieser Delinquenten eher nicht angesagt.

Nun ja, "Sponsored by Daddy" (oder Oma) wird dann eben auch seltener am Kleinwagen der Studentin stehen. Wohl dem, dessen Tochter/Sohn oder Enkel(in) schon fertig ist, nach dem Studium incl. Nullsummenpraktikum vielleicht gar den zweiten oder dritten prekären Job hat.

Nur das mit der Wählerstimme für die Alten, das muss noch "reformiert" werden. Die wählen ansonsten unter Umständen einfach "falsch", gehen gar schlimmen, unsere abendländische Leitkultur bedrohenden Rattenfängern auf den Leim, glauben den Hofberichterstattern des medialen Mainstream immer weniger. Das könnte gefährlich werden, und so ein augenschonender Wasserwerfer wie bei S21 steht ja auch nicht immer gleich bereit.
poor on ruhr schrieb am 13.11.2010 um 14:53
@rolf netzmann

Dein Blog spricht mir aus der Seele! Wir werden von einem ministeriellen Cheflobbyisten der Gesundheitsindustrie zur Privatisierung angegeignet und merken es nicht einmal.
Das mit dem Kotzen mag ich nicht nicht überstrapazieren, aber da bleibt mir der eher rekäre Ausdruck vom dicken Hals.

Wern hat das zugelassen, das so jemand Gesundheitsminister wird und uns verkauft?

Herzliche Grüße

por
0 8 15 schrieb am 13.11.2010 um 17:40
Zugelassen hat das der Michel. Nur die dümmsten Schafe wählen ihren Schlachter selber.
Hoffentlich bleibt diese Lobbyregierung noch lange im Amt. Vielleicht ist das die einzige Chance, den Michel wachzurütteln.
Den Kommentar finde ich ausgezeichnet und schließe mich Ihnen deshalb vollinhaltlich an.

Mit herzlichem „Weiterso“

Schema F
rolf netzmann
life is illusion, adventure, challenge...but not a dream
Ort:
berlin
Mitglied seit:
2 Jahre 10 Wochen
Zuletzt aktiv:
24.05.2012
Status:
Blogger
Aktivität:
Beiträge: 322
Kommentare: 841
Mein Projekt:
Mein Web:
Logbuch
12:11
Georg von Grote hat gerade einen Kommentar geschrieben.
12:11
Ismene hat gerade einen Kommentar geschrieben.
12:11
amideg hat gerade einen Kommentar geschrieben.
12:10
angnaria hat gerade einen Kommentar geschrieben.
12:10
rheinhold2000 hat gerade einen Kommentar geschrieben.
Jürgen Roth Gazprom – das unheimliche Imperium Westend Verlag 2012

316 Seiten. Gebunden.

19,99
 
Das Imperium Gazprom verfügt über eine eigene Armee und einen mächtigen Geheimdienst. An verantwortlichen Positionen arbeiten ehemalige KGB-Agenten, sein privater Besitz ist absolut geschützt, die Verantwortlichen sind unantastbar. Mit Hilfe williger deutscher und europäischer Industrieller versucht es, den Energiemarkt zu monopolisieren und die Verbraucher abzuzocken. Jürgen Roth enthüllt, wer hinter den Kulissen die Fäden zieht >> mehr
Arte-Kooperation

portlet_ArabienArte.png

portlet-gaertnerbuch.png

wir müssen reden

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Der gefährlichste Mann Europas?

Ausgabe 21/2012
24.05.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_Gaertner.jpg

Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

Freitag-Buchshop.png

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG